Die Gesellschaft der Gesellschaft

  • In diesem Thread soll das Hauptwerk von Niklas Luhmann, "Die Gesellschaft der Gesellschaft" besprochen werden. Ich beabsichtige momentan Abschnitt für Abschnitt zu lesen und jeweils eine Zusammenfassung - aus meiner Lesart - hier zu posten. Ich habe vor, heute mit dem ersten Abschnitt "1.I Die Gesellschaftstheorie der Soziologie" zu starten.

    Die Schwierigkeit scheint zu sein, wie Luhmann schreibt (fett von mir):

    Quote from Einführung in die Theorie der Gesellschaft (S.14)

    Ein weiteres Problem ist die Notwendigkeit einer linearen Darstellung. Eins kommt nach dem anderen. Das wird dem Theoriemuster eigentlich nicht gerecht. Denn was mir vorschwebt, ist nicht eine Theorie, die sich, sagen wir mal mit Hegel: Vom Unbestimmten zum Bestimmten oder sich selbst Bestimmenden entwickelt oder von axiomatischen, abstrakten Grundlagen zu konkreten Anwendungen, sondern es geht eher um ein Netzwerk, in das man immer wieder abstraktere Begriffe oder auch neue Unterscheidungen einführen muss.

    Durch das Format sowohl hier, als auch das des "Buches" wird man nun mal halt zu einem "linearen" Aufbau gezwungen (ich beabsichtige, das an anderer Stelle noch zu thematisieren, mit schwebt da eine Idee im Kopf rum). Ich verfolge das also leider trotzdem in der oben angekündigten Herangehensweise "Abschnitt für Abschnitt".


    So, als Einleitung in diesen Thread scheint mir der letzte Abschnitt des Vorwortes passend:

    Quote from Die Gesellschaft der Gesellschaft (S.15)

    Der hier vorgelegte Text ist selbst der Versuch einer Kommunikation. Er bemüht sich selbst um eine Beschreibung der Gesellschaft mit voller Einsicht in die skizzierte Verlegenheit. Wenn die Kommunikation einer Gesellschaftstheorie als Kommunikation gelingt, verändert sie die Beschreibung ihres Gegenstandes und damit den diese Beschreibung aufnehmenden Gegenstand. Um das von vornherein im Blick zu halten, heißt der Titel dieses Buches »Die Gesellschaft der Gesellschaft«.

  • Meine Zusammenfassung. Wie gesagt, in meiner Lesart. Ich weiss nicht ob das akzeptabel ist: Einige Dinge sind in meiner Interpretation und Formulierungen, andere habe ich wörtlich vom Text abgeschrieben.

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    Kapitel 1.I Die Gesellschaftstheorie der Soziologie

    Das zentrale Problem der Zirkularität wird gleich angesprochen: Der Versuch, die Gesellschaft zu beschreiben, kann nicht ausserhalb der Gesellschaft stattfinden. Die Beschreibung muss ihren Gegenstand als einen sich selbst beschreibenden Gegenstand erfassen, sie muss eine "autologische" Komponente aufweisen.

    Die klassische Soziologie (es folgt eine längere historische Betrachtung) benutzt, aus erkenntnistheoretischen Gründen (!), die Subjekt/Objekt-Trennung und ist daher "unvollständig". Sie ignoriert das Problem, versucht sich als Wissenschaft der sozialen Tatsachen, obwohl die Feststellung von Tatsachen nur als Tatsache in die Welt kommen kann. Die "Lösung", resp. den Weg den man ging, war es, die Gesellschaft mit den Individuen gleichzusetzen, sich auf eine streng formale Analyse sozialer Beziehungen beschränken zu müssen. Die Stellung des Individuums in der modernen Gesellschaft wird zum Zentralproblem - zum Bezugspunkt. Die einzige systematische soziologische Theorie sei jene von Talcott Parsons. Doch sie berücksichtigt nicht, daß das Erkennen sozialer Systeme nicht nur durch seinen Gegenstand, sondern auch schon als Erkennen von sozialen Bedingungen abhängt; ja daß das Erkennen von Handlungen selbst schon ein Handeln ist. Auch der klassische Kontraktualismus läuft in diese Probleme: Der Souverän garantiert die Verträge, wird aber erst durch einen Vertrag dazu legitimiert. Und im modernen Kontraktualismus werden mit dem "Schleier des Nichtwissens" Individuen ohne Individualität vorausgesetzt.

    Es kommen noch andere soziologische Theorien vor, Georg Simmel wird beispielsweise mehrfach erwähnt. Ich persönlich nehme aus dem Unterkapitel: Das Problem der Zirkularität, die Aufgabe der Subjekt/Objekt-Trennung, steht am Anfang des Vorhabens. Alle "klassischen" Theorien vor Luhmann, welche das Problem ignoriert haben, müssen an der einen oder anderen Stelle einen Preis dafür bezahlen.

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    Wenn Jemand mitliest und den Abschnitt anders interpretiert, andere Akzente setzen würde, würde mich das brennend interessieren.

  • Um die modernen Möglichkeiten auch zu nutzen, hier als Alternative noch die Zusammenfassung von ChatGPT:

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    Der Text ist der erste Abschnitt von Niklas Luhmanns Werk "Die Gesellschaft der Gesellschaft" und behandelt die Gesellschaft als soziales System. Hier ist eine Zusammenfassung der wichtigsten Punkte:

    1. Theoretische Reflexion über Gesellschaft: Luhmann diskutiert die Herausforderung, die Gesellschaft als soziales System zu analysieren. Er betont die zirkuläre Beziehung zwischen der Theorie und ihrem Gegenstand, da die Gesellschaftstheorie selbst Teil der Gesellschaft ist, die sie zu beschreiben versucht.
    2. Problematik klassischer Soziologie: Die klassische Soziologie versuchte, sich als Wissenschaft von sozialen Tatsachen zu etablieren, scheiterte jedoch daran, ihre eigene Position innerhalb der Gesellschaft ausreichend zu reflektieren. Diese mangelnde Reflexion führt zu einem unzureichenden Verständnis der Gesellschaft als Ganzes.
    3. Selbstreferenzialität der Gesellschaft: Luhmann betont, dass jede Theorie der Gesellschaft die Selbstreferenzialität der Gesellschaft berücksichtigen muss, da sie sich selbst in der Gesellschaft beobachtet und beschreibt.
    4. Kritik an der klassischen Soziologie: Er kritisiert, dass die klassische Soziologie sich zu sehr auf die Subjekt-Objekt-Unterscheidung stützte, was zu einer unzureichenden Theorie der Gesellschaft führte. Diese Unterscheidung ist für eine umfassende Gesellschaftstheorie unzureichend.
    5. Fehlende Fortschritte in der Gesellschaftstheorie: Seit den Klassikern der Soziologie hat es laut Luhmann keine signifikanten Fortschritte in der Gesellschaftstheorie gegeben. Die Soziologie hat sich in Theoriekontroversen verstrickt und ist nicht in der Lage gewesen, eine kohärente Theorie der modernen Gesellschaft zu entwickeln.
    6. Komplexität der Gesellschaft: Luhmann weist darauf hin, dass die immense Komplexität der modernen Gesellschaft und das Fehlen geeigneter methodologischer Ansätze die Entwicklung einer umfassenden Gesellschaftstheorie erschweren.

    Zusammengefasst beschreibt Luhmann die Schwierigkeiten und Herausforderungen, denen sich die Soziologie bei der Entwicklung einer Gesellschaftstheorie gegenübersieht, insbesondere in Bezug auf die Selbstreferenzialität und die Komplexität der Gesellschaft.

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  • Ja, damit ist Dir ein guter Einstieg in das Thema gelungen, Sybok. Luhmann hat ja seinem Werk ein Motto vorangestellt: „Id quod per aliud non Protest concipi, per se concipi debet.“ (Spinoza), zu deutsch etwa „Was durch anderes nicht begriffen werden kann, muß durch sich (selbst) begriffen werden.“ - Damit ist das „autologische“ Ineinander von Gesellschaft und der Beschreibung von Gesellschaft schon angesprochen, die Du zu Recht hervorhebst: „Der Versuch, die Gesellschaft zu beschreiben, kann nicht ausserhalb der Gesellschaft stattfinden. Die Beschreibung muss ihren Gegenstand als einen sich selbst beschreibenden Gegenstand erfassen …“ Der Kern dieser Autologie liegt in dem lateinischen per, was die Bedeutung „durch … hindurch“ hat. Die Theorie der Gesellschaft geht den Weg „durch (die Gesellschaft) hindurch“, d.h. die Beschreibung der Gesellschaft erfolgt unter den Bedingungen der Gesellschaft oder anders formuliert: Beschreibungsbedingungen und Beschreibungsresultate sind in-einander, durch-einander verflochten, ihr Verhältnis ist zirkulär. - Diese Autologie ist mehr als das übliche Zugeständnis, daß die Theorie der Gesellschaft eine „Perspektive“ einnimmt, gleichwohl auch hier das per der Per-spektive eine Rolle spielt.

  • Das Per der Perspektive meint eigentlich nur den spezifischen Blickwinkel auf etwas, das außerhalb des Betrachtenden liegt. Ein Gegen-stand wie ein Haus läßt sich aus unterschiedlichen Perspektiven betrachten. Gesellschaft läßt das nicht zu, weil der Beschreibende zum Beschriebenen dazugehört, was ja beim Haus oder einem beliebigen anderen Gegenstand nicht der Fall ist. Deswegen konnte der Titel auch nicht einfach Gesellschaft lauten, sondern trägt diesem autologischen Verhältnis Rechnung durch den Genitiv, der ja ein die Abstammung bezeichnender Fall ist: Die Gesellschaft der Gesellschaft. Die Theorie der Gesellschaft „stammt ab“ von der Gesellschaft.

    (Ich hab´ dieses erste Kapitel noch gar nicht gelesen; dazu werde ich vermutlich erst morgen/übermorgen kommen.)

  • Ja, ich möchte auch nochmal „Die Beschreibung muss ihren Gegenstand als einen sich selbst beschreibenden Gegenstand erfassen“ kommentieren:

    Dieser Anspruch ist ja eigentlich enorm und ich glaube, dass Luhmann beispielsweise mit diesem "Netzwerk von Begriffen", im Gegensatz zu dem in Wissenschaften sonst üblichen, scheinbar in der Subjekt/Objekt-Trennung verhafteten, Definition->Aussage->Nachweis - Aufbau, zeigt, dass er das wirklich schon von der Konstruktion her tatsächlich, wie sonst nirgends gesehen, konsequent verfolgt. Revolutionär, eigentlich doch weit über die Soziologie hinaus auf die Erkenntnistheorie an sich zielend. Auf diese zirkulären Probleme stösst man ja überall bei fundamentalen Geschichten (Physik, Mathematik, Philosophie, etc.), aber nirgends werden sie wirklich aufgelöst. Luhmann spricht das (zumindest für die Philosophie) auch an (in eckigen Klammern von mir):

    Quote from Die Gesellschaft der Gesellschaft (S.32))

    Dabei [konventionelle soziologische Systeme] muß man sich jedoch auf eine Erkenntnistheorie stützen, die längst überholt ist - auf eine Erkenntnistheorie, die von der Unterscheidung Denken/Sein, Erkenntnis/Gegenstand, Subjekt/Objekt ausgeht und den Realvorgang des Erkennens auf der einen Seite dieser Unterscheidung dann nur noch als Reflexion erfassen kann. Davon ist man spätestens seit der linguistischen Wende der Philosophie abgekommen, - bei allen logischen Problemen, die man sich mit dem Übergang zu einer »naturalisierten Epistemologie« (Quine) einhandelt.

    Nauplios, sehr interessante Analyse! Geht die Systemtheorie sozusagen über Per-spektive hinaus, geht es dann - vielleicht nicht gleich im Folgenden bezüglich Gesellschaft, aber als Theoriedesign an sich - letztlich tatsächlich um den Versuch für "den Blick von Nirgendwo", "die Beobachtung nullter Ordnung", "die Sprache Gottes",...?

    Ich bin immer noch sehr gespannt. Die Systemtheorie müsste ja, aufgrund der Fähigkeit sich selbst abzubilden, sich selbst zu beschreiben, auch selber beispielsweise evolutionären Vorgängen unterworfen sein, müsste dynamisch sein, sich verändern und anpassen. Sie dürfte eigentlich kaum "fixiert" werden können, wie man es etwa mit einer Relativitätstheorie kann. Was aber ist es dann, was man in so einem Thread wie hier betreibt ^^?

  • Ja, ich möchte auch nochmal „Die Beschreibung muss ihren Gegenstand als einen sich selbst beschreibenden Gegenstand erfassen“ kommentieren:

    Dieser Anspruch ist ja eigentlich enorm und ich glaube, dass Luhmann beispielsweise mit diesem "Netzwerk von Begriffen", im Gegensatz zu dem in Wissenschaften sonst üblichen, scheinbar in der Subjekt/Objekt-Trennung verhafteten, Definition->Aussage->Nachweis - Aufbau, zeigt, dass er das wirklich schon von der Konstruktion her tatsächlich, wie sonst nirgends gesehen, konsequent verfolgt. Revolutionär, eigentlich doch weit über die Soziologie hinaus auf die Erkenntnistheorie an sich zielend.

    Ja, weil die zirkuläre Struktur von Gesellschaft und Beschreibung der Gesellschaft keinen Anfang hat, hilft auch eine Definition nicht recht weiter. „Die Definition selbst ist schon eine der Operationen des Gegenstandes.“ (16). Eine Definition der Gesellschaft benutzt sozusagen das Definiendum als Definiens. Das ist bei der Systemtheorie nicht anders. Wenn sie Gesellschaft etwa als Kommunikation definiert, nutzt sie dafür Kommunikation, also das, was allererst definiert werden soll. Auch die Systemtheorie ist eine „Operation des Gegenstandes“. (per se concipi debet) Nur im Unterschied zu anderen Beschreibungsversuchen (etwa jenen, die sich auf Emanzipation und Aufklärung u.ä. verpflichtet haben) weiß sie um ihre „autologische Komponente“.

    Vielleicht läßt sich das auch so sagen: Die Gesellschaft „besteht“ neben anderem auch aus Beschreibungen, die über sie angefertigt werden. (Wobei jedes „Bestehen-aus“ sich immer dem Ontologieverdacht aussetzt.)

  • Geht die Systemtheorie sozusagen über Per-spektive hinaus, geht es dann - vielleicht nicht gleich im Folgenden bezüglich Gesellschaft, aber als Theoriedesign an sich - letztlich tatsächlich um den Versuch für "den Blick von Nirgendwo", "die Beobachtung nullter Ordnung", "die Sprache Gottes",...?


    „Blicke von nirgendwo“ ermöglichen tatsächlich nur Aussichtsplattformen, deren Zutritt göttlichen Instanzen vorbehalten bleibt. Nur Gott kann unterscheidungsfrei beobachten; in ihm fallen alle Unterscheidungen, Gegensätze zusammen. Nikolaus von Kues ist eigentlich deswegen ein moderner Denker (im Gegensatz zu Descartes, der traditionell als Türsteher des neuzeitlichen Philosophie gilt). Er hat einen Sinn für Paradoxien (docta ignorantia - belehrte Unwissenheit) und hat sie zum Verdruss der Scholastik auch theologisch normiert. Während Descartes' universaler Zweifel in einen ontologischen Gottesbeweis mündet, hat Nikolaus von Kues einen Sinn für die erkenntnistheoretische Schwierigkeit entwickelt, die sich aus dem Denken der Einheit Gottes ergibt, die der Mensch nicht erfassen kann, weil sein Verstand "differenztheoretisch" (coincitentia oppositorum) formatiert ist. Der Mensch als Weltbeobachter kann Gott nicht beobachten. An der Stelle hat der Teufel seinen spektakulären Auftritt, denn der Teufel ist von Gott "abgefallen", er unterscheidet sich von Gott und er weiß um diese Unterscheidung. Der Teufel ist der erste, der schon nur noch mit Unterscheidungen beobachten kann, wenn auch mit der von Theologen geneideten Unterscheidung Gott/Ich.

    So gesehen ist Gott der Beobachter nullter Ordnung, der Teufel der Beobachter erster Ordnung. Die Systemtheorie kommt dann gleich nach dem Teufel. :saint:

  • Eigentlich wollte ich mit der Tür der „Paradoxie“ und „Paradoxieentfaltung“ nicht zu einem so frühen Zeitpunkt ins Haus fallen, aber Luhmann läßt dem Leser keine Wahl. Bereits im ersten Kapitel spricht er über „die Paradoxie der Kommunikation über Gesellschaft in der Gesellschaft“ und von der „Paradoxieentfaltung durch Kontroversen“ (S. 20). Indem man Kontroversen austrägt, verteilt man die Selbstbeobachtung des Systems auf unterschiedliche Instanzen; man kann dann zwischen einem Pro und einem Contra changieren. Oder man entfaltet die Paradoxie auf ein historisches Früher und Heute. Man invisibilisiert die Paradoxie damit und bringt das System nicht in die Verlegenheit, die Einheit der Unterscheidung zu denken, mit der es beobachtet. Denn die Beobachtung ist ja ihrerseits selbst Teil dieser Einheit. Ohne Unterscheidung aber läßt sich nichts beobachten.

    Der „Blick von nirgendwo“ (Nagel) hat ja seine Leitfrage genau in diesem Problem: „Wie kann man die subjektive, interne Perspektive einer Person auf die Welt mit der objektiven, externen Auffassung auf dieselbe Welt verbinden?“

  • Eigentlich wollte ich mit der Tür der „Paradoxie“ und „Paradoxieentfaltung“ nicht zu einem so frühen Zeitpunkt ins Haus fallen, aber Luhmann läßt dem Leser keine Wahl.

    Ich würde meinen, dass das ok, vielleicht sogar angebracht, ist. Diese Paradoxien sind ja sehr eng verknüpft, wenn nicht schon fast Synonym, mit der Zirkularität, resp. Selbstbezüglichkeit, und das wurde ja als Grundmotiv vorgestellt - wie du sagst, keine Wahl.

    Denn die Beobachtung ist ja ihrerseits selbst Teil dieser Einheit. Ohne Unterscheidung aber läßt sich nichts beobachten.

    Der „Blick von nirgendwo“ (Nagel) hat ja seine Leitfrage genau in diesem Problem: „Wie kann man die subjektive, interne Perspektive einer Person auf die Welt mit der objektiven, externen Auffassung auf dieselbe Welt verbinden?“

    Ich glaube, damit hätte man eine Überleitung zu "1.II Methodologische Vorbemerkungen", dort schreibt er zu Beginn passend zu obigem Zitat (ich beabsichtige zeitnah wieder eine Zusammenfassung zu posten):

    Quote from Die Gesellschaft der Gesellschaft (S.36))

    Aber auch zu dem, was fachüblich als »empirische« Forschung behandelt wird, geraten wir in Distanz. Die klassische Methodologie weist die Forscher an, sich so zu verhalten, als ob sie ein einziges »Subjekt« seien. Das ermöglicht, so hofft man, eine Fortführung der (logischen und ontologischen) Tradition, die von einer Unterscheidung von Denken und Sein ausging und im Denken das Sein zu erreichen suchte.

    Ich identifiziere da die "...subjektive, interne Perspektive..." mit dem Denken und "...externen Auffassung auf dieselbe Welt..." mit dem Sein, also letztlich andere Beschreibungen für die Subjekt/Objekt-Trennung. Ich lese das nun so, dass man dann im nächsten Schritt vor dem Problem steht, ohne Unterscheidung eigentlich nirgends hinzukommen, aber diese Subjekt/Objekt-Trennung nicht die Konsequenz sein kann. Ich deute das so, dass dann die Frage "Wie kann man die subjektive, interne Perspektive...?" eine "falsche" Frage ist, weil sie ja selbst schon aus der subjektiven, internen Perspektive, dem Subjekt, gestellt wird. Das scheint mir auch schon auf das re-entry hinzudeuten, das in 1.II auch zum ersten mal bereits erwähnt wird: Die Unterscheidung beinhaltet sich selbst schon als Unterscheidung (die Frage nach der Beziehung des Subjekts zur Welt, in diesem Fall die Frage nach der Verbindung, beinhaltet ja bereits das Subjekt, also eine inhärente Nicht-Verbindung).

    So erschiene mir das fast zwingend: Die Paradoxien entstehen aus den Zirkeln, den Selbstbezüglichkeiten und diese sind Äquivalent zum Unterscheiden. Und mit letzterem, über das re-entry-Konzept, hätte man eine Sprache für die ganzen Paradoxien. Statt dann zu versuchen, das Unterschiedene zusammenzuführen, was fruchtlos bleiben müsste, weil man den Unterschied dafür überhaupt erst braucht, konzentriert man sich auf den Prozess des Unterscheidens selbst?

    Edited once, last by sybok (August 25, 2024 at 9:58 AM).

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    Kapitel 1.II Methodologische Vorbemerkungen

    Der "methodologische Stand" wird abgelehnt. Einerseits in einer Linie "kritische Soziologie" die Trennung des Faktischen und Normativen ("Marx bis Habermas"), dann stehe das Urteil schon vor der Untersuchung fest. Andererseits die "empirische Forschung", die letztlich in diese Zyklenprobleme reinläuft...

    Quote from Die Gesellschaft der Gesellschaft (S.38)

    Zwar wird wie zur Entschuldigung von »Kontext« gesprochen, der zu berücksichtigen sei; aber das bleibt eine paradoxe Forderung, deren Erfüllung ja dazu führen müßte, daß der »Kontext« in einen »Text« verwandelt wird. Vor allem aber wäre es, wenn man dem Begriff der Kommunikation eine theoretisch zentrale Bedeutung gibt, notwendig, das immer mitzuerheben, was nicht gesagt wird, wenn etwas gesagt wird ; denn im sozialen Verkehr werden die Reaktionen sehr häufig durch eine Mitreflexion des Nichtgesagten bestimmt sein. Will man der sozialen Realität gerecht werden, kann man aber nicht davon abstrahieren, daß alle dort gebrauchten Sinnformen eine andere Seite haben, die einschließt, was sie für den Moment ihres Gebrauchs ausschließen. Wir werden versuchen, dies über den Sinnbegriff, aber auch über den Begriff der Form, den mathematischen Begriff des »re-entry« einer Form in die Form und ganz grundsätzlich über einen differentialistischen Ansatz der Theorie zu berücksichtigen.

    Die Analyse der "empirische Forschung" führt dann also auf den differentialistischen Ansatz. Dass durch Einschluss auch ein Ausschluss erfolgt, wird thematisiert, so beispielsweise bezüglich der "methodologischen Präferenz für möglichst einfache Erklärungen" (S.40): "Man könnte vermuten, ausgeschlossen sei das hinter allen erkennbaren Strukturen liegende Chaos, aber damit würde die Welt nur in erkennbar/unerkennbar unterteilt" (S.40). Schlussendlich:

    Quote from Die Gesellschaft der Gesellschaft (S.42/S.43)

    Das methodische Desiderat des funktionalen Vergleichens spiegelt Eigenarten der modernen Gesellschaft, und auch darin liegt ein Grund, sich theoretisch wie methodisch nicht länger auf Traditionsvorgaben zu verlassen. Denn, wie wir ausführlich zeigen werden, ist die moderne Gesellschaft durch funktionale Autonomisierung und operative Schließung ihrer wichtigsten Teilsysteme charakterisiert. Ihre Funktionssysteme sind für eigene Selbstorganisation und Selbstreproduktion freigesetzt.

    [...]

    Insofern hängen die folgenden Untersuchungen nicht nur theoretisch, sondern auch methodologisch von sehr abstrakten Begriffsentscheidungen ab. Die Gründe dafür liegen in einem zirkulären Argument. Denn die soeben formulierten Annahmen über die Eigenart der modernen Gesellschaft und über das, was in diesem Zusammenhang als hinreichend evidente Tatsache behandelt werden kann, sind natürlich abhängig von der Beobachtungsweise und den Unterscheidungen, mit denen die Gesellschaftstheorie sich selbst etabliert. Das kann nicht vermieden werden, denn schließlich muß die Gesellschaftstheorie in der Gesellschaft formuliert werden. Auch »Methodologie« bietet keine ab extra einführbaren, a priori hinzunehmenden Ausgangspunkte. Will man diesem Sachverhalt Rechnung tragen, so bleibt nur die Möglichkeit, theoriebautechnisch so transparent wie möglich zu verfahren und Begriffe als Entscheidungen auszuweisen, die mit erkennbaren Folgen geändert werden können.

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    Nach meiner Lesart wäre eigentlich schon der letzte Absatz im vorherigen Post #11 die maximal zusammengedampfte Zusammenfassung. Also aus den Beschreibungen in 1.I wird in 1.II die methodologische Vorgehensweise abgeleitet und gerechtfertigt.

    Kritik an meiner Lesart, alternative Zusammenfassungen oder Akzentsetzungen wären wie immer höchst willkommen.

  • Und wieder zum Vergleich die Zusammenfassung von ChatGPT (GdG_1_2.txt ist der Inhalt des Abschnitts den ich für ChatGPT hochgeladen hatte):

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    Die Datei "GdG_1_2.txt" enthält methodologische Überlegungen zur soziologischen Forschung, insbesondere im Hinblick auf die moderne Gesellschaft. Es wird diskutiert, dass die Soziologie nicht nur empirische Methoden anwenden sollte, sondern auch theoretische Reflexionen einbeziehen muss, um die Komplexität sozialer Phänomene zu erfassen. Die übliche Trennung zwischen quantitativen und qualitativen Methoden wird als unzureichend betrachtet, da sie die Herausforderung ignoriert, wie Distanz zum Untersuchungsgegenstand in Erkenntnis umgewandelt werden kann.

    Die Datei hebt hervor, dass die moderne Gesellschaft ein polykontexturales System ist, das eine Vielzahl von Beschreibungen zulässt und daher eine monokontexturelle Beschreibung nicht ausreicht. Ein zentraler Punkt ist die Rolle des Nichtwissens in der Kommunikation und wie dieses Nichtwissen systematisch genutzt wird, um Erkenntnis zu gewinnen.

    Weiterhin wird die Problematik angesprochen, dass einfache Erklärungsmodelle oft der Komplexität sozialer Systeme nicht gerecht werden. Es wird vorgeschlagen, dass die Soziologie eine Theorie entwickeln muss, die über den methodologischen Rahmen hinausgeht, um eine umfassendere Theorie der Gesellschaft zu entwickeln, die der Vielfalt und Komplexität sozialer Phänomene gerecht wird.

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  • Ich identifiziere da die "...subjektive, interne Perspektive..." mit dem Denken und "...externen Auffassung auf dieselbe Welt..." mit dem Sein, also letztlich andere Beschreibungen für die Subjekt/Objekt-Trennung. Ich lese das nun so, dass man dann im nächsten Schritt vor dem Problem steht, ohne Unterscheidung eigentlich nirgends hinzukommen, aber diese Subjekt/Objekt-Trennung nicht die Konsequenz sein kann. Ich deute das so, dass dann die Frage "Wie kann man die subjektive, interne Perspektive...?" eine "falsche" Frage ist, weil sie ja selbst schon aus der subjektiven, internen Perspektive, dem Subjekt, gestellt wird.


    Man könnte es vielleicht so sagen: die Frage nach dem Zusammenhang der „subjektiven internen Perspektive und der externen Auffassung auf dieselbe Welt“ zeigt ein Problem an; es ist auch damit ein Schritt in Richtung Lösung des Problems gemacht, indem eine Lösung schon mal als unbefriedigend erkannt wird, nämlich daß es für das Subjekt keinen „Blick von Nirgendwo“ geben kann (das sagt ja auch Luhmann). Sie bleibt aber auf dem weiteren Weg stecken, weil sie am Subjekt-Begriff - der ja eigentlich die Signatur philosophischer Jahrhunderte ist - festhält und sich dadurch mit dem Erbe der bürgerlichen Aufklärungsphilosophie belastet. Operiert man mit einem Subjekt, dann nimmt man Einschränkungen in Kauf, die in der Natur der Subjekt- und Bewußtseinsphilosophie liegen. Diese hatte die Gesellschaft durch ein „Dazwischen“ zu erfassen gesucht. Inter-subjektivität ist etwa so ein „Dazwischen“ (zwischen den Subjekten) oder am Handlungsbegriff orientierte Wertvorstellungen, welche die Gesellschaft von innen heraus zusammenhalten. Der „gesellschaftliche Zusammenhalt“ wird ja seit zwei Tagen wieder sehr bemüht. Durkheims „soziales Band“ oder Simmels „Vergesellschaftung“ ließen sich noch nennen oder Heideggers „Man“.

    All das - Subjekte, Menschen, Individuen, Mitglieder, Egos, Dasein … - hängt wie ein Mühlstein um solche Beschreibungsversuche der Gesellschaft, weil es die Gesellschaft in ihrer modernen Funktionsweise nicht erreicht. Luhmann ersetzt die Subjekt/Objekt durch die System/Umwelt-Differenz. Diese Ersetzung darf man nicht mißverstehen als bloßer Namensaustausch; sie hat weitreichende Folgen, schon deshalb, weil Bewußtseinssysteme und Funktionssysteme wie Wissenschaft oder Politik oder auch Intimsysteme grundsätzlich erst einmal mit demselben theoretischen Vokabular beschrieben werden.


  • Inter-subjektivität ist etwa so ein „Dazwischen“ (zwischen den Subjekten) oder am Handlungsbegriff orientierte Wertvorstellungen, welche die Gesellschaft von innen heraus zusammenhalten. Der „gesellschaftliche Zusammenhalt“ wird ja seit zwei Tagen wieder sehr bemüht. Durkheims „soziales Band“ oder Simmels „Vergesellschaftung“ ließen sich noch nennen oder Heideggers „Man“.

    Ein mit der Gewerkschaftsbewegung groß gewordenes „Dazwischen“ ist übrigens „Solidarität“.

    Die Verabschiedung des Subjekts aus der Theorie der Gesellschaft führt in ihrem Kielwasser natürlich auch die von Emanzipationstheorien hofierten Verwandten des Subjekts mit sich: Vernunft und Moral. Nicht, daß ihre Existenz geleugnet würde; sie sind nur keine Teilhaber am Unternehmen „Systemtheorie“ mehr. Ihre Anteile sind wertlos.

  • Noch ein Kandidat für das „Dazwischen“: Interaktion. In gewissem Sinne auch Integration: man kann nicht in die Gesellschaft ein-wandern oder ein Mit-Glied sein. Auch beim Mitglied schwingt noch das Bild einer die Gesellschaft ausmachenden Kette mit, deren einzelne Glieder dann Mitglieder sind. Dieses Metaphernfeld ist sehr umfangreich und reicht von der Vorstellung der Gesellschaft als eines Organismus bis hin zum „Volkskörper“, der „krank“ werden kann oder auch seinerseits krank macht …

  • Noch eine Frage zu dieser Geschichte mit dem "Dazwischen", mich würde diesbezüglich allgemein das Verhältnis zur Systemtheorie von Parsons interessieren, falls du dich (oder sonst ein Mitleser natürlich), damit auch auskennst.

    Etwas konkreter, falls gewünscht, als Reaktion auf folgendes Zitat:

    Luhmann ersetzt die Subjekt/Objekt durch die System/Umwelt-Differenz. Diese Ersetzung darf man nicht mißverstehen als bloßer Namensaustausch; sie hat weitreichende Folgen, schon deshalb, weil Bewußtseinssysteme und Funktionssysteme wie Wissenschaft oder Politik oder auch Intimsysteme grundsätzlich erst einmal mit demselben theoretischen Vokabular beschrieben werden.

    Die Systemtheorie von Parsons wäre doch eine auf der Subjekt/Objekt-Trennung basierende Theorie um das Konzept "Handlung", welches genau auf das Erfassen des Dazwischen zielt, oder? Falls ja, verhält es sich dort aber nicht auch so mit dem theoretischen Vokabular? Man kann ja eigentlich auch dort Moral und Vernunft aus der Theorie entfernen, wenn man beispielsweise Handlungen abstrakt als Zustandsübergänge betrachtet.

    Wenn man mit Luhmann den Anspruch hat, auch eine "Supertheorie" (im Sinne der Mengenlehre) für die Theorie von Parsons zu beschreiben (denn Parsons Theorie ist ja auch Teil der Gesellschaft), dann dürfte sich der Austausch Subjekt/Objekt mit System/Umwelt nicht als blosser Austausch von (Pareto-)Lösungen anfühlen, man müsste glaube ich schon etwas dazu gewinnen (du schreibst "...nicht bloss Namensaustausch", bin mir aber unsicher, ob du da so weit mitgehen würdest). Ich sehe noch nicht ganz, wie aus den Metaphern der Mühlstein wird, resp. wie man nun den Gewinn durch den Wechsel dieser Trennungsarten im Kern dann charakterisieren würde (vorausgesetzt man stimmt obigem ersten Abschnitt und dem Satz bezüglich "Gewinn" auch zu).

    Edited once, last by sybok (August 25, 2024 at 9:30 PM).

  • Also zu Parsons und Pareto kann ich nichts sagen; ich hab´ mich nie damit beschäftigt. Was den „Mühlstein“ betrifft, so meine ich damit, daß die Verwendung einer Unterscheidung wie Subjekt/Objekt nicht in einem luftleeren Raum geschieht, sondern eingebettet ist in eine lange Tradition (speziell eine erkenntnistheoretische Tradition), die mit Kant, Schelling, Fichte, Hegel einen Höhepunkt erreicht. Das geht zurück bis zum cartesianischen Dualismus von (geistiger) Innenwelt und (materieller) Außenwelt und die Ausläufer finden sich noch im Neukantianismus und bei Husserl u.a. Also diese Subjekt/Objekt ist nicht traditionsgereinigt zu haben und was Luhmann natürlich vehement ablehnt ist die Vorstellung, daß die Gesellschaft ein Verbund von Subjekten ist.

  • sehr interessante Analyse! Geht die Systemtheorie sozusagen über Per-spektive hinaus, geht es dann - vielleicht nicht gleich im Folgenden bezüglich Gesellschaft, aber als Theoriedesign an sich - letztlich tatsächlich um den Versuch für "den Blick von Nirgendwo", "die Beobachtung nullter Ordnung", "die Sprache Gottes",...?

    das würde ich nicht sagen. Meines Verständnis nach erreicht die System/Umwelt-Unterscheidung nicht diesen Blick von Nirgendwo, den man in der Metaphysik beanspruchen kann (Propositionen sind bspw. nirgendwo, aber "in-sich" wahr oder nicht).

    Luhmanns Theorie liefert - zumindest mit den sozialen Systemen - eine Theorie, in der die "Instrumentalität" und das instrumentelle Handeln bzw. die idealtypischen Handlungsformen, positiv fassbar werden. Aber diese Theorie bleibt stets weltlich und benötigt deshalb "Struktur" als der Stoff, worauf ihre Kategorienbildung stattfindet.

    Die Kommunikation ist hierbei nicht der Form zugeneigt, denn in dieser findet sich ja das eigentliche Selbst. Das Subjekt, welches sich hier dann als Person metaphysisch dem tradierten Objekt gegenübersieht, kann nicht gleichzeitig sich als System denken und in die isolierte Umwelt eines Luhmanns gestellt, sich wissen.

    Es erkennt sich in der Kommunikation die sich selbst positivierte instrumentelle Vernunft. Eine kühle, technische, berechnende Vernunft; grausam bis zur Strategie.

    Es findet sich in der Kommunikation niemals eine Souffleuse. Vielmehr ist die Geste und Derridas Theater der Grausamkeit das Metier der instrumentellen Kommunikation Luhmanns.

    Entscheidend ist aber, dass esoterisch an seine Theorie die Postmoderne und die klassische Philosophiegeschichte gleichzeitig problemlos andocken könnnen...es is halt einfach doch sehr allgemein, was der Lump uns zumutet :P

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