Gadamer: Wahrheit und Methode

  • Tag zusammen,

    ich les aktuell "Wahrheit und Methode" von Gadamer und hab mal paar Gedanken zu aufgeschrieben. Kritisch erwünscht! :D

    Eine Sache treibt mich um. Denn Gadamer setzt das Erlebnis ins Zentrum. Sicher, keine schlechte Sache, denn die Erlebnisse füllen die gedächtnisbegabte Dauer, sowie die einzelnen Gedächtnisse mit Erfahrungswerten, eben erlebten Episoden und Abenteuern an.

    Das ist gut und richtig und sicher alles andere als verkehrt. Ich würde nur meinen, dass eine solche Perspektive doch eher der Phänomenologie zuzuordnen wäre, als der sprachanalytisch und semantisch geprägten Hermeneutik. Oder nicht?

    Denn die Hermeneutik scheint ja eine "Wissenschaft", die aus einer beobachtenden Perspektive heraus, gute Metaphern finden will (bzw. Allegorie und Symbol unterscheiden), die die Unmittelbarkeit und Substanzlosigkeit des Subjekts erkennen lassen. Sie will sozusagen Personen in ihrer Selbsterkenntnis als Mann oder Frau, als Mensch in Funktion, statt in metaphysischer Abstraktion.

    Wäre nicht die "Situation" ein besserer Begriff für die Hermeneutik? Denn die Erlebnisse sind doch viel eher phänomenal. Man erlebt sich nicht in der Metapher des "Darstellens" als Schausteller, nicht in der abstrakten Unterscheidung von Kunst und (physiognomischer) Ästhetik, nicht also in Gebilden, in Machwerken, die die Philosophiegeschichte vor sich her walzen. Wenn man erlebt, erlebt man unmittelbar den Moment, das "Passieren"; etwas, das bei Gadamer in der Metapher des Festes, des andauernden Ereignis beschrieben ist.
    Die Hermeneutik aber, die will dieses andauernde Ereignis, diese Sequenzen, diese Momente als abstrakte Situationen erleben (möglichst maximal entfaltet, das Publikum gar mit Einbeziehend), will auch noch in den komplexesten Regionen treffliche Differenzierungen erfassen. Damit erfasst sie aber nicht die Erlebnisse, sondern die Situation, worin sich die Erlebnisse abspielen und den pragmatisch geschulten säkularen Geist. Denn Hermeneutik ist ja eben nicht konkret, nicht unmittelbar und - andere Seite - auch nicht völlig intelligibel, völlig metaphysisch. Damit aber geht es ihr doch eher um eine Bestimmung der gebündelten "Momente", die sich "situationsbezogen" erleben/erfahren lassen; also um die Situation in ihrer begrifflichen Komplexität, statt um die unmittelbar affizierenden Erlebnisse, die eher dem phänomenalen Bewusstsein zuzuschreiben wären.

    Erlebnisse wären sozusagen Abenteuer; besonders und einzigartig. Während Sequenzen zu einem Episodenbegriff geformt werden, der allgemein und generell dann auf die entfaltete Situation verweist, in der "der Denker auf einem Möbelstück im Raum (modern) bzw. des Oikos (klassisch) sitzt und das Bild anschaut", also Kunst und Ästhetik differenziert.

    Könnte man vielleicht sagen, dass die Hermeneutik hier zugleich expressive Vernunft und phänomenales Bewusstsein sein will, wenn sie sich die Erlebnisse, statt der Situation als eine ihrer Basisbegriffe wählt?
    Angenommen man hat ein phänomenales Bewusstsein, eine syntaxanalytische Logik, eine semantische Psychologie und Gesellschaft, eine semiotische Linguistik.
    Kann die Kritik Gadamers an einer Art "ästhetischen Ausdruckvermögens", die die Hermeneutik zu leiten scheint, äquivalent einen Strukturalismus substituieren? Denn wenn ich an Hermeneutik denke, denke ich an Psychologismus, nicht an Struktur und Poststrukturalismus. Aber die Kategorie der "(Un-)Tunlichkeit", die Gadamer anspricht lässt m.e. eine Perspektive erwarten, in der selbst die Kunst noch psychologisiert, statt auf die Strukturen selbst zu verweisen. Man könnte hier fragen, weshalb? Ich vermute, weil die Handlung mit Praxis identifiziert wird, statt hier eine kommunikativ-informatische Kontingenz zuzulassen, determiniert die Handlungstheorie und das praktische Verhalten gar noch die Sicht auf die Kunst - und die Sozietät als Ganze. Denn die Episteme vermeint sich in der Allegorie, obwohl sie oft einem Symbolismus anhängt - bzw. die Kunst scheint in der Hermeneutik primär subjektiv, statt auf die Intersubjektivität und die Symbole zu verweisen, die sich als Knotenpunkte in den sozialen Tatbeständen finden und dort bestimmte Kommunikationen reproduzieren.

    Ein weiteres Problem erscheint mir darin, dass die Zeitlosigkeit des stetig andauernden Festes, welches den "Moment des Hochgefühls" sequentiert, die Perspektive auf die Stetigkeit des Kontinuums verstellt, zu gunsten einer Perspektive, die die diskreten, differenzierbaren und begrifflichen Anteile der Raumzeit überbetont. Denn das Fest verlangt die Aufmerksamkeit der gesamten Sinnenwelt, des vollen Farbspektrums. Es beinhaltet in sich nämlich zum einen die Sequenzierung. Also die Differenzierbarkeit von Ereignissen. Zum weiteren die Zeitlosigkeit, weil die Festivitäten eine Stimmung erwirken, die eine Art von unzeitlicher Schwerelosigkeit imitieren/simulieren, die den Festivalteilnehmern eine gegenwartsbezogene Unbedarftheit und Unbeschwertheit ermöglichen. Zu einem dritten zeigt sich im Fest eine Ästhetik des aktiven Lebens. Das Subjekt erfährt darin ein Verhältnis zur Kunst, indem es sich der Sinne ermächtigend, dem ästhetischen Urteilsvermögen hintanfolgt; sich allegorisch an die Bühne stellt, die der Mittelpunkt der Festivitäten ist.
    Dieses ästhetische Vermögen, welches Gadamer da lehrt, das scheint dann der Tunlichkeit eine Moral zu unterlegen. Es fragt sich, welche Art von Handlungstheorie oder Kommunikationstheorie wohl bei Gadamer denkend sich zur Methode erkoren hatte.

    Man könnte vielleicht auch die Frage stellen, in wie weit Abenteuer individuert sind - inweit sich darin die Psychologie, die Literatur, die Tropen und die Dramaturgie aufblättert. Konträr, in wie weit die Episode auf die szientistischen Verallgemeinerungen abzielen, auf Sequenzierung, auf Begriffsbildung. In der Episode passiert "nichts", ist Zeit lose, weil beliebig kombinierbar zu Ereignissen, zu Momenten und deren Entfaltungsmomente, die sich situativ darstellen. Situativ, weil sie "in die Gegenwart hinein" analytisch operieren - und erst in dieser Gegenwart auf die stetige zuhandene Zeit - sowie die Dauer - stoßen.
    Man könnte dann fragen, weshab der Fokus der Hermeneutik auf die Historie einhergeht mit einer solch enormen Analyse der Kunst. Dann ließe sich vielleicht fragen, welche Weisen der Ästhetik sich in der Hermeneutik finden - sind es Maximen der instrumentellen oder der expressiven Vernunft?

  • Tag zusammen,

    ich les aktuell "Wahrheit und Methode" von Gadamer und hab mal paar Gedanken zu aufgeschrieben. Kritisch erwünscht! :D

    Eine Sache treibt mich um. Denn Gadamer setzt das Erlebnis ins Zentrum. Sicher, keine schlechte Sache, denn die Erlebnisse füllen die gedächtnisbegabte Dauer, sowie die einzelnen Gedächtnisse mit Erfahrungswerten, eben erlebten Episoden und Abenteuern an.

    Das ist gut und richtig und sicher alles andere als verkehrt. Ich würde nur meinen, dass eine solche Perspektive doch eher der Phänomenologie zuzuordnen wäre, als der sprachanalytisch und semantisch geprägten Hermeneutik. Oder nicht?

    Denn die Hermeneutik scheint ja eine "Wissenschaft", die aus einer beobachtenden Perspektive heraus, gute Metaphern finden will (bzw. Allegorie und Symbol unterscheiden), die die Unmittelbarkeit und Substanzlosigkeit des Subjekts erkennen lassen. Sie will sozusagen Personen in ihrer Selbsterkenntnis als Mann oder Frau, als Mensch in Funktion, statt in metaphysischer Abstraktion.

    Wäre nicht die "Situation" ein besserer Begriff für die Hermeneutik? Denn die Erlebnisse sind doch viel eher phänomenal. Man erlebt sich nicht in der Metapher des "Darstellens" als Schausteller, nicht in der abstrakten Unterscheidung von Kunst und (physiognomischer) Ästhetik, nicht also in Gebilden, in Machwerken, die die Philosophiegeschichte vor sich her walzen. Wenn man erlebt, erlebt man unmittelbar den Moment, das "Passieren"; etwas, das bei Gadamer in der Metapher des Festes, des andauernden Ereignis beschrieben ist.
    Die Hermeneutik aber, die will dieses andauernde Ereignis, diese Sequenzen, diese Momente als abstrakte Situationen erleben (möglichst maximal entfaltet, das Publikum gar mit Einbeziehend), will auch noch in den komplexesten Regionen treffliche Differenzierungen erfassen. Damit erfasst sie aber nicht die Erlebnisse, sondern die Situation, worin sich die Erlebnisse abspielen und den pragmatisch geschulten säkularen Geist. Denn Hermeneutik ist ja eben nicht konkret, nicht unmittelbar und - andere Seite - auch nicht völlig intelligibel, völlig metaphysisch. Damit aber geht es ihr doch eher um eine Bestimmung der gebündelten "Momente", die sich "situationsbezogen" erleben/erfahren lassen; also um die Situation in ihrer begrifflichen Komplexität, statt um die unmittelbar affizierenden Erlebnisse, die eher dem phänomenalen Bewusstsein zuzuschreiben wären.

    Erlebnisse wären sozusagen Abenteuer; besonders und einzigartig. Während Sequenzen zu einem Episodenbegriff geformt werden, der allgemein und generell dann auf die entfaltete Situation verweist, in der "der Denker auf einem Möbelstück im Raum (modern) bzw. des Oikos (klassisch) sitzt und das Bild anschaut", also Kunst und Ästhetik differenziert.

    Könnte man vielleicht sagen, dass die Hermeneutik hier zugleich expressive Vernunft und phänomenales Bewusstsein sein will, wenn sie sich die Erlebnisse, statt der Situation als eine ihrer Basisbegriffe wählt?
    Angenommen man hat ein phänomenales Bewusstsein, eine syntaxanalytische Logik, eine semantische Psychologie und Gesellschaft, eine semiotische Linguistik.
    Kann die Kritik Gadamers an einer Art "ästhetischen Ausdruckvermögens", die die Hermeneutik zu leiten scheint, äquivalent einen Strukturalismus substituieren? Denn wenn ich an Hermeneutik denke, denke ich an Psychologismus, nicht an Struktur und Poststrukturalismus. Aber die Kategorie der "(Un-)Tunlichkeit", die Gadamer anspricht lässt m.e. eine Perspektive erwarten, in der selbst die Kunst noch psychologisiert, statt auf die Strukturen selbst zu verweisen. Man könnte hier fragen, weshalb? Ich vermute, weil die Handlung mit Praxis identifiziert wird, statt hier eine kommunikativ-informatische Kontingenz zuzulassen, determiniert die Handlungstheorie und das praktische Verhalten gar noch die Sicht auf die Kunst - und die Sozietät als Ganze. Denn die Episteme vermeint sich in der Allegorie, obwohl sie oft einem Symbolismus anhängt - bzw. die Kunst scheint in der Hermeneutik primär subjektiv, statt auf die Intersubjektivität und die Symbole zu verweisen, die sich als Knotenpunkte in den sozialen Tatbeständen finden und dort bestimmte Kommunikationen reproduzieren.

    Ein weiteres Problem erscheint mir darin, dass die Zeitlosigkeit des stetig andauernden Festes, welches den "Moment des Hochgefühls" sequentiert, die Perspektive auf die Stetigkeit des Kontinuums verstellt, zu gunsten einer Perspektive, die die diskreten, differenzierbaren und begrifflichen Anteile der Raumzeit überbetont. Denn das Fest verlangt die Aufmerksamkeit der gesamten Sinnenwelt, des vollen Farbspektrums. Es beinhaltet in sich nämlich zum einen die Sequenzierung. Also die Differenzierbarkeit von Ereignissen. Zum weiteren die Zeitlosigkeit, weil die Festivitäten eine Stimmung erwirken, die eine Art von unzeitlicher Schwerelosigkeit imitieren/simulieren, die den Festivalteilnehmern eine gegenwartsbezogene Unbedarftheit und Unbeschwertheit ermöglichen. Zu einem dritten zeigt sich im Fest eine Ästhetik des aktiven Lebens. Das Subjekt erfährt darin ein Verhältnis zur Kunst, indem es sich der Sinne ermächtigend, dem ästhetischen Urteilsvermögen hintanfolgt; sich allegorisch an die Bühne stellt, die der Mittelpunkt der Festivitäten ist.
    Dieses ästhetische Vermögen, welches Gadamer da lehrt, das scheint dann der Tunlichkeit eine Moral zu unterlegen. Es fragt sich, welche Art von Handlungstheorie oder Kommunikationstheorie wohl bei Gadamer denkend sich zur Methode erkoren hatte.

    Man könnte vielleicht auch die Frage stellen, in wie weit Abenteuer individuert sind - inweit sich darin die Psychologie, die Literatur, die Tropen und die Dramaturgie aufblättert. Konträr, in wie weit die Episode auf die szientistischen Verallgemeinerungen abzielen, auf Sequenzierung, auf Begriffsbildung. In der Episode passiert "nichts", ist Zeit lose, weil beliebig kombinierbar zu Ereignissen, zu Momenten und deren Entfaltungsmomente, die sich situativ darstellen. Situativ, weil sie "in die Gegenwart hinein" analytisch operieren - und erst in dieser Gegenwart auf die stetige zuhandene Zeit - sowie die Dauer - stoßen.
    Man könnte dann fragen, weshab der Fokus der Hermeneutik auf die Historie einhergeht mit einer solch enormen Analyse der Kunst. Dann ließe sich vielleicht fragen, welche Weisen der Ästhetik sich in der Hermeneutik finden - sind es Maximen der instrumentellen oder der expressiven Vernunft?

  • Angenommen wir differenzieren die Lebenswelt, Habermas nachfolgend, in symbolische und materielle Reproduktion. Dann wäre die Hermeneutik ja für die symbolische Seite, was die Phänomenologie für die materielle Seite der Lebenswelt ist, eben das Instrumentarium, um explizit die (moralizistische) symbolische Seite der Lebenswelt anzusprechen. (Analog: Phänomenologie Instrumentarium für die impliziten Mißstände der materiellen Seite der Lebenswelt.)

    Die Hermeneutik wäre dann aber nur eine Methode für die symbolische Seite der Lebenswelt, also ein Instrument, mittels welchem die Mythen- und Sagenwelt beschrieben werden kann. Hans Blumenberg wäre dann ja sozusagen die praktische Anwendung der Hermeneutik.

    Man könnte ihr die Philosophie- und Wissenschaftsgeschichte, sowie die diskurspraktisch operierenden Teile der Historie zuordnen. Während die Phänomenologie sich an der Sozietät, am Sprechen, sowie den Sinnen schärft, schärft sich die Hermeneutik dann am einstmals Gedachten und der Schrift.

    Ist die Hermeneutik dann das, worin sich Foucaults Archäologie erkennen kann? Ich würde meinen, maximal zu einem Drittel.

    Hat die Hermeneutik ein szientistisches oder ein (abendländisch) individuiertes Subjekt zur Grundlage? Ist sie utilitaristisch oder deontisch?

    Denn angenommen, dass die Hermeneutik über die Phänomenologie hinausgeht (sozusagen nur Wittgenstein statt analytischer Sprachphilosphie als Kategorie befüllt mit Namen), was wäre dann ihr Subjekt? Denn soziale Systeme, eine Sozietät, kann es nicht sein, das dort "das Lied anstimmt", ein Weltgeist ist darin implizit...aber ein solcher soll ja gerade hermeneutisch überwunden werden, das Nous kann es sein...aber, was problematisch ist, es scheint, als würde hier die Stimme einer Natur sprechen. Nur wie sollte dies geschehen, wo doch Natur beobachtet und erlebt wird, jedenfalls nicht für sich sprechen kann?

    Könnte man die Hermeneutik, die ja die symbolische Reproduktion zu begründen scheint, also basisch werden lässt, als eine Gegentheorie zum Marxismus bzw. zur Phänomenologie verstehen? Denn in ihr findet sich ja das sakuläre Individuum, aber gerade nicht säkular in der institutionellen Ordnung und damit einhergehend in Kritik am Kapital, in Kritik der trägen und starren Geistigkeit Europas, sondern durch die Kunst hindurch, welche das Übel der Institutionen amoralisch substituieren kann, indem die Sinnlichkeit bzw. das ästhetische Empfinden zur Grundlage gemacht wird. (das moralische Urteilsvermögen scheint tendentiell ja völlig immanent zu bleiben in der Hermeneutik, zumindest was die Grundlagen betrifft. Das Subjekt der Hermeneutik ist viel organischer, wenn auch nicht wirklich bereits metabiologisch/metadigital, so doch über die Sittlichkeit hinaus, dennoch aber, wie mir scheint, noch (nur) metaphysisch.

    Die Hermeneutik wäre dann im strengen Sinne unwissenschaftlich, aber gerade deshalb die Methode für den Szientismus eines Foucaults oder Derridas, die die Fiktionen noch bekämpften, die spätestens mit Markus Gabriel explizierbar werden außerhalb der Sozietät, außerhalb des kapitalorientierten Klassenkampfes (also innerhalb der Amoralität der Logik abendländischer Coleur). Vielleicht ist die Hermeneutik das Gegenstück zu Deleuze, der ja den Schlüssel für die franz. Philosophie aufgeschrieben zu haben scheint.
    Angenommen, die Diskurseingänge, welche dann die hermeneutische Methode nutzen (also im Rahmen rationaler Argumente sich dem zwanglosen Zwang des besseren Arguments beugen) sind als Wahrnehmungen zu charakterisieren und die Ausgänge sind bestimmt durch Handlungen. (Wie Brandom dem Diskurs ein Rahmenwerk setzt, innerhalb dem die Dispositionen dann eine deiktische Relevanz haben, da sie propositionale Gehalte stützen oder ablehnen.)

    Dann arbeitet die Hermeneutik einmal in diesem Diskurs, ein weiteres mal aber in Sphären, die auch monologisch sind. Sie dekonstruiert quasi das Netz der normalen Sprache, um dieses einmal aus den Sinnesdaten entstehen zu lassen und einmal, um die Laute und Silben der geredeten Worte, sowie deren Kondensate - also Bücher und Texte, Schriften die "gemurmelt" oder gelesen werden, zu analysieren und historisch materialistisch - sowie im Rahmen einer metaphysischen, intelligiblen Kunst bzw. der ästhetischen Unterscheidung - chronologisch anzuordnen.

  • Angenommen wir differenzieren die Lebenswelt, Habermas nachfolgend, in symbolische und materielle Reproduktion. Dann wäre die Hermeneutik ja für die symbolische Seite, was die Phänomenologie für die materielle Seite der Lebenswelt ist, eben das Instrumentarium, um explizit die (moralizistische) symbolische Seite der Lebenswelt anzusprechen. (Analog: Phänomenologie Instrumentarium für die impliziten Mißstände der materiellen Seite der Lebenswelt.)

    Die Hermeneutik wäre dann aber nur eine Methode für die symbolische Seite der Lebenswelt, also ein Instrument, mittels welchem die Mythen- und Sagenwelt beschrieben werden kann. Hans Blumenberg wäre dann ja sozusagen die praktische Anwendung der Hermeneutik.

    Man könnte ihr die Philosophie- und Wissenschaftsgeschichte, sowie die diskurspraktisch operierenden Teile der Historie zuordnen. Während die Phänomenologie sich an der Sozietät, am Sprechen, sowie den Sinnen schärft, schärft sich die Hermeneutik dann am einstmals Gedachten und der Schrift.

    Ist die Hermeneutik dann das, worin sich Foucaults Archäologie erkennen kann? Ich würde meinen, maximal zu einem Drittel.

    Hat die Hermeneutik ein szientistisches oder ein (abendländisch) individuiertes Subjekt zur Grundlage? Ist sie utilitaristisch oder deontisch?

    Denn angenommen, dass die Hermeneutik über die Phänomenologie hinausgeht (sozusagen nur Wittgenstein statt analytischer Sprachphilosphie als Kategorie befüllt mit Namen), was wäre dann ihr Subjekt? Denn soziale Systeme, eine Sozietät, kann es nicht sein, das dort "das Lied anstimmt", ein Weltgeist ist darin implizit...aber ein solcher soll ja gerade hermeneutisch überwunden werden, das Nous kann es sein...aber, was problematisch ist, es scheint, als würde hier die Stimme einer Natur sprechen. Nur wie sollte dies geschehen, wo doch Natur beobachtet und erlebt wird, jedenfalls nicht für sich sprechen kann?

    Könnte man die Hermeneutik, die ja die symbolische Reproduktion zu begründen scheint, also basisch werden lässt, als eine Gegentheorie zum Marxismus bzw. zur Phänomenologie verstehen? Denn in ihr findet sich ja das sakuläre Individuum, aber gerade nicht säkular in der institutionellen Ordnung und damit einhergehend in Kritik am Kapital, in Kritik der trägen und starren Geistigkeit Europas, sondern durch die Kunst hindurch, welche das Übel der Institutionen amoralisch substituieren kann, indem die Sinnlichkeit bzw. das ästhetische Empfinden zur Grundlage gemacht wird. (das moralische Urteilsvermögen scheint tendentiell ja völlig immanent zu bleiben in der Hermeneutik, zumindest was die Grundlagen betrifft. Das Subjekt der Hermeneutik ist viel organischer, wenn auch nicht wirklich bereits metabiologisch/metadigital, so doch über die Sittlichkeit hinaus, dennoch aber, wie mir scheint, noch (nur) metaphysisch.

    Die Hermeneutik wäre dann im strengen Sinne unwissenschaftlich, aber gerade deshalb die Methode für den Szientismus eines Foucaults oder Derridas, die die Fiktionen noch bekämpften, die spätestens mit Markus Gabriel explizierbar werden außerhalb der Sozietät, außerhalb des kapitalorientierten Klassenkampfes (also innerhalb der Amoralität der Logik abendländischer Coleur). Vielleicht ist die Hermeneutik das Gegenstück zu Deleuze, der ja den Schlüssel für die franz. Philosophie aufgeschrieben zu haben scheint.
    Angenommen, die Diskurseingänge, welche dann die hermeneutische Methode nutzen (also im Rahmen rationaler Argumente sich dem zwanglosen Zwang des besseren Arguments beugen) sind als Wahrnehmungen zu charakterisieren und die Ausgänge sind bestimmt durch Handlungen. (Wie Brandom dem Diskurs ein Rahmenwerk setzt, innerhalb dem die Dispositionen dann eine deiktische Relevanz haben, da sie propositionale Gehalte stützen oder ablehnen.)

    Dann arbeitet die Hermeneutik einmal in diesem Diskurs, ein weiteres mal aber in Sphären, die auch monologisch sind. Sie dekonstruiert quasi das Netz der normalen Sprache, um dieses einmal aus den Sinnesdaten entstehen zu lassen und einmal, um die Laute und Silben der geredeten Worte, sowie deren Kondensate - also Bücher und Texte, Schriften die "gemurmelt" oder gelesen werden, zu analysieren und historisch materialistisch - sowie im Rahmen einer metaphysischen, intelligiblen Kunst bzw. der ästhetischen Unterscheidung - chronologisch anzuordnen.

  • Damit aber läuft die Hermeneutik doch im Endeffekt darauf hinaus, die Sagenwelt und die Kunst als zwei Horte zu wählen, 2 Stelen aufzustellen, die diese beiden Ebenen psychologisch in eine Dichotomie, eine logische Dichotomie überführen. Die Hermeneutik selbst arbeitet dabei nicht wissenschaftlich, nutzt aber historische Methoden, um eine sozusagen "transsubjektive" Perspektive zu gewinnen, mittels der die Philosophie, die Naturwissenschaft und die Geisteswissenschaft gemeinsam denkbar wurden.
    Das ist gut und richtig und sicher nicht verkehrt. Aber man sollte wohl nicht verhehlen, dass sich hierdurch ja doch stets eine sehr große Leinwand darlegt. Jeder Moment bzw. jedes Bild, welches den Moment erfasst, ist für sich nahezu unendlich entfaltbar...und das nicht metaphysisch, sondern in jedem Moment, sowohl kann es zum Zeitpunkt t1 passieren oder man abstrahiert eben in Zeitpunkt t2 in die Unendlichkeit der Gegenwart. (Könnte man Hegels Dialektik so denken, dass dessen negative Unendlichkeit eine Unendlichkeit der Präsenz, der Gegenwart als "bloßer" partikulärer Situation ist?)

    Wenn aber die Hermeneutik darauf hinausläuft, die Sagenwelt und die Kunst zu konfundieren, um daraus eine Ästhetik zu destillieren, die sich in der "ästhetischen Unterscheidung" selbst erkennt (u.a. wg. Allegorie vs. Symbol), dann frage ich mich, wie sich in einer solch "streng" durchmodellierten Erkenntnistheorie denn noch das szientistische Subjekt erkennen können soll? (Und dann müsste man fragen, wo denn Utopie sein dürfe, sofern dieses Subjekt nicht sein können dürfe oder solle?)
    Sicher, darin erkennt sich der freie Mensch als freier Bürger, doch was, wenn eben nur entweder der Mensch oder der Bürger frei ist, nicht aber beides? Oder andes: Es erkennt sich darin keine Sozietät, nicht die Teleologie sich selbst, sondern doch irgendwie nur der freie Mensch, der zuviel Freiheit wollte - oder nicht?

    Angenommen man könnte sagen, dass die Hermeneutik die Bedingung der Möglichkeit ist für ein Subjekt wie es den Humanwissenschaften Foucaults angedeiht sein könnte, wieso schafft sie sich dadurch nicht selbst ab? Denn die Kunst selbst ist doch, was der Maßstab des Urteils ist; die Hermeneutik aber scheint so zu operieren, dass sie meint, den Juryrichter der ästhetischen Beurteilung zu analysieren und dessen ästhetisches Empfinden (bspw. im Ekel) als Blaupause in eine echte Erlebnissituation hineinlegen zu müssen. (Adorno sagte da, soweit ich mich erinnere, immer "Probehandeln")

    Die Hermeneutik versucht doch quasi eine Blaupause zu entwickeln, die die Richtigkeit der Selbstbeurteilung, der Reflexion und Flexion ins System einbinden will. Darum steht ja auch das Spiel im Zentrum, worin sich ein "etwas" darstellt, sich in die Präsenz hebt und dem Publikum entweder profanes oder symbolisches präsentiert, indem es Repräsentiert.
    Eine Frage, die mich hier wahrlich umtreibt, ist die, was denn dieses sogenannte Urbild sei. Denn es gibt eine Stelle da setzt - gaaaanz tiefenhermeneutisch - der gute Gadamer das Urbild an die Stelle, wo doch eigtl. die Gegenwart zu erkennen sein könnte. Und dann frag ich mich, ob in Gadamer da der mathematische Automat oder aber die Person Gadamer spricht...den so wirklich kann ich mir so ein Urbild nicht einbläuen; würde hier also leise Zweifel ob der Konsistenz anmelden und meinen, dass Gadamer nicht stringent Bild und Urbild zu differenzieren vermag. (Wiewohl man es ihm durchaus zutrauen könnte, täte er in der heutigen Zeit, so mit Internet und so, leben.) Das ist auch garnicht schlimm, denn er ermöglicht ja explizit eine Perspektive auf die symbolische Seite der Lebenswelt - und mehr will er ja garnicht zu erreichen trachten.
    Wieso sollte man Gebilde und Machwerk unterscheiden brauchen, wenn es dann doch ein Urbild geben soll? Denn Gebilde und Machwerk gehen ja vom Kunstwerk aus auf Expedition - und finden dabei ja nicht Gott, nicht ein erstes Urbild, sondern ihre eigene Arbeit und eben die ästhetische Unterscheidung, die Bild und Anschauung sowie Virtualität und Imagination unterscheidet. Das Problem scheint mir, dass der Bildbegriff bei Gadamer mindestens zwei Deutungsebenen aufweist. Einmal die des Festes und der Leinwand, des Bühnenspiels; ein zweites mal die der "imaginären Vorstellung", die starke Auswirkungen darauf hat, wie das ästhetische Empfinden funktioniert. Denn dieses ist ja gerade auf die imaginäre Vorstellung gerichtet, deren Wirken sie als gewichtig einzuordnen ersucht.

    Aber die Frage scheint mir, welche der zwei dialektischen Erkenntniswegen (Hermenutik oder Phänomenologie) besser mit der Postmoderne zu denken ist - und da muss die Hermeneutik leider hinten an bleiben. Denn nicht dass sie falsch wäre ist ihr Problem, sondern dass sie sich dem szientistischen Subjekt der franz. Philosophie unterordnen muss, derer sie immanent zu sein scheint. (Das kann man, mit ganz wenig Utiltarismus und viel Moralphilosophie aber natürlich auch anders sehen und den "preußischen Bildungsbürger", der der Hermeneutik wohl Modell stand, dann als gewichtiger einschätzen, vor einem szientistischen Positivismus)
    Die Hermeneutik versucht doch quasi eine Blaupause zu entwickeln, die die Richtigkeit der Selbstbeurteilung, der Reflexion und Flexion ins System einbinden will. Darum steht ja auch das Spiel im Zentrum, worin sich ein "etwas" darstellt, sich in die Präsenz hebt und dem Publikum entweder profanes oder symbolisches präsentiert, indem es Repräsentiert.
    [/quote]muss es tatsächlich immer so kompliziert sein die Fremdpsyche gewiss zu erkennen? Ich denke nicht. Denn das Publikum kann durchaus auch anders in Erscheinung treten, als über die große Bühne. Denn so eine Bühne hat ja auch was sehr uniformes, da könnt man ja auch annehmen, dass diese Uniformität der Intersubjektivität bzw. der Phänomenologie/des organischen Sensualismus bereits früher auf Fremdpsyche stößt, die auch dann noch gewiss ist, wenn es den Gotte der Christenheit (Allmacht, Allgutheit, Allwissenheit) gäbe.

    Denn im Spiel wird sich ja die Universalität mit sich identisch, gerade weil hier das individuierende Subjekt - der Skeptiker - auf die Intersubjektivität stößt; auf ein Netz, welches einem Feld aufliegt, das in keiner Weise mehr kausal ist bzw. es (abzählbar) unendlich viele Spielkausalitäten geben müsste. [etwas, das, das Spiel betrachtend, keinen Sinn ergeben kann. Man höbe sonst logische Kategorien ins irrationale Spiel]

    Ist es nicht absurd, dass sich das abendländische Subjekt erst in dieser künstlich erzeugten Freiheit von der Überzeugung befreien kann, das einzige Subjekt zu sein? (Also zumindest ein sehr beharrlich skeptisches Subjekt) Sozusagen erst mit der Einsicht in die freien Künste, erst mit der Einsicht in die damit einhergehende Überwindung eines Historismus, die Intersubjektivität ins Zentrum rückt. Wobei dieses Zentrum nur kurz durch die Intersubjektivität besetzt wird, da die Kunst sich dann ja - im Behauptungswillen gegen die Naturwissenschaft und die Physik - in "universale" Höhen aufschwingen will. {Fraglich, ob das ohne Theologie - bzw. ohne tradierten Theos - möglich sein könnte}

    Könnte man vielleicht sagen, dass sich die Hermeneutik nur in der Lebenswelt und dem sozietären Teil des "Systems" des Sozialwesens erfindet? Denn die Hermeneutik verlegt alles, was intelligibel ist, die gesamte Phänomenologie der Erkenntnistheorie ins Innere - stellt sich also als Methode für die "klassische" Ontologie dar, sofern der sakuläre Mensch sich säkular sozialisiert weiß. Eine Ontologie, deren Akzeptzanz darauf zu beruhen scheint, dass in ihr sich (alles mögliche) ja ganz fantastisch zum Diskurs umformen lässt, dass die Sprache sich ja reiflich gut als Geistmetapher dargenügt...und gerade deshalb dem Individuationsbestrebungen der abendländischen Philosophie und ihrer säkularen Aufklärungsbemühungen hingereicht. Aber wenn sich die Hermeneutik nur in der Sozietät erkennt und wiedererkennt, dann fragt sich, worin diese Sozietät ist. (Abgesehen natürlich neben der psychologisch-organischen Ebene) Es erscheint mir problematisch, dass hier der "Wiener Kreis" kein bisschen kritisch beäugt zu werden scheint; aber ohne logischen Positivismus wird man ja wohl vermutlich auch schwerlich der Hermeneutiks geübter Überbringer ihrer Botschaft. Das Problem mag mir darin liegen, dass der Zugriff auf die Natur noch zu sehr von der Faszination der Genetik und der relativistischen Physik geblendet ist - darum ja der enorme Fokus auf Kunst und die pendantische Analyse der dialektischen Bewegung der Künste (der Ethopoiesis psychischer und der Autopoiesis sozialer oder organischer Systeme) welche sich dann in der erneuten Differenzierung, in der ästhetischen Unterscheidung kulminiert und womit eine Zersprengung des Kunstmonolithes einhergeht. Es kann offen bleiben, ob dies gut oder schlecht ist...m.e. ist in der Hermeneutik zuviel Theologie. {Wieso sonst sollte man die Kunst der schizophrenen differenzierung überlassen, wenn nicht, um einem Gottesbegriff einen letzten Ort seiner Entfaltung zu ermöglichen?}

    Anders gesagt: Statt der ästhetischen Unterscheidung, die auch alles, was der Fall ist, empirisch macht, könnte man alles empirisch machen, indem man Ethologie setzt und dorthintan dann Mensch und Tier eine identische Grenze ermöglicht, ohne sie ineinander verschwimmen zu lassen...denn gegen das Verschwimmende Bild hilft dann ja Phänomenologie (oder die theologisch angehauchte Hermeneutik). [Oder eben die "Hohlgeburt" der Religion: die formale Logik und ihr fratzenhafter und fieser Begleiter, die Naturwissenschaften]

  • Damit aber läuft die Hermeneutik doch im Endeffekt darauf hinaus, die Sagenwelt und die Kunst als zwei Horte zu wählen, 2 Stelen aufzustellen, die diese beiden Ebenen psychologisch in eine Dichotomie, eine logische Dichotomie überführen. Die Hermeneutik selbst arbeitet dabei nicht wissenschaftlich, nutzt aber historische Methoden, um eine sozusagen "transsubjektive" Perspektive zu gewinnen, mittels der die Philosophie, die Naturwissenschaft und die Geisteswissenschaft gemeinsam denkbar wurden.
    Das ist gut und richtig und sicher nicht verkehrt. Aber man sollte wohl nicht verhehlen, dass sich hierdurch ja doch stets eine sehr große Leinwand darlegt. Jeder Moment bzw. jedes Bild, welches den Moment erfasst, ist für sich nahezu unendlich entfaltbar...und das nicht metaphysisch, sondern in jedem Moment, sowohl kann es zum Zeitpunkt t1 passieren oder man abstrahiert eben in Zeitpunkt t2 in die Unendlichkeit der Gegenwart. (Könnte man Hegels Dialektik so denken, dass dessen negative Unendlichkeit eine Unendlichkeit der Präsenz, der Gegenwart als "bloßer" partikulärer Situation ist?)

    Wenn aber die Hermeneutik darauf hinausläuft, die Sagenwelt und die Kunst zu konfundieren, um daraus eine Ästhetik zu destillieren, die sich in der "ästhetischen Unterscheidung" selbst erkennt (u.a. wg. Allegorie vs. Symbol), dann frage ich mich, wie sich in einer solch "streng" durchmodellierten Erkenntnistheorie denn noch das szientistische Subjekt erkennen können soll? (Und dann müsste man fragen, wo denn Utopie sein dürfe, sofern dieses Subjekt nicht sein können dürfe oder solle?)
    Sicher, darin erkennt sich der freie Mensch als freier Bürger, doch was, wenn eben nur entweder der Mensch oder der Bürger frei ist, nicht aber beides? Oder andes: Es erkennt sich darin keine Sozietät, nicht die Teleologie sich selbst, sondern doch irgendwie nur der freie Mensch, der zuviel Freiheit wollte - oder nicht?

    Angenommen man könnte sagen, dass die Hermeneutik die Bedingung der Möglichkeit ist für ein Subjekt wie es den Humanwissenschaften Foucaults angedeiht sein könnte, wieso schafft sie sich dadurch nicht selbst ab? Denn die Kunst selbst ist doch, was der Maßstab des Urteils ist; die Hermeneutik aber scheint so zu operieren, dass sie meint, den Juryrichter der ästhetischen Beurteilung zu analysieren und dessen ästhetisches Empfinden (bspw. im Ekel) als Blaupause in eine echte Erlebnissituation hineinlegen zu müssen. (Adorno sagte da, soweit ich mich erinnere, immer "Probehandeln")

    Die Hermeneutik versucht doch quasi eine Blaupause zu entwickeln, die die Richtigkeit der Selbstbeurteilung, der Reflexion und Flexion ins System einbinden will. Darum steht ja auch das Spiel im Zentrum, worin sich ein "etwas" darstellt, sich in die Präsenz hebt und dem Publikum entweder profanes oder symbolisches präsentiert, indem es Repräsentiert.
    Eine Frage, die mich hier wahrlich umtreibt, ist die, was denn dieses sogenannte Urbild sei. Denn es gibt eine Stelle da setzt - gaaaanz tiefenhermeneutisch - der gute Gadamer das Urbild an die Stelle, wo doch eigtl. die Gegenwart zu erkennen sein könnte. Und dann frag ich mich, ob in Gadamer da der mathematische Automat oder aber die Person Gadamer spricht...den so wirklich kann ich mir so ein Urbild nicht einbläuen; würde hier also leise Zweifel ob der Konsistenz anmelden und meinen, dass Gadamer nicht stringent Bild und Urbild zu differenzieren vermag. (Wiewohl man es ihm durchaus zutrauen könnte, täte er in der heutigen Zeit, so mit Internet und so, leben.) Das ist auch garnicht schlimm, denn er ermöglicht ja explizit eine Perspektive auf die symbolische Seite der Lebenswelt - und mehr will er ja garnicht zu erreichen trachten.
    Wieso sollte man Gebilde und Machwerk unterscheiden brauchen, wenn es dann doch ein Urbild geben soll? Denn Gebilde und Machwerk gehen ja vom Kunstwerk aus auf Expedition - und finden dabei ja nicht Gott, nicht ein erstes Urbild, sondern ihre eigene Arbeit und eben die ästhetische Unterscheidung, die Bild und Anschauung sowie Virtualität und Imagination unterscheidet. Das Problem scheint mir, dass der Bildbegriff bei Gadamer mindestens zwei Deutungsebenen aufweist. Einmal die des Festes und der Leinwand, des Bühnenspiels; ein zweites mal die der "imaginären Vorstellung", die starke Auswirkungen darauf hat, wie das ästhetische Empfinden funktioniert. Denn dieses ist ja gerade auf die imaginäre Vorstellung gerichtet, deren Wirken sie als gewichtig einzuordnen ersucht.

    Aber die Frage scheint mir, welche der zwei dialektischen Erkenntniswegen (Hermenutik oder Phänomenologie) besser mit der Postmoderne zu denken ist - und da muss die Hermeneutik leider hinten an bleiben. Denn nicht dass sie falsch wäre ist ihr Problem, sondern dass sie sich dem szientistischen Subjekt der franz. Philosophie unterordnen muss, derer sie immanent zu sein scheint. (Das kann man, mit ganz wenig Utiltarismus und viel Moralphilosophie aber natürlich auch anders sehen und den "preußischen Bildungsbürger", der der Hermeneutik wohl Modell stand, dann als gewichtiger einschätzen, vor einem szientistischen Positivismus)
    Die Hermeneutik versucht doch quasi eine Blaupause zu entwickeln, die die Richtigkeit der Selbstbeurteilung, der Reflexion und Flexion ins System einbinden will. Darum steht ja auch das Spiel im Zentrum, worin sich ein "etwas" darstellt, sich in die Präsenz hebt und dem Publikum entweder profanes oder symbolisches präsentiert, indem es Repräsentiert.
    [/quote]muss es tatsächlich immer so kompliziert sein die Fremdpsyche gewiss zu erkennen? Ich denke nicht. Denn das Publikum kann durchaus auch anders in Erscheinung treten, als über die große Bühne. Denn so eine Bühne hat ja auch was sehr uniformes, da könnt man ja auch annehmen, dass diese Uniformität der Intersubjektivität bzw. der Phänomenologie/des organischen Sensualismus bereits früher auf Fremdpsyche stößt, die auch dann noch gewiss ist, wenn es den Gotte der Christenheit (Allmacht, Allgutheit, Allwissenheit) gäbe.

    Denn im Spiel wird sich ja die Universalität mit sich identisch, gerade weil hier das individuierende Subjekt - der Skeptiker - auf die Intersubjektivität stößt; auf ein Netz, welches einem Feld aufliegt, das in keiner Weise mehr kausal ist bzw. es (abzählbar) unendlich viele Spielkausalitäten geben müsste. [etwas, das, das Spiel betrachtend, keinen Sinn ergeben kann. Man höbe sonst logische Kategorien ins irrationale Spiel]

    Ist es nicht absurd, dass sich das abendländische Subjekt erst in dieser künstlich erzeugten Freiheit von der Überzeugung befreien kann, das einzige Subjekt zu sein? (Also zumindest ein sehr beharrlich skeptisches Subjekt) Sozusagen erst mit der Einsicht in die freien Künste, erst mit der Einsicht in die damit einhergehende Überwindung eines Historismus, die Intersubjektivität ins Zentrum rückt. Wobei dieses Zentrum nur kurz durch die Intersubjektivität besetzt wird, da die Kunst sich dann ja - im Behauptungswillen gegen die Naturwissenschaft und die Physik - in "universale" Höhen aufschwingen will. {Fraglich, ob das ohne Theologie - bzw. ohne tradierten Theos - möglich sein könnte}

    Könnte man vielleicht sagen, dass sich die Hermeneutik nur in der Lebenswelt und dem sozietären Teil des "Systems" des Sozialwesens erfindet? Denn die Hermeneutik verlegt alles, was intelligibel ist, die gesamte Phänomenologie der Erkenntnistheorie ins Innere - stellt sich also als Methode für die "klassische" Ontologie dar, sofern der sakuläre Mensch sich säkular sozialisiert weiß. Eine Ontologie, deren Akzeptzanz darauf zu beruhen scheint, dass in ihr sich (alles mögliche) ja ganz fantastisch zum Diskurs umformen lässt, dass die Sprache sich ja reiflich gut als Geistmetapher dargenügt...und gerade deshalb dem Individuationsbestrebungen der abendländischen Philosophie und ihrer säkularen Aufklärungsbemühungen hingereicht. Aber wenn sich die Hermeneutik nur in der Sozietät erkennt und wiedererkennt, dann fragt sich, worin diese Sozietät ist. (Abgesehen natürlich neben der psychologisch-organischen Ebene) Es erscheint mir problematisch, dass hier der "Wiener Kreis" kein bisschen kritisch beäugt zu werden scheint; aber ohne logischen Positivismus wird man ja wohl vermutlich auch schwerlich der Hermeneutiks geübter Überbringer ihrer Botschaft. Das Problem mag mir darin liegen, dass der Zugriff auf die Natur noch zu sehr von der Faszination der Genetik und der relativistischen Physik geblendet ist - darum ja der enorme Fokus auf Kunst und die pendantische Analyse der dialektischen Bewegung der Künste (der Ethopoiesis psychischer und der Autopoiesis sozialer oder organischer Systeme) welche sich dann in der erneuten Differenzierung, in der ästhetischen Unterscheidung kulminiert und womit eine Zersprengung des Kunstmonolithes einhergeht. Es kann offen bleiben, ob dies gut oder schlecht ist...m.e. ist in der Hermeneutik zuviel Theologie. {Wieso sonst sollte man die Kunst der schizophrenen differenzierung überlassen, wenn nicht, um einem Gottesbegriff einen letzten Ort seiner Entfaltung zu ermöglichen?}

    Anders gesagt: Statt der ästhetischen Unterscheidung, die auch alles, was der Fall ist, empirisch macht, könnte man alles empirisch machen, indem man Ethologie setzt und dorthintan dann Mensch und Tier eine identische Grenze ermöglicht, ohne sie ineinander verschwimmen zu lassen...denn gegen das Verschwimmende Bild hilft dann ja Phänomenologie (oder die theologisch angehauchte Hermeneutik). [Oder eben die "Hohlgeburt" der Religion: die formale Logik und ihr fratzenhafter und fieser Begleiter, die Naturwissenschaften]

  • Um zu verstehen, was Gadamer zu machen versucht, empfehle ich einen Vorgriff durch Vorblättern auf S. 264, um dort zu lesen:

    "Verstehen ist [nach Heidegger ...] die ursprüngliche Vollzugsform des Daseins, das In-der-Weltsein ist.
    [...]
    Der Herausarbeitung dieser neuen Aspekte des hermeneutischen Problems ist die vorliegende Arbeit gewidmet.
    [...]
    Verstehen ist der ursprüngliche Seinscharakter des menschlichen Lebens selber."

    Das sind Kernthesen Gadamers.

  • Um zu verstehen, was Gadamer zu machen versucht, empfehle ich einen Vorgriff durch Vorblättern auf S. 264, um dort zu lesen:

    "Verstehen ist [nach Heidegger ...] die ursprüngliche Vollzugsform des Daseins, das In-der-Weltsein ist.
    [...]
    Der Herausarbeitung dieser neuen Aspekte des hermeneutischen Problems ist die vorliegende Arbeit gewidmet.
    [...]
    Verstehen ist der ursprüngliche Seinscharakter des menschlichen Lebens selber."

    Das sind Kernthesen Gadamers.

  • "Verstehen ist [nach Heidegger ...] die ursprüngliche Vollzugsform des Daseins, das In-der-Weltsein ist.
    [...]
    Der Herausarbeitung dieser neuen Aspekte des hermeneutischen Problems ist die vorliegende Arbeit gewidmet.
    [...]
    Verstehen ist der ursprüngliche Seinscharakter des menschlichen Lebens selber."

    Das sind Kernthesen Gadamers.

    Ja, damit wird explizit die symbolische Seite - im Gegensatz zur materiellen Seite - der Lebenswelt, sowie deren Reproduktion angesprochen. Eine Frage ist, welche Entitäten nötig sind, um diese Perspektive einzunehmen.

  • "Verstehen ist [nach Heidegger ...] die ursprüngliche Vollzugsform des Daseins, das In-der-Weltsein ist.
    [...]
    Der Herausarbeitung dieser neuen Aspekte des hermeneutischen Problems ist die vorliegende Arbeit gewidmet.
    [...]
    Verstehen ist der ursprüngliche Seinscharakter des menschlichen Lebens selber."

    Das sind Kernthesen Gadamers.

    Ja, damit wird explizit die symbolische Seite - im Gegensatz zur materiellen Seite - der Lebenswelt, sowie deren Reproduktion angesprochen. Eine Frage ist, welche Entitäten nötig sind, um diese Perspektive einzunehmen.

  • Quote

    Kann die Kritik Gadamers an einer Art "ästhetischen Ausdruckvermögens", die die Hermeneutik zu leiten scheint, äquivalent einen Strukturalismus substituieren? Denn wenn ich an Hermeneutik denke, denke ich an Psychologismus, nicht an Struktur und Poststrukturalismus.


    Eher ist es so, als gäbe es schlicht garkeine Psychologie. Denn die subjektive Perspektive, die der Sinnlichkeit anhängt, soll ja gerade transzendiert werden in die "Offenheit" der chaotischen Pinselstriche der Kunst, also das intersubjektive Übereinkommen über ästhetisch aufgeladene Idealismen (die Kulturrelativität) bzw. mittels der Hermeneutik soll in eine solche Perspektive manövriert werden, dass sich die "klassische Mentalität" über sich selbst hinaus - sowohl rational, als auch irrational - "ersehen" kann. Die Mentaltität nutzt also Hermeneutik, um sich mittels dieser über die Subjektivität hinaus, empor zu arbeiten zu einer "gesicherten" intersubjektivierbaren Perspektive, deren Gewissheit unbezweifelbar scheint. {Unbezweifelbar aber nur, weil die Phänomenologie wahres sagt...bis zu einem gewissen Punkt "der Erkenntnis" "nachspürend", um dann in hermeneutisches Denken überzugehen. [Die Krux ist, dass Hermeneutik nur als eine Methode arbeitet, die einzig immanent oder implizit ist bzw. nur dann sinnvoll oder "a-theologisch" erscheint.]}
    Man ermittelt mittels der hermeneutischen Methode ja eine Art Regelwerk, welches sowohl der Juristerei, der Ökonomie, der "authentischen Explikation", als auch der Erkenntnistheorie unterlegt sein kann. Denn der Fokus der Hermeneutik scheint, wie ich es sehe, darauf zu liegen, dass man die Historie darauf bezieht, dass die (physiognomische) Ästhetik sich durch alle Epochen hindurch nicht verändert. Das "Selbst" also stetig dieselbe Lebendigkeit erreicht, seit der Mensch in den Geist sich hineinzutauchen gewagt hat.

    So ließe sich Geist als eine Entität denken, die, wenn auch abstrus oder paradox, durchaus nicht völligst ohne Berechtigung am Himmelsfirmament "ihr Unwesen treibt"...etwas, das Heidegger gerne dem "anwesen" (also dem wesenden Wesen) überlässt, also solcherlei Entitäten...um die Struktur der Historie explizit zu machen bzw. das Dasein in eben jener Historie explizit zur Ursache eines jeden Menschen der Gegenwart zu mache; gerade, weil er, also Heidegger, die Hermeneutik des Subjekts, in der Unterscheidung von So-sein und Mit-sein mitdenkt. Gadamer redet dort immer von zwei Worten, die mir gerade nicht einfallen...aber bei Interesse wieder gefunden werden können und über die Kategorie des "Dasein" hinaus weisen. Verweisend sind, auf die "Unmittelbarkeit" und "Substanzlosigkeit" des Subjekts, das sich als Dasein der Struktur psychologisch entreißen kann - also Formen als Struktur und Historie als Struktur bestimmen kann und dann in den "ästhetischen Kosmos" hinauf sich geleitet und zum schweben bringt.

  • Quote

    Kann die Kritik Gadamers an einer Art "ästhetischen Ausdruckvermögens", die die Hermeneutik zu leiten scheint, äquivalent einen Strukturalismus substituieren? Denn wenn ich an Hermeneutik denke, denke ich an Psychologismus, nicht an Struktur und Poststrukturalismus.


    Eher ist es so, als gäbe es schlicht garkeine Psychologie. Denn die subjektive Perspektive, die der Sinnlichkeit anhängt, soll ja gerade transzendiert werden in die "Offenheit" der chaotischen Pinselstriche der Kunst, also das intersubjektive Übereinkommen über ästhetisch aufgeladene Idealismen (die Kulturrelativität) bzw. mittels der Hermeneutik soll in eine solche Perspektive manövriert werden, dass sich die "klassische Mentalität" über sich selbst hinaus - sowohl rational, als auch irrational - "ersehen" kann. Die Mentaltität nutzt also Hermeneutik, um sich mittels dieser über die Subjektivität hinaus, empor zu arbeiten zu einer "gesicherten" intersubjektivierbaren Perspektive, deren Gewissheit unbezweifelbar scheint. {Unbezweifelbar aber nur, weil die Phänomenologie wahres sagt...bis zu einem gewissen Punkt "der Erkenntnis" "nachspürend", um dann in hermeneutisches Denken überzugehen. [Die Krux ist, dass Hermeneutik nur als eine Methode arbeitet, die einzig immanent oder implizit ist bzw. nur dann sinnvoll oder "a-theologisch" erscheint.]}
    Man ermittelt mittels der hermeneutischen Methode ja eine Art Regelwerk, welches sowohl der Juristerei, der Ökonomie, der "authentischen Explikation", als auch der Erkenntnistheorie unterlegt sein kann. Denn der Fokus der Hermeneutik scheint, wie ich es sehe, darauf zu liegen, dass man die Historie darauf bezieht, dass die (physiognomische) Ästhetik sich durch alle Epochen hindurch nicht verändert. Das "Selbst" also stetig dieselbe Lebendigkeit erreicht, seit der Mensch in den Geist sich hineinzutauchen gewagt hat.

    So ließe sich Geist als eine Entität denken, die, wenn auch abstrus oder paradox, durchaus nicht völligst ohne Berechtigung am Himmelsfirmament "ihr Unwesen treibt"...etwas, das Heidegger gerne dem "anwesen" (also dem wesenden Wesen) überlässt, also solcherlei Entitäten...um die Struktur der Historie explizit zu machen bzw. das Dasein in eben jener Historie explizit zur Ursache eines jeden Menschen der Gegenwart zu mache; gerade, weil er, also Heidegger, die Hermeneutik des Subjekts, in der Unterscheidung von So-sein und Mit-sein mitdenkt. Gadamer redet dort immer von zwei Worten, die mir gerade nicht einfallen...aber bei Interesse wieder gefunden werden können und über die Kategorie des "Dasein" hinaus weisen. Verweisend sind, auf die "Unmittelbarkeit" und "Substanzlosigkeit" des Subjekts, das sich als Dasein der Struktur psychologisch entreißen kann - also Formen als Struktur und Historie als Struktur bestimmen kann und dann in den "ästhetischen Kosmos" hinauf sich geleitet und zum schweben bringt.

  • Eine Frage ist, welche Entitäten nötig sind, um diese Perspektive einzunehmen.

    Diese Fragestellung ist nach Quine und meinem Dafürhalten unumgänglich und zugleich aufschlussreich:

    "A theory is committed to those and only those entities to which the bound variables of the theory must be capable of referring in order that the affirmations made in the theory be true"
    (SEP zu Ontological Commitment).

  • Eine Frage ist, welche Entitäten nötig sind, um diese Perspektive einzunehmen.

    Diese Fragestellung ist nach Quine und meinem Dafürhalten unumgänglich und zugleich aufschlussreich:

    "A theory is committed to those and only those entities to which the bound variables of the theory must be capable of referring in order that the affirmations made in the theory be true"
    (SEP zu Ontological Commitment).

  • Könnte man vielleicht sagen, dass die Hermeneutik nur deshalb relevant ist, weil wir als Gesellschaft uns nicht klar entgegen der Marktfreiheit positioniert haben?
    Denn diese Freiheit, die dadurch völlig losgelöst von jeder Vernunft entsteht, ernötigt ja erst, dass die Kunst sich ihrer selbst gewahr wird. (Zumindest, sofern man nicht meint, dass "Kirche und Bibel" irgendeine Art von Autorität hätten) Denn nur hier kann sich das kritische Subjekt dann ja noch entfalten und sich seiner antikapitalistischen und/oder atheistischen Werte und ihrer Korrektheit versichern.

    Würden wir uns entgegen des Marktes positionieren als Gesellschaft, dann würde - trotz Eingedenk der christlichen Tradition - ja eine Phänomenologie hinreichend sein, um darin "gewissheit" der Gegenwart und des historischen Denkens zu erreichen. Oder nicht?

    Sozusagen erzwingen nur die libertären und kommunitaristischen Strukturen, die logische Folge eines Christentums sind, dass die Hermeneutik überhaupt Relevanz bekommt gegenüber der kollektivierenden Phänomenologie. Könnte man das vielleicht so aussprechen?

  • Könnte man vielleicht sagen, dass die Hermeneutik nur deshalb relevant ist, weil wir als Gesellschaft uns nicht klar entgegen der Marktfreiheit positioniert haben?
    Denn diese Freiheit, die dadurch völlig losgelöst von jeder Vernunft entsteht, ernötigt ja erst, dass die Kunst sich ihrer selbst gewahr wird. (Zumindest, sofern man nicht meint, dass "Kirche und Bibel" irgendeine Art von Autorität hätten) Denn nur hier kann sich das kritische Subjekt dann ja noch entfalten und sich seiner antikapitalistischen und/oder atheistischen Werte und ihrer Korrektheit versichern.

    Würden wir uns entgegen des Marktes positionieren als Gesellschaft, dann würde - trotz Eingedenk der christlichen Tradition - ja eine Phänomenologie hinreichend sein, um darin "gewissheit" der Gegenwart und des historischen Denkens zu erreichen. Oder nicht?

    Sozusagen erzwingen nur die libertären und kommunitaristischen Strukturen, die logische Folge eines Christentums sind, dass die Hermeneutik überhaupt Relevanz bekommt gegenüber der kollektivierenden Phänomenologie. Könnte man das vielleicht so aussprechen?

  • Wäre nicht die "Situation" ein besserer Begriff für die Hermeneutik?

    Interessant, dass Gadamer die Situation ins Spiel bringt.

    Zum einen dort, wo er die Phänomenologie Husserls und Heidegger abarbeitet. (Zweiter Teil, I 3. und II 1. a)) Wobei sie hier noch implizit bleibt.

    Beides kommt unmittelbar vor dem Abschnitt, in dem er sich explizit auf den Situationsbegriff bezieht. Er behandelt den Begriff im Umfeld der Wirkungsgeschichte, in die wir stets immer eingebettet sind. (Zweiter Teil, II, 1. d)) (S. 285)

    "Der Begriff der Situation ist ja dadurch charakterisiert, daß man sich nicht ihr gegenüber befindet und daher kein gegenständliches Wissen von ihr haben kann. Man steht in ihr, findet sich immer schon in einer Situation vor, deren Erhellung die nie ganz zu vollendende Aufgabe ist."

    Ist das nicht deutlich trefflicher, als das Erlebnis ins Zentrum zu rücken? Zumindest, wenn es um Hermeneutik geht. Bei der Ästhetik, bei der sich das Erlebnis im Zentrum weiß, mag vielleicht das Erlebnis passlicher sein. Wenn es auch merkwürdig ist, dass er das Erlebnis dann abstrakt in Metaphern des Spieles darlegt, anstatt bereits hier auf die Situation als Umrahmung der Erlebnisse zu verweisen, die sich aus der Lebenswelt heraus speisen und qua Situation in eben jene Lebenswelt eingebettet sind. (Als müsste man sich dem Ernst der Lage versichern, indem man möglichst unernst sich zum Leid der Welt verhält, welcher die Analyse der Kunst zur Notwendigkeit macht um nicht dem Freitod anheimzufallen.)

  • Wäre nicht die "Situation" ein besserer Begriff für die Hermeneutik?

    Interessant, dass Gadamer die Situation ins Spiel bringt.

    Zum einen dort, wo er die Phänomenologie Husserls und Heidegger abarbeitet. (Zweiter Teil, I 3. und II 1. a)) Wobei sie hier noch implizit bleibt.

    Beides kommt unmittelbar vor dem Abschnitt, in dem er sich explizit auf den Situationsbegriff bezieht. Er behandelt den Begriff im Umfeld der Wirkungsgeschichte, in die wir stets immer eingebettet sind. (Zweiter Teil, II, 1. d)) (S. 285)

    "Der Begriff der Situation ist ja dadurch charakterisiert, daß man sich nicht ihr gegenüber befindet und daher kein gegenständliches Wissen von ihr haben kann. Man steht in ihr, findet sich immer schon in einer Situation vor, deren Erhellung die nie ganz zu vollendende Aufgabe ist."

    Ist das nicht deutlich trefflicher, als das Erlebnis ins Zentrum zu rücken? Zumindest, wenn es um Hermeneutik geht. Bei der Ästhetik, bei der sich das Erlebnis im Zentrum weiß, mag vielleicht das Erlebnis passlicher sein. Wenn es auch merkwürdig ist, dass er das Erlebnis dann abstrakt in Metaphern des Spieles darlegt, anstatt bereits hier auf die Situation als Umrahmung der Erlebnisse zu verweisen, die sich aus der Lebenswelt heraus speisen und qua Situation in eben jene Lebenswelt eingebettet sind. (Als müsste man sich dem Ernst der Lage versichern, indem man möglichst unernst sich zum Leid der Welt verhält, welcher die Analyse der Kunst zur Notwendigkeit macht um nicht dem Freitod anheimzufallen.)

  • Ist die Hermeneutik vielleicht sogar geeignet, die Perspektive von Leibniz Monadologie auf ein säkulares Fundament zu setzen, diese also konsistent überflüßig zu machen?

    Denn es scheint ja so, dass sich hier das Subjekt, das Kern-Ich, das Selbst auflöst in seine Unmittelbarkeit als funktionaler Organismus, so dass es nicht mehr bedarf ein "geistiges" Selbst zu denken bzw. zu sein, welches "innerhalb" des Organismus säße. Sondern es scheint, als könne die Hermeneutik tatsächlich das Problem auflösen, welches mit der (scheinbaren) Unbegründbarkeit von Moral einhergeht - was eben dieses Auflösen eines geistigen "Ich-Punktes", der losgelöst vom Körper wäre, ermöglichte. Oder irre ich hier?

    Ein Punkt wäre hierbei, dass die christliche Überlieferung und die damit einhergehende Weltanschauung deskriptiv erfassbar wird als Philosophiegeschichte oder allg. als Theoriegeschichte und in der empirischen Unterscheidung von narrativer Geschichte und faktischer Historie.

    Etwas, das sicher auch Spinoza ermöglicht, aber nur, wenn man keine Sozietät als einheitliches Gebilde mitdenken will, sondern diese auf Natur reduziert.

    Allerdings wäre das wohl nur denkbar unter Preisgabe, dass Marx (bzw. jeder nicht-Liberalismus) nicht "wahres" bzw. wissenschaftiches sagte, sondern maximal weltanschaulich wäre. Denn die Hermeneutik, so scheint es mir, setzt jede politische Ansicht als wahr, weil sie das Kollektiv aufzulösen scheint; hinein in die Analyse der Geistesgeschichte und ihrer unzähligen, in Büchern manifestierten Meinungen/Perspektiven. (Darum ist Habermas ja auch schlimm konservativ geworden und im Grunde nicht mehr "kritisch". Man denke nur daran, dass er das Folgen als gangbaren Weg preist in "Der philosophische Diskurs der Moderne")

  • Ist die Hermeneutik vielleicht sogar geeignet, die Perspektive von Leibniz Monadologie auf ein säkulares Fundament zu setzen, diese also konsistent überflüßig zu machen?

    Denn es scheint ja so, dass sich hier das Subjekt, das Kern-Ich, das Selbst auflöst in seine Unmittelbarkeit als funktionaler Organismus, so dass es nicht mehr bedarf ein "geistiges" Selbst zu denken bzw. zu sein, welches "innerhalb" des Organismus säße. Sondern es scheint, als könne die Hermeneutik tatsächlich das Problem auflösen, welches mit der (scheinbaren) Unbegründbarkeit von Moral einhergeht - was eben dieses Auflösen eines geistigen "Ich-Punktes", der losgelöst vom Körper wäre, ermöglichte. Oder irre ich hier?

    Ein Punkt wäre hierbei, dass die christliche Überlieferung und die damit einhergehende Weltanschauung deskriptiv erfassbar wird als Philosophiegeschichte oder allg. als Theoriegeschichte und in der empirischen Unterscheidung von narrativer Geschichte und faktischer Historie.

    Etwas, das sicher auch Spinoza ermöglicht, aber nur, wenn man keine Sozietät als einheitliches Gebilde mitdenken will, sondern diese auf Natur reduziert.

    Allerdings wäre das wohl nur denkbar unter Preisgabe, dass Marx (bzw. jeder nicht-Liberalismus) nicht "wahres" bzw. wissenschaftiches sagte, sondern maximal weltanschaulich wäre. Denn die Hermeneutik, so scheint es mir, setzt jede politische Ansicht als wahr, weil sie das Kollektiv aufzulösen scheint; hinein in die Analyse der Geistesgeschichte und ihrer unzähligen, in Büchern manifestierten Meinungen/Perspektiven. (Darum ist Habermas ja auch schlimm konservativ geworden und im Grunde nicht mehr "kritisch". Man denke nur daran, dass er das Folgen als gangbaren Weg preist in "Der philosophische Diskurs der Moderne")

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