Heute mache ich mir eine Freude und besuche mich selbst.
(Karl Valentin)
Um mich selbst geht es in diesem Thread so gut wie gar nicht, auch wenn der Titel dieses Threads anderes vermuten läßt. Eher ist der Hinterhalt, der in der Frage nach dem Selbst beschlossen ist, ein Nachdenken wert. Von den Hinterweltlern - ist ein bekanntes Kapitel aus Nietzsches Also sprach Zarathustra, in dem es um die Erfindung eines göttlichen Jenseits geht, ein „himmlisches Nichts“, in welches ein schwaches Subjekt seine Hoffnungen projiziert. Der Übermensch hingegen bejaht das Diesseits; mit gesundem Selbstbewußtsein ausgestattet, verleiht er der Erde einen Sinn, statt sich in transzendente Traumwelten zu flüchten. Danach ist das einzig greifbare und sichere Maß das eigene Bewußtsein und der Körper.
In etwas verwandelter Form taucht der Gedanke eines Selbstseins, einer Authentizität, in den Diskussionen über Künstliche Intelligenz wieder auf. Ein menschliches Über wird hier ausgemacht, eine „Intelligenz“, im Gegensatz zum bloß Künstlichen, das als Werkzeug des Menschen imponiert, aber sich von dessen Authentizität unterscheiden läßt. Woran sich hier die Geister (unter)scheiden, dafür ist insbesondere die Authentizität eines Menschen, der „Ich“ sagen kann, also über Selbstbewußtsein verfügt, ein möglicher Maßstab. Doch was hat es mit diesem αὐθεντικός, diesem Urheber, der sich für sich selbst verbürgt, auf sich? -
Die philosophische Tradition hat dafür verschiedene Lösungen angeboten, vom cogito über die transzendentale Subjektivität bis hin zum Bewußtsein, zum Ego und zum Dasein u.a., flankiert von psychologischen Instanzenmodellen (Ich, Es, Über-Ich), Identitätskonzepten (I und Me) usw. - In aller Regel residiert in der Psyche, im Bewußtsein ein Akteur, der denkt und lenkt, ein Selbst, das sich mit sich identisch weiß, ein Selbst, das man auch anderen zuweist und dem sich Handlungen und Verhalten zurechnen lassen.
Das scheint eine vergleichsweise klare Angelegenheit zu sein. Und genau hier, beim authentischen Selbst, setzt die systemtheoretische Betrachtung ein. Vorgenommen hat sie Peter Fuchs in Das System SELBST. Eine Studie zur Frage: Wer liebt wen, wenn jemand sagt: „Ich liebe Dich!“?. - Die vermeintlich klare Angelegenheit wird einer vermeintlichen Verunklarung unterzogen, an deren Ende der Befund steht: „Mein SELBST ist alles, nur nicht meines.“
Wie es zu dieser Ernüchterung kommen konnte, soll der Gegenstand dieses Threads sein. Dabei ist eine gewisse Vertrautheit mit der Systemtheorie Luhmanns von Vorteil, aber nicht Vorschrift.