Posts by Groot

    Das ist nicht korrekt. Eine Gesellschaftstheorie ist - in der westlichen Welt - genötigt tautologisch zu sein. Sie muss tautologisch sein, da ältere Theorien Gesellschaft als ein Produkt des Geistes sehen (Hegel, Habermas), statt sie als "sui generis" zu betrachten.

    Diese einstige Einverleibung der Gesellschaft in den (überindividuellen) Geist, führt dazu, dass sich eine moderne Theorie der Gesellschaft - sofern sie ohne Geist auskommen möchte - notwendig tautologisch sein muss. Dies, um entweder 1. sozusagen durch den Geistnebel hindurch die eigentliche Gesellschaft als Gesellschaft zu erkennen, statt als objektiver oder absoluter Geist oder aber 2. die Gesellschaft als ein Produkt sehen zu können, das eine eigenständige Größe ist vor aller Einsicht in die "Hochkultur".

    2. ist wichtig, um Gesellschaft nicht aus Kontraktionalismus oder handlungstheoretischem Interaktionismus ableiten zu brauchen. Vielmehr zeigt sich Gesellschaft dann kybernetisch oder eben virtuell. Virtuell aber, weil man sie sonst mit Geist identifizieren müsste, statt sie eben sui generis bestehen zu lassen.

    Ich denke, man sollte darauf hinweisen, dass Gesellschaft wohl eigentlich in Handlungsbegriffen, sowie in (symbolischer) Interaktion begriffen ist. Die Kommunikation Luhmanns hat eigentlich nicht Gesellschaft im Sinn, sondern vielmehr fokussiert sie einen konsistenten Zivilisationsbegriff, die Luhmann dann Weltgesellschaft nennt.

    Im Kern zeigt sich bei Luhmanns Kommunikation dann die Veränderung der Zivilisation. Aber die Theorie kann natürlich auch auf kleinere Einheiten angewendet werden, wie bspw. die Gesellschaft der Gesellschaft(en), auf einzelne Kulturen oder auf das Mittagessen im Familienkreis. Für den Familienkreis haben wir aber wohl mehr ein nettes Schema, als wirklich eine Analyse :D

    Entscheidend ist wohl, dass die Handlungstheorie die eigentliche Gesellschaft begreift, d.h. den praktisch tätigen Menschen, der sich im öffentlichen Raum ersichtlich macht indem er eben strategisch oder kommunikativ handelt; indem er die Weberschen Rationalitätsmaßstäbe an Gesellschaft und Handeln anlegt, fokussiert der tätige Mensch die Kultur als den Begriff, der sich um den Begriff der eigenen Gesellschaft herum sich darstellt.

    Der tätige Mensch aber übersieht, soweit er Gesellschaft nicht über den Kommunikationsbegriff, sondern über normatives Handeln und Diskurs, theoretisiert, was Luhmann gerade absolut konsistent darstellen kann: einen wesentlichen Kern sui generis, in der sich Gesellschaft zu Kultur formt, die Kulturen, die Gesellschaft der Gesellschaften institutionell stabilisieren und schlussendlich dann einen Weltbürger (Kants Republik) stabilisieren, der sich in der Zivilisation weiß, soweit er sich als Individuum versteht - so, wie er als "Umwelt Mensch", dann Person und eben jener Weltbürger sein kann.

    Das Problem: Entweder man ist praktisch in der Gesellschaft, lebt Kultur und übersieht Zivilisation (Habermas) - oder man beobachtet, ist nicht praktisch und übersieht die Interaktion, zugunsten der Zivilisation als eines konsistent zusammen gesetzten Begriffes.

    Im Grunde bedarf es mit der Systemtheorie zugleich einer anderen Sichtweise dessen, was "instrumentell" ist. Dieser Begriff bestimmt nämlich durchaus weite Teile der systemisch zur Verfügung stehenden Operationsoptionen. Das Instrumentelle ist zumeist durch die Frankfurter Schule negativ begriffen worden. Es ist zumeist eine negative Anschauung, die darauf zielt etwas entweder statistisch, mechanisch, als Masse und kalt, rechnend zu begreifen. Doch damit trägt man dem nicht genug Rechnung, dass jeder tagtäglich in der instrumentellen Ordnung unterwegs ist und ohne dieses stabile Fundament eine funktionierende Gesellschaft und damit eine gelingende Lebensführung unmöglich wäre.

    Wieso soll also mit dem Instrumentellen weiterhin eine verdinglichende, entfremdende, kalte und technokratische Perspektive verbunden sein, die negativ in die Kritik eingeht? Wäre hier nicht eine Analyse nötig, die genau solcherlei Kritik positiv wendet?

    Dies ist sicherlich bei Luhmann geschehen. Das Ergebnis ist aber zu grobschlächtig, um die Differenz zwischen instrumentell und intentional zu ergründen, denn Kunst und Wirtschaft verbleibt Luhmann einerlei: beides ist bloße Kommunikation. Aber Luhmann übersteigt die Kritik der Frankfurter, ohne sie beiseite zu lassen. Er fokussiert das System, aber dieses in seiner positiven Variante, statt an den Stellen, an denen es dysfunktionen gibt.

    Das Problem bei Luhmann ist jedoch, dass er das Instrumentelle versteckt unter seiner doppelten Kontingenz, in der das Gegenüber und man selbst ja nunmal instrumentell und nicht-instrumentell handeln können. Dadurch nimmt er sich die Möglichkeit, den Raum abzustecken, der sich durch die doppelte Kontingenz allererst ermöglicht. Er übersieht die institutionalisierten Regionen, in denen der Mensch nun instrumentell handeln kann. Ebenso kann er an diesen Kritik üben, oder sich über die Kritik erheben und dem Transzendentalen zustreben.

    Nun muss er sich ja aber nicht erheben, sondern der Mensch kann auch zurück in die Ordnung, die instrumentell ist und deren Entfatung untersuchen. Er würde darin so einiges finden, wie beispw. das Instrumental, ein Wissen von seinem Körper als technisches Objekt, wie auch ein Wissen um eine Rückbiegung des Digitalen in die Raumzeit.


    Naja, vielleicht hat da ja wer Gedanken zu :P

    Von der bloßen Abwesenheit z.B. einer Person auf sein nicht-mehr-Sein zu schliessen würde ich voreilig nennen. ;)

    ich schließe auf sein nicht-Sein. Er ist ja nicht mehr als seine Stimme in seiner ureigenen, authentischen Weise. Darum ist er nicht mehr, wie er einst war, sofern er noch ist. Dieses "nicht mehr wie einst" ist das Nicht-Sein seines Seins als die Existenz, die eben authentisch und leibhaftig vor mir stand.

    Kleine Anmerkung: Die Unterscheidung zwischen Sein und Nichtsein ist zwar ontologisch denkbar, aber empirisch nicht auffindbar – denn wo ließe sich das Nichtsein beobachten?

    Man kann beobachten, dass der Vater oder Großvater nicht mehr "hier" ruft, wenn man seinen Namen ruft und man erkennt nicht mehr die Veränderung in dessen Physiognomie, wenn er seinen Namen lesen würde.

    Das ist m.e. beobachtbares Nicht-sein. Aber ja, sonst kann man darauf nur schließen und daraus ein Noumenon machen, welches zwar logische Wirklichkeit zugeschrieben bekommt, aber nicht sinnliche Wahrnehmbarkeit.

    Das ist dann aber eine normative Ideologie, keine Systemtheorie mehr, oder? Denn Normativität ist doch kein Maßstab innerhalb der Systemtheorie, sondern lediglich eine Kommunikationsform. Habe ich jedenfalls so verstanden, aber ihr wisst das besser als ich.

    Ich würde meinen, dass Werte eine Kommunikationsform sind, aber gerade deshalb wird die Sache nicht als Interpretationsaufgabe gedeutet, sondern eben funktional analysiert, wie Werte funktionieren und stabil bleiben.

    Luhmanns Systemtheorie führt m.e. eine deskriptive Weise ein, Werte zu analysieren. Sicherlich bedarf sie zunächst auch der Interpretation, um nämlich sagen zu können: "Gesellschaft benötigt als kleinste Einheit nicht Handlung und Interaktion, sondern Kommunikation." Erst diese Aussage ermöglicht es dann, sich der deskriptiven Beschreibung der operativen Funktionalität der Gesamtgesellschaft zuzuwenden.

    Diese kann dann aber nicht mehr normativ sein, da sie ja kein ganzes verlangt, sondern die Systeme in Relation zueinander analysiert.

    Richtig normativ wird die Sache erst wieder, wenn man sich gewahr ist, nicht nur Träger kommunizierender Kommunikation zu sein, sondern als "Umwelt Mensch" ist man auch Person. Und diese Person steht dann sozusagen erst in der richtig normativ organisierten Gemeinschaft, statt der funktional organisierten Gesellschaft. Dann hat man aber auch Luhmanns Theorie verlassen, um Habermas dort nachzufolgen, wo der Mensch eben nicht nur Zahnrad, sondern Gleicher und Freier unter Freien und Gleichen ist.

    Die normative Ideologie wäre in dem Fall dann Habermas, in dem das Normative explizit betont wird, anstatt es, wie Luhmann, implizit zu belassen und eine deskriptive Theorie drum herum zu bauen, die dann nicht nur ein kollektives Sollen, sondern kollektive Funktionalität beschreibbar macht.

    Sobald du aus der Funktionalität alles Normative streichst, ist „funktionierende Gesellschaft“ ein Pleonasmus.

    sicher. Aber beim Funktionalismus kommt es darauf an, dass die Normativität in ihren Operation deskriptiv auf ihre Funktionsweise untersucht wird, oder ob man die Normativität nutzt, um im Rahmen von Verständigung zu interpretieren, welche Form von Normativität richtig ist für das Zusammenleben.

    Der Funktionalismus sieht nur: Neokapitalismus und analysiert die Funktionsweise. FIAT-Geld, abgekoppelte Finanzmärkte, etc. Ohne Wertung.

    Die Interpretationsmethode hingegen sieht: Neokapitalismus und analysiert: Ist FIAT-Geld gerecht? Ist die Rechtsordnung hinreichende Leitplanken setzend?

    Das ist durchaus ein Unterschied darin, wie die Gesellschaft analysiert wird. Und dieser Unterschied führt zu unterschiedlichen Selbstbeschreibungen des Subjekts. Einmal als Teilnehmer und eher vergeistigt, einmal als Beobachter und eher materiell.

    Aber es bleibt die Frage nach einer soziologischen Theorie der modernen Gesellschaft, also einer Gesellschaft, deren Form der Differenzierung funktional ist. Eine Gesellschaft kann man nicht "besser" machen. Man kann die theoretischen Beschreibungsparameter einer Gesellschaft verbessern. Das ist aber dann etwas völlig anderes. Eine solche Theorie der Gesellschaft steht ja vor der Herausforderung, hochkomplexe Zusammenhänge abbilden zu müssen, um ihrem Gegenstand gerecht werden zu können.

    so etwas ließe sich m.e. zunächst vorbereiten, indem man schaut, worin Habermas und Luhmann gemein sind. Dann erscheint das Instrumental als die Ebene, in der der Mensch in den sozialen Systemen steckt bzw. als die Ebene, in der die Verhaltensdaten der Menschen digital zu Information aufbereitet werden.

    Man kann hierbei direkte Sinnesdaten (Leib, Seele) und indirekte Körperdaten (Körper, Monade) unterscheiden. Man hat dann einen Zugang mittels Statistik das über Verhaltensmuster oder digitale Gadgets den Körper in den sozialen Systemen beschreibt (raumzeitlich, digital). Aber ebenso den klassischen Zugang mittels der Sinnesdaten, in dem man transzendental sein kann (eben Mensch ist, nicht "Umwelt Mensch") und ein Interaktionismus die Diskursethik und die institutionalisierten Handlungssysteme ideell sinnvoll macht. Darin zeigt sich ja das klassiche bürgerliche Subjekt.

    Als "Umwelt Mensch" ist man aber im Kern nicht dieses klassische bürgerliche Subjekt, sondern ein Beobachter. Aber was wird beobachtet? Ein Unterschied der einen Unterschied ausmacht, wie es Bateson und Luhmann sagen. Und genau diese Lücke, in der Luhmann statt einer "(un-)perfekten Durchschnittlichkeit" und damit ein Instrumental zu postulieren, verfolgt an der Stelle die Idealisierung qua doppelter Kontingenz.

    Damit baut er aber Habermasens "ideale Sprechsituation" nach, nur diesmal auf einem Niveau, an dem Kommunikation in Rauschen übergeht - oder wo der Mensch eben dann die sozialen Systeme als Wiederholungsmaschinen erkannt werden.

    Es gibt im Abschnitt „Funktional differenzierte Gesellschaft“ einen Passus, der die Unmöglichkeit gesamtgesellschaftlicher Zielsetzung noch einmal erörtert:

    „Auf der Ebene des umfassenden Systems der Gesellschaft kann keine allgemeingültige, für alle Teilsysteme verbindliche Rangordnung der Funktionen eingerichtet werden. (…) Vielmehr ergeht an alle Funktionssysteme der Auftrag, sich selbst im Verhältnis zu den anderen zu überschätzen, dabei aber auf eine gesamtgesellschaftliche Verbindlichkeit der Selbstbewertung zu verzichten.“ (Niklas Luhmann; Die Gesellschaft der Gesellschaft; S, 747f)

    Es ist genau dieser Verzicht, der sich in den Selbstbeschreibungen der modernen Gesellschaft nicht ausmachen läßt. Man traut dem politischen System immer noch zu, die Gesellschaft zu „humanisieren“, Verantwortung für „kommende Generationen“ zu übernehmen, die Welt „gerechter“ zu machen, die „Schöpfung zu bewahren“ u.ä. Das mag verfangen, um bessere Wahlergebnisse zu erzielen, aber es verkennt, daß man eine funktional differenzierte Gesellschaft nicht „auf Linie“ bringen kann, weder durch moralische Appelle, noch durch „Investitionsbooster“. Ebensowenig lassen sich Entwicklungen wie Künstliche Intelligenz gesamtgesellschaftlich verbindlich steuern.

    Ja, wollte man die Auflösung dieser Illusion, so bräuchte es eine Erneuerung dessen, was es heißt "bürgerlich" zu sein. Denn die bürgerliche Gesellschaft gründet quasi in Kants Pflicht als Staatssubjekt und Hegels Staat als moralischer Instanz. Aber damit gründet sie in dieser Illusion einer Verständigung auf Ebene der Systeme.

    Erst dann, wenn das bürgerliche Subjekt erneuert ist, wird sich dieser Verzicht ausmachen lassen. Aber dafür braucht es m.e. ein Verständnis auch der Postmoderne, in der gerade die Negativfolie des klassisch bürgerlichen Subjekts, zum Vorschein kommt. Es braucht eine Kritik aus materieller Sicht, die nicht einzig ökonomisch ist.

    Meines Erachtens geht es bei diesem Verzicht eher um einen Verzicht auf moralische Universalgültigkeit. Es kann noch soviel gesollt sein, dass der Staat politische Herrschaft moralisch zu sein hat, realistisch ist es nicht. Es kann noch soviel gesollt sein, eine ominöse "freie Hand" der Märkte zu postulieren, gerecht ist das deshalb nicht.

    Statt Hermeneutik und Derridas Grammatologie braucht es Deleuze, Stiegler und Organologie. Erst also, wenn der Mensch über die Sprache hinaus ist und zurück bei den Dingen (bei Fossilien, Veränderungen von Skeletten in evolutionärer Perspektive [bei Vampiren]), dann erscheint dieser Verzicht auf universelle Gültigkeit von Moral, nicht mehr als Verlust, sondern als neue Perspektive.

    Und dann erst beschreibt sich Kommunikation in Information selbst, und deutet sich nicht mehr die Interpretation als Bedeutung.

    Das bürgerliche Subjekt bedarf einer Erneuerung. Es muss digital eintariert werden...eine Mammutaufgabe xD

    Luhmanns System funktioniert nur dann, wenn er eine Weltgesellschaft annimmt. Er peilt also die Zivilisation an. Aber gleichzeitig soll das soziale Gedächtnis eine kulturelle Größe sein? Dann gäbe es ja unzählige soziale Gedächtnisse, eben für jede Kutur eines. Aber das steht in Widerspruch zu seinem Weltgesellschafts-Postulat.

    Auf einer anderen Ebene liegt ein Problem in Folgendem:

    Ich denke, dass das soziale Gedächtnis ein Hybrid ist. Es ist kein ganzes technisches Gedächtnis und kein ganzes Kollektivgedächtnis. Al dieses soziale Gedächtnis vollzieht es aber im eigentlichen Sinne keine Speicheraufgaben. Es ist nicht so zu begreifen, wie Kittler den Menschen auf die technische Klaviatur reduziert.

    Aber es koppelt das Subjekt und die Tradition, die als Kulturbegriff dann Gedächtnis dadurch prägt, dass es die Situation für sich vereinnahmt. Das Gedächtnis scheint als soziales Gedächtnis den vollständigen Raum der Vorstellung zu terminieren. Es gibt dann keinen "unmarked Space", da die Klaviatur der Technik, die subjektive Erinnerung und das Wissen um die faktische Kraft der Normen und Werte, dem sozialen Gedächtnis die Gesamtheit des eigenen, individuellen Denkraumes zur Verfügung stellt.

    Mein Problem damit liegt darin, dass Luhmann in gewisser Weise das technische Gedächtnis übersieht. Anders gesagt: Die Information wird zu schnell digitalisiert, wodurch der Unterschied zwischen absolutem Geist und objektivem Geist aufgelöst wird, ohne aber gleichzeitig den Weltgeist abzuschaffen.

    Entweder der Mensch denkt bei Luhmann als Roboter - oder er ist ein körperloses Subjekt. Das ist problematisch selbst dann, wenn er sagt, der Mensch sei Umwelt. Nur unter der Bedingung, dass der Mensch sich als Denkender in die kybernetische Denkweise transformiert, gelingt es ihm, das soziale Gedächtnis zu denken. Aber dabei geht m.e. verloren, dass soziale Systeme und psychische Systeme zwar durchaus Sinnsysteme sind. Aber die Information der Systeme hat gänzlich unterschiedliche Speicherstrukturen.

    Es gibt sozusagen psychische, soziale, technische Speicher. Luhmann vermischt die sozialen und die technischen Speicher. Es wird ihm umstandslos gleichgültig, ob sein Denken zur Gänze digital ist oder nicht. Und das ist problematisch, da man m.e. dann keine Leib/Körper Differenz anwesen kann.

    Als Materialist kann ich damit natürlich nicht zufrieden sein. Dieses rekurrente Netz aus Relationen, das bei Luhmann die Situation quasi global durchzieht braucht einen Ort.

    Kultur ist problematisch, da sozusagen schwebend - dann kann ein Kritiker sagen: "Das ist Platonismus, du Träumer!". Ebenso problematisch ist es, es als Aktivität von Relationierung bzw. von Unterscheidungen darzustellen, die in einer Situation eine Zwischenschaltung zwischen individueller Erinnerung und archivierten Wissensbeständen ist (quasi als rekurrentes Netz, das im System global wirkt).
    Darum die Krücke Schrift. Als Materialist muss es die Technik sein. Nur Stiegler konnte mir das bisher plausibel darlegen, was ein kollektives Gedächtnis abseits von Archiven und Sozialesoterik ist.


    Ja, ich bin irgendwann nächste Woche bei den Kapitel. Hab diese Woche angefangen gdg zu lesen, darum kam ich auf den Gedächtnis Begriff... Er wirkt mir sozialesoterisch xD

    Also wäre das Speichermedium des Gedächtnisses wohl das Symbol. Zumindest, wenn man es verorten müsste. Aber Symbole sind letztendlich m.e. nur stabil, weil sie mit esoterischen Phänomenen korrelieren. Diese ermöglichen erstmalige Symbolbildung, denn wo sonst sollte eine erstmalige Stabilität durchgehalten werden können?

    Das erscheint mir aber problematisch, denn Esoterik ist ja nunmal sone Sache :P

    Ich würde meinen, dass man dieses Gedächtnis Typ 3 nicht ohne weiteres einfach akzeptieren kann. Meines erachtens bräuchte man eine Erweiterung seiner Theorie die das Augenmerk genau auf diesen Aspekt legt. Schlussendlich sollte m.e. ein technisches Gedächtnis die Grundlage sein, denn das ausgeschlossene Dritte, von dem aus Luhmann beobachtet, ist m.e. gerade eine verhehlte technische Dimension.

    Verhehlt ist sie, weil er die kybernetischen Begriffe nicht in ihrer technischen Intention nutzt, sondern sie sattelfest macht, um damit eben soziale Systeme zu beschreiben. Hierbei übersieht er aber - m.e. notgedrungen - diese Tatsache, dass er nämlich von einer technischen Ortschaft aus spricht. Die System/Umwelt-Differenz ist quasi nur konsequent durchzuhalten, weil sie die Beobachterposition in den ausgeschlossenen Dritten verlagert.

    Der ausgeschlossene Dritte kann aber, weil er ja nunmal Beobachter ist und die Sinne Luhmann gewichtiger als die Reflexionsdimension, nicht einach aus einer BlackBox heraus sprechen. Es kann nicht ein ausgeschlossenes Drittes geben (als Beobachter), das einzig in der Umwelt verortbar wäre. Ebenso geht es m.e. nicht, dass der Beobachter aus seiner "ausgeschlossenes Dritte"-Warte sich auf das Transzendentale beruft.

    Das ist m.e. der Kernkritikpunkt.

    So wie ich das verstehe ist das Gedächtnis bei Luhmann auf dreierleiweise zu beschreiben:

    Esoterisch, weil er es nicht wirklich ausbuchstabiert, sondern es als Referenzraum nutzt, in dem sich psychische und soziale Sinnsysteme vernetzen.

    Schriftlich, weil es sich darstellt als ein Speicher in dem Konventionen abgelegt sind. Das ist aber unpräzise, da es sozusagen nur indirekt das soziale Gedächtnis repräsentiert. Das soziale Gedächtnis hat die Konventionen direkt und unmittelbar parat, da sie tradiert sind.

    Als Moment, der an einem Ort aufblitzt und die Situation strukturell umgrenzt und die darin "erreichbaren" Relationen zugänglich macht.

    Im esoterischen Fall ist es eben transzendental (Behälter) und garnicht explizit nachweisbar. Im zweiten Fall ist nicht die Vollständigkeit garantiert, da die Funktionsweise von Geld bspw. nicht zunächst aufgeschrieben sein muss, ebenso wenig Sagen. Im dritten Fall ist es im Grunde kein Gedächtnis, sondern eine Momentaufnahme, in der der Behälter einfach verhehlt wird.

    Eine vierte Option wäre, dass es eine technische Auslagerung gibt. Diese scheint bei Luhmann mitzuwirken, wird aber nicht explizit erwähnt.

    Eine fünfte wäre, das audiovisuelle Gedächtnis, das nicht direkt die technische Speicherbarkeit anpeilt, sondern die damit affizierten Sinne. Aber das ist im Grunde keine kollektive Speicherung, sondern sagt nur, dass Ohren und Augen die Möglichkeit bieten, auf ein soziales Gedächtnis zuzugreifen.

    Wie seht ihr das?