Bevor ich gestern zu "Schwarze Hunde" von McEwan überging, habe ich noch einmal Galen Strawsons Essay "Ein Irrtum unserer Zeit" (Englisch: Against Narrativity) gelesen, in dem sich Strawson gegen die von bestimmten Philosophen und auch anderen vertretene Idee des Lebens als Erzählung richtet. Namentlich erwähnt und zitiert werden vor allem Oliver Sacks, Daniel Dennett, Charles Taylor und Alaisdair MacIntyre, die allesamt in ihrer Philosophie - zu Sacks komme ich noch getrennt - Vertreter von Thesen sind, die das Ich oder das Selbst als eine Erzählung oder durch eine solche konstituiert auffassen. Ein weiterer Vertreter wäre Richard Rorty mit seiner romantischen Selbstbeschreibung als Work-In-Process.
Leider ist einer der Ausgangspunkte zwar aufschlussreich für das, wogegen er mit sehr berechtigten Einwänden und Überlegungen argumentiert, aber nicht ganz glücklich gewählt. Oliver Sacks schreibt in seinem Buch "Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte" im 12. Fallbeispiel "Eine Frage der Identität":
Quote„Jeder von uns hat eine Lebensgeschichte, eine Art innere Erzählung, deren Gehalt und Kontinuität unser Leben ist. Man könnte sagen, dass jeder von uns eine „Geschichte“ konstruiert und lebt. Wenn wir etwas über jemanden erfahren wollen, fragen wir: „Wie lautet seine Geschichte, seine wirkliche, innere Geschichte?“ Jeder Mensch ist eine einzigartige Erzählung, die fortwährend und unbewusst durch ihn und in ihm entsteht – durch seine Wahrnehmungen, seine Gefühle, seine Gedanken, seine Handlungen und nicht zuletzt durch das, was er sagt. Biologisch und physiologisch unterscheiden wir uns nicht sehr voneinander – historisch jedoch, als gelebte Erzählung, ist jeder von uns einzigartig.“
Um wir selbst zu sein, müssen wir uns selbst haben; wir müssen unsere Lebensgeschichte besitzen oder sie, wenn nötig, wieder in Besitz nehmen. Wir müssen uns er-innern, an unsere innere Geschichte, an uns selbst. Der Mensch braucht eine solche fortlaufende innere Geschichte, um sich seine Identität, sein Selbst zu bewahren.
(Lizenzausgabe des Spiegel-Verlags, S. 146) (Strawson zitiert nur den fett hervorgehobenen Teil.)
Sieht man sich die Geschichte des William Thomson an, dann kann man dem nur unmittelbar zustimmen. Der Mann mit Korsakow-Syndrom und einer sog. Korsakow-Psychose (die keine echte Psychose ist) leidet unter Amnesie und kann sich höchstens ein paar Sekunden lang etwas merken. Was dazu führt, dass er in Gegenwart von anderen Menschen permanent schwafelt und Geschichten erfindet, weil er die Welt nicht mehr als kohärent erfassen kann. Er erschlägt seine Mitmenschen mit Witzen und Geschichten. Der einzige Ort, an dem er verstummt, ist der Garten. Dort, zwischen Pflanzen und für sich scheint er keine Geschichten mehr zu brauchen und irgendwie in einer ihn nicht mehr herausfordernden Welt zu leben.
Diese Geschichte hat mich beim Lesen von Strawsons Aufsatz dazu gebracht, ihm seinen Gedanken, wonach sich für ihn nichts ändern würde, wenn man ihn seiner Erinnerungen beraubte, nicht abzunehmen. Es hätte mich interessiert, ob er Sacks Fallstudie gelesen oder das Zitat nur irgendwo gefunden hat. Aus neurophysiologischer Sicht ist die Fähigkeit der Erinnerung - und die wird immer im weitesten Sinne die Form einer Erzählung haben, ohne dass das Leben die Erzählung ist - für mich auch unverzichtbar.
Zieht man diesen Pferdefuß des Essays mal ab und nimmt ihn als ein philosophisches und psychologisches Stück, dann stecken ein paar sehr interessante Überlegungen und Typisierungen in dem Aufsatz. Die werde ich nach und nach ein wenig aufdröseln.