Re.: ich habe diesen Beitrag sehr oft gelesen, aber mir ist nicht klargeworden, was mit diesen Beitrag zum ausdruckt gebracht werden soll. Mir ist nun eine Frage in den Sinn gekommen. Kann eine bekennend Religionssoziologie die Sache objektiv betrachte? WAS mit als jemanden, welcher in die Gesellschaft und seine komplexen System eingebunden ist? IST die Gesellschaft deshalb stabil und solidarische und tragen kollektivistische zu Erhaltung der Gesellschaft bei? HABEN individuellen Handlungen bei kollektiven Mitwirkung keine Bedeutung? Welche gesellschaftliche Phänomene für die individueller Handlungen entscheidet?
Durkheim lesen! - Dazu von der Uni Erfurt PD Dr. Andreas Pettenkofer's "Der missverstandene Monsieur Durkheim" (https://www.soziopolis.de/durkheim-lesen.html): Unter den soziologischen Klassikern ist Durkheim wohl der am meisten missverstandene. Gerade in der deutschsprachigen Debatte gilt er als ein Theoretiker, der alles aus einem ‚sozialen Zwang‘ heraus erklären will, den gesellschaftliche Makrostrukturen ausüben, und dadurch ein höchst statisches Bild des Sozialen zeichnet. Die Lektüre seiner eigenen Texte offenbart jedoch etwas anderes: Tatsächlich entwirft Durkheim ein Konzept prekärer Ordnungen, die sich – ohne auf einem festen Grund aufzuruhen – immer nur von Situation zu Situation erhalten, getragen allein durch störanfällige Sequenzen von Ereignissen, in denen die Plausibilität der geltenden Deutungsmuster bestätigt werden (und die sich nur so lange erhalten, wie diese Bestätigungen eintreten). Am weitesten ausgearbeitet hat Durkheim dieses Motiv in einer eigenwilligen Neulektüre ethnographischer Berichte, die sich den religiösen Praktiken australischer Aborigines widmen. Die im Raum verstreute Wüstengesellschaft sieht er hier als den (auch zur Analyse ‚moderner‘ Ordnungen geeigneten) Modellfall einer Struktur, die ihren Fortbestand allein den praktizierten, wiederkehrenden Ritualen verdankt. Durkheims Soziologie hilft also gerade, den Prozesscharakter des Sozialen und den zunächst je lokalen Charakter sozialer Ordnungsbildung genauer zu begreifen. (Der Begriff ‚Gesellschaft‘ steht bei Durkheim zuallererst für solche lokalen Ordnungen; Durkheim spricht – was die deutschen Übersetzungen konsequent verbergen – auch von société familiale und société conjugale. Projiziert man den heute gängigen soziologischen Begriff von Gesellschaft auf Durkheims Werk – ungefähr: die größte denkbare soziale Entität überhaupt –, dann lassen sich seine Argumente kaum verstehen.) Zudem gelingt es Durkheim durch diese Situationsanalysen, nicht – wie im heutigen soziologischen Mainstream gängig – die unterstellten Dispositionen und Präferenzen der beteiligten Individuen als Ausgangspunkte soziologischer Erklärungen zu behandeln: Auch das, was den beteiligten Individuen heilig ist – das, was diese Individuen als Personen ausmacht – erweist sich als Produkt solcher Sequenzen von Situationen, statt als eigenstabiles Merkmal dieser Individuen. Eine Lektüre des Durkheim’schen Werks lohnt sich also auch, weil sie dabei hilft, eine Alternative zu jenem rationalistischen Individualismus zu entwickeln, der die Sozialwissenschaften heute dominiert.
Dann kannst du vielleicht auch etwas mit meinem alten Nick anfangen:
Archibald
PS:
Der Tread Philosophie und Wissenschaft ist ziemlich ausgeartet, und du hast dich bisher noch gar nicht dazu geäußert, das ist ein bisschen untypisch für dich
Ich habe mich Philosophie und Wissenschaft nicht gemeldet, weil sehr sehr viele Beiträge gekommen sind und ich den Überblick verloren habe. Außerdem sind die Beiträge ziemlich kompliziert geworden sind.
Wenn man mit der Philosophie Berührung gekommen ist, dann man kommt nicht mehr los. Das ist meine Erfahrung