Ich versuche es mal aus der Sicht der Systemtheorie zu entwickeln:
Was geschieht, wenn ein Mensch verliebt ist? - Verliebtsein zeigt sich im Körper daran, daß er sich in einem Ausnahmezustand befindet. Im Körper geschehen hormonelle Vorgänge und Hirnaktivitäten. Der Botenstoff Dopamin wird ausgeschüttet und sorgt für Hochstimmung und Euphorie. Adrenalin erzeugt eine Alarmbereitschaft, der Herzschlag wird beschleunigt, der Blutdruck steigt, unter Umständen weiten sich die Pupillen, Schweißausbrüche sind möglich. Oxytocin ist ein Hormon, das Vertrauen, aber vor allem auch Nähe fördert; man nennt es deswegen auch „Kuschelhormon“. Der Serotonin-Spiegel sinkt, was die Gedanken ständig um die geliebte Person kreisen läßt. Im Gehirn wird der präfrontale Cortex (logisches Denken) heruntergefahren, während emotionale Zentren aktiviert werden. - Verliebtsein versetzt den Körper im Grunde in eine Art positiven Stresszustand. All das ist gut dokumentiert. Und es betrifft ja zunächst einmal nur den Körper.
Der Körper ist jedoch - immer systemtheoretisch gedacht - die Umwelt des Systems Bewußtseins. Diese Konstruktion (Körper, also auch Gehirn, gehören in die Umwelt des psychischen Systems) scheint lapidar, hat aber weitreichende Konsequenzen, die ich jetzt hier nicht detailliert darstelle. Jedenfalls bewirken die körperlichen Vorgänge, daß man die berühmten „Schmetterlinge im Bauch“ hat (der Magen-Darm-Trakt wird durch die Kombination der Hormone beeinflußt) u.ä.
Aber all das geschieht noch in der Umwelt des Systems Bewußtsein. Woher weiß das Bewußtsein nun, daß es sich um Liebe handelt? - Das Bewußtsein denkt. Es reiht Gedanken an Gedanken. Das tut es in Form von Sprache. Dopamin und Oxytocin können aber nicht sprechen. Auch das Gehirn kann nicht sprechen. Natürlich bestreitet die Systemtheorie nicht, daß all diese Vorgänge stattfinden (in der Umwelt des psychischen Systems!). - Das Bewußtsein ist strukturell gekoppelt, nämlich über Sprache, mit dem sozialen System Gesellschaft. Kommunikation verläuft - meistens - über Sprache und Schrift. Die Systemtheorie spricht auch in dieser Hinsicht von „Semantik“. Semantik meint das historisch gewachsene Reservoir an bereithaltbaren Sinnangeboten, Begriffen, Symbolen und Deutungsmustern, die soziale Kommunikation vereinfachen. Eine dieser Semantiken, dieser Deutungsmuster und Symbole ist die Semantik der romantischen Liebe. - Sie zeigt sich in Symbolen wie dem verschlungenen Herz oder auch in der begrifflichen Formel von den „Schmetterlingen im Bauch“ u.ä.
Was bis dahin ein diffuses Spiel der Hormone war, kommt jetzt, über die Semantik der romantischen Liebe zur Sprache. Was Liebe ist, schlägt sich in dieser Semantik nieder und wird über Liebesfilme, Liebesromane (s. Madame Bovary!) Poesie usw. „sozial angeliefert“. Das junge Mädchen, das zum ersten Mal verliebt ist, hat ja nicht wirklich Schmetterlinge im Bauch. Es würde sich übergeben müssen. Es hat aber dieses „Gefühl“. Woher? Es ist ihr über die Semantik der romantischen Liebe zugetragen worden. Sie hat davon gehört. Vielleicht über eine Vorabendserie im TV, vielleicht über Gespräche mit ihrer besten Freundin, vielleicht über TikTok oder Instagram … Vielleicht weiß sie ihr „Gefühl“ auch noch gar nicht richtig einzuordnen. „Was ist das, Mama? Ich fühle mich so, als ob ich schweben würde, seitdem der neue Junge in unserer Klasse ist.“ „Das ist die Liebe, mein Kind. Du bist verliebt.“
Ob im TV, ob bei TikTok, ob im Gespräch mit der besten Freundin oder Mama - immer ist Sprache im Spiel, Sprache, die Dopamin und Co. nicht beherrschen. Daß dabei ein „Gefühl“ im Spiel sein mag, wird nicht bestritten, aber erst die (gesellschaftliche) Semantik der romantischen Liebe, die sich ja nicht als Grundausstattung im Bewußtsein vorfindet, sondern außerhalb des Bewußtseins durch Massenmedien bereitgestellt wird, koppelt (über Sprache) soziale Systeme und Bewußtseinssysteme. Etwas zugespitzt formuliert: Das junge Mädchen erfährt davon, daß es verliebt ist, daß es „Schmetterling im Bauch“ hat, aus der BRAVO.
Soweit die Systemtheorie. Das mag kein schöner Befund sein und es hat auch etwas Kränkendes für das Bewußtsein, was sich ja ungern „von außen“ sagen läßt, daß es verliebt ist, aber Hormone können nun mal nicht sprechen. Man kann vielleicht bei jungen Menschen die Probe darauf machen. Oft empfinden sie nur ein Verwirrtsein. Da ist von „Schmetterlingen im Bauch“ noch gar keine Rede. Wie gesagt, Systemtheorie ist durchweg Zumutung. Sie kränkt das Ego, das sich autark und edel fühlt und das aus sich heraus weiß, daß es verliebt ist oder nicht. Dazu braucht es keine „Semantik der romantischen Liebe“, die „sozial angeliefert“ wird durch Massenmedien. Aber Systemtheorie funktioniert so nicht. Wie sich die Sache nun wirklich verhält, weiß wie immer Peter Fuchs: Liebe, Sex und solche Sachen: Zur Konstruktion moderner Intimsysteme. 