Posts by Nauplios

    Im Urlaub nicht. - Obwohl, man kann es vielleicht doch so nennen, denn der Urlaub kommt vom althochdeutschen urloup und das bedeutete "Erlaubnis", "Freistellung vom Dienst". :)

    Ich bin also nicht wirklich im Urlaub; meine Arbeit geht weiter und ich lese auch im Forum weiterhin mit. Aber ich will mich zur Zeit nicht an den Diskussionen beteiligen. Das soll andere nicht hindern, es zu tun und die Erfahrungen der letzten Monate hat gezeigt, daß sie es umso eher können je weniger ich dazwischenfunke; zumal ich gut daran tue, manche Themen im Forum nicht anzusprechen und mein Kommunikationsstil manch einem nicht gefällt.

    (zur Frage der Kommunikation gibt es neuerdings hier einen Thread:

    Wieviel Kommunikation gibt es in der Gesellschaft)

    Wo ist Nauplios geblieben - immer noch in Urlaub?

    Seine Geschichten waren wenigstens geistvoll - er fehlt einfach!

    Im Urlaub nicht. - Obwohl, man kann es vielleicht doch so nennen, denn der Urlaub kommt vom althochdeutschen urloup und das bedeutete "Erlaubnis", "Freistellung vom Dienst". :)

    „Something Cool“ erzählt die Geschichte einer einsamen Frau in einer Bar fernab der Heimat. Sie nimmt von einem Fremden einen Drink und eine Zigarette an und lässt dabei Erinnerungen an ein glamouröses Vergangenheitsleben aufblitzen, während sie ihre gegenwärtige Realität mit witzigen, melancholischen Betrachtungen und selbstironischem Humor verhüllt. Schließlich bittet sie um „etwas Cooles“, um dem Alltag kurz zu entfliehen und ihre Einsamkeit zu bewältigen. Dabei bezeichnet sie den Mann sogar versehentlich als „Date“, bevor sie sich korrigiert.

    Melancholie ist die stille Schwere des Wissens. Sie ist nüchtern, klar und auf keinen Fall depressiv. Das Verhältnis zwischen Systemtheorie und Melancholie lässt sich nach RosiG2 Tunnel-Schwingungs-Modells (TSM) nicht als zufällige Verbindung, sondern als strukturell notwendige Spannung verstehen.

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    Großartig, Meister! :):thumbup: Das paßt wunderbar zum heutigen Nachmittag hier im Münsterland, in dem dicke Schneeflocken die Landschaft verschönert haben. Den Schneemann habe ich am Wochenende mit den Sternsingern gebaut (zwei von ihnen sind Schüler von mir), deren Weg aus dem Morgenland bei uns vorbeiführte. - Deine Videos (und ich hoffe, das ist für Dich ok) werd´ ich ab nächste Woche mal einigen Schüler*innen zeigen. :)

    Für die Mühen der Verständlichmachung, liebe RosiG2, meinen herzlichen Dank. Es ist damit deutlich geworden, was Du unter den „Vollzugsformen“ verstehst. „Gesellschaft existiert nur, solange sie geschieht.“ Das ist vermutlich der entscheidende Punkt in Deinen Ausführungen.

    Das ist mal wieder eine totale Überreaktion auf meine Kritik an deiner Kritik.

    Ich habe absolut nicht vor, das Thema "Systemtheorie" hier zu hijacken - Luhmanns Systemtheorie ist DEIN Thema, in dem du dich gut (und ich wenig bis gar nicht) auskennst und ich habe/hatte eigentlich nur vor, hier konstruktiv mitzuarbeiten.

    Deine konstruktive Mitarbeit zur Systemtheorie (oder welchen Themen auch immer), sei es in diesem Thread oder in anderen ist jederzeit möglich. Ich werde mich dem nicht in den Weg stellen.

    Ich will gern (vor dem Hintergrund meines nur fragmentarischen Luhmann-Verständnisses) versuchen, dir zu erläutern, was ich gemeint habe, in der Hoffnung, dass du das Formulierte (und das noch nicht Formulierte) nicht wieder karrikaturartig darstellst.

    "Nicht der Mensch kommuniziert, sondern die Kommunikation kommuniziert" - diese "transzendentale" Suspendierung des Menschen aus den Gesetzmäßigkeiten des kommunikativen Systems mag ja in seiner unspezifischen, formalen Allgemeinheit einigermaßen zutreffen, aber es stellt sich dann doch sofort auch die Frage, wer oder was die faktischen Kommunikationsgehalte bestimmt - wie zB bei Marx und der Phänomenologie die Kantkritische Frage nach den Bedingungen des faktischen Bewusstseins gestellt wird (Produktionsverhältnisse und Lebenswelt) - und bei der Frage nach der faktischen Bestimmung der kommunikativen Inhalte kommt wieder der Mensch ins Spiel der Theorie, bzw gruppenspezifische Interessen (zB ökonomisch-materieller oder geschlechtsspezifischer Art usw usf), welche die (Themen-)Wahl (bzw Unterdrückung) und Konzeption der kommunikativen Inhalte bestimmen - Stichwort: Herrschaftsdiskurs und Deutungshoheit im kommunikativen Diskurs.

    Und ein Bewusstsein/Sensibilität für diese menschengemachte und interessenbestimmte faktische Gestaltung von Kommunikation findet sich bei dem "Überflieger" Luhmann leider nicht - wie er ja selbst einräumt (s.o.). Diese Vernachlässigung der Bedingungen der faktischen Gestaltung von Kommunikation zugunsten einer äußerst abstrakten Behandlung des Themas ist aber mE auch ein theoretisches Defizit (inwiefern - müsste man noch diskutieren), wirkt sich aber vor allem als praktisches gesellschaftskritisches/aufklärerisches Defizit der Luhmannschen Kommunikationstheorie aus - worauf ja zB die Habermassche Kritik an Luhmann abhebt.

    Ich rekapituliere:

    Das Defizit der Luhmann´schen Theorie der Gesellschaft liegt in ihrem Außerachtlassen der konkreten Ablaufbedingungen der Kommunikation, d.h. deren faktischer Gestaltung. Damit wird die Möglichkeit, gesellschaftskritische Impulse in die Systemtheorie einfließen zu lassen, zugunsten des Abstraktionsniveaus der Theorie, aufgegeben. Aufklärung über Verzerrungen der Kommunikation durch asymmetrische Machtverhältnisse, ist aufgrund ihrer Theorieanlage durch die Systemtheorie Luhmann´scher Provenienz damit nicht möglich.

    Ist es nicht eher dieses ominöse Miss-Verstehen und Frau/Mann-Ding?

    Das systemtheoretische Miß- ist immer dabei; aber hier geht es ja nicht allein um den Inhalt einer Information, sondern vorrangig um die Mitteilung derselben und ihre "Verfahrensweise" als "sattsam aus früheren Tagen" bekannt und daß ich mich "diesbezüglich kein Quentchen geändert" hab'. - Das will ich nicht weiter kommentieren, aber respektieren natürlich schon.

    Ich hatte mich zunächst verschrieben und dacht mir aber dann ´„systemtheoretisch fliegen“ klingt doch ganz nett´. Da kann sogar RosiG2 s Vollzug mitschwingen, denke ich zumindest.

    „Profan“ bläst ins selbe Horn. Vor dem heiligen Bezirk spielt sich das Leben ab

    Es gibt eine oft zitierte Textstelle, wo Luhmann schreibt: „Diese Theorieanlage erzwingt eine Darstellung in ungewöhnlicher Abstraktionslage. Der Flug muss über den Wolken stattfinden, und es ist mit einer ziemlich geschlossenen Wolkendecke zu rechnen. Man muss sich dabei auf die eigenen Instrumente verlassen. Gelegentlich sind Durchblicke nach unten möglich – ein Blick auf Gelände mit Wegen, Siedlungen, Flüssen oder Küstenstreifen, die an Vertrautes erinnern; oder auch ein Blick auf ein größeres Stück Landschaft mit den erloschenen Vulkanen des Marxismus. Aber niemand sollte der Illusion zum Opfer fallen, dass diese wenigen Anhaltspunkte genügen, um den Flug zu steuern.“ (Niklas Luhmann; Soziale Systeme; S. 11)

    „Systemtheoretisch fliegen“ trifft es also ziemlich genau. :)

    Was den „heiligen Bezirk“ angeht, natürlich hat man, hab´ich Quellen, auf die ich mich beziehe. Das ist ja das ganz normale Geschäft in der Philosophie, in den Geisteswissenschaften. Vorsichtiger formuliert: ich halte es dafür. RosiG2 hat ganz recht, wenn sie schreibt: „Deine Argumentationen setzen sehr stark auf Schrift, Theorie, Buch und mediale Beobachtung als primären Ort gesellschaftlicher Wirklichkeit.“ - Theorien werden geschrieben und gedruckt. Also Bücher, Zeitschriften und selbstverständlich auch das Internet, das ja den Zugang zu manchem davon ermöglicht. Wo sollte man ansonsten suchen? - Diese Bezirke sind nicht heilig, aber maßgeblich. Und natürlich sprechen wir hier im Philosophie-Raum dabei nicht mit. Wir operieren in der Tat „vor dem heiligen Bezirk“ (wenn man ihn denn gerne „heilig“ nennen will). Sollte Gustav eines Tages den Stecker ziehen, verschwinden sämtliche Beiträge, die Bibliotheken bleiben bestehen.

    Auch nur kurz, damit Du das später vielleicht mit aufgreifen kannst:

    Wenn Du sagst: "Du gehst zu schnell von Voraussetzungen auf Bestandteile.“
    Dann antworte ich: "„Das tue ich gar nicht - ich rede nicht über Bestandteile, sondern über Vollzugsformen.“

    (Dass dabei immer wieder der Körper genannt wird, irritiert verständlicherweise. Aber ohne Körper gibt es auch keinen Vollzug)

    Sind denn diese Vollzugsformen nicht auch „Bestände“, auch wenn sie resonanzgebunden sind? - In irgendeiner Form (z.B. Emergenz) muß es sie geben, damit man darüber sprechen kann, oder nicht?

    Ich wollte eigentlich an der geplanten weiteren Luhmann-Debatte teilnehmen (und evtl aus Kantscher, hermeneutischer und sprachphilosophischer "Ecke" kritische Nachfragen stellen), aber was du oben angesichts nur ansatzweiser Kritik meinerseits ablieferst, lässt mich Abstand davon nehmen.

    Ich muß ja dort nicht teilnehmen, Simplicia. Ich kann einiges dazu an anderer Stelle schreiben. Es gilt - ich hab´das ja kürzlich schon an anderer Stelle erwähnt - dann für mich der Verzicht, mich dort einzumischen. Damit bist Du vor mir sicher.

    Diese Verfahrensweise von dir kenne ich sattsam aus früheren Tagen und leider hast du dich diesbezüglich kein Quentchen geändert - es ist nicht möglich mit dir einen sachlichen Diskurs zu führen, sobald man das von dir vertretene Konzept auch nur ansatzweise kritisiert.

    Ja gut, wenn ich so schlimm bin, dann geht´s halt nicht.

    Habe ich irgendwo den Begriff "Mensch" im Sinne von "psychophysischer Einheit" definiert und Gesellschaft als Klasse von ontischen (wenn schon, dann nicht ontologischen!) Gegenständen? Das ist deine Interpretation, die du hier ohne nachzufragen als mein Verständnis servierst und anschließend als versierter Strohmann-Bauer kräftig ausbaust, um dann in bewährter Manier den selbstfabrizierten Strohmannn genüsslich abzufackeln.

    Diese Verfahrensweise von dir kenne ich sattsam aus früheren Tagen und leider hast du dich diesbezüglich kein Quentchen geändert - es ist nicht möglich mit dir einen sachlichen Diskurs zu führen, sobald man das von dir vertretene Konzept auch nur ansatzweise kritisiert.

    Ich wollte eigentlich an der geplanten weiteren Luhmann-Debatte teilnehmen (und evtl aus Kantscher, hermeneutischer und sprachphilosophischer "Ecke" kritische Nachfragen stellen), aber was du oben angesichts nur ansatzweiser Kritik meinerseits ablieferst, lässt mich Abstand davon nehmen.

    Ja, ontische Gegenstände, nicht ontologische. :thumbup:Wenn nun der Mensch nicht als ein solcher in Betracht gezogen wird und auch nicht als psychophysische Einheit angesprochen wird und Gesellschaft nicht als Klasse von ontischen Gegenständen - als was dann?

    Mein Einwand richtet sich deshalb nicht gegen "Theorie", sondern gegen eine implizite Körperlosigkeit der Theorien. Wenn Gesellschaft ausschließlich dort verortet wird, wo Schrift, Beobachtung und Kommunikation operieren, dann wird übersehen, dass auch diese Operationen nur durch leiblich situierte Vollzüge existieren (Menschen also ...).

    Ohne Menschen keine Gesellschaft. Ja, aber ohne den menschliches Leben ermöglichenden Abstand der Erde zur Sonne auch keine Gesellschaft. Voraussetzungen für Gesellschaft gibt es viele, aber deswegen sind diese Voraussetzungen ja nicht Bestandteile der Gesellschaft. Es muß "leiblich situierte Vollzüge" geben, ja; ohne Stimmbänder kein Sprechen, ohne Gehör, ohne Augen geht es nicht. (Die KI hat all das nicht und spricht trotzdem zu uns.)

    Der Schluß von den Voraussetzungen (Körper) zu den basalen Einheiten der Gesellschaft (Körper) erfolgt zu schnell.

    Allem anderen (Zu/stand statt Gegen/stand) kann ich durchaus zustimmen. Das nur auf die Schnelle und unter kleinem Vorbehalt. Später mehr.

    Systemtheorie darf mMn auch profan sein. Auf die Stänkereien aus dem „Frankfurter Eck“ reagierte Luhmann als Funktionsträger der Sozialwissenschaften zwar mit einer Beschränkung auf Sozialwissenschaften, aber ich bin mir sicher, dass Luhmann privat, genauso wie im hier im Kaffeehaus, systemtheoretisch "geflogen" wird.

    Was bedeutet der letzte Satz? :/ (systemtheoretisch "geflogen"???)

    Und was bedeutet der erste Satz (Systemtheorie darf profan sein???) :/

    Das Gegenteil von "profan" wäre sakral. :saint: Also: Luhmann hat keine heiligen Texte geschrieben. Um Gottes willen ... besser: um des Teufels willen. Ich hab' damals im Lektürethread von Die Gesellschaft der Gesellschaft darauf hingewiesen, daß der Band Soziale Systeme in der bekannten stw-Reihe die denkwürdige Nummer 666 hat! :evil: Das ist sicher kein Zufall!

    Luhmann hat den Teufel immer mal wieder erwähnt, weil der Teufel der Präzedenzfall einer Beobachtung ist, die auf Unterscheidung angewiesen ist. Schon die Existenz des Teufels ist ja die Folge einer Unterscheidung, sofern er von Gott ab-gefallen ist. Der Teufel ist gleichsam der erste, der Spencer-Browns Imperativ ("draw a distinction") folgt. So kommt das Böse in die Welt, das sich (!) vom Guten, von Gott, unterscheidet. Noch vor der Vertreibung des Menschen aus dem Paradies wird der Teufel ja aus der Region paradoxiefreien Beobachtens geworfen, dem Himmel. Doch der Teufel wäre nicht der Teufel, ginge es ihm nicht ums Ganze. Diesen diabolischen Anspruch stellt auch die Systemtheorie. Systemtheorie ist so gesehen Teufelszeug.

    Ein großes Problem beim Nachvollziehen systemtheoretischer Texte, seien sie nun von Luhmann, Fuchs oder anderen, ist die Äquivokation des Theorievokabulars. "System" - das Wort gibt es lange vor Luhmann, ebenso Umwelt, Kommunikation, Evolution ... Es rastet dann ein bestimmtes Vorverständnis ein und man hat bei "System" irgendetwas mit "Gleichgewicht" oder "Stabilität" im Kopf oder mit Kapitalismus, bei "Umwelt" irgendetwas Ökologisches, bei "Kommunikation" miteinander sprechende Menschen, bei "Evolution" ein darwinistisches Modell usw.

    Das führt natürlich vollkommen in die Irre und der Verstehensprozess der Texte ist wesentlich ein Lösen dieser Blockaden. Von einer Luhmann-Lektüre hat man nichts, wenn man den kontraintuitiven Verwendungsweisen all dieser Begriffe nicht Kredit jenseits des Überziehungslimits gibt. Man muß Vertrauen haben. Sonst braucht man gar nicht anfangen. Du hast kürzlich "Liebe - eine Übung" erwähnt. Systemtheoretisch zu denken muß man üben. Wenn man etwas nicht sofort versteht, muß man es bis auf weiteres glauben. Insofern dann doch: um Gottes willen. :saint:

    Aber das sag' du mal heute jemandem! Erste Übung: Nachplappern. Zweite Übung: Nachplappern unter Verwendung eigener Formulierungen. So kommt ein Verstehensprozess (Verstehen hier im hermeneutischen Sinne, nicht im systemtheoretischen; für das Verstehen im Sinne der Selektion bleibt noch genügend Platz) in Gang. Dritte Übung: Texte mehrfach lesen. Und jetzt kommt etwas Überraschendes: So läuft das Studieren philosophischer Texte immer. :S

    RosiG2:

    Ich habe den Eindruck, Rosi, daß wir unterschiedliche Erkenntnisinteressen haben. Um das zu erläutern, schicke ich einen Satz voraus, den Du kürzlich an anderer Stelle geschrieben hast:

    "Wer jetzt noch seine Tore verschlossen hält und sich in seine Bibliotheken zurückzieht, wird dort verstauben." (17. Dezember im Thread "Umgang mit KI im Forum") - Ja, wer Bibliotheken aufsucht, darf keine Staub-Allergie haben. Man findet dort im Wesentlichen Geschriebenes, gegebenenfalls in elektronischer Form. Mit dem "Staub", der dem Geschriebenen anhaftet, ist ja nicht wirklich Staub gemeint, sondern damit ist die Nachgängigkeit des Mediums Buch gemeint. Während das Buch geschrieben wurde, hat sich die Welt, die Gesellschaft, geändert. Beschreibungen der Welt in einem Buch kommen allemal zu spät. Zeitungen sind schneller, aber auch sie können über Ereignisse erst dann berichten, wenn sie bereits geschehen sind. Selbst beim Fernsehen, das live berichtet, schiebt sich der Filter der Kamera zwischen dem Beobachter und dem Beobachteten, von der Auswahl dessen, was überhaupt berichtenswert erscheint, mal ganz abgesehen. "Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien." (Niklas Luhmann; Die Realität der Massenmedien)

    Zu den Büchern, Zeitungen, Zeitschriften, Radio- und TV-Sendern kommen noch das Internet, generative KI, Navigationssysteme u.ä. Aber immer sind es Medien, die uns etwas beobachten lassen, was den individuellen Erlebenshorizont überschreitet. Niemand von uns war beim Angriff der Amerikaner auf Venezuela dabei. Niemand von uns ist im Haushaltsausschuß anwesend. Niemand von uns hat die Erde je aus dem Weltraum gesehen. Abgesehen von einem winzigen Bereich des "Erlebens", können wir immer nur sagen: "Man hat davon gehört." -

    Schon den Unfall im 3 Kilometer entfernten Hintertupfingen haben wir nicht erlebt. Man hat davon gehört. Unser "Erleben" stellt einen winzigen Bruchteil dar von dem, was sich "an alternden Körpern, durch Nähe und Distanz, durch Anwesenheit, Abwesenheit, Stimme, Blick und Gesten" ereignet. Wie vielen Menschen wirst Du heute begegnen? - Mit wievielen Menschen wirst Du sprechen? - Für wieviele "Blicke" reicht die Kapazität Deiner Augen, für wieviele "Stimmen" die Kapazität Deines Gehörs?

    Gesellschaft (die Systemtheorie versteht darunter die Weltgesellschaft) kann man nicht "erleben". Was Du mit "alternden Körpern ... Blicken, Stimmen, Gesten" meinst, ist Interaktion unter Anwesenden!

    Du bist der Ansicht - ich schildere wie gesagt nur meinen Eindruck - , daß Gesellschaft etwas ist, daß sich vor den Türen der Bibliotheken ereignet. Dein Erkenntnisinteresse richtet sich deshalb auf die alltägliche Begegnung mit Menschen, " leiblich gebundenen Resonanzknoten". - Ich bin der Ansicht, daß es ohne Buchdruck, ohne den gesamten Apparat der Massenmedien gar keine Gesellschaft im Sinne einer modernen Weltgesellschaft gäbe. Die bevorzugte Form von Theorie ist das Buch, die Abhandlung, der Aufsatz. Mein Erkenntnisinteresse ist ein theoretisches.

    Auch Du kannst keine "alternden Körper, Blicke, Stimmen, Gesten" in Deine Texte kleben, Rosi. So oder so, es bleibt bei dunklen Schriftzeichen auf weißem Hintergrund.

    Also, Naupi! „Frankfurter Eck“ ? Das klingt ja wie ´ne Kneipe in der Bockenheimer Landstraße ;)

    Das kommt schon ziemlich hin: vom Institut für Sozialforschung in der Senckenbergstraße bis zur Bockenheimer Landstraße ist es gerade mal 1 Kilometer. :):thumbup:(Fahrrad: 4 Minuten)

    Die Theorie der Kommunikation nach Luhmann steht im Horizont anderer Theorien, die man eigentlich allesamt heranziehen müßte, um überhaupt ein halbwegs stimmiges Bild dieser Theorie zu bekommen. Bewußtsein, Beobachten, Differenzierung, System/Umwelt, Evolution, symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien, Medium/Form, Sinn, strukturelle Kopplung, Paradoxie u.a. stehen terminologisch für ein weites Feld, das durchzuforsten ein Jahr gedauert hat und die Lektüre von 1.200 Seiten beansprucht hat. (Die Gesellschaft der Gesellschaft).

    Dabei sind wir damals längst nicht bis in sämtliche Verästelungen vorgedrungen. Eigentlich müßte man die Lektüre in diesem Jahr wiederholen, um mit dem Vorwissen den gesamten Parcours noch einmal zu durchlaufen. Das wird sich kaum machen lassen, aber vielleicht kommt es ja noch zu einem der oben genannten Projekte (Die Wirtschaft der Gesellschaft oder Die Wissenschaft der Gesellschaft). Letzteres steht auf meiner to-do-Liste für 2026. (Erstes Kapitel: „Bewußtsein und Kommunikation“).

    Und aus welcher "Ecke" eine eher an der praktischen Wirkung orientierte Kritik einer abstrakten sozialphilosophischen Theorie als "Glasperlenspiel" wohl kommt, habe ich ja bereits weiter oben ausgeführt.

    @Glasperlenspiel:
    Ich wollte mit diesem Begriff weder einen Simplifikationsvorwurf noch den Vorwurf der Abgehobenheit/Weltfremdheit (->Elfenbeinturm) formulieren - aber vielleicht schon ein mutmaßliches, mögliches Defizit, das aus solchen Formulierungen spricht wie "Niemand ›tut‹ kommunizieren; Kommunikation kommuniziert, nichts sonst.“

    Mir schien (was aber nur eine vage Hypothese ist, da ich Luhmanns Theorie zu wenig kenne), dass diese Formulierung, welche den Kommunizierenden ausschliesst, daraus resultiert, dass Luhmanns Theorie ihren Schwerpunkt auf der Analyse der allgemeinen theoretischen Elemente von Kommunikation hat und dabei möglicherweise den faktischen Aspekt von Kommunikation außer acht lässt, bei welcher doch der Kommunizierende (neben vielfältigen weiteren Determinanten der faktischen Kommunikation) doch sicherlich eine essentielle Rolle spielt und ergo nicht vernachlässigt werden darf.

    (Bekanntlich hat die Phänomenologie diesen Vorwurf auch gegen Kant erhoben.)

    Dieses „mutmaßliche, mögliche Defizit“ betrifft also den mangelnden „faktischen Aspekt von Kommunikation“. Ich vermute, daß der „faktische Aspekt“ insbesondere aus einer „Ecke“ beleuchtet wird, die geographisch dem Raum „Frankfurt“ zugerechnet wird. Die „Kritische Theorie“ der Frankfurter Schule hast Du erwähnt vorhin.

    Ja, Jürgen Habermas hat ja die Systemtheorie Luhmanns kritisiert in Form einer beständig aktualisierten Anklage, sie leiste Systemerhaltung, Herrschaftslegitimierung, Kritiklosigkeit, Vernunftverabschiedung, Praxisirrelevanz usw. Das Arsenal dieser „Frankfurter“ Kritik an den „Bielefeldern“ ist breit aufgestellt und „Glasperlenspiel“ im Sinne der Vernachlässigung konkreter Machtstrukturen, welche die Kommunikation verzerren, mag auch dabei gewesen sein.

    Aus der Frankfurter „Ecke“ ist all das nachvollziehbar und zwar deshalb, weil in dieser „Ecke“ auf unterster Ebene bereits Moral eingeführt wird. „Kritische“ Theorie setzt die Gesellschaft so wie sie ist in einen Vergleich zur Gesellschaft so wie sie sein soll. Die Theoretiker der Gesellschaft sind zugleich Baumeister der künftigen Gesellschaft. Theorie als Kritik. Theorie als Aufklärung.