Hallo allerseits!
In der Diskussion um Paul Boghossians Buch "Angst vor der Wahrheit" stellte sich ein Defizit der darin angebotenen Wahrheitstheorie heraus (---> siehe hier). B. möchte nämlich Wahrheit geltend machen, die nicht abhängig sein soll von (regionalen, kontingenten) Redeweisen, Vokabularen und Sprachspielen. Nun geht es ihm freilich grundsätzlich um die Wahrheit von begrifflich gegliederten Propositionen. Propositionen, so B., seien aus Begriffen zusammengesetzt. Um also z.B. meinen zu können, dass Jupiter 16 Monde hat, müsse man die Begriffe "Jupiter", "Monde", "16" und "haben" haben. Hier noch einmal das Zitat aus der englischen Originalausgabe:
QuoteA propositional content (or proposition, for short) is built up out of concepts. So, for someone to be able to believe the proposition that Jupiter has sixteen moons, they must have the concepts out of which that particular proposition is built, namely, the concept Jupiter, the concept having, the concept sixteen, and the concept moon. (S. 11; Hervorhebungen im Original)
Was Begriffe sind und wie man ihrer habhaft werden kann, lässt B. leider im Dunkeln. Dabei ist dieser Punkt für sein Wahrheitskonzept von zentraler Bedeutung - ja, es ist zentral für jedes Wahrheitskonzept, dem es um die Wahrheit von sprachlichen (oder sprachähnlichen) Äußerungen geht. Denn wenn eine Äußerung wahr sein soll, so muss sie sprecherunabhängig wahr sein. Und um eine solche sprecherinvariante Geltung begründen und prüfen zu können, muss auch die Bedeutung des vom Sprecher Gemeinten für andere Sprechern verständlich sein. Darum hängt hier alles von der Möglichkeit ab, mit kontingenten sprachlichen Äußerungen etwas meinen zu können, das grundsätzlich für andere Sprecher verständlich ist, dessen Bedeutung somit nicht von der kontingenten Äußerung und ihren individuellen Eigenheiten abhängt.
Es lässt sich vermutlich leicht Einigkeit darüber erzielen, dass Begriffen dabei eine Schlüsselrolle zukommt. Wie schon der deutsche Ausdruck "Begriff" andeutet - der eng an das lateinische Wort "conceptus" angelehnt ist -, handelt es sich bei begrifflich Artikuliertem grundsätzlich um Begreifbares, Verständliches, Nachvollziehbares. Einen Begriff zu haben, ohne ihn zu "erfassen" - das wäre ungereimt. Man kann zwar Laute nachahmen oder Wörter nachplappern, ohne sie zu verstehen, aber wovon man einen Begriff hat, das versteht man auch. Begriffe können darum nicht dasselbe sein wie die Laute und Wörter, die wir mithilfe unserer "Sprechwerkzeuge" absondern. Gleichwohl können sie von diesen Lautgebilden und -schemata auch nicht völlig unabhängig sein, denn da wir nicht "reine" Gedanken aussenden und lesen können, bilden sie den einzig sicheren, öffentlich zugänglichen Anhalt für eine von Sprecher zu Sprecher übertragbare, invariante - und in ihrer Invarianz auch kontrollierbare - Bedeutung. Aber wie genau verhalten sich Begriffe zu Wörtern? Wie "hat" man einen Begriff? Wie kommt man dran, wie lässt er sich "fassen"?
Was Boghossian sträflich vernachlässigt - die Erläuterung des Begriffs und des Begriffe-"Habens" -, soll in diesem Thread nachgeholt werden. Aber mir schwebt nicht etwa ein bunter Bericht darüber vor, wer im Laufe der Philosophiegeschichte was unter "Begriff" verstanden hat. Ich möchte mich vielmehr auf ein modernes, im weiteren Sinne "post-fregeanisches" Verständnis des Begriffs "Begriff" konzentrieren. Dabei werde ich vor allem zwei Autoren zu Rate ziehen: Peter Janich und Robert Brandom.
Janich bietet sich als Einstieg an, weil er (in seinem neuen Buch "Sprache und Methode. Eine Einführung in philosophische Reflexion", Tübingen 2014, = UTB 4124) eine gut verständliche und knappe Erläuterung des Begriffs gibt.
Und Brandom bietet sich an, weil er neben seiner überaus detaillierten und verzweigten Analyse des Begrifflichen auch eine Verortung seiner Position innerhalb der verschiedenen modernen philosophischen Paradigmen vornimmt. Dieser Entwurf einer "Landkarte" von kontroversen philosophischen Ansätzen bildet das erste Kapitel von "Begründen und Begreifen. Eine Einführung in den Inferentialismus" (Frankfurt/M 2001, = stw 1689).
Ich finde ja, dass die Anschaffung dieser beiden Bücher sich für jeden ernsthaften Philosophieinteressierten lohnt; es sind ihm sozusagen "Freunde fürs Leben". Aber ich werde versuchen, meine Ausführungen so zu halten, dass sie auch für diejenigen verständlich bleiben, die auf diese Begleiter verzichten wollen oder müssen. (Von "Articulating Reasons" - so heißt Brandoms Einführung im Original - lässt sich übrigens eine PDF-Datei im Internet finden; ich werde den Link dahin noch angeben.)