Cassirers Einleitung zur Philosophie der symbolischen Formen
Ich beabsichtige hier, schülerhaft naiv, die ca. 50 seitige Einleitung zum 1. Band von Cassirers Philosophie der symbolischen Formen (PhSF)vorzustellen. Denn in dieser Einleitung macht Cassirer (C) deutlich, was seine Absichten sind und wie er seine Ziele erreichen möchte, und das betrifft natürlich auch den Band 2 der PhSF. Teils werde ich zitieren, teils paraphrasieren. Eigene Kommentare, die nicht beabsichtigen C nur wiederzugeben, stehen in Klammern).
Zitiert wird (in dieser Reihenfolge) nach den beiden text- und seitenidentischen Ausgaben bei Felix Meiner und nach der alten Ausgabe, deren Nachdruck im Internet Archive zu finden ist.
Vorwort
C ist zu der Einsicht gekommen, dass seine bisherigen Untersuchungen für eine Behandlung geisteswissenschaftlicher Probleme nicht ausreichen (vii, v)
"Statt lediglich die allgemeinen Voraussetzungen des wissenschaftlichen Erkennens der Welt zu untersuchen, mußte dazu übergegangen werden, die verschiedenen Grundformen des „Verstehens" der Welt bestimmt gegen einander abzugrenzen und jede von ihnen so scharf als möglich in ihrer eigentümlichen Tendenz und ihrer eigentümlichen geistigen Form zu erfassen." (vii, v)
(Es gibt also verschiedene Grundformen des Weltverstehens, das wissenschaftliche Erkennen ist nur eine von ihnen. Interessant der terminologische Wechsel von "Erkennen" zu "Verstehen". Die Formulierung lässt vermuten, dass C auch das wissenschaftliche Erkennen als eine Form des "Verstehens der Welt" auffasst. Es gibt ja auch eine geisteswissenschaftliche Tradition in der Ausdruck "Verstehen" die Naturwissenschaften ausschliesst.)
"Der Lehre von der naturwissenschaftlichen Begriffs- und Urteilsbildung, durch die das „Objekt" der Natur in seinen konstitutiven Grundzügen bestimmt, durch die der „Gegenstand" der Erkenntnis in seiner Bedingtheit durch die Erkenntnisfunktion erfaßt wird, mußte eine analoge Bestimmung für das Gebiet der reinen Subjektivität zur Seite treten." (vii,v)
(Der Gegenstand der Naturwissenschaft ist durch die Erkenntnisfunktion bedingt. Dies bezieht sich natürlich auf die berühmte kopernikanische Wende Kants, derzufolge sich die Erkenntnis nicht nach dem Objekt richten muss, sondern das Objekt durch die "Erkenntnisfunktion" (mit)bestimmt wird. Dazu analog will C untersuchen, wie im Gebiet der Geisteswissenschaften die Objekte "bestimmt" werden. Warum C hier von der "reinen Subjektivität" spricht, ist mir nicht deutlich. Nach C's Formulierung gibt es "das Objekt der Natur" einerseits, und das Gebiet der reinen Subjektivität andererseits. Warum "rein"? - Gut, es ist eine Kurze Einleitung, vielleicht wird das später deutlicher.)
".... das Ganze der Erscheinung (wird) unter einen bestimmten geistigen Blickpunkt gestellt und von ihm aus gestaltet (...)."
C möchte in den drei Bänden der PhSF eine "allgemeine Theorie der geistigen Ausdrucksformen" entwickeln. Im ersten, zu dem diese Einleitung gehört, geht es um eine "Analyse der sprachlichen Form", der 2. Band (den wir zusammen lesen wollen) soll eine "Phänomenologie des mythischen und religiösen Denkens" bieten, und der abschliessende dritte, soll die "eigentliche Erkenntnislehre, d.h. die Formenlehre des wissenschaftlichen Denkens" präsentieren. (viii/vi)
(Ich muss gestehen, dass ich diese Architektur recht merkwürdig finde. Zu den Objekten der Geisteswissenschaft, um deren konstitutive Bedingungen es ja gehen soll, muss doch viel mehr gehören als die Sprache, Mythos & Religion und wissenschaftliches Denken. Spontan wird man bei den Geisteswissenschaften (oder der Kultur, wie C. später auch s agen wird) doch an ein viel breiteres Spektrum denken, z.B. an die Geschichtswissenschaft, die ja in der Diskussion um den "Sonderstatus" der Geisteswissenschaften eine besondere Rolle gespielt hat. Wo bleiben Kunst und Literatur, oder die "Sozialwissenschaften" ? Irgendwie scheint mir die Architektur nicht zu den programmatischen Erklärungen in der Einleitung zu passen. Man könnte auch die Frage stellen, ob die Sprache nur eine "synbolische Form" neben anderen ist, denn schliesslich taucht die Sprache ja auch in anderen "symbolischen Formen" auf, etwas in mythischen oder historischen Erzählungen. Und dasselbe könnte man zum dritten Band, also der Phänomenologie der Erkenntnis sagen, denn erkannt, oder wissenschaftlich behandelt sollen ja auch die Sprache und die Mythen werden. )
(Ich weiss nicht, ob ich Lust habe, dies fortzusetzen, aber dadurch, dass ich begonnen bin, setze ich mich selbst ein wenig unter Druck.)