Posts by Carl Spitzweg

    Zur Zeit wäre es vielleicht nicht sinnvoll. Aber politische Stimmungen können sich ändern, und ich glaube nicht, dass die deutschen Bürger von ihrem Wesen her demokratieunfähig sind.

    Der Clou an Selks Idee ist ja, dass die auseinandertreibende Kräfte der Devolution nicht zustande kommen, weil wir zu wenig Demokratie hätten, sondern er zeigt auf, dass diese eine Folge der Demokratie ist.

    Die Kräfte unserer Demokratie selbst sind es, die die Demokratie auseinandertreiben und die direkte Demokratie funktioniert aus mehreren Gründen nicht: die reale Komplexität der Probleme, die Kognitionsasymmetrie (die Probleme werden in ihrer Komplexität von immer mehr Menschen nicht mehr erfasst/verstanden) und die Vertiefung des soziopolitischen Gräben, weil der unterstellten Selbstreparaturmechanismus der Demokratie (u.a. die Nachbildung) nicht funktioniert.

    Das hat dann nichts mit einer Demokratieunfähigkeit der Deutschen zu tun, sondern von einer fehlerhaften Annahme der Demokratietheorie.

    Die Passage über die Absage an das deliberative Politikmodell in Selks Buch recht überzeugend.

    Ich bin erst auf Seite 210, weiß also nicht, ob er mögliche Lösungen bespricht, laut Interviews sieht er aber keine, die über ein Durchwurschteln hinaus gehen. Was nicht negativ von ihm oder mir gemeint ist, es soll heißen, dass sich mehr oder weniger demokratische Modelle durchdringen und abwechseln.

    Überdies scheint mir ein gewisser demokratischer Sog nicht vom Tisch zu sein. Länder wie Saudi-Arabien öffnen sich immer mehr hin zu zarten demokratischen Ansätzen, weil sie Arbeitskräfte brauchen.

    Zudem bin ich nicht sicher, ob autoritäre Strukturen wirklich komfortabel sind, der Preis ist oft eine völlig nationale Abschottung, zudem ist es nicht nur meine Privatidee (aber auch, d.h. ich teile sie), dass Mafiastaaten insofern auch an der Spitze einen hohen Preis zahlen, als es eine Tendenz zu immer mehr Psychopathie und damit immer enthemmteren Reaktionen in den eigenen Reihen gibt. Die Mafiaorganisationen haben das selber erlebt, in erbitterten internen Kriegen, vor der sich irgendwann auch ein noch so paranoider Führer nicht mehr schützen kann. Noch größer gedacht ist der idealisierte spieltheoretische Vorteil den ein Aggressor unter Kommentkämpfern hat dahin, wenn es immer mehr Aggressoren gibt und schon spieltheoretisch ist die Option einer Art, die nur aus Aggressoren besteht, die aller schlechteste.

    Perspektivisch würde ich eine Kombination befürworten, die einerseits an ein Expertokratiemodell angelehnt ist, dabeoi aber die diversenen Systeme kombiniert. Das ist komplex, hänght Menschen weiter ab, wie von Selk beschrieben, aber nicht alle und zur Spaltung kommt es nach meiner Beobachtung zugleich dazu, dass immer mehr Menschen immer komplexere Systeme durchaus erfassen können. Durch Synergieeffkte kommt es auch wieder zu einer Reduktion von Komplexität.

    Zugleich sehe ich immer noch - oder mehr denn je - die Möglichkeit einer Dezentralisierung, in der kleinere. moderne Modelle ausprobiert werden. Dezentrale und weitgehend autonome Einheiten sind auch weniger verletzlich, das sollte intuitiv klar sein, wenn man den Trend zur Globalisierung nicht zu sehr verinnerlicht hat.

    Ahnungslose möchte ich auch nicht abstimmen lassen. Aber man kann ja den Bürgern Gelegenheit geben ,sich über Experten sich über die Pro- und Contraseiten einer Sachfrage zu informieren. ( Eine von der Verwaltung zusammengestellte Broschüre für jeden Haushalt, wie z.B. bei "Stuttgart 21", halte ich für zweckmäßig.)

    Ich prinzipiell auch. Es ist auch nicht weiter schlimm, wenn 10% das nicht verstehen, aber bei einem Drittel funktionaler Analphabeten?

    Nun müssen die nicht zwingend dumm sein und es gibt andere Wege, wie Informationsvideos, aber das ist kein schöner Gedanke.

    Mehr können die Abgeordneten auch nicht. Sie sind zwar einerseits im Schnitt besser gebildet, können die Zusammenhänge noch besser begreifen, aber andererseits- im Unterschied zum gesamten Volk - besteht auch die Gefahr der Bestechlichkeit.

    Also, unterm Strich halte ich die Volksabstimmung für die bessere Lösung.

    Man kann sich ein wenig damit trösten, dass am Anfang der Demokratie der durchschnittliche Bildungsgrad sicher nicht höher war, andererseits waren die Probleme auch noch nicht so komplex. Ich weiß nicht, was mehr Gewicht hat.

    Ich meine ,am besten klappt das, wenn man über politische Sachfragen abstimmt.

    Genau das meint Selk allerdings nicht, weil es auf dem Terrain eben immer komplizierter wird. Mir wird auch ganz anders, wenn ich mir vorstelle, dass Leute, die keine Ahnung haben, über meine Zukunft abstimmen. Mit der Lektüre des Buches bekam ich mehr und mehr das Gefühl, dass ich eigentlich kein begeisterter Demokrat bin, aber seit mir erstmlaig klar geworden ist, dass das Verstehen dessen, worüber man abstimmt, essentiell ist, bin ich wenigstens mit mir selbst wieder versöhnten.

    Die Populisten Fans können sich auch nicht dafür feiern die wahren Demokraten zu sein, weil sie übervereinfachen. Da es aber keinen Nachweis dafür gibt und der auch nicht gefordert wird, ob man weiß, worüber man abstimmt, haben die Populisten zwar unrecht, aber die werden größeren Einfluss gewinnen.

    Die Demokratie geht also so oder so den Bach runter, aber das ist ja die Botschaft des Buches.

    Unter Demokratie verstehen leider die Menschen Verschiedenes .

    Aber für alle Formen der Demokratie ist es essentiell, dass die Bürger verstehen, worüber sie abstimmen.

    Quote from Veith Selk

    „Das von Greven nach dem italienischen Politikwissenschaftler Giovanni Sartori bezeichnete Kriterium besagt, dass die Demokratie von allen politischen Regimeformen die komplizierteste ist, sie aber nur dann bestehen kann, wenn ihre Prinzipien, Institutionen und Prozesse von den Durchschnittsbürgern verstanden werden. Alle anderen Regimeformen könne mit politisch unwissenden Bürgerschaften gut leben, die Bürgerschaften von Demokratien hingegen müssen Politik in ihren inhaltlichen und prozeduralen Grundzügen verstehen.“

    (Veith Selk, Demokratiedämmerung, Suhrkamp 2023, S. 24f)

    Davon ging in Amerika, z.B. Rorty aus, gingen in Europa die sogenannten konservativen Revolutionäre in der Weimarer Republik aus

    Das ist ja jetzt auch kein politisches Programm von mir, ich habe keines und werde es nicht.

    Ich stehe sehr in der Mitte, was heißt, dass ich einerseits konservatiev Elemente sehr gut finde, andererseits liberale.

    Erstaunlicherweise habe ich eine fast komplette Deckung mit dem, was Bernardo Kastrup politisch umtreibt.

    Das kann man doch nur feststellen ,wenn es versucht wurde, was aber bisher bei uns nicht geschehen ist. In der Schweiz zeigt sich jedenfalls, dass es möglich ist.

    Nein. Ich glaube, die Schweizer können die Effekte, unter denen größere Demokratien schon leiden, einfach noch besser heraus zögern. Aber der wesentliche Einwand ist das Problem, dass Demokratie davon lebt, dass sie verstanden wird, Sonst ist sie ein Demokratieimitat, das wird es laut Selk geben. Sich überlagernde mehr oder weniger demokrative Elemente.

    Aber man kann und sollte schon einzelne Fehlentscheidungen rückgängig machen, z.B. manche Übergriffe der EU-Kommission in die nationalen Zuständigkeiten der Länder.

    Wenn aber jemand so eine Korrektur verlangt ,wird ihm oft vom politischen Gegner unterstellt ,er wolle die Uhr zurückstellen und allles so haben,wie es früher war.

    Wie willst Du transnationale Probleme koordinieren? Alle die Europa teilen wollen, freuen sich über den Vorschlag.

    Was wäre der Vorteil, den Du siehst?

    Carl Schmitt ging von der grundlegenden Unterscheidung zwischen Liberalismus und Demokratie aus: Der Parlamentarismus war ihm ein liberales Prinzip der Repräsentation - nicht der Demokratie: Die liberale Demokratie ist eine ihrer Defizite, ihrer Gegensätze, die diese nicht selbst lösen kann.

    Ich bin unwissend, was politische Konzepte angeht, weil ich mich nie dafür interessiert habe und ich habe auch kein Vertrauen in die Lösungskompetenz von Politik. Vielleicht teilweise auch aus Gründen, die Selk dann explizit macht.

    Ich denke persönnlich, dass es in der Politik primär um Machterhalt und Wiederwahl an erster Stelle geht, bei Populisten ist das noch, schimmer, warum man das bei Diktatoren noch immer nicht erkennen will, ist mir zwar ein Rätsel, aber ich glaube, das hat schon wieder mit Politik selbst zu tun, man wird irgendwie besoffen davon.

    Mein eigener, vielleicht auch populistischer Slogan ist, dass die Politik ein Teil des Problems und nicht der Lösung ist. Was mich von dem 'Genossen, der Kampf geht weiter', fckng Nazis und seltsamen Reichsbürgern unterscheidet, ist, dass ich zwar glaube, dass wir unseren eigenen Weg (mit anderen) gehen müssen, aber ich sehe mich als prinzipiell kooperationsbereit an, ich würde immer versuchen, mit allem Lösungen zu finden, aber ich setze nicht darauf, dass andere meine Probleme lösen werden, in Zukunft noch weniger.

    Merkels Aussitzen fand ich ebensol schrecklich, die Scholz' nahezu verbrecherisches Verhalten, ich befürchte, dass der Mann erpresst wird, ein Desaster für unser Land und Europa.

    Nicht unbekannt ist jegliche Einfachheit als integrierte Lösung ... - kein Thema bei Selk. Kommt auf deren Gewichtung in der angerissenen Komplexität an, um zu lösen - kein Thema bei Selk.

    Ich bin auch im Zweifel, ob man Themen hinreichend vereinfachen kann, ohne populistisch zu werden. Vermutlich überzuegen Praktiken am meisten, darum bin ich für dezentrale Experimente, auf dass die besten sich durchsetzen.

    Stoner

    Ich glaube, so langsam kommen wir dahinter, was Selk meint.

    Das ist auch der Punkt, an dem der Populismus scheitert, der für sich in Anspruch nimmt, heute der wahre Retter der Demokratie zu sein - teils als Masche, teils ernst gemeint - da er auch auf simple, äußere Lösungen abzielt. Man müsste nur ... den Ukrainern keien Waffen liefern, die Klimakleber in die Wüste schicken, alle Ausländer rausschmeißen, die große Umschwulung verhindern, die linksgrüne Medienmafia abschaffen ... und schon ist wieder alles, wie es war.

    Nur, dass es so nicht geht und auch darum gar nicht geht. Es geht um ein theoretisches Konstrukt aus falschen Voraussetzungen, die einer wenig komplexen Welt nicht auffielen, in einer komplexeren aber erkennbar werden. Ob das wirklich ein originär demokratietheoretisches Problem ist oder ob die Zeiten einfach härter werden, weiß ich insofern nicht, als ich von Demokratietheorie keine Ahnung habe, ich kenne hier nur Selk als Quelle, kann also nichts vergleichen.

    Aber er argumentiert solide und klug.

    Das nächste Problem ist, dass allein der Punkt zu erkennen, worum es ihm (nicht) geht, bereits so kompliziert ist, dass das kein Mittel gegen den Populismus und Verschwörungstheorien ist. Verschörungstheorien sind ja auch nicht vordergründig simpel, insofern fühlt sich niemand vom Vorwurf des zu Primitiven angesprochen. In den Büchern und Videos wird ja von unendlich komplizierten Netzwerken der berichtet, aus Politik, Hochfinanz, Medien, Freimaurern, Illuminati, mal mit mal ohne magische Logen oder außerirdischen Einschlag, das alles ist ungeheuer sexy. Auf einmal weiß man so viel, was die anderen nicht wissen, hat auf alles eine Antwort und gehört auch noch zu dem letzten Aufrechten, die zwar heute verlacht werden, aber in der Zukunft wird man erkennen, wer wirklich wach war.

    Vor der Einsicht in die psychologische Einfachheit der projektiven Identifikation ist man geschützt, weil das einfach überall unbekannt ist. Wir sind ja fixiert auf das Konstrukt der Realpolitik und finden äußere Ursachen seien die einzig vernünftigen, auch wenn uns inzwischen dämmert, dass da irgenwas nicht stimmen kann, weil die erklärende Kraft dieses Ansatzes schwindet. Da man aber keine Alternative hat, bzw. diese über Jahrzehnten klein gehalten hat, kann man nirgendwo anknüpfen.

    Die völlig unpassenden Lösungsversuche sind dann diese lächerlichen Faktenchecks, die wirklich in die Richtung gehen, die die Populisten anprangern. Das macht es dann nicht besser.

    Die Emotional- und Empörungskultur ist doch kein Alleinstellungsmerkmal des Rechtspopulismus. 2011 gab es den Bestseller "Empört Euch!" von Stéphane Hessel. Nun haben sich die Leute eben empört, dauerhaft, nur anders, als Hessel sich das vorgestellt hatte.

    Genau das habe ich auch im Hinterkopf. Man war über Jahre bis Jahrzente der Meinung, wir seien zu unpolitisch und zu wenig empört. Dass das ein sehr gutes Zeichen ist, hat irgendwie niemand auf dem Schirm gehabt, was nicht heißt, dass man nicht graduelle Verbesserungen anstreben und einfordern darf.

    Nun sind alle dauerempört, nur leider marschieren sie im Lager der Rechtspopulisten, gemischt mit knallharten Narzis, aber auch mal ein paar Altlinken oder der ganz noramlen Hausfrau, die ein prima Feigenblatt abgeben. Das neue Woodstock, mit Leuten deren Lifestyle es ist, sich unterdrückt zu fühlen und gewiss ist beim Russen alles besser.

    Aber die oben genannten Punkte gehören allesamt zu dem Komplex, für den Didier Eribon m.E. zurecht von ökonomischer und kultureller Enteignung spricht. Und Selk weist auch zurecht darauf hin, dass die Mitglieder der oberen politischen Klasse keinen sozialen Abstieg befürchten müssen. Der Populismus lebt für ihn vom "demokratischen Ressentiment". Mir scheint das alternativlos angesichts der opaken Machtverhältnisse, wobei man Kritik eben zivilisiert oder unzivilisiert ausdrücken kann. Die Alternativen zur Wut sind entweder Resignation oder man versucht, selbst Teil des Spiels um den Zugang zu den Machttöpfen zu werden.

    Schön beschrieben.

    Der Populismus mit seinen Veränderungen ist der stark reaktive Teil des ausgegebenen Souverän der repräsentativen Demokratie. Die kognitive Lücke (1) konnte erst dann ein gewichtiges Thema der Demokratietheorie werden, nachdem der reale Verlauf des Verhältnisses zwischen dem ausgegebenen Souverän und den Regierungen der repräsentativen Demokratie sich soweit veränderte, dass der Populismus ein gewichtiges Thema wurde.

    Klar, das bedingt sich immer gegenseitig.

    Regierungen der Nachkriegszeit mussten seit 2008 auf globale Krisen reagieren, zuerst auf die Finanzkrise ... und nun auf den Ukrainekrieg und zwar so, dass sich auch die Balance Freiheit und Sicherheit nicht nur theoretisch verändert. Mit der Zunahme dieser Krisen-Komplexität verschiebt sich, auch diese Balance, z.B. in der Zeit der islamischen Terroristenanschäge in Europa, bis hin zum Ausnahmezustand, Anti-Terrorrecht.

    Das kann man noch verarbeiten, aber ich glaube, dass man nicht auf dem Schirm hat, dass sich die Uhr nicht zurückdrehen lässt und wir zukünftig mehrere Krisen parallel haben werden und zwar durchgehend. Da ist die populistische Antwort, die Uhr zurück in die gute alte Zeit zu drehen zwar verständlich, es klappt aber nicht.

    Eine kleinere Zahl an Menschen sieht und versteht hat, die andere Gruppe setzt auf monokausale Lösungen und eine weiter rechnet hoch, inwieweit sie das Thema überhaupt betreffen wird.

    Die von Selk beschriebene kognitive Lücke, und damit auch die Freiheit-Sicherheit-Wendungs-Gewichtungen des Populismus, die zwar nicht die Gewichtung der Regierungen der repräsentativen Demokratie ist; jedoch sind beide Gewichtungen auch affektive Reaktionen auf die globalen Krisenereignisse der Nachkriegszeit. Die repräsentative Demokratie und damit auch die europäische Demokratietheorie sind mit den globalen Krisen in die Krise gekommen.

    Ich denke, man wird immer viele Ursachenketten ausmachen können. Aber was Selk beschreibt, scheint mir weniger eine Nachzeichnung dieser Ereignisse zu sein, ihm geht es darum, die demokratietheoretischen Defizite aufzuzeichnen. Das Probem ist also nicht allein die Deindustrialisierung, Globalisierung oder irgendwelche äußeren Ereignisse, sondern es sind theoretische Fehlannahmen bezüglich dessen, was die Demokratie selbst leisten und lösen kann. Diese Annahmen sind seiner Meinung nach nicht richtig gewesen und daraus resultieren dann zwangsläufig praktische Defizite, wenn und weil man annimmt, die Demokratie sei besonders kompetent auf einem Gebiet, auf dem sie es gerade nicht ist. Das versucht er aufzuzeigen, jedenfalls verstehe ich die ersten 200 Seiten so.

    Damit wären wir wieder beim "Wutbürger", der dem seine Stimme gibt, der dagegen ist, egal gegen was. Wie macht Selk die anschwellende Masse an Wutbürgern plausibel? Woher dieses Bedürfnis, sich über irgendetwas zu empören, egal was? Man kann das ja nicht nur mit Blödheit erklären.

    Schau mal in meine Antwort an hel. Selk sagt, dass die unterstellten Selbstlerneffekte in der Demokratie ausbleiben, die Entwicklung der Welt ist schneller, als dass sie eingeholt werden könnte. Die Politisierung des Alltag ist einfach eine regressive, weil primär affektive Standortbestimmung, nach dem dafür/dagegen-Muster. Alle Arten von Ambivalenzen und Zwischentönen sind in der Regression suspekt und werden aggressiv bekämpft.

    Ob man theatralisch verzweifelt ist ("Was machen die mit unseren KIindern?"), ob man jetzt endgültig und rechtschaffen "die Schnauze, voll hat" (wie der Wehrbär, den man irgendwie so gut verstehen kann).

    Die die noch mitkommen, profitieren ungleich stärker, als die Abgehängten, d.h. die Mittelschicht geht baden, das hat wiederum kognitive und finanzielle Auswirkungen.

    Selks drittes Element zeigt auf, dass in liberalen Demokratietheorien, die unbegründete Ansicht unterstellt wird, dass Demokratie automatisch die beste Systemform wäre, um die Probleme durch die Modernisierung aufzufangen. Das war mir gar nicht unbedingt bekannt, schon weil ich mich nie damit beschäftigt habe und scheint einfache eine falsche, optimistische Prämisse zu sein.

    Könnte man das salopp damit ausdrücken, dass die Menschen zu blöd für die Demokratie sind?

    Ich glaube, das wäre zu salopp. Selk betreibt keine Wählerschelte, sondern zeigt systemische Entwicklungen auf, die sich seiner Meinung nach aus dem Wesen der Demokratie in unserer Zeit ergibt. Dabei ist die Ausdifferenzierung der Lebensbereiche, die ja ein Erfolg ist, der normalerweise unter Fortschritt verbucht würde damit verbunden, dass alles komplexer und komplizierter wird und auf eine Bevölkerung trifft, die damit einerseits real überfordert ist, die sich andererseits aber zunehmend verweigert.

    Den kognitiven Bruch fängt insbesondere der Populismus auf, der die passenden zu einfachen Antworten auf komplexe Fragen hat, aber eben Partylaune vermitteln kann. So wie es aussieht, ist das wirklich ein Systemfehler in der Demokratie, der einfach deshalb nicht aufgefallen ist, weil das Leben hinreichend einfach war. Die systemische Ironie liegt darin, dass das, was der Demokratie zusetzt, ein Ergebnis demokratischer Erfolge ist, vor allem jene, die Du als demokratisch primär siehst, die Freiheit und das Wohlbefinden. Das ist das, was Selk als Effekt einer Progression (der Demokratie) sieht.

    Die real größere Freiheit ehedem marginalsierter Gruppen macht das Leben für viele Menschen komplizierter, die die Welt nicht mehr verstehen, weil es eine komplizierte Welt ist. Technischer Fortschritt ist nicht mehr automatisch Erleichterung im Leben, wie noch bis zur Waschmaschine, ab dem Fernseher wurde es ambivalent. Aber auch der war noch einfach, drauf drücken, sich berieseln lassen, im Internet ist das anders. Wenn man heute seine Arzttermine nur noch online buchen kann, ist das anders. Wenn es im Parkhaus auf einmal Nummernerkennung gibt, ist das anders. Wenn man in telefonischen Warteschleifen verendet und man im Supermarkt ein Smartphone braucht, ist das anders.

    Das alles inmitten von realen Stressoren wie Corona, Krieg und Klimawandel, in einer Gesellschaft, die schon seit Jahrzehnten mehrheitlich psychologisch regrediert und die Progression der Politik nicht mehr verarbeiten kann. Da wir aber die Innenwelt komplett ausgeblendet haben, sehen wir diese Zusammenhänge gar nicht mehr. Der Begriff der Massenregression selsbt ist vollkommen unbekannt, wir wissen nichts über seine Auslöser und wir haben keine Ahnung, wie wir darauf regaieren können.

    Populisten haben darauf eine intuitive Antwort, sie befördern die Massenregression, halten die Empörung hoch, von der Linken initiiert, von der Rechten dankend übernommen, in der Querfront zusammengeflossen. Das theoretisch zu fassen, ist schwer, es in eine vereinfachte Formel zu gießen, die die Menschen verstehen, die aber oberhalb des Populismus liegt, wäre die Herausforderung an die Politik. Durch die Politisierung aller Lebensbereiche geht es aber nicht mehr um Argumente, sondern um Affekte, um reine Begriffsketten. Fleisch zu essen, gegen Homosexualität, Gleichberechtigung, Infektionsschutz und erneuerbare Energien zu sein, aber für Atomkraft, freie Fahrt auf Autobahnen und Russland, hat inhaltlich kaum einen Zusammenhang, aber die braven Soldaten machen (im Namen der Freiheit) artig mit und fragt man ein Thema ab, liegt man bei den anderen zu 90% richtig.

    Da es beim Spiel des Gebens und Verlangens von Gründen, das was ein Grund ist, im Zuge der kognitiven und moralischen Regression sehr großzügig interpretiert wird, reicht es inzwischen, die richtigen Schlagwörter aufzusagen und sich zu erkennen zu geben. Genau das ist das Wesen der Regression.

    Die Corona Pandemie war ein Thema, dass die Gesellschaft so durchdrungen, dass auch die bisherige kognitive Lücke zwischen Regierungen und gewöhnlichen Bürgern sich vergrößerte.

    Die kognitive Lücke um die es Selk geht, ist die, zwischen Teilen der Bevölkerung, nicht unbedigt nur zwischen den Machthabern und der Bevölkerung.

    Anders mit dem Krieg in der Ukraine, weil nun die Regierungen die bisherige Balance der Freiheit und Sicherheit prinziell beenden mussten und die Folgen dieser Umkehr-Entscheidung - Zuerst Sicherheit, dann ... - durchdringen nun die gesamte Gesellschaft, jene Lücke und damit auch den Populismus.

    Aber wir haben ja keine Freiheitseinbußen durch den Krieg, die waren bei Corona viel gravierender.

    Mein Punkt war, das die Argumente des Populistenlagers, das sich gegen die Regierung wendet ohne erkennbaren Grund ins Gegenteil verkehrt hat, woran man die Beliebigkeit sieht. Man ist aus Prinzip dagegen, weil man sich empören will, weil man auf Drehzahlen kommen will, weil man so Stimmen fangen will.

    Erkennbar wurde das daran, dass bei Corona die Freiheit als höchster Wert verkauft wurde und das Überleben als nachtrangig, während unter Russlands Angriff auf die Ukraine die Freiheit keine Rolle mehr spielt und nun Populisten auf einmal Friediensengel spielen. In der für Populisten üblichen zu kurz gesprungenen 'Argumentation' aus Schlagworten: 'Man wird doch wohl noch für den Frieden sein dürfen, oder ist das jetzt auch schon verboten?'

    Man regt sich einfach über irgendwas auf, weil das Stimmung und Stimmen bringt, auch wenn es ein glatter Selbstwiderspruch ist.

    Ich denke, wenn man den Bürgern zu einer wichtigen politischen Sachfrage durch Experertngruppen die wesentlichen Pro -und Contra -Argumente vermittelt ,sind sie mehrheitlich auch in der Lage, den Kern der Problematik zu verstehen und vernünftig zu entscheiden.

    Das ist, nach Selk, die Hoffnung und der Antrieb der alten Demokratietheorie gewesen, die nun empirisch widerlegt wird. Es klappt nicht, die Lücken werden größer, die Menschen in vielerlei Hinsicht abgehängter, im Bezug auf Bildung, Verständnis und auch finanziell.

    Ich glaube, ohne eine Rückkehr zur Kritik von Eliten, die sich heute mittels Exekutive (!) über Vorhaben wie das "Demokratieförderungsgesetz" sogar ihre elitären Nichtregierungorganisationen (was für ein schlechter Witz, dieser Begriff) finanziell halten, wird das nichts.

    Klar, ich habe das ja auch gelesen. Aber ich denke man sollte den Elitebegriff nicht auf die politische Elite verengen. Aber, wie eingestanden, der Begriff ist verbrannt. Ich denke eher, dass eine populistische Elitenkritik nicht weit kommt, es führt eher zur Zersplitterung der Mittelsicht, in die einen, die sich gar nicht politisch engagieren und nicht mal mehr wählen und die anderen, die sich als Vorzeigedemokraten sehen, weil sie eben nicht nur alle paar Jahre ein Kreuz machen.

    Die populistischen Antwort ist ja aus dem Grund keine, weil das Volk zwar über etwas abstimmen kann, was es im Kern nicht mehr versteht, aber das ist dann eben keine Demokratie mehr. Das war mir vor der Selk Lektüre gar nicht klar. Das Buch ist zwar sauschwer, finde ich, vielleicht bin ich aber auch nur ungeübt, weil ich selten Politikbücher lese, aber lohnend.

    Wobei Selk den Differenzierungsvorgang letztlich ja dann auch kritisch betrachtet, weil mit der Differenzierung gleichzeitig immer mehr Gruppenidentitäten und Differenzen "entdeckt" werden, deren Interessen und Anliegen und Interessen berücksichtigt werden sollen, was dann wiederum dazu führt, dass es verstärkt Spannungen zwischen allgemeinen Belangen und Spezialverlangen gibt.

    Ist mir klar, das wollte ich mit aufnehmen und ist in meine Überlegungen mit eingeflossen.

    Aber wie gesagt: Meine Kritik an der elitären Klasse lasse ich mir nicht nehmen - insbesondere an jenen, die dem Zugriff des Bürgers in jeder Hinsicht entzogen sind, die aber trotzdem weitreichende Entscheidungen im o.g. Sinne treffen.

    Ich würde die tradierten Geldeliten kritisieren, da diese - aufgrund der mangelnden sozialen Durchlässigkeit bei uns - oft nicht an Kompentenzen gebunden sind. Was gegen Wissenseliten einzuwenden sein soll, kann ich nicht sehen. Also, sofern sie sich nicht abschotten und betriebsblind werden.

    Und es sollte kein elitäres Gehabe daraus abgeleitet werden.