Liebe bisherige Interessenten an dieser Diskussion @Brandon, @Fliege, @idea, @Riha, der Thread ist eröffnet ![]()
Auch wenn die moralische Intuition, besonders in extremen Fällen wie Mord und Folter, nahelegt, dass manche Handlungen objektiv böse sind - wie andere, zum Beispiel deren Vermeidung - ebenso objektiv gut sein müssen, führt die Suche nach Fakten oder reinen Vernunftargumenten, anhand deren die Objektivität moralischer Aussagen über Handlungen oder Sachverhalte nachgewiesen werden kann, irgendwie ins Leere. Es lässt sich wie bei anderen Eigenschaften, z. B. der der Größe, kein absoluter geistiger oder konkreter Maßstab finden, der bestimmt ob etwas gut ist. Ein großer Floh ist anders groß als ein großer Elefant oder ein großer Stern. So hat ein gutes Messer andere Eigenschaften als ein gutes Rennpferd oder ein guter Mensch. Ein solcher absoluter Maßstab, speziell jetzt für das moralisch Gute, müsste also, wie John Leslie Mackie in "Ethics, Inventing Right and Wrong" sagt, eine schwer aufzufindende "queerness", Seltsamkeit, besonders merkwürdige Eigenschaft aufweisen, weswegen er sehr schwer zu finden ist. So gibt es gute Gründe anzunehmen, dass es einen solchen Maßstab, ein solches Kriterium für die Objektivität moralischer Urteile gar nicht gibt.
Ein Punkt über den, Anhand von Mackies Werk und einigen Gegenpositionen hier diskutiert werden kann.
Mein persönliches Interesse gilt allerdings dieser nicht-objektivität von Moral als Ausgangspunkt für ethische Überlegungen. Ist Moral noch das, was man unter Moral versteht, wenn sie nicht objektiv ist? Welchen Maßstab kann man dann an unterschiedliche Institutionen legen, die unterschiedliche moralische Regeln eingeführt haben. Wenn, wovon ich persönlich ausgehe, Gut und Böse im moralischen Sinne Erfindungen sind, nach welchen - zwangsläufig nicht-moralischen Kriterien - wollen wir die verschiedenen Moralien [lexicon]bewerten[/lexicon] und vergleichen? Die Frage Mackies am Ende des 1. Kapitels: "But what if we can establish this negative conclusion, that there are no objective values? How does it help us to say anything positively about ethics? Does it not at one stroke rule out all normative ethics, laying it down that all afirmative first order judgements are false, since they include, by virtue of the very meanings of their terms, unwarranted claims to objectivity?" kann, hoffe ich, insofern negativ beantwortet werden, als es mir möglich scheint positive ethische Aussagen zu machen, und zwar innerhalb von gewissen Institutionen, deren moralische Regeln zwar menschengeschaffen aber durchaus nicht willkürlich sind. Soweit zu meinem persönlichen Schwerpunkt in diesem weiten Thema.
Vielleicht wäre es nützlich, um sich nicht zu verzetteln, wenn auch die anderen Diskutanten ihre Hauptinteressen bezüglich des Themas formulieren und wir uns dann auf gewisse Schwerpunkte einigen - aber da ich keine große Erfahrung im erfolgreichen Führen solcher wissenschaftlicher Threads habe (ich glaube, meine sind immer "eingeschlafen"), würde ich mich gerne auf Ratschläge von Euch anderen, speziell vielleicht des Foren-Nestors @Fliege, abstützen.
(Es sind ja die unterschiedlichsten Vorgehensweisen denkbar, z. B. auch - weil ja einige erst das Buch bekommen haben, ein gemeinsames "Slow-Reading" von Mackies Werk.)