Posts by Philodendron

    Bei „ und durch mein ganzes Wesen ward‘s unaussprechlich klar“ schließt sich unausprechlich klar und mit voller Wucht ein Kreis der Schönheit, der Weisheit und last but not least des Mythos.

    Es wird mit diesem Gedicht „Abschied“ (vom Walde) aus der Feder von Joseph von Eichendorff anhand des Mythos Wald ein Rückzug in die Geborgenheit, wie wir sie im Mutterleib erlebt und in einem Paradies ersehnen, erlebbar gemacht. Frage: Ist eine Emanzipation aus dieser Geborgenheit von Nöten, um richtig erwachsen werden zu können? Oder mit Ken Wilber gesprochen: Ist ein Überwinden dieser prä-personalen Entwicklungsstufe um zu einer trans-personalen oder auch transrationalen genannten, welche die vorangehende negiert, einschliesst und emporhebt zu gelangen notwendig? Ich spreche hier nicht bloss von einer Theorie, denn ich bewegte mich heute den ganzen Nachmittag von 13:00 bis 17:30 Uhr im Bergwald, 500 Höhenmeter hoch und wieder zurück, mit einem kurzen Abstecher in einer Berg-Bar.

    Abschied – Eichendorff:

    Das Gedicht „Abschied“ (vom Walde) stammt aus der Feder von Joseph von Eichendorff.

    O Täler weit, o Höhen,
    O schöner, grüner Wald,
    Du meiner Lust und Wehen
    Andächt′ger Aufenthalt!
    Da draußen, stets betrogen,
    Saust die geschäft′ge Welt,
    Schlag noch einmal die Bogen
    Um mich, du grünes Zelt!

    Wenn es beginnt zu tagen,
    Die Erde dampft und blinkt,
    Die Vögel lustig schlagen,
    Daß dir dein Herz erklingt:
    Da mag vergehn, verwehen
    Das trübe Erdenleid,
    Da sollst du auferstehen
    In junger Herrlichkeit!

    Da steht im Wald geschrieben,
    Ein stilles, ernstes Wort
    Von rechtem Tun und Lieben,
    Und was des Menschen Hort.
    Ich habe treu gelesen
    Die Worte, schlicht und wahr,
    Und durch mein ganzes Wesen
    Ward′s unaussprechlich klar.

    Bald werd ich dich verlassen,
    Fremd in der Fremde gehn,
    Auf buntbewegten Gassen
    Des Lebens Schauspiel sehn;
    Und mitten in dem Leben
    Wird deines Ernsts Gewalt
    Mich Einsamen erheben,
    So wird mein Herz nicht alt.

    Analyse

    Das Gedicht „Abschied“ (1810; Epoche der Romantik) besteht aus 4 Strophen mit je 8 Versen. Das Reimschema ist [ababcdcd] also ein Kreuzreim.
    Die geraden Verse sind sechssilbig und die ungeraden siebensilbig. Das Versmaß ist ein 3-hebiger Jambus. Die sechssilbigen Verse haben männliche, die siebensilbigen weibliche Kadenzen.

    Inhalt / Zusammenfassung

    Das lyrische Ich flüchtet in eine Phantasiewelt in Form eines Waldes, um dem hektischen Leben der Alltagswelt zu entgehen. Der Wald (als Symbol für Natur) dient als Schutz und Zufluchtsort vor der chaotischen und hektischen Welt und ist durch eine melancholische und sehnsüchtig Atmosphäre gekennzeichnet.

    Hintergrund

    Das Gedicht entstand im Sommer 1810, als Eichendorff mit seinem älteren Bruder Wilhelm von Berlin nach Wien zog um das Studium der Rechte fortzusetzen (er schloss es 1812 ab). Beide hatten die "Hoffnung" (oder vielleicht war es mehr der Wunsch der adligen Eltern) nach dem Bestehen des Examens in den österreichischen Staatsdienst treten zu können.

    Veröffentlicht wurde das Gedicht im ersten Roman von Eichendorff "Ahnung und Gegenwart" (1812) ohne einen Titel, in der die Hauptperson Graf Friedrich eine Landschaft verlässt, in der er oft gedichtet hat und glücklich war. Er schreibt „O Täler weit, o Höhen“.
    Übrigens: Ricarda Huch kritisierte anno 1902 den Roman mit den Worten „ein ungarer Brei und schwer genießbar.“ ;-).

    "Abschied" wurde im Jahre 1843 von Felix Mendelssohn-Bartholdy mit dem Titel "Abschied vom Walde" vertont und wird bis heute von zahlreichen Männerchören auf der ganzen Welt gesungen.

    Wald

    Der spirituelle und kulturelle Wert des realen oder mythischen Waldes ist unbestritten; er wird oft symbolisch so interpretiert, dass er Himmel und Erde durch Äste, Stämme und Wurzeln verbindet. Der Name Brocéliande erinnert noch immer an die Druiden und ihre Magie. Nemeton war das keltische Wort, das sowohl Heiligtum als auch Wald bedeutete.

    Noch lange nachdem man den Wald von Dodona der alten Griechen vergessen hatte, verglich man die Pfeiler der gotischen Kathedralen mit den Stämmen eines Waldes, dessen Äste die Bögen sind, die das Gewölbe stützen. Im letzten Jahrhundert murmelten viele deutsche Holzfäller ein kleines Entschuldigungsgebet zu dem Baum, den sie fällen wollten.

    In Indien ziehen sich die Sannyâsa in den Wald zurück und sammeln sich dort, wie es auch einige europäische Eremiten taten. In China befand sich auf bewaldeten Berggipfeln fast immer ein Tempel. In Japan ist der Wald, den einige Gärten widerspiegeln oder in Miniaturform symbolisieren, heilig, wie der Torii zeigt, der manchmal seinen Eingang wie den eines Tempels markiert.

    Der Baum des Lebens ist in den Gründungsmythen der Waldländer, aber auch der entwaldeten Länder allgegenwärtig, mit einem zweideutig konnotierten "Baum der Erkenntnis" in der Bibel.

    "Wälder sind Palimpseste der Natur." (Alexander Grau)

    Geht man von «Palimpseste» aus, dann sind Wälder Inter-Lebewesens-Theorien analog zu «Palimpseste gilt als eine der modernen Intertextualitätstheorien, die die Bezüge von Texten untereinander zum Thema haben.» Wälder und Berge bewegen Menschen dazu magisch zu denken. Ich unterscheide dieses Denken grob in dreierlein Hinsichten. Erstens Animismus, welcher der Natur magische Kräfte zuschreibt. Zweitens der sondergestaltete Mythos wie er in den Religionen beheimatet ist und philosophisch bearbeitet werden kann. Drittens, und in meinen Augen die einflussreichste Art wie wir mit mythischen Kräften interagieren, die mythische Wirklichkeit. Und zwar jene, die uns bewusst oder meist auch unbewusst bewegt. Sie kann aufgedeckt, entlarvt und so ihrer unterschwelligen Wirkkraft enthoben werden. Mythische Wirklichkeit kann aber auch neu installiert werden. So wie wir das im Glauben auf ein vereinigtes und starkes Europa etwa beim Anhören der Ode an die Freude empfinden können.

    Man sagt, die grossen Kulturen seien in Breitengraden entstanden, wo jahreszeitliche Wechsel herrschen. Wo für den Winter Vorräte angelegt werden müssen usw. Auch Leute, die in den Bergen leben, bekommen die Härten der Winter stärker zu spüren, als jene im Flachland. Zweifellos stärken diese klimatischen Unbill auch die psychische Widerstandskraft. Vielleicht verursachen sie auch eine Selbstbezogenheit, die auch als wenig weltoffen gedeutet werden kann. Doch wird dies heute durch weltweite Verbundenheit durch Smartphone, TV und Internet relativiert.

    die curiositas ist nicht zu allen Zeiten ein Laster (wie bei Augustinus)

    Ich empfinde curiositas („Neugier(de)“), auch cupidus („begierig“) und cupiditas („Begierde“) nicht primär als negativ, wiewohl ich mit dem einverstanden bin, was Cicero auf seiner Reise in seinem Brief an seinen Freund Atticus in Rom damit negativ konnotiert ausdrückte.

    Das Verlangen nach Unbekanntem, Bayerische Akademie der Wissenschaften:

    «Das erstaunlich breite Spektrum von Konnotationen, das der deutsche Begriff „Neugier(de)“ umfasst, ist durch die Geschichte eines lateinischen Wortes geprägt: Sie beginnt mit dem Adjektiv curiosus, abgeleitet von cura („Sorge“); das Suffix -osus bezeichnet den Aspekt der geschäftigen, umtriebigen „Sorge“ und des „Verlangens“, bisher Unbekanntes in Erfahrung zu bringen. Das lateinische Substantiv curiositas hat nach unseren Kenntnissen niemand anderer als Marcus Tullius Cicero vor gut 2.000 Jahren neu gebildet: In einem Brief, den er 59 v. Chr. von einer Reise an seinen Freund Atticus in Rom schreibt, spottet er über den eigenen Heißhunger nach Klatsch und Tratsch aus der Hauptstadt und nennt diesen Trieb curiositas, wohl in Analogie zu Begriffs paaren wie cupidus („begierig“) und cupiditas („Begierde“). Damit führt Cicero offenbar ein bisher nicht existentes, jedenfalls schriftlich nicht belegtes Wort in die lateinische Sprache ein. Mit dem Neologismus macht er deutlich, dass die „Sorge“, das Neueste nicht zu wissen und damit irgendetwas zu verpassen, zur „Gier“ nach Wissen werden und das Objekt dieses Strebens auch trivial sein kann. Der Begriff curiositas ist somit von Beginn an negativ konnotiert.»

    Seewege und Sehwege können gleichermaßen Grenzverletzungen sein.

    Erst recht können Seewege und Sehwege gleichermaßen Grenzverletzungen sein, wenn die Sehwege nicht nur auf die Jupitermode, sondern auch nach innen, in die Seele gerichtet sind. Wenn dieser urtümliche Bewusstseinsstrom, aus dem wir als Subjekte auftauchen, zerlegt und entschlüsselt wird.

    Den hier schon angesprochenen Fragen nach der Unendlichkeit, nach dem Tod, nach dem In-der-Welt-Sein, nach der „ewigen Wiederkehr“, nach dem Ursprung usw. ist gemeinsam, daß sie allesamt nicht von einer Art sind, die wissenschaftlich formatiert werden könnte. Hier gibt es Anlaß, Philosophie, Literatur, Wissenschaft in ein Verhältnis zu setzen, nicht gegeneinander auszuspielen.

    Soeben habe ich mir ein am letzten Montag, dem Jahrestag des Einmarsches der russischen Armee in die Ukraine aufgezeichnetes Video eines Interviews mit Anne Applebaum (Anne Applebaum: westliche Demokratien und ihre neuen ...) angesehen. Die aus einer US-amerikanischen jüdischen Familie, die zum Reformjudentum gehört stammende Applebaum ist seit 1992 mit dem polnischen Politiker Radosław Sikorski verheiratet, der von 2007 bis 2014 polnischer Außenminister war und dieses Amt seit Dezember 2023 erneut bekleidet. Erstaunlich wie sie die verschiedenen Sektoren unserer Gesellschaft zu einem Ganzen zu verbinden und daraus auch eine Vision für die Zukunft unserer europäischen und der ins Wanken geratenen amerikanischen Demokratie zu entwickeln vermag. Vielleicht ist es Menschen mit einer jüdischen oder einer profunden und reflektierten christlichen Tradition in besonderem Mass gegeben über den Moment hinauszuschauen und in grösseren Zusammenhängen zu denken.

    "Irgendwann" müßte sich dann aber alles wiederholen [...] Glück und Liebe sind seltene Zustände

    Natürlich ist ein Zustand oder besser gesagt, ein Prozess ewigen Glücks und Liebe, der sich als solcher dann nicht einfach wiederholt, ein Mythos. Es ist ein Ideal einer Welt, in der Gerechtigkeit herrscht. Warum haben viele Philosophen der europäischen Aufklärungszeit noch an einen Endzweck der Geschichte und ein höchstes Gut geglaubt, was heute die meisten für eine Illusion halten. Ich denke mit Alfred North Whitehead zusammen, dass Ideen, welche über das rein Materielle hinausgehen zur Philosophie gehören sollten, auch wenn man sie als Mythen bezeichnet. Es ist doch schlussendlich das, was uns moralisch nach oben zieht, ungeachtet dessen, dass es immer ein wenig unerreicht bleibt. Aber das verleiht dieser Sehnsucht nach einer besseren Welt doch gerade die besondere Zugkraft, dass wir immer nahe dran sind, sie aber nie vollkommen verwirklichen.

    Hypothetisch betrachtet kann dagegen eine Unendlichkeit, einem Anfang behaftet, sowohl aus dem Nichts entstehen, kann aber auch anfangs- und endlos schon immer existiert haben. Ist es womöglich diese Ambivalenz, welche uns unsere Gedanken daran gleichermaßen ‚entsetzlich‘ wie ‚erhaben‘ erscheinen lassen?

    In einer Fernsehdokumentation sah ich kürzlich wie sich in ein paar Milliarden Jahren unsere Milchstrasse mit der Andromeda-Galaxie in einer gegenseitigen Vernichtung durch Kollision wie in einer Neuentstehung zu einer Hypergalaxie vereinigt. Es machte beinahe den Eindruck als ob dieses Entstehen und Vergehen endlos sei, auch wenn wir an das «Kollabieren des Universums unter der Wirkung der Gravitationskraft [denken], bis es schließlich in einer Art von umgekehrtem Urknall, dem „Big Crunch“, endet und somit völlig verschwindet" oder auch wieder neu entsteht. Dies wäre eine Unendlichkeit, die mit einem Anfang behaftet ist, die aus dem Nichts entsteht, wieder vergeht und dann anders vielleicht neu entsteht, quasi als ein neuer Himmel und eine neue Erde. Wenn aber die "Unendlichkeit" anfangs- und endlos schon immer existiert haben soll, dann wird sie in meiner religiös gefärbten Lesart zur Ewigkeit. Sie korrespondiert dann mit dem ewigen Leben, das nicht nur in seiner Länge unendlich ist, sondern auch von seiner Qualität her unendliches Glück oder eben ewige Liebe verspricht. Die Ewigkeit liegt dann in einer höheren Qualität des Seins, die schon hier und jetzt beginnen kann und nicht endet.

    Das sind die drei Unendlichkeiten, die Du erwähnst, Himmel, Meer, Strand („Dünen“). Der Mensch verliert sich darin; seine Lebenszeit ist endlich, sein Dasein „ameisenklein“. Und zugleich weitet und sehnt sich die Seele „weltenweit“. Das Erhabene und das Entsetzliche haben eine Schnittstelle.

    Andere Philosophen, deren Namen ich jetzt nicht nennen will, unterscheiden zwischen unendlich und ewig. Unendlich ist dann alles, was endlos ist. Ewig dagegen ist die erfüllte, (gegenwärtige) Zeit. Obwohl der Mensch, weil seine Lebenszeit endlich ist und sein Dasein „ameisenklein“, sich in der Unendlichkeit verlieren kann, ist es ihm auch möglich sich im Erhabenen und Entsetzlichen, dem mysterium fascinans et tremendum als in etwas wiederzufinden, was er hier und jetzt wahrnimmt, aber aus einer anderen Welt, die ewig ist zu kommen scheint. Das Entsetzliche (tremendum) ist, was mein Dasein in seiner Endlichkeit und Vergänglichkeit zerschmettert, das Erhabene (fascinosum) ist das, was auch von Kant in der KU thematisiert wird und mich zu den unsterblichen Göttern erhebt, wie z.B. eine ewige Liebe. Wobei ich diese nicht auf eine exklusive Paarbeziehung begrenzt sehe.

    bei der Betrachtung einer leichten Woge, die sich im Sonnenglanz der Mole entfaltete. In ihrem klaren, blaugrünen Lebensschimmer erkannte ich die ungeheure Tiefe und Fruchtbarkeit des Elementes, die hohe Fülle der Heiterkeit, die in neptunischen Palästen wohnt. Wenn unsere Augen immer diese Sehkraft zierte, dann würden wir, wie die Alten, an der Tafel der Götter zugelassen sein.

    Ich verfolge diesen Thread nicht kontinuierlich, weshalb mein Beitrag vielleicht nicht ganz ins Konzept passt. Aber beim Lesen des oben Zitierten meinte ich eine Parallele zu dem zu erkennen, was ich im Moment am Lesen bin.

    Journal Phänomenologie, 17/2002: Gilles Deleuze:

    «Tatsächlich ist der Baum, den ich rieche, und der Baum, den ich sehe, nur auf einem übergeordneten „abstrakten“ Niveau ein und derselbe Baum. Die Ambiguität der Phänomenologie besteht also für Deleuze darin, dass sie kritisch hinter eine Reihe dogmatischer Annahmen von der spekulativen Transparenz des Wissens zurückfragt, ohne jedoch vollends das bewusstseinsphilosophische Erbe auszuschlagen. Oder anders gesagt, dass sie unsere Begriffe erneuert, „indem sie uns Wahrnehmungen und Affektionen verschafft, die uns [...] als Lebewesen von Rechts wegen [...]zur Welt kommen lassen sollten“, ohne im selben Zuge die strukturelle Konstitution dieser Erfahrungen angemessen in den Blick zu nehmen.8 Zwischen dem „Abklatsch“ und dem „Klischee“ konstatiert Deleuze einen (nicht auf die Etymologie beschränkten) Zusammenhang, dem die Phänomenologie kaum zu entrinnen vermag: Das Klischee, nämlich die in natürlicher Einstellung implizit und selbstverständlich geltende Meinung des Subjekts über sich und die Welt, beruht auf bestimmten Grundannahmen (oder kategorialen Hinsichten), die umgekehrt aus dem Bild der gegebenen Meinungen nachträglich abgelesen („abgeklatscht“) werden können.9 Die Selektion abstrakter Merkmale der wohlbestimmten Erfahrung bzw. die Nachahmung des Grundes nach dem Bild des Begründeten reicht nicht in die Tiefe der strukturell bestimmten Ordnungsprozesse der Erfahrung, die sich selbst organisiert und differenziert. Solange die konstitutionsgenetischen Abläufe von allgemeinen Regelungen verstellt werden, wird nicht nur die Erfahrung unter vorgefertigte Schablonen gebracht, sondern bleiben auch die im empirischen Gebrauch der Vermögen „unsichtbaren“ realen differentiellen Verhältnisse (etwa Machtkonstellationen, die nach Foucault die Ordnungen des Wissens durchsetzen) unbeachtet. Nur ein Denken des Widerstands– nämlich gegen die „Welt der Repräsentation“, wie Deleuze in den Jahren um1968 etwas pathetisch formuliert – wäre demnach imstande, Begriffe hervorzubringen, die sich dem Klischee entgegensetzen.»

    ‚Die katholische Kirche spricht sich nach­drücklich gegen alle Formen aktiver Sterbehilfe und der Beihilfe zur Selbsttötung aus. Die pas­sive und die indirekte Sterbehilfe hingegen sieht sie als ethisch ver­tret­bar an‘.

    Ich vertrete nicht die Katholische Kirche und bin mit meiner Frau und meinem jüngeren Sohn, der noch bei uns wohnt Mitglied der evangelische-reformierten Kirche und auch Mitglied der Sterbehilfeorganisation Exit der deutschen Schweiz. Worum es mir im Vorliegenden geht, ist die positive Seite des Statements der katholische Kirche zu erkennen. Ich bin der Meinung, dass es ihr darum geht, keine übereilten Entschlüsse zur Selbsttötung zu treffen. Bei mir wurden alle Abklärung von Seiten der zuständigen Stellen bereits positiv beantwortet, d.h. für meinen Fall, dass ich jederzeit entscheiden kann zu sterben. Es braucht nur noch meine Einverständnis und dass ganze Prozedere zum Austritt aus meinem Leben begänne zu laufen. Diesen Schritt werde ich aber mit Sicherheit nicht im stillen Kämmerchen treffen, sondern nach Absprache mit meiner Frau, meinen 4 erwachsenen Kindern, meinen Enkelkindern und den Ärzten. In dieser Richtung versuche ich die Zurückhaltung der katholischen Kirche gegenüber dem Suizid zu deuten.

    Kannst du dem Tod ins Auge blicken?

    Ich bin der Überzeugung, dass im Blick auf den eigenen Tod die Religionen eine Hoffnung beisteuern können. Deshalb setzte ich mich seit ich von meiner Situation Kenntnis habe anhand der Bibel und in regelmässigen Gesprächen mit unserer Ortspfarrerin mit dem Thema des ewigen Lebens auseinander. Das kann ja jeder und jede halten wie sie will. Ich für meinen Teil habe mich entschieden dem Tod im christlich Glauben in die Augen zu schauen. Unter dem genannten Stichwort "ewiges Leben" lassen sich in der Heiligen Schrift viele Textstellen finden, (ich verzichte hier darauf einig davon zu zitieren), die dazu anregen über den Tod nachzudenken.

    Ich bin ja immer noch unglücklich, weil ich keine Freunde habe

    Wie man hier im Forum inzwischen weiss, ist meine Lebenserwartung krebsbedingt im Augenblick ohne Garantie auf weniger als ein Jahr begrenzt. Man könnte meinen, ich wüsste, wovon ich rede beim Thema "das Leben beenden", zumal ich entschlossen bin mit Hilfe der Sterbehilfeorganisation Exit der deutschen Schweiz den Zeitpunkt meines Abscheidens mit den Ärzten und der Familie zusammen selber festzulegen, also nicht von einem fernen Gott oder Schicksal bestimmen zu lassen. – Nun was der Sinn zu leben und die Freunde anbelangt. Diesbezüglich halte ich viel von einer proaktiven Einstellung. Also vorgestern war ich im Spital in Olten eine Bekannte besuchen, die dort am selben Tag operiert worden war. Gestern war ich mit meiner älteren Tochter und ihren drei Kindern im Museum für Kommunikation in Bern. Und morgen werde ich mich mit einer Ukrainerin treffen, der ich bei der Vorbereitung für ihre Wirtsprüfung zur Seite stehe. Gleichzeitig bin ich per Facebook kontinuierlich im Kontakt mit meiner Zahnhygienikerin, mit der ich schon zweimal essen gegangen bin und mit der ein drittes Mal nun zu vereinbaren ist. – Ich will hiermit nur sagen, dass ich aufgehört habe auf Freunde zu warten, sondern meinerseits die Initiative ergreife und zwar auch dort, wo wahrscheinlich nichts zu holen ist.

    Nun war ja kürzlich der 100. Geburtstag von Gilles Deleuze am 18. Januar.

    Ich lese zurzeit verschiedene Aufsätze speziell zu Deleuze aber auch zu weiteren Autoren wie z.B. Lacan im Zusammenhang mit den Begriffen des Begehrens, des Geniessens, der Lust und der Befriedigung. Hierzu ein Beispiel, das vielleicht über Grundfragen der Philosophie zum Philosophieren verleiten könnte.

    "Körper-Kräfte – Diskurse der Macht über den Körper" von Mirjam Schaub und Stefanie Wenner:

    «Mirjam Schaub deutet in ihrem Beitrag über das Zerwürfnis zwischen Michel Foucault und Gilles Deleuze Lust (plaisir) und Begehren (désir) als exemplarische Figuren a posteriorischer und a priorischer Körpererfahrung. [...] Fehlt da nicht ein dritter Begriff? – Doch ist die Opposition aus Begehren und Lust nicht konstruiert? Gibt es zwischen Lust und Begehren, zwischen Apriori und Aposteriori nicht etwas, das die gesamte, scheinbar so klare Sachlage, – hier das die Erfüllung aufschiebende und selten zufriedenzustellende Begehren, dort die Erfüllung erheischende und erreichende Lust –, außer Kraft setzt? In der Tat fehlen zwei Begriffe: Die Befriedigung und das Genießen. Während die Befriedigung (wie etwa in der Rede von der ›schnöden Triebbefriedigung‹) in ihrer Abfälligkeit schon auf die offizielle Geringschätzung der Lust verweist, scheint Genießen (jouissance) in der Psychoanalyse eine positiv besetzte Sache zu sein, da geeignet, eine subtilere Form des Lustgewinns zu praktizieren. Das Genießen Können neigt sich dabei wieder eher der Seite des Begehrens als der der schieren Lust zu.»

    in der Verwendung von Metaphern dahingehend entwickelt hat, deren Ausdrucksbedeutung vom reinen Denkvorgang her effekthascherisch zu entkoppeln.

    Bildsprache, Metaphern oder auch Mimik und Zeichen mit den Händen, welche etwas ausdrücken, was man dem Gegenüber vermitteln möchte, können grob gesagt zwei sich ergänzende oder auch widersprechende Intentionen haben. Zunächst jene, welche Du oben anführst, die primär auf die Wirkung (den Effekt) beim Gegenüber angelegt sind. Sie grenzen an Verführung. Diese will Macht über den anderen ausüben und zwar so, dass jener dem eigenen Willen willfährig wird. Der Begriff Verführung ist seit Menschen Gedenken (also schon zu Beginn des Alten Testaments) Gang und Gäbe. Er muss von einer Vergewaltigung entschieden abgegrenzt werden, denn er bedient sich vorwiegend oder ausschliesslich rhetorischer Mittel. Ist das nun etwas Böses? Ich denke, dass es das im Prinzip nicht ist. Der andere ist frei meiner Umgarnung Glauben zu schenken und ihr nachzukommen oder nicht. Aber es bleibt dabei: Ich will ihn zu etwas überreden, was primär mir selber dient. – Ich kann die gleichen metaphorischen Mittel aber auch dazu einsetzen, um jemand mitzuteilen versuchen, was im Moment in mir selber vorgeht. Ein Politiker (mir einer gewissen 'humanistischen' Bildung) kann sich bezüglich eines kritischen, gesellschaftlichen Zustandes ehrlich Sorgen machen und ehrlich bestrebt sein eine Mehrheit in einem Abstimmungsgremium auf seine zu bringen, ohne primär an seinen Eigennutz zu denken. In einem solchen Fall versucht der Mensch mit metaphorischen Mitteln die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, aber eigentlich um seinen Gegenüber etwas zu vermitteln, was ihnen selber dient. Das ist in der Regel auch sehr effektiv, weil die Adressaten bald merken, dass es in diesem Fall jemand um die Verständlichmachung der eigenen inneren Bewegungen geht und der Effekt zwar auch da ist, aber nicht im Sinne eines Herrschens über den anderen, sondern eines Dienens mit entsprechender Haltung.

    ein Denken in Bildern, sondern eher eine metaphorische Bildsprache; als Mittel zur Konturierung und Akzentuierung politischer Zielsetzungen

    Ich lese gerade in einem Aufsatz von Kräften, welche in und an uns, beinahe in mythischer Art und Weise, wirken bevor sie uns bewusst werden und zu wahrnehmbaren Wirkungen werden, während bei der metaphorischen Bildsprache der Politik die Zielsetzungen, denen sie dienen sollen im Vornherein schon klar sind.

    Körper-Kräfte. Diskurse der Macht über den Körper

    «Wer heute als Geisteswissenschaftler oder Philosoph von Kräften spricht, meint damit keine feststehende, zeitlich wie räumlich klar begrenzbare Entität, sondern vielmehr etwas, das sich aufgrund seines irreduziblen Möglichkeits- und Zukunftsbezugs dem direkten Zugriff wie der Kontrolle entzieht. Nichts hic et nunc für jedermann Sinnlich-Wahrnehmbares, sondern vielmehr etwas »Indirektes«, »Virtuelles«, bloß »Potentielles«. Eine Kraft ist etwas, das selbst noch wird und sich entwickelt, niemals schon feststeht. Etwas, das in sich selbst veränderlich ist, sich selbst verändert und gleichzeitig andere Veränderung pro voziert. So verstehen wir unter Kraft etwas nicht näher Bestimmbares, das Einfluss auf sich selbst wie auf anderes hat. Etwas, das eher wirkt, als ist. Weder Ding noch Sache, sondern eher eine Form von Ereignis. Etwas, dessen Existenz nur durch seine Wirkungen beglaubigt werden kann, die ihrerseits selten eindeutig sind. Es genügt nicht, Kraft als Ursache einer Wirkung zu benennen. Man muss auch die Frage stellen: Was ist die Ursache von Kraft?»

    die Wechselbeziehung von Biologischem (Körper), vom Psychischem (Gefühl) und vom Geistigem (Symbolleistungen)

    Deine Aufzählung ist natürlich goldrichtig und hat aus meiner Sicht (und so weit ich das beurteilen kann auch aus Sicht Spinozas, Hegels, Fichtes und Schellings oder A.N. Whiteheads) nur eine Schwachstelle, nämlich die Wechselbeziehung mit der Umwelt bzw. der Natur. Ich habe Kant gegenüber eigentlich nur diese beiden Kritikpunkt. Der eine, dass er in der KU die Empfindungen zu wenig gewichtet und nur eine Ästhetik auf Distanz entwirft. Der andere, dass er die Welt mit Ausnahme des Menschen als ein gesetzmässig ablaufendes, mechanisches Gefüge ohne eigene Entscheidungsmöglichkeiten sieht. Wenn wir der Natur ähnliche (nicht dieselben) Freiheiten zugestehen wie dem Menschen, dann käme zur «Wechselbeziehung von Biologischem (Körper), vom Psychischem (Gefühl) und vom Geistigem (Symbolleistungen)» noch jene mit allem, was ausserhalb des Individuums existiert hinzu. Darin kann man durchaus auch etwas Mythisches erkennen.

    Letzteres soll somit nicht vergessen machen, dass sich ein solcher Sprachwandel auch nicht von dieser Wechselbeziehung zwischen Mythos und Sprache ausnimmt.

    Was die Nennung eines Namens für eine mythische Wirkung entfalten kann, ist mir auch aufgegangen, als ich das Zeugnis von Hannah Arendt las. Sie ist im letzten Weltkrieg von Deutschland aus über Frankreich nach den USA emigriert und kehrte kurz nach Ende des Krieges als US-Staatsbürgerin mit einem Auftrag nach Deutschland zurück. Dort machte sie, so viel ich mich erinnere in Wiesbaden halt und suchte hier ihren ehemaligen Geliebten, den dort unter Hausarrest stehenden Heidegger auf. Als von der Besatzungsmacht per Lautsprecher in der Hotelhalle verkündet wurde, Herr Heidegger solle sich auf den Weg dorthin machen, bekennt Hannah Heidegger später, dass sie beim Nennen seines Namens ganz aufgeregt worden sei.

    Dem gegenüber ist der Mythos von der Verführbarkeit der deutschen Öffentlichkeit, in welche sich der Vorgenannte maßgeblich beweisführend mit eingebracht hatte, aktueller denn je. D.h. für mich u.a., dass der Mythos bestimmter Protagonisten historisch weitaus kurzlebiger wirkt, als es vergleichsweise den Mythen jener Systeme zukommt, welche diese erschaffen konnten.

    Dieser Wechsel fand schon wesentlich früher statt, wie in Cassirers Buch: "Substanzbegriff und Funktionsbegriff" (1910) nachzulesen ist:
    "Cassirer ist einer der ersten, der erkannt hat, daß der aus der Mathematik stammende Begriff der Funktion dazu bestimmt ist, Logik und Erkenntnistheorie eingreifend zu verändern. Im Übergang von Dingbegriffen zu Relationsbegriffen, vom 'Substanzbegriff' zum 'Funktionsbegriff' sieht er die entscheidende Metamorphose des naturwissenschaftlichen Weltbildes."
    https://meiner.de/substanzbegrif…griff-8844.html

    Verenas Hinweis auf Cassirer brachte mich dazu auf der Harddisk meines PCs nachzuschauen, ob ich mich mit dem genannten Buch in der Vergangenheit schon einmal befasst habe. Ich habe es inzwischen im PDF-Format herunterladen können. Stiess aber bei meiner Suche auf meinem Laptop auf «Philosophie der symbolischen Formen, 2. Teil, Das mythische Denken» (1923) von Ernst Cassirer (1874-1945), mit dem wir uns hier im Forum vor 2 Jahren einmal auseinandergesetzt haben und hierbei auf eine Stelle, die ich, weil ich finde, sie passe zu unserem Thema, wiedergeben möchte.

    «Mythos und Sprache stehen in ständiger wechselseitiger Berührung – ihre Inhalte tragen und bedingen einander. Neben dem Bildzauber steht der Wort- und Namenzauber, der einen integrierenden Bestandteil der magischen Weltansicht ausmacht. Aber die entscheidende Voraussetzung liegt auch hier darin, dass das Wort und der Name keine blosse Darstellungsfunktion [von etwas ausserhalb von ihm Liegendem] besitzen, sondern dass in beiden [d.i. dem Wort und dem Namen] der Gegenstand selbst und seine realen Kräfte enthalten sind. Auch das Wort und der Name bezeichnen und bedeuten nicht [etwas ausserhalb von ihnen Liegendes], sondern sie sind und wirken. Schon der blossen sinnlichen Materie, aus der die Sprache sich bildet, schon jeder Äusserung der menschlichen Stimme als solcher wohnt eine eigentümliche Macht über die Dinge inne.»

    home-of-the-brave

    Ich lese hierzu in Neue Trump-Regierung: Russel Vought ist wahrscheinlich Trumps gefährlichster Mann:

    «Es ist kein Zufall, dass Trump Russell Vougth so viel Macht einräumen will. Auch er ist fasziniert vom «gilded age» und hat schon mehrmals nicht etwa George Washington oder Abraham Lincoln als grössten Präsidenten gelobt, sondern William McKinley. Dieser heute weitgehend unbekannte Präsident hat in seiner Amtszeit (1897 bis 1901, dann wurde er ermordet) Strafzölle eingeführt und dafür gesorgt, dass die Räuberbarone ungehindert wüten konnten.»

    «Auch Trump will eine Rückkehr zu einem Anarcho-Kapitalismus, verbunden mit uneingeschränkter Macht des Präsidenten. Er will «ein Amerika, das befreit ist von allen Normen, von politischer Korrektheit, von Bürokratie und in einigen Fällen auch vom Gesetz», stellt der «Economist» fest. «Was übrig bleibt, ist eine Mischung von alt und neu, eine Ideologie, die ins Eisenbahn-Zeitalter zurückreicht und sich mit der Ambition mischt, eine Flagge auf dem Mars zu platzieren.»