Könnte man das salopp damit ausdrücken, dass die Menschen zu blöd für die Demokratie sind?
Ich glaube, das wäre zu salopp. Selk betreibt keine Wählerschelte, sondern zeigt systemische Entwicklungen auf, die sich seiner Meinung nach aus dem Wesen der Demokratie in unserer Zeit ergibt. Dabei ist die Ausdifferenzierung der Lebensbereiche, die ja ein Erfolg ist, der normalerweise unter Fortschritt verbucht würde damit verbunden, dass alles komplexer und komplizierter wird und auf eine Bevölkerung trifft, die damit einerseits real überfordert ist, die sich andererseits aber zunehmend verweigert.
Den kognitiven Bruch fängt insbesondere der Populismus auf, der die passenden zu einfachen Antworten auf komplexe Fragen hat, aber eben Partylaune vermitteln kann. So wie es aussieht, ist das wirklich ein Systemfehler in der Demokratie, der einfach deshalb nicht aufgefallen ist, weil das Leben hinreichend einfach war. Die systemische Ironie liegt darin, dass das, was der Demokratie zusetzt, ein Ergebnis demokratischer Erfolge ist, vor allem jene, die Du als demokratisch primär siehst, die Freiheit und das Wohlbefinden. Das ist das, was Selk als Effekt einer Progression (der Demokratie) sieht.
Die real größere Freiheit ehedem marginalsierter Gruppen macht das Leben für viele Menschen komplizierter, die die Welt nicht mehr verstehen, weil es eine komplizierte Welt ist. Technischer Fortschritt ist nicht mehr automatisch Erleichterung im Leben, wie noch bis zur Waschmaschine, ab dem Fernseher wurde es ambivalent. Aber auch der war noch einfach, drauf drücken, sich berieseln lassen, im Internet ist das anders. Wenn man heute seine Arzttermine nur noch online buchen kann, ist das anders. Wenn es im Parkhaus auf einmal Nummernerkennung gibt, ist das anders. Wenn man in telefonischen Warteschleifen verendet und man im Supermarkt ein Smartphone braucht, ist das anders.
Das alles inmitten von realen Stressoren wie Corona, Krieg und Klimawandel, in einer Gesellschaft, die schon seit Jahrzehnten mehrheitlich psychologisch regrediert und die Progression der Politik nicht mehr verarbeiten kann. Da wir aber die Innenwelt komplett ausgeblendet haben, sehen wir diese Zusammenhänge gar nicht mehr. Der Begriff der Massenregression selsbt ist vollkommen unbekannt, wir wissen nichts über seine Auslöser und wir haben keine Ahnung, wie wir darauf regaieren können.
Populisten haben darauf eine intuitive Antwort, sie befördern die Massenregression, halten die Empörung hoch, von der Linken initiiert, von der Rechten dankend übernommen, in der Querfront zusammengeflossen. Das theoretisch zu fassen, ist schwer, es in eine vereinfachte Formel zu gießen, die die Menschen verstehen, die aber oberhalb des Populismus liegt, wäre die Herausforderung an die Politik. Durch die Politisierung aller Lebensbereiche geht es aber nicht mehr um Argumente, sondern um Affekte, um reine Begriffsketten. Fleisch zu essen, gegen Homosexualität, Gleichberechtigung, Infektionsschutz und erneuerbare Energien zu sein, aber für Atomkraft, freie Fahrt auf Autobahnen und Russland, hat inhaltlich kaum einen Zusammenhang, aber die braven Soldaten machen (im Namen der Freiheit) artig mit und fragt man ein Thema ab, liegt man bei den anderen zu 90% richtig.
Da es beim Spiel des Gebens und Verlangens von Gründen, das was ein Grund ist, im Zuge der kognitiven und moralischen Regression sehr großzügig interpretiert wird, reicht es inzwischen, die richtigen Schlagwörter aufzusagen und sich zu erkennen zu geben. Genau das ist das Wesen der Regression.