Galen Strawson - Was mich umtreibt

  • Bevor ich gestern zu "Schwarze Hunde" von McEwan überging, habe ich noch einmal Galen Strawsons Essay "Ein Irrtum unserer Zeit" (Englisch: Against Narrativity) gelesen, in dem sich Strawson gegen die von bestimmten Philosophen und auch anderen vertretene Idee des Lebens als Erzählung richtet. Namentlich erwähnt und zitiert werden vor allem Oliver Sacks, Daniel Dennett, Charles Taylor und Alaisdair MacIntyre, die allesamt in ihrer Philosophie - zu Sacks komme ich noch getrennt - Vertreter von Thesen sind, die das Ich oder das Selbst als eine Erzählung oder durch eine solche konstituiert auffassen. Ein weiterer Vertreter wäre Richard Rorty mit seiner romantischen Selbstbeschreibung als Work-In-Process.

    Leider ist einer der Ausgangspunkte zwar aufschlussreich für das, wogegen er mit sehr berechtigten Einwänden und Überlegungen argumentiert, aber nicht ganz glücklich gewählt. Oliver Sacks schreibt in seinem Buch "Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte" im 12. Fallbeispiel "Eine Frage der Identität":

    Quote

    „Jeder von uns hat eine Lebensgeschichte, eine Art innere Erzählung, deren Gehalt und Kontinuität unser Leben ist. Man könnte sagen, dass jeder von uns eine „Geschichte“ konstruiert und lebt. Wenn wir etwas über jemanden erfahren wollen, fragen wir: „Wie lautet seine Geschichte, seine wirkliche, innere Geschichte?“ Jeder Mensch ist eine einzigartige Erzählung, die fortwährend und unbewusst durch ihn und in ihm entsteht – durch seine Wahrnehmungen, seine Gefühle, seine Gedanken, seine Handlungen und nicht zuletzt durch das, was er sagt. Biologisch und physiologisch unterscheiden wir uns nicht sehr voneinander – historisch jedoch, als gelebte Erzählung, ist jeder von uns einzigartig.“

    Um wir selbst zu sein, müssen wir uns selbst haben; wir müssen unsere Lebensgeschichte besitzen oder sie, wenn nötig, wieder in Besitz nehmen. Wir müssen uns er-innern, an unsere innere Geschichte, an uns selbst. Der Mensch braucht eine solche fortlaufende innere Geschichte, um sich seine Identität, sein Selbst zu bewahren.

    (Lizenzausgabe des Spiegel-Verlags, S. 146) (Strawson zitiert nur den fett hervorgehobenen Teil.)

    Sieht man sich die Geschichte des William Thomson an, dann kann man dem nur unmittelbar zustimmen. Der Mann mit Korsakow-Syndrom und einer sog. Korsakow-Psychose (die keine echte Psychose ist) leidet unter Amnesie und kann sich höchstens ein paar Sekunden lang etwas merken. Was dazu führt, dass er in Gegenwart von anderen Menschen permanent schwafelt und Geschichten erfindet, weil er die Welt nicht mehr als kohärent erfassen kann. Er erschlägt seine Mitmenschen mit Witzen und Geschichten. Der einzige Ort, an dem er verstummt, ist der Garten. Dort, zwischen Pflanzen und für sich scheint er keine Geschichten mehr zu brauchen und irgendwie in einer ihn nicht mehr herausfordernden Welt zu leben.

    Diese Geschichte hat mich beim Lesen von Strawsons Aufsatz dazu gebracht, ihm seinen Gedanken, wonach sich für ihn nichts ändern würde, wenn man ihn seiner Erinnerungen beraubte, nicht abzunehmen. Es hätte mich interessiert, ob er Sacks Fallstudie gelesen oder das Zitat nur irgendwo gefunden hat. Aus neurophysiologischer Sicht ist die Fähigkeit der Erinnerung - und die wird immer im weitesten Sinne die Form einer Erzählung haben, ohne dass das Leben die Erzählung ist - für mich auch unverzichtbar.

    Zieht man diesen Pferdefuß des Essays mal ab und nimmt ihn als ein philosophisches und psychologisches Stück, dann stecken ein paar sehr interessante Überlegungen und Typisierungen in dem Aufsatz. Die werde ich nach und nach ein wenig aufdröseln.

    Edited once, last by Stoner (August 14, 2025 at 11:10 PM).

  • Strawson nimmt Sacks' These als eine psychologische Narrativitätsthese und meint, diese trete oft in Verbindung mit einer ethischen Narrativitätsthese auf. Mit der ersten seien Behauptungen darüber verbunden, wie ein Mensch sein Leben erfährt, mit zweiten wird ein normativer, evaluierender oder ethischer Anspruch ausgedrückt. Man kann dann wiederum vier mögliche Positionen daraus ableiten, dass nämlich jemand die erste, die zweite oder beide zusammen vertritt oder beide falsch seien. Für sich reklamiert Strawson die vierte Position: weder ist er der Meinung, dass unser Denken narrativ sei noch dass wir es sein sollten. Menschen erfahren ihr Leben nicht notwendigerweise als eine zusammenhängende Geschichte. Wichtig sei, zwischen dem eigenen Bewusstsein als körperlicher Ganzheit und einem inneren Wesen als mentaler Einheit zu unterscheiden.

    Diese mentale Einheit sieht Strawson nicht für sich und auch nicht als Notwendigkeit. Es gebe zwei Kategorien von Selbsterfahrung in dieser Hinsicht, nämlich Menschen, die sich als dauerhaft (diachron) und vorübergehend (episodisch) erfahren. Der Diachrone, wird eher von einem Wesenskern ausgehen und sich als eine Geschichte erfahren, während das episodische Erleben dazu führt, dass man sich eher als eine Abfolge vieler sich ständig ändernder "Selbste" (meine Wortwahl) erfährt, wobei erstens Mischformen existieren und die Ausprägung zweitens auch durchaus kulturell beeinflusst ist.

    Der Unterschied zwischen den beiden Erlebensweisen zeigt sich auch an der unterschiedlichen Gewichtung der Vergangenheit. Dem Episodischen ist Vergangenheit zwar nicht fremd oder bedeutungslos, er lebt jedoch die Gegenwart nich als eine fortwährend wirkende bewusste Vergangenheit. Die Virtuosität des Musikers, meint Strawson, ist das Ergebnis seines Übens in der Vergangenheit, aber es wäre nutzlos, sich jeder geübten Etüde zu erinnern.

    Auf Philosophie und Literatur bezogen gehören für Strawson u.a. Montaigne. Stendhal, Borges, Virginia Woolf, Pessoa und ganz stark Iris Murdoch zu den Episodischen, während Platon, Augustinus, Heidegger, Conrad, Dostojewski und Graham Greene im Lager der Diachroniker befinden.

    Diese Einteilung ist insofern interessant, als sie mich an die beiden von Isaiah Berlin anhand eines Fragments des Archilochos vom Igel und vom Fuchs - der Fuchs weiß viele Dinge, der Igel weiß eine große Sache - entworfenen Kategorien erinnert. Berlin schreibt darüber:

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    Es besteht nämlich eine tiefe Kluft zwischen denen, die alles auf eine einzige, zentrale Einsicht beziehen, auf ein mehr oder weniger zusammenhängendes oder klar gegliedertes System, im Rahmen dessen sie verstehen, denken und fühlen – ein einziges, universales, gestaltendes Prinzip, das allein allem, was sie sind und sagen, Bedeutung verleiht –, und auf der anderen Seite denen, die viele, oft unzusammenhängende und sogar widersprüchliche Ziele verfolgen, die, wenn überhaupt, nur in einem faktischen Zusammenhang stehen, aus irgendeiner psychologischen oder physiologischen Ursache und nicht kraft eines moralischen oder ästhetischen Prinzips. Diese Menschen leben, handeln und denken in einer Weise, die eher zentrifugal als zentripetal zu nennen ist, ihr Denken ist sprunghaft oder verschwommen, bewegt sich auf vielen Ebenen und ergreift das Wesen einer großen Vielfalt von Erlebnissen und Gegenständen um ihrer selbst willen, ohne bewußt oder unbewußt den Versuch zu machen, sie mit irgendeiner unabänderlichen, allumfassenden – manchmal in sich widersprüchlichen und unvollständigen, manchmal fanatischen – einheitlichen inneren Einsicht in Einklang zu bringen oder sie von ihr auszuschließen. Die erste Art von Intellektuellen und Künstlern gehört zu den Igeln, die zweite zu den Füchsen

    (Isaiah Berlin, Der Igel und der Fuchs, Frankfurt am Main 2009, S. 7f)

    Man kann auf jeden Fall Strawsons Diachroniker allesamt den Igeln zuschlagen, bei den Episodischen bin ich mir bei Murdoch nicht ganz sicher, ob die nicht doch mehr zu den Igeln gehört. Aber sonst passt das.

    Aber gut, damit komme ich im nächsten Schritt zum Ich und Ich*. Später. Es wurde Essen bestellt für 18.30 h, und zwischen dem neuronalen Korrelat der Bestellung und dem speisengedeckten Tisch herrscht auch ein Kausalitätsverhältnis. Die sind ja bekanntlich überall möglich. :D

    Edited once, last by Stoner: Fehlerkorrektur (March 1, 2023 at 5:53 PM).

  • Strawson streitet autobiographische Erinnerungen nicht ab, aber er möchte gerne unterscheiden zwischen einem Ich als die Person, die man ist im Augenblick und einem Ich*, zu dem auch die ganzen Formen wie mich*, mein*, du*, man selbst*, sich selbst* und ähnliche abgeleitete Formen zählen und sich alle auf "das innere, mentale "Selbst" beziehen. dessen tatsächliche Existenz steht dabei nicht zur Debatte, es geht ihm darum, dass die Empfindung existiert. Und nun kommt der Clou mit der Vergangenheit: Seine weit zurückliegende Vergangenheit, sagt Strawson an dieser Stelle, sei "nicht mir* widerfahren".

    Es ist etwas, was in einem geschichtlichen Zusammenhang in Martin Walsers Roman "Ein springender Brunnen" im ersten Kapitel "Vergangenheit als Gegenwart" so formuliert ist:

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    Solange etwas ist, ist es nicht das, was es gewesen sein wird. Wenn etwas vorbei ist, ist man nicht mehr der, dem es passierte. Allerdings ist man dem näher als anderen. Obwohl es die Vergangenheit, als sie Gegenwart war, nicht gegeben hat, drängt sie sich jetzt auf, als habe es sie so gegeben, wie sie sich jetzt aufdrängt. Aber solange etwas ist, ist es nicht das, was es gewesen sein wird. Wenn etwas vorbei ist, ist man nicht mehr der, dem es passierte. Als das war, von dem wir jetzt sagen, daß es gewesen sei, haben wir nicht gewußt, daß es ist. Jetzt sagen wir, daß es so und so gewesen sei, obwohl wir damals, als es war, nichts von dem wußten, was wir jetzt sagen.

    Das ist das gleiche Prinzip, man müsste hier nur "Geschichte" durch "Geschichte der Person" ersetzen, dann, so meine ich, hat man hier etwas Vergleichbares vor sich. Der kleine Galen Strawson kann sich zwar von innen heraus erinnern, dass er mal aus dem Boot ins Wasser gefallen ist, aber das ist nicht dem Galen Strawson, als der er sich nun versteht, widerfahren, und das Gefühl des Kindes beim Sturz ins Nass ist nicht mehr verfügbar, das erinnerungsbegleitende Gefühl gehört nicht ihm (dem Kind) sondern ihm* (dem Erwachsenen). Walsers Gedanke kann man übrigens auch mit in den Teil hinüberziehen, in dem Strawson dann, wenn es ums Narrative geht, die Frage der Revision betrachtet.

    Es folgen nun eine Reihe von Überlegungen dazu, was nun das Narrative ist bzw. was es bedeutet, von Natur aus narrativ zu sein. Er zeigt das an den schon erwähnten Philosophen Taylor, McIntyre und Dennett, aber auch an einigen anderen wie Ricoeur oder Marya Schechtmann. Allen gemeinsam ist die starke Betonung der Wichtigkeit einer Lebensgeschichte, des Lebens als Erzählung, als Notwendigkeit der Erzählung. Dennetts Wort vom Ich als narrativem Zentrum einer Person ist hinlänglich bekannt. Er zitiert ausführlich, erläutert und fragt schließlich, ob irgendetwas davon wahr sei. Was er verneint. Alle sprächen hier eher von sich selbst. Er hält es für einen Irrtum, dass das Narrative für ein gutes Leben unabdingbar sei.

    Ich hatte oben den Unterschied zwischen McEwans Figur Perowne und Seethalers Andreas Egger erwähnt. Seethaler braucht für ein ganzes Leben nicht einmal ein Viertel dessen, was McEwan für einen Tag im Leben des Henry Perowne braucht. Man kann davon ausgehen, dass Andreas Egger keiner war, der im Sinne Rortys romantische Selbsterschaffung durch ein Narrativ betrieb, während Perowne eher wie ein wandelndes Narrativ wirkt. Daraus aber auf ein besseres oder schlechteres Leben zu schließen? Aus welchen Gründen? In welcher Hinsicht? Und welchen Sinn hat diese Geschichte überhaupt? Man müsse, erinnert Strawson an Kierkegaard, sein Leben rückwärts verstehen aber vorwärts leben - was trägt aber das rückwärts Verstehen bei?

    Strawson verwirft die ethische Narrativitätsthese und wendet sich dann dem Narrativen zu. Sein Annäherungsversuch an den Begriff läuft am Ende auf Folgendes hinaus:

    Quote

    Wenn es um das narrative Verständnis des eigenen Lebens (oder weitläufiger Abschnitte dieses Lebens) geht, muss man in großen Zügen denken und vor allem Zusammenhänge, Muster und Einheitlichkeit suchen. Man muss also im umfassenden Sinne eine Tendenz zur Formfindung (F)besitzen.

    (Galen Strawson, Ein Irrtum unserer Zeit, in : ders. Was mich umtreibt, Tod Freiheit, Ich. Stuttgart 2019, S. 79)

    So, was es mit der Form und der Revision auf sich hat, ist der letzte Teil, der dann noch folgt.

  • Wir nähern uns dem Ende mit einer weiteren Kategorie, nämlich der Formfindung (F), eines unscharfen Begriffes, der aber nicht ans Diachronische gebunden sei, sondern auch von Episodischen genutzt würde. Beispielhaft in der Literatur nennt er den episodischen Kerouac, der für sein episodisches Denken eine größere Form gesucht und gefunden habe. Sehe ich auch so, ich glaube "Unterwegs" habe ich noch nie ganz geschafft in seiner chaotischen Komposition. Schließlich gibt es als spezifische Art der Formfindung das Geschichtenerzählen (G). Das Streben nach Formfindung ist für dieses Geschichtenerzählen notwendig, und von hier aus kommt dann ein weiterer Einwand gegen das Narrative:

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    An dieser Stelle tritt nun die Vermutung hinzu, dass eine narrative Veranlagung auch die unbeabsichtigte Tendenz mit sich bringt, zu fabulieren, auszudenken, zu verfälschen, und zu revidieren, wenn es um das Verständnis des eigenen Lebens geht, wenngleich diese Prozesse unbewusst ablaufen. Ich bezeichne dies im folgenden als Revision.

    (a.a.O. S. 82)

    Mit Revision ist nicht nur ein Perspektivenwechsel gemeint, sondern sie geht darüber hinaus. Sie ist im Wesentlichen unbewusst, zur Revision wird sie in dem Augenblick, in dem eine "Verfälschung der Fakten nicht mehr erkannt wird und das Ergebnis dieser Revisionsprozesse als Wahrheit empfunden wird." Was ihn zum Urteil bringt:

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    Sollte sich die Revisionsthese als wahr erweisen, wären das schlechte Nachrichten für die Vertreter der ethischen Narrativitätsthese. Ethischer Fortschritt würde in diesem Fall wesentlich auf einer Tatsachenfälschung beruhen.

    (a.a.O. S.83)

    Das scheint mir ganz unmittelbar an Taylor und an MacIntyre gerichtet. Denn wenn die beiden entweder das Selbst (Taylor) oder die Einheit eines menschlichen Lebens explizit ans Narrative binden, dann ist Strawson Einwand hier durchaus zu beachten. Bei Taylor gibt es immerhin noch in Bezug auf Heideggers In-der-Welt-Sein noch den praktischen Aspekt des menschlichen Lebens berücksichtigt, aber zum Guten geht es nur über die Erzählung:

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    Um uns das eigene Leben wenigstens in minimalem Grade verständlich zu machen und um eine Identität zu erlangen, brauchen wir, wie ich geltend gemacht habe, eine Orientierung auf das Gute, also ein Gefühl für qualitative Unterscheidungen, für das unvergleichbar Höhere. Nun erkennen wir, daß dieser Sinn für das Gute in mein Verständnis des eigenen Lebens als einer sich entfaltenden Geschichte eingeflochten werden muss. Doch damit wird eine weitere Grundbedingung des Selbstverstehens genannt, nämlich, daß wir das eigene Leben im Sinne einer narrativen Darstellung begreifen müssen.

    (Charles Taylor: Quellen des Selbst, Suhrkamp Verlag 2012, S. 94)

    Wenn also hier revidiert wird, dann wären das wirklich keine guten Nachrichten, bzw. man müsste wieder über die Fluidität der narrativen Identität diskutieren. Rorty hat in einem Aufsatz über Taylor diese "Orientierung auf das Gute" als unnötig zurückgewiesen. Die Erzählung als solche sei ausreichend.

    MacIntyres Überlegungen sind ähnlicher Art:

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    Worin besteht die Einheit des menschlichen Lebens? Worin besteht die Einheit eines individuellen Lebens? Die Antwort lautet, daß diese Einheit in der Einheit einer in einem einzigen Leben verkörperten Erzählung besteht. ... Die Einheit eines menschlichen Lebens ist die Einheit einer narrativen Suche. Eine Suche scheitert manchmal, wird enttäuscht, aufgegeben oder durch Zerstreuungen abgelenkt; und menschliches Leben kann auf all diese Arten ebenfalls scheitern. Aber die einzigen Kriterien für Erfolg oder Scheitern im menschlichen Leben als Ganzen sind die Kriterien von Erfolg oder Scheitern in einer erzählten oder zu erzählenden Suche.

    (Alasdair MacIntyre: Der Verlust der Tugend, Frankfurt 2006, S. 292)

    In dieser Hinsicht war ich schon lange selbst auch skeptisch gegen das Ich als reinen Text, insbesondere bei Rorty hat mich das schon lange gestört. Denn Strawson sagt m.E. zurecht:

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    Es wird oft behauptet, dass die autobiografische Erinnerung konstruiert und rekonstruiert, in weit größerem Maße, als sie reproduziert. Vieles spricht dafür, dass dies fast immer der Fall ist. Erinnerung löscht, verkürzt, redigiert, strukturiert, ordnet neu und hebt hervor. Darüber hinaus werden die Fakten miteinander in Beziehung gesetzt und nicht einfach ihrem zeitlichen Ablauf nach aufgelistet.

    (a.a.O. S.81)

    Es gilt ja auch, dass unsere Erinnerung nur immer eine aktuelle Version der Erlebnisse hat - und an dieser Stelle wäre auch noch einmal an Walsers Überlegung zu erinnern. Wobei ich zu wenig über Psychotherapie weiß, um mir über deren Arbeits- und Herangehensweisen ein Urteil erlauben zu können. Bei der Psychoanalyse dagegen neige ich sehr dem bösen Wort von Karl Kraus zu, auch wenn ich Freuds Beitrag zur Geistesgeschichte sehr schätze. Nicht aber seine Analyse.

    Jedenfalls ist Strawsons Aufsatz hier für mich persönlich als Dauerleser ganz spannend im Bereich der Literatur, der Frage des Autobiographischen. Sowohl innerhalb von Romanen - McEwans Briony steht ja ganz exemplarisch für die Frage der "wahren" Erinnerungen. Strawsons Kategorien auf sich selbst oder auf Dichter anzuwenden ist ebenfalls ganz interessant. Ich selbst bin auf jeden Fall nicht diachronisch und eher -F und -G, und die Igel waren eher selten meine größten Freunde und ich selbst bin sowieso keiner. Und ich kenne vor allem sehr viele einfache Menschen, die sich ganz bestimmt nicht als wandelndes Narrativ verstehen. Insofern ist der kleine Essay durchaus bedenkenswert. Wer Strawsons Denken - er ist ein harter Determinist aber gleichzeitig gegen jeden Reduktionismus beim Bewusstsein - ein bisschen näher kennenlernen will, dem sei "Was mich umtreibt" durchaus empfohlen. Der Band besteht aus lauter Reden und Essays und einem langen Interview, die zusammen einen guten Abriss seines Denkens geben.

    So, genug der Philosophie hier, nachzutragen habe ich noch meine Lektüre von McEwans "Schwarze Hunde". Da treffen in Gestalt eines Ehepaars zwei völlig unterschiedliche, prototypische Lebenshaltungen und - einstellungen aufeinander: die vollkommen rationale und die spiritualistische. Ich werde dieser Tage berichten, bin aber schon ganz atemlos in seinem Roman "Kindeswohl". Ein echter Hammer.

    Edited 2 times, last by Stoner (August 14, 2025 at 11:24 PM).

  • "Galen Strawson is a British analytic philosopher and literary critic ..." So beginnt der englische Wikipedia-Artikel (Link). Ein analytischer Philosoph und Literaturkritiker auf dem Gelände von "Poetik und Hermeneutik"? - Damit verbindet sich gleich zu Beginn ein leichtes Handicap: ich bin kaum vertraut mit der analytischen Philosophie. Der Thread wird also auf Zuarbeit von "außerhalb" angewiesen sein, sofern es hier um Konzepte und Theorien der analytischen Philosophie geht, die im Text als bekannt vorausgesetzt werden. Teile des Buches sind online kostenlos lesbar:

    Galen Strawson - Was mich umtreibt (Vorwort, Einleitung und die ersten zehn Seiten des Aufsatzes "Das Bewusstsein vom Ich")

    Galen Strawson - "Ein Irrtum unserer Zeit" (zweiter Aufsatz aus "Was mich umtreibt")

    Die Übersetzung dieses Aufsatzes stammt von Stephan Packard, die Übersetzung im Buch von Wera Elisabeth Homeyer. Die beiden Übersetzungen fallen dementsprechend ein wenig unterschiedlich aus.

    Galen Strawson  - Irgendetwas ist drin (Interview mit der Süddeutschen Zeitung vom Mai 2015)

    Bei den Aufsätzen in Was mich umtreibt handelt es sich laut Untertitel um "Philosophische Essays". Sie sind (nach meinem Empfinden) leicht lesbar. Es ist natürlich von Vorteil, den Text vorliegen zu haben; um hier mitzudiskutieren, scheint mir das aber nicht zwingend erforderlich. In Kürze mehr.

  • Was mir beim Lesen der ersten beiden Aufsätze sofort aufgefallen ist sind Plurale wie „Die Nicht-Narrativen“, die „Zweifler“, die „episodische Menschen“, die „Geschichtenerzähler“, die „Selbst-Fabulierer“ u.ä. - Es ist nicht so, daß Strawson seine Thesen nicht in den Horizont philosophischen Denkens, philosophischer und literarischer Traditionen stellen würde. 286 Anmerkungen mit Quellenangaben stellen diesen Zusammenhang her. Seine Ansprache an die Leser*innen weiten diesen Kreis aus auf etwa „die meisten Menschen“ oder „manche Menschen“, „so geartete Menschen“ o.ä. Er schreibt über Menschen und deren Einstellungen und Ansichten über sich selbst, zum Leben, zur Welt, vor allem aber darüber welche Vorstellungen sie vom Ich, vom Selbst, vom Bewußtsein usw haben.

    Dem korrespondiert auch sein Verständnis von Philosophie: „Ich empfinde Philosophie - und damit meine ich Philosophie in ihrem umfassendsten Sinne - als eine zutiefst konkrete, sinnliche Aktivität, und damit stehe ich nicht allein.“ (Galen Strawson; Was mich umtreibt; S. 21)

    Eine „zutiefst konkrete, sinnliche Aktivität“ - also das Gegenteil abstrakter Theoriebildung. Der Nachsatz „und damit stehe ich nicht allein“ ist eine bemerkenswerte Bekräftigung. Natürlich steht er damit nicht allein; ich glaube, daß @Stoner kürzlich Ähnliches geäußert hat. :)

    Und die Einleitung beschließt ein Zitat von Bertrand Russell, daß in unser Gespräch über das Reisen paßt, Meister:

    „Reisen ist ein Vergnügen, sowohl in der geistigen als in der physischen Welt, und es ist gut, zu wissen, daß wenigstens in der geistigen Welt es weite Gebiete gibt, die noch sehr unvollkommen erforscht sind.“ (Bertrand Russell; Die Analyse des Geistes; S. 10)

  • “Die hier zusammengestellten Texte beschäftigen sich mit der Freiheit des Willens, dem Bewusstsein, dem Tod, aber auch damit, was es bedeutet, als Philosoph ein wahrhafter ˋNaturalist´ zu sein, einer, der an nichts Übernatürliches glaubt. Sie handeln von der Idee des Ichs, dem Bewusstsein, ein Selbst zu sein oder eines zu besitzen; von diesem Selbst in der Zeit, vom Narrativen im Leben und en passant von menschlicher Leichtgläubigkeit ohne Grenzen. Bei den Kapiteln, welche das ˋNarrative´, also das ˋErzählerische´ abhandeln (Ein Irrtum unserer Zeit und Das ungeschichtliche Leben) schwingt etwas Polemik mit, denn ich schrieb sie gegen den anscheinend allgemein verbreiteten Konsens, dass jeder, der sein Leben in irgendeiner Form ˋanpasst´, notwendigerweise auch ein ˋnarratives´ Leben führt. Meines Erachtens liegt dieser Sicht eine schwerwiegende, ja sogar schädliche Fehleinschätzung zugrunde. Es berührt mich immer noch zutiefst, wie viel Dankbarkeit mir im Laufe der Jahre dafür entgegengebracht wurde, dass ich dem meine eigene Position entgegengesetzt habe.“ (S. 15)

    Es geht also um viel, um „menschliche Leichtgläubigkeit ohne Grenzen“, um „Lebensführung“, um „eine schwerwiegende, ja sogar schädliche Fehleinschätzung“ und schließlich um „Dankbarkeit“ Galen Strawson gegenüber.

  • „Die Natur des Ich“ (S. 26) ist eine wie ich finde ungewöhnliche Formulierung. Vermutlich liegt darin bereits der Vorschein dessen, was später „Panpsychismus“ heißen wird und Strawson bekennt sich ja dazu, ein „wahrhafter ˋNaturalist´ (S. 15) zu sein.

    Präzisiert wird die Natur des Ich als „die ganz gewöhnliche, zutiefst menschliche Erfahrung, ein ˋIch´ zu besitzen oder ein ˋIch´ zu sein.“ (S. 26)

    Von einem „unbekümmerten, ˋkantianischen´ Vertrauen in die Fähigkeit der Philosophie, zu Schlüssen von hoher Allgemeingültigkeit zu gelangen“ in Fragen des Ich, des Selbst, der Psyche des Menschen ist sodann die Rede (S. 27).

    Der Mensch ist ein „mentaler Jemand … ein bewußtes mentales Subjekt, das sich von seinen einzelnen Erfahrungen, Gedanken, Hoffnungen, Wünschen und Gefühlen unterscheidet“. [!] Er hat „Selbst-Bewußtsein“. (S. 28). Hier macht - wenn ich es richtig verstehe - Strawson eine Unterscheidung zwischen dem mentalen Subjekt, dem Bewußtsein seiner Selbst und den „Erfahrungen“, „Gedanken“ usw. - Welche Form hat denn, wenn es sich dabei nicht um Gedanken handelt, das Selbst-Bewußtsein?

  • Der allgemeine Begriff des „Ich“ läßt sich in sieben „Aspekte“ gliedern:

    1. Das Selbst ist weder Zustand noch Eigenschaft, weder Ereignis noch Prozess. Es handelt sich um ein „Ding“, nicht im Sinne eines Körpers, sondern „im weitesten Sinne um ein Ding mit Kausalcharakter. (29)
    2. Das Selbst kann über eine „nicht-mentale Natur in Form eines Systems oder einer Vielzahl von Systemen innerhalb des Gehirns“. „Aber die ˋDinghaftigkeit´ des ˋSelbst´ gründet hier nicht auf der Ebene des Nicht-Mentalen. Das ˋSelbst´ ist ein mentales Selbst.“ (S. 30)
    3. Hier bemüht Strawson den „gesunden Menschenverstand“ (31). Das „Selbst“ ist das „Subjekt der Erfahrung“.
    4. Das „Selbst“ ist eine „singuläre Einheit“. Mit Bezug auf Kant „… kann doch das subjektive Ich nicht geteilt und verteilt werden, und dieses setzen wir doch bei allem Denken voraus.“ (Kritik der reinen Vernunft; A 354)
    5. Hier wird etwas präzisiert, das ich im letzten Beitrag angesprochen habe. Das „Selbst“ „unterscheidet sich von allen Gedanken und Gefühlen, es hat Gedanken und Gefühle, fällt aber nicht mit ihnen zusammen.“ (S. 34)
    6. Das „Selbst“ wird als Handelndes, Wirkendes erfahren und verstanden.
    7. Das „Selbst“ hat einen Charakter, es besitzt eine Persönlichkeit.


  • 7. Das „Selbst“ hat einen Charakter, es besitzt eine Persönlichkeit.

    Ich frage mich, ob das Selbst etwas von Ordnung weiss. Mich dünkt, du versuchst irgendwie Ordnung in den Menschen zu bringen. In 3 etwa: Ist das Subjekt der Erfahrung. In 5: Es hat Gedanken und Gefühle etc.

    Der Mensch ist ein irrsinnig komplexes Wesen. Manchmal, so könnte ich mir vorstellen, hat er nicht Gedanken und Gefühle, sondern er ist seine Gedanken und Gefühle. Wenn ich manchmal in eine Kontemplation mit dem schönen grünen Baum vor meinem Fenster versinke, also ich und der Baum eins werden, nicht mehr sinnvoll zu trennen sind, dann merke ich die Unendlichkeit in mir. Die unendlichen Möglichkeiten, die in mir schlummern und eigentlich nur darauf warten, dass ich eine auswähle und nutze. Aber nicht aufdringlich. Die Natur ist nicht aufdringlich. Wenn ich den Baum ein wenig personifizieren darf: Er ist das einzige Wesen, das keine Erwartungen an mich hat, er fordert nichts, er ist da und hört zu. Meistens weiss er, was mich bedrückt, bevor ich daran denke. Herzig, nicht?

    "Im Tau kleiner Dinge findet das Herz seinen Morgen und wird erfrischt."

    Edited once, last by Matthias (August 14, 2025 at 4:56 PM).

  • ... indem es seine einzelnen Erfahrungen, Gedanken, Hoffnungen, Wünsche und Gefühle unterscheidet

    Ja, durchaus, aber es stellt sich (mir) die Frage, wo dieses Unterscheiden stattfindet. Findet es nicht dort statt, wo auch ansonsten seine einzelnen Erfahrungen stattfinden, seine Gedanken … nämlich im Bewußtsein? - Oder anders formuliert: hat nicht auch das Selbst-Bewußtsein die Form des Bewußtseins? :/ Oder nochmals anders formuliert: in welcher Form erscheint das Selbst dem Bewußtsein, wenn es ihm nicht in Form eines oder überhaupt von Gedanken erscheint? :/

  • Ich rufe höchstens zur Ordnung ;), nämlich zu der von Galen Strawson entworfenen „Ordnung“ - wenn man es so nennen darf - des Selbst. Ich bin also allenfalls ein Pressesprecher.

    Und ich hatte schon Angst, du willst mir die Leviten lesen! :D

    "Im Tau kleiner Dinge findet das Herz seinen Morgen und wird erfrischt."

  • Welche Form hat denn, wenn es sich dabei nicht um Gedanken handelt, das Selbst-Bewußtsein?

    Es sieht das als eine prä-reflexive Bewusstseinsstruktur, als fortwährendes Für-mich-Sein jeder Erfahrung, noch bevor ich überhaupt in Gedanken über mich nachdenke.

    Wenn ich etwa mit Freunden in der Kneipe sitze und ganz ins Gespräch vertieft bin, denke ich nicht über mich nach. Ich rede und höre zu, trinke Bier, lache über eine lustige Geschichte, ohne nun zu denken: ich rede, ich höre, ich trinke, ich lache - ich erlebe das, ohne zu denken: das bin ich, der redet,, hört, den Geschmack des Biers empfindet, lacht. Dieses Für-mich-Sein ist kein Produkt der Reflexion, sondern geht ihr voran, es ist auch nicht diskursiv im Sinne irgendeiner propositionalen Aussage wie „Ich rede/trinke/lache gerade“ - es ist also kein Gedanke über das Selbst, sondern ein ihm inhärenter Aspekt aller bewussten Erfahrung.

  • Das Selbst - ob es sich nun als „diachronisches“ oder „episodisches“ versteht (dazu werden wir noch kommen) - komponiert gewissermaßen seine Einheit, eben als Folge episodischer Ereignisse oder als dauerhafte Narration, als die es sich erzählt. In jedem Fall kann es sich inszenieren. Ich denke, daß in beiden Fällen die jeweilige Inszenierung auch anders sein könnte (Stichwort „Revision“). Man könnte das Leben anders führen, vielleicht auch andere Leben führen. Oder? - Was meinst Du, Baphomia, Leserin der Mitternachtsbibliothek? :)

  • "Von einem «Selbst» zu sprechen klingt zumeist befremdlich. Einige Philosophen behaupten sogar, dass das «Selbst» oder «Ich» eine Illusion sei, entstanden durch einen inkorrekten Gebrauch der Sprache. Das scheint mir wenig plausibel, denn so dumm ist der Mensch nicht." (Galen Strawson)

    Ich halte nicht viel vom Selbst und vom Ich auch nicht. Das Ich und das Selbst sind Substantivierungen, mit denen ich immer schon Mühe hatte. Vor allem mit dem Selbst. Einer der wenigen Sätze, die ich noch verstehen kann, ist: Ich wasche mich. Ansonsten bin ich schon skeptisch mit allen rückbezüglichen Sätzen. Zum Beispiel: Ich liebe mich. Man soll sich ja selbst auch lieben. Ich bewundere mich. Mir kommen gerade keine weiteren Beispiele in den Sinn. Aber euch sicher noch. Ich wäre froh. Dann ich genauer sagen, was ich meine.

    Kurz: Ich handle. Die Zeit geht vorwärts. Ich kann mich in einem gewissen Sinne nicht auf mich selbst beziehen. Das ist ein stilistisches Hilfsmittel. Bei klaren Aussagen sorgt das Selbst (die Rückbezüglichkeit) nur für Verwirrung. Das meine Meinung.

    "Im Tau kleiner Dinge findet das Herz seinen Morgen und wird erfrischt."

    Edited once, last by Matthias (August 14, 2025 at 6:18 PM).

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