Stammtisch der gelehrten Mimose

  • „Nichts hat so viel zur intellektuellen Beweglichkeit des Österreichers beigetragen, als dass er im Kaffeehaus sich über alle Vorgänge der Welt umfassend orientieren und sie zugleich im freundschaftlichen Kreise diskutieren konnte. Täglich saßen wir stundenlang, und nichts entging uns. Denn wir verfolgten dank der Kollektivität unserer Interessen den orbis pictus der künstlerischen Geschehnisse nicht mit zwei, sondern mit zwanzig und vierzig Augen.“ (Stefan Zweig; Die Welt von gestern)

    Was der intellektuellen Beweglichkeit des Österreichers von Nutzen war, hat um die Jahrhundertwende auch in anderen Ländern Europas zur geistigen Mobilität beigetragen. In dieser Welt von gestern entstanden im Kaffeehaus Erzählungen, Romane, Essays, Feuilletons, Aphorismen und andere „Extrakte des Lebens“ (Peter Altenberg). Überhaupt, die Welt von gestern; eine jener Welten, die wir heute wiederum nur noch aus Erzählungen, Romanen, Essays … kennen. Aus dem Kaffeehaus ist das Café geworden oder auch die Cafeteria oder das Bistro. Darin hält man sich auch nicht mehr stundenlang auf. Es sind eher Orte des Vorübergehenden und der Vorübergehenden, Pausenräume während Shoppingtouren. Die Kaffeehauskultur gehört der Welt von gestern an.

    In diesem Kaffeehaus werden keine Romane und Essays entstehen und wohl auch sonst nichts, was für die Welt von morgen zur Welt von gestern gehören dürfte. - Und dennoch, was lest Ihr?

  • In den letzten Wochen las ich ein paar der Romane von Eduard von Keyserling, die ihrem Umfang nach eigentlich Novellen sind. Auch sie erzählen von einer Welt von gestern, der im Untergang begriffenen Welt des baltischen Adels um die Jahrhundertwende. Eduard von Keyserling besitzt die Gabe, diese äußere Welt mit der inneren Welt der Protagonisten zu kontrastieren. Der gesellschaftliche Niedergang des Adels liegt schon in der Luft und doch agieren seine Vertreter so, als lebten sie in einem geschlossenen Universum. Und natürlich geht es meistens tragisch zu. Die Verstrickungen in hochexplosive Beziehungsgeflechte fordern ihren Tribut. Natürlich geht es um die Passionen der Liebe. Um Liebe und Tod. Warum sonst? Parallelen zu Fontane sind offensichtlich. Morbidität und Dekadenz der letzten Epoche des europäischen Adels finden sich sicher in vielen Romanen des fin de siècle und doch atmen die Erzählungen Eduard von Keyserlings ein Flair des Melancholischen, das den Leser bedauern läßt, an dieser Welt von gestern nur vermittelt teilhaben zu können.

    Sehr gern gelesen: Nicky (1914)

  • Nauplios August 11, 2024 at 7:19 PM

    Opened the thread.
  • Da hel diesen Strang nicht öffnet, öffne ich ihn.

    Danke! Es kann einzelne Threads geben, die mir beim Massenöffnen irgendwie durch die Lappen gegangen sind. Zwei hab ich gefunden, den leider nicht. Wie gut, dass ich Deinen Account für Poetik und Hermeneutik als Moderator eingerichtet habe.

    os homini sublime dedit caelumque videre / iussit, et erectos ad sidera tollere vultus. (Ovid)
    Si fallor, sum. (Augustinus)
    Ist eine Frau im Zimmer, ehe einer eintritt, der sie sieht? Gibt es das Weib an sich? (Karl Kraus)

  • Und dennoch, was lest Ihr?

    "Letztlich sind wir dem Universum egal".

    Es geht um das Wesen "A", welches jeden Morgen im Körper eines anderen aufwacht. Es muss dort auf das Nicht-Ich der Person, in dessen Körper es steckt, zugreifen um funktionieren zu können. Die Personen, in dessen Körper es steckt, dürften alle in seinem Alter sind: etwa 17 Jahre.

    Einst hatte sich "A" in einen Jungen verliebt und dabei gelernt, dass es für ihn besser sei, sich nicht zu verlieben, denn am nächsten Morgen würde nur in einem anderen Körper aufwachen und Liebeskummer erleiden in einem Leben, dass nicht seins ist und in welchem die Person, in welche es sich verliebte, nicht vorkommt.

    Doch "A" verliebt sich wieder, diesmal in ein Mädchen und es will es versuchen, sie wieder zu finden und sich ihr zu öffnen.

  • Ich lese, mich verzettelnd, so viel gleichzeitig, dass ich wiederum schon fast nichts lese. Am konsequentesten zur Zeit wohl die Aeneis und "Der Tod des Vergil" von Hermann Broch.

    os homini sublime dedit caelumque videre / iussit, et erectos ad sidera tollere vultus. (Ovid)
    Si fallor, sum. (Augustinus)
    Ist eine Frau im Zimmer, ehe einer eintritt, der sie sieht? Gibt es das Weib an sich? (Karl Kraus)

    Edited once, last by hel (August 15, 2024 at 4:57 PM).

  • :thumbup:

    Ein klein wenig erinnert mich das an Robert Musils Erzählung Die Amsel. Die drei kleinen Erzählungen, die Azwei darin seinem Jugendfreund Aeins berichtet, sind im Grunde mystische Erfahrungsberichte, die Musil unter dem Label des „anderen Zustands“ faßt.

    http://www.davidlevithan.com/

    Und es hat mich auch an die Eheflucht des Advokaten Siebenkäs erinnert, der in Jean Pauls gleichnamigem Roman mit seinem kongenialen Jugendfreund Heinrich Leibgeber (!) seinen Tod vortäuscht. Siebenkäs hieß früher Leibgeber und Leibgeber Siebenkäs. :)

  • Wenn man an den Spaziergang als literarisches Sujet denkt, kommt einem Robert Walser in den Sinn, ein passionierter Spaziergänger. „Ich teile mit, daß ich eines schönen Vormittags, ich weiß nicht mehr genau um wieviel Uhr, da mich die Lust, einen Spaziergang zu machen, ankam, den Hut auf den Kopf setzte, das Schreib- oder Geisterzimmer verließ, die Treppe hinunterlief, um auf die Straße zu eilen.“ - Eine bekannte Erzählung Walsers trägt sogar den Titel Der Spaziergang. Man denkt an Rousseaus Träumereien eines einsamen Spaziergängers und an Baudelaires Sozialtyp des Flaneurs, des städtischen Spaziergängers.

    Baudelaire hat mit der romantischen Ästhetik gebrochen und an die Stelle des Erhabenen das Flüchtige und Groteske der Großstadt gesetzt. Das hängt u.a. mit den städtebaulichen Veränderungen im Paris des 19. Jahrhunderts zusammen, der "Haussmannisierung" (ab 1853). Das noch vom Mittelalter geprägte Stadtbild von Paris änderte sich durch das Einziehen von breiten Boulevards, Errichtung der berühmten Passagen (s. Benjamins Passagenwerk), Weltausstellungen, Industrialisierung, Finanzwesen, Börse, Messen, Mode u.ä. Der Flaneur, die Bohème, die Passanten, der Spekulant, die Grisette u.a bestimmten zunehmend das öffentliche Leben. Der Flaneur in seinem planlosen Umherstreifen wartet darauf, daß ihm was dazwischenkommt.

    Nahezu vergessen war lange Zeit ein anderer Flaneur, Guillaume Apollinaire. Sein Le flâneur des deux rives (Flaneur in Paris) skizziert in zehn Spaziergängen das Paris vor dem Ersten Weltkrieg. Der Leser lernt Monsieur Lehec kennen, einen Buchhändler, der seine Bücher nicht verkaufen will, weil sie ihm ans Herz gewachsen sind. „Kann man in Paris einen schöneren Spaziergang machen? Wenn man Zeit hat, sollte man für das Stück von der Gare d’Orsay zum Pont Saint-Michel ruhig einen ganzen Nachmittag einplanen. Es gibt auf der ganzen Welt bestimmt keinen reizvolleren, keinen angenehmeren Spaziergang.“

  • Am 25. Mai 1807 notiert Goethe in sein Tagebuch: „Lieben und Hassen, Hoffen und Fürchten sind auch nur differente Zustände unseres trüben Inneren, durch welches der Geist entweder nach der Licht- oder Schattenseite hinsieht. Blicken wir durch diese trübe organische Umgebung nach dem Lichte hin, so lieben und hoffen wir; blicken wir nach dem Finstern, so hassen und fürchten wir.“

    Ein Jahr später beginnt Goethe mit einem Roman, der das „trübe Innere“ und den Widerstreit von „Licht- und Schattenseite“ anhand des Beziehungsgefüges eines Paares und zwei weiteren Personen entfaltet: Die Wahlverwandtschaften. Es ist Goethes „undurchdringlichstes und vielleicht vieldeutigstes Buch“ wie Erich Trunz im Nachwort der „Hamburger Ausgabe“ der Wahlverwandtschaften schreibt. - Bei den Zeitgenossen hat der Roman mitunter Ratlosigkeit hinterlassen, manchmal überschwängliches Lob. „Die Erzählung beginnt so einfach, in so kleinem Raume, und wie erweitert sich Das alles! Mir ist, als wenn Goethe den ganzen Reichtum seiner Erfahrungen und Lebensansichten hier niederlegen wolle. Aber der Mann ist unerschöpflich wie die Gottheit.“ (Heinrich Voß an Charlotte von Schiller am 12. Nov. 1809)

    Philosophietaucherin Da wir jüngst über Goethe sprachen: Die Wahlverwandtschaften gibt es in einer kleinen feinen Ausgabe:

    https://www.suhrkamp.de/buch/johann-wo…t-9783458346500

    ;)

  • Das Wesen "A" ist oft frustriert, wenn es im Körper eines anderen auf dessen Gedächnis zugreift. Wie viel Sinnlosgkeit dem Nicht-Ich Anteil eines Körpers entgeht! Als "A" im Körper des Freundes ist, wundert er sich nur, wie dieser dieses tolle Mädchen so gleichgültig hat behandeln können, wo sie doch eine so bemerkenswerte Person ist. Ihr Tag mit "A" im Körper ihres Freundes war etwas außergewöhnliches. So hatte er sich noch nie verhalten.

    Er hatte tatsächlich versucht, zu zuhören.

  • Das Wesen "A" ist oft frustriert, wenn es im Körper eines anderen auf dessen Gedächnis zugreift.


    Ich weiß nicht mehr, was für ein Film es war, aber jedenfalls ging es darum, daß der Held nach einem Unfall im Körper eines anderen aufwacht und nun auch dessen Gedächtnis hat o.ä. - Verbirgt sich dahinter nicht die alte Vorstellung einer Inbesitznahme, einer Besessenheit (δαιμονιζόμενος)? Ähnlich ist der Gedanke der rastlosen Seelen Verstorbener, die sich der Körper von Lebenden bedienen, weil sie nicht sterben können. - Möchte man ein anderer sein? Und falls ja, welcher? :)

  • Ich weiß nicht mehr, was für ein Film es war, aber jedenfalls ging es darum, daß der Held nach einem Unfall im Körper eines anderen aufwacht und nun auch dessen Gedächtnis hat o.ä. - Verbirgt sich dahinter nicht die alte Vorstellung einer Inbesitznahme, einer Besessenheit (δαιμονιζόμενος)? Ähnlich ist der Gedanke der rastlosen Seelen Verstorbener, die sich der Körper von Lebenden bedienen, weil sie nicht sterben können. - Möchte man ein anderer sein? Und falls ja, welcher? :)

    Bei gerade diesem Buch ist es etwas anders.

    Hier ist eine Art reines, universelles Cogito unterwegs.

    "A" ist am liebsten Einzelkind. Seine vielen Erfahrungen mit Geschwistern haben es gelehrt, alleine besser dran zu sein. Doch es lernt auch die guten Seiten von Geschwistern kennen.

  • Nachtrag:

    Das Buch, in welchem dieses Cogito unterwegs ist durch die verschiedenen Leben, lässt mich an das δαιμόνιον denken.

    Es entwirft mir beim Lesen die Fantasie, es gäbe dieses wirklich, lebte einst für einen Tag in unserem Körper und möglicherweise begegnen wir es wieder im Körper eines anderen. Hat jemand mal, vielleicht in der Kindheit, erlebt, dass es einen Tag gegeben hat, an welchen man sich selbst nicht erinnert, doch andere berichten konnten, man sei dabei gewesen? Vielleicht war es eben jenes Wesen "A", welches für eine Weile die Kontrolle über unseren Körper übernommen hat.

    Ich muss mich also verbessern, Nauplios brachte es eher auf den Punkt, worum es geht.

    Wobei mich dieses Buch auch dazu ermuntert, mein scheinbar gewöhnliches, persönliches Leben immer wieder mal für einen Moment zu hinterfragen und es völlig neu zu betrachten. Sozusagen zurück zu kehren zum Cogito, dem δαιμόνιον am ähnlichsten?

  • Bei gerade diesem Buch ist es etwas anders.

    Hier ist eine Art reines, universelles Cogito unterwegs.


    Eine Art fliegendes Cogito, nur ohne Geisterschiff. :) Rastlos getrieben von Leben zu Leben. Unterwegs. Bedeutet das nicht letztlich auch Unsterblichkeit, zumindest solange es menschliches Leben gibt, das diesem Cogito Asyl gewährt? - Und was geschieht im Schwellenbereich der Transsubstantiation? Er mag noch so schmal sein, ist aber auf ein Medium zwischen Nicht-mehr und Noch-nicht angewiesen. Im Roman ist es der Schlaf, der dieses Medium darstellt, der kleine Bruder des Todes. Schläft das reine Cogito ein, ist es noch im alten Körper, wacht es auf, ist der Übersprung bereits vollzogen.

  • Wobei mich dieses Buch auch dazu ermuntert, mein scheinbar gewöhnliches, persönliches Leben immer wieder mal für einen Moment zu hinterfragen und es völlig neu zu betrachten. Sozusagen zurück zu kehren zum Cogito, dem δαιμόνιον am ähnlichsten?


    Das δαιμόνιον hat in der platonischen Philosophie ja einen hohen Stellenwert. Es spricht. Auch Sokrates spricht. Wie das δαιμόνιον schreibt er nichts. Beide gibt es nur in der Flüchtigkeit der Sprache.

    „La nature est un temple où de vivants piliers laissent parfois sortir de confuses paroles; l´homme y passe à travers des forêts de symboles qui l´observent avec des regards familiers.“ („Die Natur ist ein Tempel, in dem lebende Säulen manchmal verwirrte Worte von sich geben. Der Mensch geht durch Symbolwälder, die ihn mit vertrauten Blicken beobachten.“) schreibt Baudelaire.

    „Confuses paroles“ bedeutet, hier ist Auslegung am Werk, was ja die Heimatdisziplin der Hermeneutik ist. Ausgelegt werden aber auch Zeichen wie der Vogelflug u.ä. Mantik und Hermeneutik haben einen gemeinsamen Ursprung. Eingeweide lassen sich ebenso wie „confuses paroles“.


  • Eine Art fliegendes Cogito, nur ohne Geisterschiff. :) Rastlos getrieben von Leben zu Leben. Unterwegs. Bedeutet das nicht letztlich auch Unsterblichkeit, zumindest solange es menschliches Leben gibt, das diesem Cogito Asyl gewährt? - Und was geschieht im Schwellenbereich der Transsubstantiation? Er mag noch so schmal sein, ist aber auf ein Medium zwischen Nicht-mehr und Noch-nicht angewiesen.

    Zum Schlaf kann ich erst was sagen, wenn ich zurück bin, da ich mich nicht mehr genau erinnere, wie es für das Cogito ist aber zum Tod des Cogito kann ich sagen: es altert offenbar. Es war einst immer in den Körpern von Kindern und die Körper wurden älter, es sprang nicht zwischen jung und alt hin und her.

  • Am 25. Mai 1807 notiert Goethe in sein Tagebuch: „Lieben und Hassen, Hoffen und Fürchten sind auch nur differente Zustände unseres trüben Inneren, durch welches der Geist entweder nach der Licht- oder Schattenseite hinsieht. Blicken wir durch diese trübe organische Umgebung nach dem Lichte hin, so lieben und hoffen wir; blicken wir nach dem Finstern, so hassen und fürchten wir.“

    Ein Jahr später beginnt Goethe mit einem Roman, der das „trübe Innere“ und den Widerstreit von „Licht- und Schattenseite“ anhand des Beziehungsgefüges eines Paares und zwei weiteren Personen entfaltet: Die Wahlverwandtschaften. Es ist Goethes „undurchdringlichstes und vielleicht vieldeutigstes Buch“ wie Erich Trunz im Nachwort der „Hamburger Ausgabe“ der Wahlverwandtschaften schreibt. - Bei den Zeitgenossen hat der Roman mitunter Ratlosigkeit hinterlassen, manchmal überschwängliches Lob. „Die Erzählung beginnt so einfach, in so kleinem Raume, und wie erweitert sich Das alles! Mir ist, als wenn Goethe den ganzen Reichtum seiner Erfahrungen und Lebensansichten hier niederlegen wolle. Aber der Mann ist unerschöpflich wie die Gottheit.“ (Heinrich Voß an Charlotte von Schiller am 12. Nov. 1809)

    Philosophietaucherin Da wir jüngst über Goethe sprachen: Die Wahlverwandtschaften gibt es in einer kleinen feinen Ausgabe:

    https://www.suhrkamp.de/buch/johann-wo…t-9783458346500

    ;)

    Danke Nauplios 😀

    Ja, das möchte ich sehr gerne von Goethe noch lesen.

    Die Leiden des jungen Werthers stellt eine schmerzhafte ewig unerfüllt erhoffte Seite der Liebe in den Vordergrund. Bei, "die Wahlverwandschaft" begeben sich die Beteiligten in Grenzgebiete der Liebe, wie ich es aus dem groben Inhalt der Lektüre entnehmen konnte.

    Bin schon gespannt, auf das Lesen von die Wahlverwandschaft. 😉

    Habe von Leo Tolstoi gesammelte Werke. Derzeit lese ich dort Herr und Knecht.

  • Aus dem Kaffeehaus ist das Café geworden oder auch die Cafeteria oder das Bistro. Darin hält man sich auch nicht mehr stundenlang auf. Es sind eher Orte des Vorübergehenden und der Vorübergehenden, Pausenräume während Shoppingtouren. Die Kaffeehauskultur gehört der Welt von gestern an.

    Es gibt - oder gab vor wenigen Jahren noch - einige Widerstandsnester, in denen Schüler und Studenten sich treffen, arbeiten, auf Prüfungen vorbereiten und miteinander diskutieren konnten - stundenlang. Daneben koexistierte eine eher ältere Generation, die zumindest vordergründig vor allem dem Karten-, Schach- oder Billardspiel zugetan, sich dort traf und jedenfalls eine gehörige Zeit im Kaffeehaus verbrachte. Ich selber und auch mein Sohn konnten diesen Lebensstil, in dem das Kaffeehaus halb Treffpunkt, halb Arbeitsplatz war, zumindest teilweise noch ausleben. Aber es ist schon wahr, ein "lebendiges" Literatenkaffee gibt es m.W. gar nicht mehr und aus der Kaffeehauskultur ist bestenfalls eine Subkultur geworden, dessen literarische Schaffenskraft ziemlich erloschen sein dürfte.

    os homini sublime dedit caelumque videre / iussit, et erectos ad sidera tollere vultus. (Ovid)
    Si fallor, sum. (Augustinus)
    Ist eine Frau im Zimmer, ehe einer eintritt, der sie sieht? Gibt es das Weib an sich? (Karl Kraus)

    Edited once, last by hel (August 15, 2024 at 5:20 PM).

  • Danke Nauplios 😀

    Ja, das möchte ich sehr gerne von Goethe noch lesen.

    Die Leiden des jungen Werthers stellt eine schmerzhafte ewig unerfüllt erhoffte Seite der Liebe in den Vordergrund. Bei, "die Wahlverwandschaft" begeben sich die Beteiligten in Grenzgebiete der Liebe, wie ich es aus dem groben Inhalt der Lektüre entnehmen konnte.

    Bin schon gespannt, auf das Lesen von die Wahlverwandschaft. 😉

    Habe von Leo Tolstoi gesammelte Werke. Derzeit lese ich dort Herr und Knecht.


    Philosophietaucherin, welche Freude! :)

    Herr und Knecht - mir kam spontan Hegels entsprechendes Kapitel in der Phänomenologie des Geistes in den Sinn. Es gibt dazu wohl auch einen Bezug. Die Erzählung von Tolstoi kenne ich nicht, wie überhaupt Tolstoi für mich recht unbekanntes Gelände ist, obwohl ich einige Bände mit Erzählungen von ihm beim Neusortieren meiner Bücher kürzlich wiederentdeckt hab´. Warum kann man nicht 700 Jahre alt werden? X/

    Die Wahlverwandtschaften - ja, laß´ uns das lesen. Meine Lektüre ist jahrzehntelang her.

    Es gibt übrigens eine neue vielgelobte Biographie Goethes:

    https://www.rowohlt.de/buch/thomas-st…e-9783737100595

    Steinfeld ist von Haus aus Germanist, aber er hat in seine Biographie auch die Zeitgeschichte einfließen lassen. Ich persönlich finde solches Ausgreifen in die historische und kulturgeschichtliche Situation immer recht interessant, weil es das individuelle Leben dadurch besser begreifbar macht.

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