Was aus dieser Erzählung über Systemtheorie à la Luhmann ließe sich eigentlich mit Textstellen aus der Systemtheorie belegen? - Ich hab' ja vor kurzem schon mal erwähnt, daß Du Dich in anderen Bereichen für die Systemtheorie stark machst. In letzter Zeit ist mir dabei eine - wie soll ich sagen - außergewöhnliche Kreativität aufgefallen, welche die Systemtheorie mit Geschichten über sich selbst versorgt. 
Indem sie das Menschliche für nicht-existent oder „Umwelt“ erklärt, erklärt sie das Menschliche. Dieses Paradoxon ist ihre Magic, ihre Mystik und so erschafft ihre vollkommene Illusionslosigkeit Illusionen, wenn nicht sogar Visionen.
"für nicht-existent oder 'Umwelt'"
Die Systemtheorie erklärt weder den Menschen noch das mit ihm verbundene Menschliche für "nicht-existent". Von der Theorie werden soziale Systeme als Sinnsysteme eingeführt, als "sinnhafte Systeme". Gemeint sind damit nicht "sinnvolle" Systeme! "Sinnhaft" bedeutet nicht, daß diese Systeme mit metaphysischem Gehalt angereichert wären oder einen tieferen Zweck verfolgen würden. Mit "Sinn" wird in der Systemtheorie eine bestimmte Verarbeitung von Komplexität bezeichnet. Dabei wird ein Verweisungszusammenhang aufgespannt zwischen dem, was ist und dem, was auch sein könnte. Sinn ist die Einheit der Differenz von Aktualität und Potenzialität.
Versteht man soziale Systeme von dieser Sinnhaftigkeit her, dann leuchtet unmittelbar ein, daß ein Knochen, eine Sehne, eine Ader, ein Stück Gehirnmasse, Urin, Darm ... nicht "Teile" eines Sinnsystems sein können. Ist die Konzeption der Theorie so angelegt, daß soziale Systeme und Bewußtseinssysteme Sinnsysteme sind, gehört der Mensch zur Umwelt solcher Systeme. Der Mensch ist kein System. Er besitzt einen Körper und ein Bewußtsein. Das Bewußtsein erfüllt die Voraussetzungen eines Sinnsystems; aber auch in diesem Bewußtsein kommt kein Knochen, keine Sehne, keine Ader ... vor. Auch kein Gehirn. (Das Gehirn gehört wie alles andere zur Umwelt des autopoietischen Systems, das als Bewußtsein beeindruckt.) Das Bewußtsein besteht lediglich aus Gedanken. Natürlich kann es an Knochen, Sehnen, Adern ... denken, aber es besteht nicht daraus.
Biologische Systeme wie das Nervensystem, das Immunsystem, das Verdauungssystem sind keine sinnhaften Systeme. Statt über Sinn laufen sie über chemische (u.a.) Prozesse. - DESWEGEN sind biologische Körper Teil der Umwelt von Sinnsystemen, nicht weil sie "nicht-existent" wären. Würde der Mensch als Einheit von Körper und Geist dagegen Teil der Gesellschaft sein, würde die Gesellschaft durch Gewichtszunahme eines dieser Körper schwerer werden, durch Amputationen leichter usw.
Indem Luhmann den Menschen und seine Empathie in die Umwelt verbannt, erklärt er sie nicht für wertlos, sondern für so groß, dass kein Code der Welt sie jemals fassen könnte.
Wie aus dem gerade Beschriebenen hervorgeht "verbannt" die Systemtheorie weder den Menschen noch seine Fähigkeit zur Empathie in die Umwelt (s.o.). Ein solches "Framing" bedient genau die Vorurteile, die gegen die Systemtheorie gepfegt werden; u.a. daß sie der Inbegriff der Unmenschlichkeit sei, weil sie den Menschen und mit ihm das menschliche Miteinander "verbannen" würde. Sie sei eine kalte Sozialtechnologie u.ä.:
Das System ist so wenig kalt wie die Umwelt warm. System und Umwelt trennt ein Komplexitätsgefälle und Systeme verarbeiten Sinn.
Luhmann ist der Befreier, der kein Befreier sein will ... kein Messias
Niklas Luhmann war ein Soziologe.