Tag zusammen,
ich les aktuell "Wahrheit und Methode" von Gadamer und hab mal paar Gedanken zu aufgeschrieben. Kritisch erwünscht! ![]()
Eine Sache treibt mich um. Denn Gadamer setzt das Erlebnis ins Zentrum. Sicher, keine schlechte Sache, denn die Erlebnisse füllen die gedächtnisbegabte Dauer, sowie die einzelnen Gedächtnisse mit Erfahrungswerten, eben erlebten Episoden und Abenteuern an.
Das ist gut und richtig und sicher alles andere als verkehrt. Ich würde nur meinen, dass eine solche Perspektive doch eher der Phänomenologie zuzuordnen wäre, als der sprachanalytisch und semantisch geprägten Hermeneutik. Oder nicht?
Denn die Hermeneutik scheint ja eine "Wissenschaft", die aus einer beobachtenden Perspektive heraus, gute Metaphern finden will (bzw. Allegorie und Symbol unterscheiden), die die Unmittelbarkeit und Substanzlosigkeit des Subjekts erkennen lassen. Sie will sozusagen Personen in ihrer Selbsterkenntnis als Mann oder Frau, als Mensch in Funktion, statt in metaphysischer Abstraktion.
Wäre nicht die "Situation" ein besserer Begriff für die Hermeneutik? Denn die Erlebnisse sind doch viel eher phänomenal. Man erlebt sich nicht in der Metapher des "Darstellens" als Schausteller, nicht in der abstrakten Unterscheidung von Kunst und (physiognomischer) Ästhetik, nicht also in Gebilden, in Machwerken, die die Philosophiegeschichte vor sich her walzen. Wenn man erlebt, erlebt man unmittelbar den Moment, das "Passieren"; etwas, das bei Gadamer in der Metapher des Festes, des andauernden Ereignis beschrieben ist.
Die Hermeneutik aber, die will dieses andauernde Ereignis, diese Sequenzen, diese Momente als abstrakte Situationen erleben (möglichst maximal entfaltet, das Publikum gar mit Einbeziehend), will auch noch in den komplexesten Regionen treffliche Differenzierungen erfassen. Damit erfasst sie aber nicht die Erlebnisse, sondern die Situation, worin sich die Erlebnisse abspielen und den pragmatisch geschulten säkularen Geist. Denn Hermeneutik ist ja eben nicht konkret, nicht unmittelbar und - andere Seite - auch nicht völlig intelligibel, völlig metaphysisch. Damit aber geht es ihr doch eher um eine Bestimmung der gebündelten "Momente", die sich "situationsbezogen" erleben/erfahren lassen; also um die Situation in ihrer begrifflichen Komplexität, statt um die unmittelbar affizierenden Erlebnisse, die eher dem phänomenalen Bewusstsein zuzuschreiben wären.
Erlebnisse wären sozusagen Abenteuer; besonders und einzigartig. Während Sequenzen zu einem Episodenbegriff geformt werden, der allgemein und generell dann auf die entfaltete Situation verweist, in der "der Denker auf einem Möbelstück im Raum (modern) bzw. des Oikos (klassisch) sitzt und das Bild anschaut", also Kunst und Ästhetik differenziert.
Könnte man vielleicht sagen, dass die Hermeneutik hier zugleich expressive Vernunft und phänomenales Bewusstsein sein will, wenn sie sich die Erlebnisse, statt der Situation als eine ihrer Basisbegriffe wählt?
Angenommen man hat ein phänomenales Bewusstsein, eine syntaxanalytische Logik, eine semantische Psychologie und Gesellschaft, eine semiotische Linguistik.
Kann die Kritik Gadamers an einer Art "ästhetischen Ausdruckvermögens", die die Hermeneutik zu leiten scheint, äquivalent einen Strukturalismus substituieren? Denn wenn ich an Hermeneutik denke, denke ich an Psychologismus, nicht an Struktur und Poststrukturalismus. Aber die Kategorie der "(Un-)Tunlichkeit", die Gadamer anspricht lässt m.e. eine Perspektive erwarten, in der selbst die Kunst noch psychologisiert, statt auf die Strukturen selbst zu verweisen. Man könnte hier fragen, weshalb? Ich vermute, weil die Handlung mit Praxis identifiziert wird, statt hier eine kommunikativ-informatische Kontingenz zuzulassen, determiniert die Handlungstheorie und das praktische Verhalten gar noch die Sicht auf die Kunst - und die Sozietät als Ganze. Denn die Episteme vermeint sich in der Allegorie, obwohl sie oft einem Symbolismus anhängt - bzw. die Kunst scheint in der Hermeneutik primär subjektiv, statt auf die Intersubjektivität und die Symbole zu verweisen, die sich als Knotenpunkte in den sozialen Tatbeständen finden und dort bestimmte Kommunikationen reproduzieren.
Ein weiteres Problem erscheint mir darin, dass die Zeitlosigkeit des stetig andauernden Festes, welches den "Moment des Hochgefühls" sequentiert, die Perspektive auf die Stetigkeit des Kontinuums verstellt, zu gunsten einer Perspektive, die die diskreten, differenzierbaren und begrifflichen Anteile der Raumzeit überbetont. Denn das Fest verlangt die Aufmerksamkeit der gesamten Sinnenwelt, des vollen Farbspektrums. Es beinhaltet in sich nämlich zum einen die Sequenzierung. Also die Differenzierbarkeit von Ereignissen. Zum weiteren die Zeitlosigkeit, weil die Festivitäten eine Stimmung erwirken, die eine Art von unzeitlicher Schwerelosigkeit imitieren/simulieren, die den Festivalteilnehmern eine gegenwartsbezogene Unbedarftheit und Unbeschwertheit ermöglichen. Zu einem dritten zeigt sich im Fest eine Ästhetik des aktiven Lebens. Das Subjekt erfährt darin ein Verhältnis zur Kunst, indem es sich der Sinne ermächtigend, dem ästhetischen Urteilsvermögen hintanfolgt; sich allegorisch an die Bühne stellt, die der Mittelpunkt der Festivitäten ist.
Dieses ästhetische Vermögen, welches Gadamer da lehrt, das scheint dann der Tunlichkeit eine Moral zu unterlegen. Es fragt sich, welche Art von Handlungstheorie oder Kommunikationstheorie wohl bei Gadamer denkend sich zur Methode erkoren hatte.
Man könnte vielleicht auch die Frage stellen, in wie weit Abenteuer individuert sind - inweit sich darin die Psychologie, die Literatur, die Tropen und die Dramaturgie aufblättert. Konträr, in wie weit die Episode auf die szientistischen Verallgemeinerungen abzielen, auf Sequenzierung, auf Begriffsbildung. In der Episode passiert "nichts", ist Zeit lose, weil beliebig kombinierbar zu Ereignissen, zu Momenten und deren Entfaltungsmomente, die sich situativ darstellen. Situativ, weil sie "in die Gegenwart hinein" analytisch operieren - und erst in dieser Gegenwart auf die stetige zuhandene Zeit - sowie die Dauer - stoßen.
Man könnte dann fragen, weshab der Fokus der Hermeneutik auf die Historie einhergeht mit einer solch enormen Analyse der Kunst. Dann ließe sich vielleicht fragen, welche Weisen der Ästhetik sich in der Hermeneutik finden - sind es Maximen der instrumentellen oder der expressiven Vernunft?