Kommunikation aus systemtheoretischer Sicht

  • Wenn im Titel dieses Threads von einer „systemtheoretischen Sicht“ die Rede ist, dann ist damit die Systemtheorie Niklas Luhmanns gemeint. Der Thread kann also auch in den Bereich „Soziale Systeme“ verschoben werden. Systemtheorie war auch sonst schon mal ein Thema im Sektor „Poetik und Hermeneutik“ und dabei war eine Textgrundlage leitend. Das soll hier ganz ähnlich sein, wobei ich konkrete Textangaben in diesem Eröffnungsbeitrag nicht vorwegnehmen möchte. Zunächst etwas Allgemeines.

    Von Haus aus hat es die Hermeneutik mit Texten zu tun, anfangs die Bibel, dann juristische Texte und später dann philosophische Texte. Der Zugang zur Systemtheorie wird hier durch Texte gelegt, nicht durch spontane Inspirationen, die durch Begriffe wie System, Umwelt, Kommunikation u.ä. ausgelöst werden. Was an anderer Stelle im Forum vermieden werden sollte („Luhmann hat gesagt …“, ist hier Programm. Was hat er denn gesagt? - Er hat etwa 50 Bücher geschrieben und mehr als 500 Aufsätze.

    Dieses Textkorpus können wir selbst in dreißig Jahren (das ist der Zeitraum der Produktion der Texte) nicht lesend aufarbeiten. Nur ein winziger Bruchteil davon kann besprochen werden. Das Ziel dieser Besprechung ist in erster Linie, den Text zu verstehen. So gesehen soll dieser Thread ein ganz klein wenig „Luhmann-Philologie“ sein und zum Verständnis zentraler Theoriestücke beitragen. Das ist vom Anspruch bescheiden und weit weniger als im Forum üblich. Als sybok und ich uns vor mehr als einem Jahr gemeinsam mit anderen an die Lektüre von Die Gesellschaft der Gesellschaft machten, hatten wir bereits mehrere Monate Arbeit an der Systemtheorie in einem anderen Forum hinter uns. Wir konnten schon auf etwas aufbauen und manches verhältnismäßig schnell „abhaken“, was uns den Rückenwind für ein zügiges Voranschreiten gab.

    Das ist in diesem Thread etwas anders. Hier spricht nichts dagegen, bei „Null“ anzufangen. Damit ist aber auch eine Schwierigkeit markiert. Wo anfangen? Wo ist dieses Null? - Und wie? Manche Erfahrung hat gelehrt, daß allein ein Referieren und Zusammenfassen in Form von Forumsbeiträgen nicht ausreicht, um in die Spur des systemtheoretischen Denkens zu kommen. In die Spur (nicht allein auf die Spur) soll heißen, die Denkbewegung systemtheoretischer Figuren mitvollziehen. Eines der zentralen Werke Kierkegaards heißt Einübung im Christentum; Einübung bezeichnet das, worum es hier gehen soll, recht gut. Als Musiklehrer weiß ich, daß so eine Vokabel auf manch Unwillen stößt. Ich möchte niemanden einer Gehirnwäsche unterziehen, aber anders als durch Übung ist ein Verständnis der Luhmannschen Systemtheorie nicht zu haben.

    Die Laufzeit dieses Threads muß nicht, wie bei den 1.200 Seiten von Die Gesellschaft der Gesellschaft ein Jahr betragen. Wichtig ist nur das „lesende Aufarbeiten“. Ohne Eigenkontakte zum Text wird es nicht gehen. Und das erfordert Zeit. Zeit, die man auch anders verbringen kann.

    Ich stelle dies mal erst in den Raum und warte die Reaktionen darauf ab. Und nein, ich bin nicht enttäuscht, wenn das Ganze keine Resonanz findet. Dann ist es so und weiter geht´s. :)

  • Hier spricht nichts dagegen, bei „Null“ anzufangen. Damit ist aber auch eine Schwierigkeit markiert. Wo anfangen? Wo ist dieses Null? - Und wie?

    Eine Assoziation, die ich beim Lesen davon hatte:
    Ich glaube die Bezeichnung "Systemtheorie" wird, strenggenommen, meist unpräzise verwendet. Luhmann hat ja eigentlich, in so einer Art Schichtsystem, drei aufeinander aufbauende Theorien gebastelt, wir bezeichnen damit aber dieses ganze Gebäude:

    Die eigentliche Systemtheorie selber auf der "untersten Schicht": Eigentlich eine Theorie der Kybernetik, wo es um Informations- und Evolutionstheorie geht, um (autopoietische) Systeme, strukturelle Kopplung und operative Geschlossenheit, etc., um logische Systeme für Selbstbezüglichkeit, usw.

    Dann darauf aufbauend eine Theorie sozialer Systeme, wo Kommunikation als Operation ausgemacht wird. Dort geht es schwerpunktmässig um die Autopoiesis sozialer Systeme.

    Und schliesslich, wiederum darauf aufbauend, eine Theorie der Gesellschaft, mit funktionaler Differenzierung. Luhmann schriebt vom "Gesellschaft als Spezialfall sozialer Systeme".

    Das wäre jedenfalls meine Sichtweise und ich halte diese Sichtweise auch für wichtig und zumindest gibt es auch eine - wenn scheinbar auch wirklich nur diese eine - Stelle, wo Luhmann das auch selber schreibt: Gesellschaft der Gesellschaft S.79-81.

    Keine Ahnung ob das jetzt ein konstruktiver Beitrag war, ob man damit was machen kann oder will, aber mir kam das bezüglich "wo anfangen?" gleich in den Kopf: Die Systemtheorie, im Sinne dieser ersten "Schicht", der "Kybernetiktheorie", schiene mir Grundlage für die Diskussion von Kommunikation im Sinne Luhmanns. Das kann man vielleicht parallel, "in einem Rutsch", gleich miterledigen, aber das Bewusstsein dafür sollte glaube ich da sein, sonst versteht man Kommunikation wohl eher im umgangssprachlichen Sinn oder rutscht immer wieder dahin ab und respektiert und versteht die "kybernetische Sichtweise" darauf womöglich nicht (?)

    ---

    Du hast ja noch die Richtung des Threads relativ offen gelassen. Ich verstehe immer noch einige Dinge bezüglich Kommunikation noch nicht ganz. Zum Beispiel die "Unwahrscheinlichkeit von Kommunikation" die sehr oft thematisiert wird, ich denke zwar, dass ich schon verstehe, was an sich damit gemeint ist, fühle mich aber nicht leichtfüssig/behaglich im Umgang damit. Ebenso zum Beispiel die Geschichte mit den symbolisch generalisierten Kommunikationsmedien. Mir ist auch noch nicht ganz die Beziehung zu Handlungstheorien klar und wie weit man Kommunikation in der Luhmannschen Theorie wirklich fasst, ob und wann eine Handlung exakt unter Kommunikation fällt und ähnliche Fragen.
    Das war jetzt also nur als etwas "Brainstorming" gedacht, ich freue mich jedenfalls auf den Thread .

  • Post by Kairometis (February 3, 2026 at 10:33 PM).

    This post was deleted by Nauplios (February 10, 2026 at 7:28 PM).
  • Weil es mir als "Resonanz" zu wenig gewesen wäre, nur ein "gefällt mir" hier zu lassen - doch noch diese Zeilen mit dazu.

    Spontan würde sich mir die erste Frage aufdrängen, wie ihr das praktisch gestalten möchtet.

    Wer sich beteiligt, braucht dann entweder das Buch/die Bücher, oder ihr stellt euch kurze Auszüge als Diskussionsgrundlage bereit - oder wie genau meintest Du Deine schöne Formulierung "Eigenkontakte zum Text" dazu? :)

    ... und wenn nun manchen Dein Geschenk hier nicht gefällt, Ich meine: die Geste zählt :*

    Ich bin zwar weich, aber darin bin ich knallhart!

  • Keine Ahnung ob das jetzt ein konstruktiver Beitrag war, ob man damit was machen kann oder will …

    Natürlich ist das ein konstruktiver Beitrag, sybok. Er ist auf eine Weise konstruktiv, die eine breite Verweisungsstruktur mitführt. Kybernetik, Evolution, Autopoiesis, strukturelle Kopplung, operative Geschlossenheit, Rekursivität, symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien … Es sind Reflektionen eines Insiders. :) Das große Besteck systemtheoretischer Chirurgie. Wer nicht so vertraut ist mit der Systemtheorie kann darin aber auch Folterinstrumente sehen, Skalpell, Zange, Knochenmeißel … ;) Ich denke, daß wir zu all dem kommen werden und sehe die Schichtung der Systemtheorie auch, die man vielleicht sogar an den Phasen der Veröffentlichung von Luhmanns Schriften festmachen könnte. (Soziale Systeme in den 80er Jahren, Die Gesellschaft der Gesellschaft in den 90er Jahren)

  • Post by Kairometis (February 3, 2026 at 11:34 PM).

    This post was deleted by Nauplios (February 10, 2026 at 7:28 PM).
  • Meister  Kairometis

    Es gibt ja inzwischen mehrere Schauplätze im Forum, auf denen eure Kabbelei (sei sie nun neckisch-liebevoll oder polemisch und konfliktgeladen). Noch einen weiteren könnt ihr gar nicht mehr bewirtschaften. :)

    Seid so gut und tragt euren Konflikt nicht hier aus. Speziell in diesem Thread soll es ein wenig straffer zugehen. Das Thema ist ja gesetzt und wir tasten uns langsam an die Vorgehensweise heran. Wenn es dazu Vorschläge oder Anregungen gibt: jederzeit gerne.

  • Wer sich beteiligt, braucht dann entweder das Buch/die Bücher, oder ihr stellt euch kurze Auszüge als Diskussionsgrundlage bereit

    Wir haben im Projekt einen Thread als Materialsammlung angelegt, dort findet man z.B. auch PDFs von "Einführung in die Systemtheorie" und "Einführung in die Theorie der Gesellschaft", hier: Links und Material zu Luhmann und Systemtheorie#4 ("Einführung in die Theorie der Gesellschaft" gäbe es sogar als Audio der Vorlesung auf youtube, Link findet man auch in besagtem Thread). In "Einführung in die Systemtheorie" gäbe es ein Kapitel "V I . Kommunikation als selbstbeobachtende Operation", damit käme man doch sicherlich schon sehr weit.

  • Post by Kairometis (February 3, 2026 at 11:44 PM).

    This post was deleted by Nauplios (February 10, 2026 at 7:29 PM).
  • Weil es mir als "Resonanz" zu wenig gewesen wäre, nur ein "gefällt mir" hier zu lassen - doch noch diese Zeilen mit dazu.

    Spontan würde sich mir die erste Frage aufdrängen, wie ihr das praktisch gestalten möchtet.

    Wer sich beteiligt, braucht dann entweder das Buch/die Bücher, oder ihr stellt euch kurze Auszüge als Diskussionsgrundlage bereit - oder wie genau meintest Du Deine schöne Formulierung "Eigenkontakte zum Text" dazu? :)

    ... und wenn nun manchen Dein Geschenk hier nicht gefällt, Ich meine: die Geste zählt :*

    Der „Eigenkontakt zum Text“ wird ja durch Lesen oder gegebenenfalls auch durch Hören hergestellt, RosiG2. :) Ich meine damit nicht das Lesen von Büchern mit mehreren hundert Seiten, sondern das Lesen von kurzen Passagen. Man muß dazu auch nichts anschaffen. Die Situation ist heute eigentlich recht komfortabel. Zwei grundlegende Vorlesungen von Luhmann sind bei YouTube hörbar und ich glaube, eine davon ist auch als pdf barrierefrei einsichtig. Das heißt, man kann Luhmann live beim Entwickeln seiner Gedanken zuhören und hat zugleich sein Manuskript vorliegen. Besser und komfortabler kann man es nicht haben.

    Diese beiden Vorlesungen (es sind die letzten beiden Vorlesungen Luhmanns in Bielefeld) tragen die Titel „Einführung in die Theorie sozialer Systeme“ und „Einführung in die Theorie der Gesellschaft“ und an diesen Titeln kann man schon zwei der „Schichten“ der Systemtheorie erkennen, auf die sybok oben hingewiesen hat.

    Ich hatte daran gedacht, vielleicht die eine oder andere Passage aus einer dieser Vorlesung herauszusuchen - Länge: vielleicht 15 bis 20 Minuten - und dann als Diskussionsvorlage zu nehmen. Es spricht auch nichts dagegen, wenn wir Einführungstexte (etwa pdf-Dateien) o.ä., also sogenannte Sekundärliteratur hinzunehmen. Niemand muß sich ganze Vorlesungen anhören (12 mal 90 Minuten); das wäre eine derartige Fülle und Komplexität des Materials, daß wir es hier gar nicht verhandeln könnten.

    Ich oder auch jede(r) andere kann selbstverständlich auch selbst angefertigte Auszüge aus Gelesenem beisteuern. Das ist kein Problem. Womit ich mit „Eigenkontakt zum Text“ hinauswollte, ist eigentlich nur dies: Die Beschränkung auf das reine Mitlesen von Forumsbeiträgen wird nicht ausreichen, um ein Mindest-Verständnis der Systemtheorie anzuregen. Man hat dann am Ende mehr Fragen als Antworten.

  • Eine besondere und ganz eigentümliche Schwierigkeit, die sich bei der Aneignung systemtheoretischer Grundgedanken sofort anfangs auftut, liegt darin, daß das Vorverständnis alsbald auf Bedeutungsverschiebungen bestimmter Begriffe und Denkweisen trifft, die bis dahin (in der normalen Alltagskommunikation) völlig problemlos funktioniert haben, sich beim Kontakt mit Systemtheorie als stumpf erweisen. Mit „Vorverständnis“ meine ich eingespielte Sprech- und Denkweisen, die sich aus der hundert- und tausendfachen Verwendung etwa von Begriffen wie System oder Umwelt bewährt haben. Kaum einer wird sagen, er wüßte nicht, was ein System ist oder was der Begriff Umwelt für eine Bedeutung hat.

    Dieses „Vorverständnis“ bezeichnen Systemtheoretiker wie Peter Fuchs gelegentlich als naiv. Das ist keineswegs abschätzig gemeint. Wir alle (Fuchs eingeschlossen) sind auf diese Naivität angewiesen. Ohne diese Naivität des Sprechens funktioniert kein Alltag (auch der von Systemtheoretikern nicht). - Das Problem ist nun, daß die Systemtheorie vieles (fast alles) umcodiert hat, man sich aber trotzdem anfangs der naiven Alltagssprache bedienen muß, um über Systemtheorie zu sprechen. Eine andere Sprache als die des Alltags steht ja zunächst gar nicht zur Verfügung.

    Das hat zur Folge, daß man eigentlich nur in zwei Schritten vorgehen kann: erst in „naiver Weise“ an die Sache herangehen und später (Systemtheoretiker würden sagen: wenn genug Komplexität aufgebaut worden ist) das Ganze einer Entnaivisierung unterziehen. Um ein Beispiel zu geben: in naiver Weise sprechen wir im Alltag von Subjekt und Objekt. Man hört Sätze wie: „Ja, das ist deine subjektive Sichtweise, aber wenn man das mal objektiv betrachtet, dann …“ (Die anspruchsvolle Weise der Philosophie, von Subjekt und Objekt zu sprechen, laß´ ich jetzt mal außen vor, sie ist ja bereits entnaivisiert!). Die Systemtheorie setzt anstelle der Unterscheidung von Subjekt und Objekt die von System und Umwelt. - Es ist also im Grunde falsch, wenn man das System nach Maßgabe eines handelnden Subjekts denkt, das führt in die Irre. Und dennoch weiß man das anfangs ja nicht. - So wird es gelegentlich geschehen, daß man sich anfangs in naiver Sprechweise einem systemtheoretischen Terminus nähern muß (es geht nicht anders), aber diese naive Form der Annäherung später wieder einkassieren muß. Ansonsten rastet der naive Umgang mit den systemtheoretischen Termini immer wieder ein und blockiert jedes weitere Verständnis.

  • Ein typisches Vorgehen in sogenannten Einführungsvideos in die Systemtheorie sind Schaubilder. Man zeichnet einen Kreis, zeigt darauf und dieser Kreis soll dann das System veranschaulichen und das Drumherum soll dann die Umwelt repräsentieren. So könnte man es anfangs machen. Aber mit zunehmender Spezifizierung des Systems (Autopoiesis, operative Geschlossenheit, Differenzlogik) wird dann deutlich, daß alle räumlichen Veranschaulichungen nicht stimmen. Ein System (jetzt verstanden im Sinne der Systemtheorie) ist nichts, daß man im (empirischen) Raum sehen, umschreiben, gar berühren könnte. Noch nie hat ein Systemtheoretiker ein System gesehen. sybok hat das im anderen Thread schon geschrieben: ein System ist die Differenz von System und Umwelt.

    Das wäre ein weiteres Beispiel dafür, was mit naivem Vorverständnis (der Kreis an der Tafel) und Entnaivisierung dieses Vorverständnisses (System als Differenz von System und Umwelt) gemeint ist.

    Wenn man das als Definition ausgibt (System = Differenz von System und Umwelt), stehen Logikern die Haare zu Berge, weil das, was man definieren will, das System, auf beiden Seiten der Definition vorkommt. Das Definiendum taucht auf der Seite des Definiens wieder auf. Nach klassischer Logik ein Desaster. (Auch die sogenannte zweiwertige Logik - Bivalenzprinzip - ist im Sinne der Systemtheorie „naiv“ und wird später durch eine mehrwertige Logik ersetzt, entnaivisiert. Aber das nur am Rande.)

    Ein ganz behutsamer Schritt: Vorhin war von den 50 Büchern Luhmanns die Rede und seinen 500 Aufsätzen. Die Komplexität dieses Gesamtwerks ist enorm. Wir können sie hier nicht verarbeiten. Um auch nur halbwegs dieser Komplexität Herr zu werden, müssen wir sie reduzieren. - Reduktion von Komplexität. Ein System (im Sinne der Systemtheorie) grenzt sich durch die Reduktion von Komplexität von seiner Umwelt ab. Ein System ist „organisierte Komplexität“ (Luhmann). Systeme bestehen nicht aus Dingen, sondern aus „Operationen“. Und diese Operationen erzeugen eine Differenz zur Umwelt. Damit kommt Zeit ins Spiel. Systeme sind dynamisch. Sie erzeugen sich durch ihr Tun. Sie sind nicht statisch irgendwo vorhanden. Was das für Systeme sind, ist damit noch nicht ausgemacht.

    So viel mal als Anregung für heute. Gute Nacht. :sleeping:

  • Quote

    „Zunächst einmal, das hatte ich ja mehrfach betont, geht es um die Differenz von System und Umwelt. Es geht nicht um ein rationales, strahlendes, vernünftiges Objekt, das System, und alles andere, das dann unerheblich ist. Sondern es geht um die Frage, wie man mit der Differenz von System und Umwelt umgeht, wenn man nur über die eigenen Operationen verfügt. Das System selbst ist ein Schrumpfprozess oder ein Selektionsprozess, es selektiert die eigene Fortsetzung mit eigenen Operationen und muss sich in hohem Maße Indifferenz gegenüber der Umwelt leisten.“ (Niklas Luhmann; Einführung in die Theorie der Gesellschaft; S. 84)

  • Nauplios ... auch wieder spät geworden. Ich hoffe es sind noch genug frische Oberteile da ;)

    Um der Klarheit weiter zu dienen:
    Welches Ziel soll denn möglichst am Ende des Austausches stehen?

    Geht es zudem im Grundsatz um reines Verstehen von Systemtheorie - oder um einen "Abgleich" mit der erlebbaren Welt damit (an Beispielen geprüft) - oder ...? Also brauche ich den Wunsch Systemtheorie verstehen zu wollen oder Weltfunktionen.

    Gut´s Nächtle ...

    Ich bin zwar weich, aber darin bin ich knallhart!

  • Nauplios

    Ich hatte in dem Thread von Dick Deinem Vorschlag zugestimmt, die Diskussion dort zwecks Begriffsklärung zu unterbrechen. Daher rührt erstmal mein Interesse an diesem Thread.

    Wie weit mein Interesse an Luhmann darüber hinaus noch führt, vermag ich nicht abzusehen. Mein Vorverständnis von Luhmann ist höchst ambivalent. Er ist mir bisher sowohl als Ärgernis wie auch als interessante Herausforderung begegnet. Mein Gemeckere über die "Luhmänner", die ihre höchst spezielle Begrifflichkeit anderen einfach um die Ohren hauen ohne ihren theoretischen Hintergrund zu markieren, kennst Du ja .Von dieser Sorte sind mir schon viele begegnet, in und außerhalb dieses Forums. Und wenn ich dann in aufrichtigem Verständniswunsch nachgefragt habe, haben sie sich leider häufiger mal als aufgeblasene Wichtigtuer rausgestellt. Und dann kenne ich auch viele kluge Menschen, die bei "Luhmann" nur die Augen verdrehen. Eine Freundin von mir war wegen Luhmann nach Bielefeld gegangen und genau wegen ihm auch wieder dort weg. Und last but not least die Habermas-Kritik (Entmenschlichung, Verlust von Normativität und kritischem Veränderungspotential) . Soviel zu meinem negativen Ballast.

    Positives habe ich durch Bruchstücke von Vorträgen mitgenommen, die per Zufall medial mal irgendwie bei mir gelandet sind. Das hat Interesse auf seine Perspektive geweckt , aber nie zu einer vertieften Beschäftigung ausgereicht. Betrachtet man die Luhmann-Theorie als rein deskriptiven Zugang zu Systemen, werden - so vermute ich jedenfalls - Teile der Habermas-Kritik bedeutungslos. Dass Luhmann- Theorie zur Beschreibung komplexer Organisationen - und dem Gelingen und Scheitern der Abläufe in ihnen - sehr hilfreich sein kann, leuchtet mir ein. Da könnte ich bei genauerer Kenntnis der Materie wahrscheinlich auch persönlich Erlebtes besser einordnen.

    Das war jetzt erstmal ein langer Sermon zu meiner Motivation mit dem geschwurbelten Fazit: Vielleicht bin ich hier im Strang mit dabei, vielleicht auch nicht. (der Zeitaufwand spielt allerdings auch eine Rolle. Ich verbringe schon mehr Zeit im Forum als ich mir eigentlich leisten kann).

    Das stört doch keinen großen Geist (Karlsson vom Dach) 8)

    Niemand ist obligiert außer durch seine Einstimmung (Kant)

  • Und gleich mal noch zwei Anmerkungen:

    Dieses „Vorverständnis“ bezeichnen Systemtheoretiker wie Peter Fuchs gelegentlich als naiv. Das ist keineswegs abschätzig gemeint. Wir alle (Fuchs eingeschlossen) sind auf diese Naivität angewiesen. Ohne diese Naivität des Sprechens funktioniert kein Alltag (auch der von Systemtheoretikern nicht). - Das Problem ist nun, daß die Systemtheorie vieles (fast alles) umcodiert hat, man sich aber trotzdem anfangs der naiven Alltagssprache bedienen muß, um über Systemtheorie zu sprechen. Eine andere Sprache als die des Alltags steht ja zunächst gar nicht zur Verfügung.

    .

    .

    So wird es gelegentlich geschehen, daß man sich anfangs in naiver Sprechweise einem systemtheoretischen Terminus nähern muß (es geht nicht anders), aber diese naive Form der Annäherung später wieder einkassieren muß. Ansonsten rastet der naive Umgang mit den systemtheoretischen Termini immer wieder ein und blockiert jedes weitere Verständnis.

    Meine vielleicht naive Frage: Warum benutzt Luhmann überhaupt Begriffe, die im Alltagsgebrauch anders besetzt sind? Auch wenn die Einführung in sein System auf diese spezielle Art und Weise erfolgen muss, könnte er doch nach "vollendeter Einführung" seine eigenen, neu kreierten und dann halt unmissverständlichen Begriffe verwenden. Oder?

    Wenn man das als Definition ausgibt (System = Differenz von System und Umwelt), stehen Logikern die Haare zu Berge, weil das, was man definieren will, das System, auf beiden Seiten der Definition vorkommt. Das Definiendum taucht auf der Seite des Definiens wieder auf. Nach klassischer Logik ein Desaster. (Auch die sogenannte zweiwertige Logik - Bivalenzprinzip - ist im Sinne der Systemtheorie „naiv“ und wird später durch eine mehrwertige Logik ersetzt, entnaivisiert. Aber das nur am Rande.)

    Auch, wenn das jetzt nur eine Randnotiz von Dir war, ist es eine Hürde über die man drüber kommen muss. Ich bin da gerade heftig am Stolpern.

    Das stört doch keinen großen Geist (Karlsson vom Dach) 8)

    Niemand ist obligiert außer durch seine Einstimmung (Kant)

  • Die Systemtheorie setzt anstelle der Unterscheidung von Subjekt und Objekt die von System und Umwelt. - Es ist also im Grunde falsch, wenn man das System nach Maßgabe eines handelnden Subjekts denkt, das führt in die Irre.

    Es ist also im Grunde falsch, wenn man Musik nach Maßgabe eines handelnden Subjekts denkt, das führt in die Irre.

    Ich verstehe Luhmann nicht analytisch, sondern in Analogien. Die Stimmigkeit Luhmanns klingt für mich nach Philip Glass. Da Du ihn zusätzlich analytisch verstehst, könnte er für Dich sogar nach Steve Reich klingen ;)

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    Edited 2 times, last by Meister (February 4, 2026 at 9:28 AM).

  • Post by Kairometis (February 4, 2026 at 9:09 AM).

    This post was deleted by Nauplios (February 10, 2026 at 7:29 PM).
  • Um der Klarheit weiter zu dienen:
    Welches Ziel soll denn möglichst am Ende des Austausches stehen?

    Geht es zudem im Grundsatz um reines Verstehen von Systemtheorie - oder um einen "Abgleich" mit der erlebbaren Welt damit (an Beispielen geprüft) - oder ...? Also brauche ich den Wunsch Systemtheorie verstehen zu wollen oder Weltfunktionen.

    Kommunikation ist (im Sinne der Systemtheorie) ziellos. Aufgrund ihrer selektiven Struktur (dazu kommen wir bestimmt noch) sind soziale Systeme durch Zielvorgaben nicht steuerbar. Insofern gilt auch für diesen Thread: Die Kommunikation kommuniziert.

    Frei von Systemtheorie in naiver Weise formuliert: Wenn am Ende das Interesse an der Systemtheorie größer ist als es am Anfang war, ist es ein Erfolg. (Ich hab' dabei das Beispiel von Tauwetters Freundin vor Augen, die "wegen Luhmann nach Bielefeld gegangen und genau wegen ihm auch wieder dort weg" gegangen ist.)

    Am Ende kann nicht die totale Durchdringung der Systemtheorie bis in ihre kleinsten Verästelungen Ziel sein. Wenn es uns gelingt, ein paar grobe Schneisen zu legen, die eine erste Orientierung geben und vielleicht Lust auf weiteres Erforschen (privat und unabhängig von Thread und Forum) machen, wäre das genug. Ich verstehe dieses Unternehmen hier insofern auch als Zuarbeit zum Thread von Dick, dessen Faden über Kommunikation ich hiermit nicht ausbremsen will. Ich hatte drüben ja schon eine zeitliche Befristung auf zwei Wochen angedacht. Das könnte etwas knapp werden, aber eigentlich ist dies hier nur als Intermezzo gedacht, nicht als Langfristprojekt; dafür haben wir ja die Abteilung "Soziale Systeme".

    Es geht "im Grundsatz um reines Verstehen von Systemtheorie", ja. Was wir hier nicht leisten können ist eine Überprüfung der Systemtheorie an der Wirklichkeit oder ein "'Abgleich' mit der erlebbaren Welt" mit "Prüfung an Beispielen" o.ä. (Die Systemtheorie ist ja ihrerseits ... oder vorsichtiger gesagt ... sie versteht sich ihrerseits als Konstruktion der Wirklichkeit. Damit entfallen Popper'sche Falsifizierungsversuche - hier die Theorie / dort die Wirklichkeit und dann schaut man nach ob beides auch übereinstimmt oder sucht den schwarzen Schwan o.ä. - von vornherein.)

    Abgesehen davon, Beispiele sind unserer aller Hoffnung als Luhmann-Leser*innen. Luhmann selbst erläutert durchaus an Beispielen, meist dort, wo es auch ohne Beispiel verständlich ist und dort nicht, wo es abstrakt ist und man sie gerne hätte. Beispiele locken mit dem Versprechen: Schau mich an und der Schleier des Nicht-Verstehens wird sich heben! Wenn du von mir kostest, wirst du werden wie der Heilige Niklas. Das hat schon im Paradies nicht funktioniert.

    "Also brauche ich den Wunsch Systemtheorie verstehen zu wollen" - Mein Vorstellungsvermögen reicht nicht aus, um mir außer diesen Wunsch noch weitere ausdenken zu können. :)

    (Oberteile reichen bis Ende nächster Woche.) ;)

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