Wenn im Titel dieses Threads von einer „systemtheoretischen Sicht“ die Rede ist, dann ist damit die Systemtheorie Niklas Luhmanns gemeint. Der Thread kann also auch in den Bereich „Soziale Systeme“ verschoben werden. Systemtheorie war auch sonst schon mal ein Thema im Sektor „Poetik und Hermeneutik“ und dabei war eine Textgrundlage leitend. Das soll hier ganz ähnlich sein, wobei ich konkrete Textangaben in diesem Eröffnungsbeitrag nicht vorwegnehmen möchte. Zunächst etwas Allgemeines.
Von Haus aus hat es die Hermeneutik mit Texten zu tun, anfangs die Bibel, dann juristische Texte und später dann philosophische Texte. Der Zugang zur Systemtheorie wird hier durch Texte gelegt, nicht durch spontane Inspirationen, die durch Begriffe wie System, Umwelt, Kommunikation u.ä. ausgelöst werden. Was an anderer Stelle im Forum vermieden werden sollte („Luhmann hat gesagt …“, ist hier Programm. Was hat er denn gesagt? - Er hat etwa 50 Bücher geschrieben und mehr als 500 Aufsätze.
Dieses Textkorpus können wir selbst in dreißig Jahren (das ist der Zeitraum der Produktion der Texte) nicht lesend aufarbeiten. Nur ein winziger Bruchteil davon kann besprochen werden. Das Ziel dieser Besprechung ist in erster Linie, den Text zu verstehen. So gesehen soll dieser Thread ein ganz klein wenig „Luhmann-Philologie“ sein und zum Verständnis zentraler Theoriestücke beitragen. Das ist vom Anspruch bescheiden und weit weniger als im Forum üblich. Als sybok und ich uns vor mehr als einem Jahr gemeinsam mit anderen an die Lektüre von Die Gesellschaft der Gesellschaft machten, hatten wir bereits mehrere Monate Arbeit an der Systemtheorie in einem anderen Forum hinter uns. Wir konnten schon auf etwas aufbauen und manches verhältnismäßig schnell „abhaken“, was uns den Rückenwind für ein zügiges Voranschreiten gab.
Das ist in diesem Thread etwas anders. Hier spricht nichts dagegen, bei „Null“ anzufangen. Damit ist aber auch eine Schwierigkeit markiert. Wo anfangen? Wo ist dieses Null? - Und wie? Manche Erfahrung hat gelehrt, daß allein ein Referieren und Zusammenfassen in Form von Forumsbeiträgen nicht ausreicht, um in die Spur des systemtheoretischen Denkens zu kommen. In die Spur (nicht allein auf die Spur) soll heißen, die Denkbewegung systemtheoretischer Figuren mitvollziehen. Eines der zentralen Werke Kierkegaards heißt Einübung im Christentum; Einübung bezeichnet das, worum es hier gehen soll, recht gut. Als Musiklehrer weiß ich, daß so eine Vokabel auf manch Unwillen stößt. Ich möchte niemanden einer Gehirnwäsche unterziehen, aber anders als durch Übung ist ein Verständnis der Luhmannschen Systemtheorie nicht zu haben.
Die Laufzeit dieses Threads muß nicht, wie bei den 1.200 Seiten von Die Gesellschaft der Gesellschaft ein Jahr betragen. Wichtig ist nur das „lesende Aufarbeiten“. Ohne Eigenkontakte zum Text wird es nicht gehen. Und das erfordert Zeit. Zeit, die man auch anders verbringen kann.
Ich stelle dies mal erst in den Raum und warte die Reaktionen darauf ab. Und nein, ich bin nicht enttäuscht, wenn das Ganze keine Resonanz findet. Dann ist es so und weiter geht´s. ![]()