"Wir dürfen keinerlei Theorie aufstellen"

  • Was dürfen wir denn dann aufstellen? - Das mag sich der Leser der Philosophischen Untersuchungen fragen, der auf dieses Theorieverbot an einer prominenten Stelle stößt (S. 342), nämlich kurz bevor Wittgenstein zu der berühmten "Verhexung unseres Verstandes durch die Mittel unserer Sprache" kommt. Erklärend fügt er hinzu: "Es darf nichts Hypothetisches in unsern Betrachtungen sein. Alle Erklärung muß fort, ..." - Wiittgensein weist alle explanatorischen Ansprüche der Philosophie zurück. Nur noch "Beschreibung" wird zugelassen. Michael Hampe schreibt, daß die "Aphoristik Wittgensteins ... in Literatur übergeht" (Die Lehren der Philosophie; S. 27) - Stanley Cavell geht sogar so weit, daß Wittgenstein, Austin und Ryle "Mikrogeschichten erzählen" (Nach der Philosophie. Essays; S. 157) - Wittgenstein, ein Erzähler?

    Behauptende Philosophie - Erzählende Philosophie. Das sind die beiden Paradigmen, mit denen Hampe sein Buch über die Lehren der Philosophie beginnt. Und er verschärft diese Unterscheidung noch indem er die behauptende Philosophie eine "doktrinäre Philosophie" nennt und die erzählende eine "nichtdoktrinäre".

    "Philosophen, die sich in der doktrinären Philosophie betätigen, wollen mit oder aufgrund ihrer Behauptungen andere Menschen erziehen; sie wollen sie dazu bringen, sich ihren Behauptungen als einer Lehre anzuschließen. Dagegen bemühen sich Vertreter nichtdoktrinärer Philosophie darum, möglichst wenig oder gar nichts zu behaupten. Ihre Hauptintention ist eher, herauszufinden und den Behauptern selbst sichtbar zu machen, warum sie meinen, etwas behaupten zu müssen, und welche Konsequenzen das hat." (Die Lehren der Philosophie. Eine Kritik. S. 13)

    Ich werde in loser Folge Einiges aus Hampes Buch und seinem Themenspektrum zur Diskussion stellen, vor allem vor dem Hintergrund einer hermeneutisch verfahrenden Philosophie, die ja das Erzählen ebenfalls hochhält. -

    Edited once, last by Nauplios (August 14, 2014 at 1:38 PM).

  • Was dürfen wir denn dann aufstellen? - Das mag sich der Leser der Philosophischen Untersuchungen fragen, der auf dieses Theorieverbot an einer prominenten Stelle stößt (S. 342), nämlich kurz bevor Wittgenstein zu der berühmten "Verhexung unseres Verstandes durch die Mittel unserer Sprache" kommt. Erklärend fügt er hinzu: "Es darf nichts Hypothetisches in unsern Betrachtungen sein. Alle Erklärung muß fort, ..." - Wiittgensein weist alle explanatorischen Ansprüche der Philosophie zurück. Nur noch "Beschreibung" wird zugelassen. Michael Hampe schreibt, daß die "Aphoristik Wittgensteins ... in Literatur übergeht" (Die Lehren der Philosophie; S. 27) - Stanley Cavell geht sogar so weit, daß Wittgenstein, Austin und Ryle "Mikrogeschichten erzählen" (Nach der Philosophie. Essays; S. 157) - Wittgenstein, ein Erzähler?

    Behauptende Philosophie - Erzählende Philosophie. Das sind die beiden Paradigmen, mit denen Hampe sein Buch über die Lehren der Philosophie beginnt. Und er verschärft diese Unterscheidung noch indem er die behauptende Philosophie eine "doktrinäre Philosophie" nennt und die erzählende eine "nichtdoktrinäre".

    "Philosophen, die sich in der doktrinären Philosophie betätigen, wollen mit oder aufgrund ihrer Behauptungen andere Menschen erziehen; sie wollen sie dazu bringen, sich ihren Behauptungen als einer Lehre anzuschließen. Dagegen bemühen sich Vertreter nichtdoktrinärer Philosophie darum, möglichst wenig oder gar nichts zu behaupten. Ihre Hauptintention ist eher, herauszufinden und den Behauptern selbst sichtbar zu machen, warum sie meinen, etwas behaupten zu müssen, und welche Konsequenzen das hat." (Die Lehren der Philosophie. Eine Kritik. S. 13)

    Ich werde in loser Folge Einiges aus Hampes Buch und seinem Themenspektrum zur Diskussion stellen, vor allem vor dem Hintergrund einer hermeneutisch verfahrenden Philosophie, die ja das Erzählen ebenfalls hochhält. -

    Edited once, last by Nauplios (August 14, 2014 at 1:38 PM).

  • Die Ironie, die wir der Geschichte bereitwillig nachsagen, scheint sich der speziellen Geschichte der Philosophie in manchen ihrer Kapitel angenommen zu haben, etwa in dem des Husserl-Schülers Wilhelm Schapp, der dem jahrzehntelangen Ringen seines Lehrers um eine strenge, an Begriff und Methode orientierte Phänomenologie das Verstricktsein des Menschen in Geschichten entgegensetzt, hinter die zurückzugehen der Theorie verwehrt bleibt. Schapp, der sich als ausgewiesener Rechtstheoretiker darüber hinaus an eine "Metaphysik des Muttertums" (1950) wagte - vielleicht eine Spätfolge Georg Simmels - sieht den Menschen in einem Geflecht sich überlagernder und durchdringender Geschichten und Erzählungen befangen, aus denen ihn keine Kategorien- oder Begriffsbildung herauszulösen vermag. Dabei sind nicht nur "große Erzählungen" am Werk. Schapp´s Geschichten haben gleichsam einen ontogenetischen Vorrang vor der systematischen begrifflichen Erfassung dessen, was je Welt genannt werden könnte: nicht die Geschichten sind in der Welt, sondern die Welt geht in Geschichten auf. - Da ist zum Beispiel die Geschichte von der Liebe: Wo wird sie erzählt? In Proust´s Recherche? Oder doch in Platons Symposion? - Hampe stellt die verblüffende Frage: "Ist neben Die neuen Leiden des jungen W. noch eine Phänomenologie der Liebe nötig und wen erreicht sie?" (S. 35). - Wie könnte eine doktrinäre Philosophie (im Sinne Hampes) die Prägnanz der Innenperspektive eines Swann überbieten? - Und vor allem: Wie könnte sich eine nichtdoktrinäre Philosophie dem Sog des Literarischen entziehen, sofern sie selbst Erzählung ist? - Seit Nietzsche steht die Kunst in Verdacht, die "eigentlich metaphysische Thätigkeit" zu sein. Liegt die Ironie der Geschichte der Philosophie gar darin, daß sie als Verfallsgeschichte gelesen werden kann, deren letztes Kapitel auch gleichzeitig zum Vorwort taugt? -

    "Doktrinäre Philosophie, der, anders als der schönen Literatur, eine Lehrkanzel zur Verfügung steht, scheint die Sprache `von oben´, `top down´ durch ein System oder eine Theorie des Diskurses regulieren zu wollen. Sie kann ihre Vorschläge zur Sprachregulation jedoch nicht mit explanatorischen Erfolgen legitimieren, sondern `nur´- wie die Dichtung - mit der Evidenz, die das `richtige Wort´ für eine bestimmte Erfahrung beim Hörer oder Leser hervorruft. Das Versagen doktrinärer Vereinheitlichungsbemühungen, die Tatsache, daß philosophische Lehren außerhalb der Akademie kaum Gehör finden, hat mit der Stärke der explanatorischen und narrativen Alternativen in Wissenschaft und Kunst zu tun." (S. 36) -

  • Die Ironie, die wir der Geschichte bereitwillig nachsagen, scheint sich der speziellen Geschichte der Philosophie in manchen ihrer Kapitel angenommen zu haben, etwa in dem des Husserl-Schülers Wilhelm Schapp, der dem jahrzehntelangen Ringen seines Lehrers um eine strenge, an Begriff und Methode orientierte Phänomenologie das Verstricktsein des Menschen in Geschichten entgegensetzt, hinter die zurückzugehen der Theorie verwehrt bleibt. Schapp, der sich als ausgewiesener Rechtstheoretiker darüber hinaus an eine "Metaphysik des Muttertums" (1950) wagte - vielleicht eine Spätfolge Georg Simmels - sieht den Menschen in einem Geflecht sich überlagernder und durchdringender Geschichten und Erzählungen befangen, aus denen ihn keine Kategorien- oder Begriffsbildung herauszulösen vermag. Dabei sind nicht nur "große Erzählungen" am Werk. Schapp´s Geschichten haben gleichsam einen ontogenetischen Vorrang vor der systematischen begrifflichen Erfassung dessen, was je Welt genannt werden könnte: nicht die Geschichten sind in der Welt, sondern die Welt geht in Geschichten auf. - Da ist zum Beispiel die Geschichte von der Liebe: Wo wird sie erzählt? In Proust´s Recherche? Oder doch in Platons Symposion? - Hampe stellt die verblüffende Frage: "Ist neben Die neuen Leiden des jungen W. noch eine Phänomenologie der Liebe nötig und wen erreicht sie?" (S. 35). - Wie könnte eine doktrinäre Philosophie (im Sinne Hampes) die Prägnanz der Innenperspektive eines Swann überbieten? - Und vor allem: Wie könnte sich eine nichtdoktrinäre Philosophie dem Sog des Literarischen entziehen, sofern sie selbst Erzählung ist? - Seit Nietzsche steht die Kunst in Verdacht, die "eigentlich metaphysische Thätigkeit" zu sein. Liegt die Ironie der Geschichte der Philosophie gar darin, daß sie als Verfallsgeschichte gelesen werden kann, deren letztes Kapitel auch gleichzeitig zum Vorwort taugt? -

    "Doktrinäre Philosophie, der, anders als der schönen Literatur, eine Lehrkanzel zur Verfügung steht, scheint die Sprache `von oben´, `top down´ durch ein System oder eine Theorie des Diskurses regulieren zu wollen. Sie kann ihre Vorschläge zur Sprachregulation jedoch nicht mit explanatorischen Erfolgen legitimieren, sondern `nur´- wie die Dichtung - mit der Evidenz, die das `richtige Wort´ für eine bestimmte Erfahrung beim Hörer oder Leser hervorruft. Das Versagen doktrinärer Vereinheitlichungsbemühungen, die Tatsache, daß philosophische Lehren außerhalb der Akademie kaum Gehör finden, hat mit der Stärke der explanatorischen und narrativen Alternativen in Wissenschaft und Kunst zu tun." (S. 36) -

  • Da Theorie - Theorie an sich - in der Kritik steht, finde ich folgendes ganz erfrischend:

    Quote from Michael Hampe - Die Lehren der Philosophie - Eine Kritik - Seite 18

    ... Doch es geht nicht primär um den Begriff des Wissens oder die Frage, ob Menschen überhaupt etwas wissen können. Es geht vielmehr um die Frag: "Was ist die Lehre der Philosophie? - What is the teaching of philosophy?" Hat die Philosophie überhaupt zu lehren? ...

  • Da Theorie - Theorie an sich - in der Kritik steht, finde ich folgendes ganz erfrischend:

    Quote from Michael Hampe - Die Lehren der Philosophie - Eine Kritik - Seite 18

    ... Doch es geht nicht primär um den Begriff des Wissens oder die Frage, ob Menschen überhaupt etwas wissen können. Es geht vielmehr um die Frag: "Was ist die Lehre der Philosophie? - What is the teaching of philosophy?" Hat die Philosophie überhaupt zu lehren? ...

  • Da Theorie - Theorie an sich - in der Kritik steht, finde ich folgendes ganz erfrischend:

    Zitat von »Michael Hampe - Die Lehren der Philosophie - Eine Kritik - Seite 18«
    ... Doch es geht nicht primär um den Begriff des Wissens oder die Frage, ob Menschen überhaupt etwas wissen können. Es geht vielmehr um die Frag: "Was ist die Lehre der Philosophie? - What is the teaching of philosophy?" Hat die Philosophie überhaupt zu lehren? ...

    Spitzt man die Frage ein wenig zu auf eine allgemeingültige Lehre der Philosophie, dann fällt Hampes Antwort so aus:

    "Auch nach 2500 Jahren abendländischer Philosophie gibt es keine allgemeingültigen philosophischen Lehren vorzutragen ..." (S. 52) - von einer Lehre im Singular gar nicht erst zu reden. Natürlich gibt es Lehrbücher der Philosophie, die einen Überblick über die verschiedenen "Schulen" gestatten; aber es gibt eben keine von allen Philosophen anerkannte Lehre. Ist das gut oder schlecht? - Es ist schlecht, wenn man erwartet, daß die Geschichte der Philosophie eine des Fortschritts ist, in der es salopp gesagt um Verbesserungen entlang eines verfeinerten Methodenarsenals geht; es ist gut, wenn man ertragen kann, daß alle "Überwindung" in der Philosophie eine vom Optimismus lancierte Selbsttäuschung ist, es solle doch möglich sein, den Forschungsstand der philosophischen Reflektion so anzuheben, daß man die vermeintlichen "Irrtümer" vergangener Generationen nicht wiederholen müsse. -

    "Die älteren Denker behalten ihr Recht, und die philosophische Gegenwart ist nie nur die Weiterentwicklung oder `Überwindung´ vergangener Irrtümer, sondern eine jeweils ganz spezifische Reaktion auf die Vergangenheit aufgrund der Erfahrungen in einer Gegenwart. [...] Sowenig die vergangenen Erfahrungen, auf die früheres Philosophieren reagiert hat, falsch waren (sofern es überhaupt sinnvoll sein kann von `wahren´ und `falschen´ Erfahrungen zu sprechen), ebensowenig sind die philosophischen Reflexionen dieser Erfahrungen überholt." (S. 60f) - Das heißt: nur von historischem Interesse ist in der Philosophie nichts. Die Herkunft der Philosophie ist keine Frage für Archivare, sondern eine der Selbstvergewisserung des philosophischen Denkens, das um seine Einbettung in ein Gefüge von Narrationen weiß.- Das soll die behauptende Philosophie keineswegs delegitimieren, sofern diese ihrerseits weiß, daß sie "der Inbegriff von unbeweisbaren und unwiderlegbaren Behauptungen (ist)." (Blumenberg; Höhlenausgänge; S. 22) - So gerät die Philosophie - nicht zum ersten Mal - in den Verdacht, sie sei nichts Halbes und nichts Ganzes. ;)

  • Da Theorie - Theorie an sich - in der Kritik steht, finde ich folgendes ganz erfrischend:

    Zitat von »Michael Hampe - Die Lehren der Philosophie - Eine Kritik - Seite 18«
    ... Doch es geht nicht primär um den Begriff des Wissens oder die Frage, ob Menschen überhaupt etwas wissen können. Es geht vielmehr um die Frag: "Was ist die Lehre der Philosophie? - What is the teaching of philosophy?" Hat die Philosophie überhaupt zu lehren? ...

    Spitzt man die Frage ein wenig zu auf eine allgemeingültige Lehre der Philosophie, dann fällt Hampes Antwort so aus:

    "Auch nach 2500 Jahren abendländischer Philosophie gibt es keine allgemeingültigen philosophischen Lehren vorzutragen ..." (S. 52) - von einer Lehre im Singular gar nicht erst zu reden. Natürlich gibt es Lehrbücher der Philosophie, die einen Überblick über die verschiedenen "Schulen" gestatten; aber es gibt eben keine von allen Philosophen anerkannte Lehre. Ist das gut oder schlecht? - Es ist schlecht, wenn man erwartet, daß die Geschichte der Philosophie eine des Fortschritts ist, in der es salopp gesagt um Verbesserungen entlang eines verfeinerten Methodenarsenals geht; es ist gut, wenn man ertragen kann, daß alle "Überwindung" in der Philosophie eine vom Optimismus lancierte Selbsttäuschung ist, es solle doch möglich sein, den Forschungsstand der philosophischen Reflektion so anzuheben, daß man die vermeintlichen "Irrtümer" vergangener Generationen nicht wiederholen müsse. -

    "Die älteren Denker behalten ihr Recht, und die philosophische Gegenwart ist nie nur die Weiterentwicklung oder `Überwindung´ vergangener Irrtümer, sondern eine jeweils ganz spezifische Reaktion auf die Vergangenheit aufgrund der Erfahrungen in einer Gegenwart. [...] Sowenig die vergangenen Erfahrungen, auf die früheres Philosophieren reagiert hat, falsch waren (sofern es überhaupt sinnvoll sein kann von `wahren´ und `falschen´ Erfahrungen zu sprechen), ebensowenig sind die philosophischen Reflexionen dieser Erfahrungen überholt." (S. 60f) - Das heißt: nur von historischem Interesse ist in der Philosophie nichts. Die Herkunft der Philosophie ist keine Frage für Archivare, sondern eine der Selbstvergewisserung des philosophischen Denkens, das um seine Einbettung in ein Gefüge von Narrationen weiß.- Das soll die behauptende Philosophie keineswegs delegitimieren, sofern diese ihrerseits weiß, daß sie "der Inbegriff von unbeweisbaren und unwiderlegbaren Behauptungen (ist)." (Blumenberg; Höhlenausgänge; S. 22) - So gerät die Philosophie - nicht zum ersten Mal - in den Verdacht, sie sei nichts Halbes und nichts Ganzes. ;)

  • "Wissenschaft floriert zu Lasten der Fragen, zu deren Beantwortung sie in Gang gesetzt worden ist." (H. Blumenberg; Die Genesis der kopernikanischen Welt; S. 97). Philosophie floriert zu Lasten der ausbleibenden Antworten.

  • "Wissenschaft floriert zu Lasten der Fragen, zu deren Beantwortung sie in Gang gesetzt worden ist." (H. Blumenberg; Die Genesis der kopernikanischen Welt; S. 97). Philosophie floriert zu Lasten der ausbleibenden Antworten.

  • Theorie und Erzählung - die Unterscheidung ist umstritten. Läßt sie sich überhaupt durchführen oder sickern nicht narrative Elemente in eine philosophische Theorie ein und - zumindest indirekt - behauptende, theoretisierende Versatzstücke in jede Erzählung? Hier könnte man von literarischer Seite natürlich Robert Musil anführen, dessen Roman durchaus Theoriestücke aus der Philosophie enthält. Richard Rorty schreibt aus Sicht der Philosophie:

    "Das ist der Grund, warum Roman, Kino und Fernsehen langsam aber sicher Predigt und Abhandlung in der Rolle der Hauptvehikel moralischer Veränderungen und Fortschritte abgelöst haben. In meiner liberalen Utopie würde diese Ablösung die Anerkennung erfahren, die ihr jetzt noch fehlt. Die Anerkennung wäre Teil einer allgemeinen Wendung gegen die Theorie und zur Erzählung." (R. Rorty; Kontingenz, Ironie und Solidarität; S. 16) - Was der Erfinder der Philosophenkönige, in dessen Utopie vom idealen Staat kein Platz mehr für Romanschreiber vorgesehen war, wohl dazu gesagt hätte? :)

  • Theorie und Erzählung - die Unterscheidung ist umstritten. Läßt sie sich überhaupt durchführen oder sickern nicht narrative Elemente in eine philosophische Theorie ein und - zumindest indirekt - behauptende, theoretisierende Versatzstücke in jede Erzählung? Hier könnte man von literarischer Seite natürlich Robert Musil anführen, dessen Roman durchaus Theoriestücke aus der Philosophie enthält. Richard Rorty schreibt aus Sicht der Philosophie:

    "Das ist der Grund, warum Roman, Kino und Fernsehen langsam aber sicher Predigt und Abhandlung in der Rolle der Hauptvehikel moralischer Veränderungen und Fortschritte abgelöst haben. In meiner liberalen Utopie würde diese Ablösung die Anerkennung erfahren, die ihr jetzt noch fehlt. Die Anerkennung wäre Teil einer allgemeinen Wendung gegen die Theorie und zur Erzählung." (R. Rorty; Kontingenz, Ironie und Solidarität; S. 16) - Was der Erfinder der Philosophenkönige, in dessen Utopie vom idealen Staat kein Platz mehr für Romanschreiber vorgesehen war, wohl dazu gesagt hätte? :)

  • Ich greife ein wenig voraus zu einem Aspekt der behauptenden Philosophie, die sich Hampe zufolge am Modell "wissenschaftliche Theorie" orientiert:

    "... wissenschaftliche Beobachtung, Erklären und Schließen (spielen) in der Philosophie der Gegenwart eine derart wichtige Rolle (...), so als wären alle Menschen erklärende Wissenschaftler oder der erklärende Wissenschaftler der Idealtypus des Menschen. Manche Philosophen scheinen das gesamte menschliche Leben [...] als einen vollkommenen Erklärungszusammenhang zu betrachten. Diese Fixierung auf das erklärende Schließen kann man, sofern sie sich auf die menschlichen Verhältnisse bezieht, als eine Spielart des Szientismus bezeichnen." (S. 183)

    Das Mißverständnis dieses Szientismus liegt Hampe zufolge darin, daß das Alltägliche unterschwellig als ein "Schluß- und Erklärungszusammenhang" aufgefaßt wird, eben als eine Form von Theorie. Erinnert das nicht ein wenig an Husserl´s Krisis-Abhandlung? -

    "In der anglo-amerikanischen Philosophie sind Donald Davidson und Robert Brandom die gegenwärtig meistdiskutierten Beispiele der hier benannten szientistisch-inferentialistischen Tendenz. Davidson führt Erklären und Verstehen bekanntlich sehr eng zusammen, wenn er den Prozeß des Verstehens als einen der Hypothesen- und Prognosebildung über das Meinungsgeflecht und die zu erwartenden Handlungen der zu verstehenden Person und die rationale Handlungserklärung als eine Spielart der Kausalerklärung auffaßt. Sowohl mit seiner Orientierung an der von Tarski explizit nur für formale Sprachen entwickelten Konvention der Wahrheitswertfestlegung bei der Bedeutung von `wahr´ in natürlichen Sprachen, die im Unterschied zu formalen Sprachen gar keine feste semantische Struktur haben, wie auch mit seiner Auffassung, nichtwissenschaftliche Sprachen seien semantisch holistisch aufgebaut, nimmt Davidson an dieser szientistischen Strömung teil. Sellars, Davidson und Brandom sind alle Vertreter dieses semantischen Holismus. Er ist inzwischen fast zu einem Dogma der gegenwärtigen Sprachphilosophie geworden. Die Offenheit von natürlichen Sprachen [...] macht diesen Holismus jedoch unplausibel." (S. 185f) -

    Wahrheiten existieren "in vielen symbolischen Kontexten"; man denkt dabei natürlich an Cassirer. Der Szientismus, den Hampe hier meint, schränkt Wahrheit auf eine Eigenschaft von theoriegeladenen Erklärungssätzen ein, wie sie typisch für wissenschaftliche Aussagen und Hypothesen sind. - So sehen wir beispielsweise die "Wahrheit des Mythos" (K. Hübner) nicht mehr, weil unser Verständnis von Wahrheit eingeschränkt ist auf das, was von den Wissenschaften als wahr nobilitiert wird. Das ist mit Szientismus wohl gemeint. -

  • Ich greife ein wenig voraus zu einem Aspekt der behauptenden Philosophie, die sich Hampe zufolge am Modell "wissenschaftliche Theorie" orientiert:

    "... wissenschaftliche Beobachtung, Erklären und Schließen (spielen) in der Philosophie der Gegenwart eine derart wichtige Rolle (...), so als wären alle Menschen erklärende Wissenschaftler oder der erklärende Wissenschaftler der Idealtypus des Menschen. Manche Philosophen scheinen das gesamte menschliche Leben [...] als einen vollkommenen Erklärungszusammenhang zu betrachten. Diese Fixierung auf das erklärende Schließen kann man, sofern sie sich auf die menschlichen Verhältnisse bezieht, als eine Spielart des Szientismus bezeichnen." (S. 183)

    Das Mißverständnis dieses Szientismus liegt Hampe zufolge darin, daß das Alltägliche unterschwellig als ein "Schluß- und Erklärungszusammenhang" aufgefaßt wird, eben als eine Form von Theorie. Erinnert das nicht ein wenig an Husserl´s Krisis-Abhandlung? -

    "In der anglo-amerikanischen Philosophie sind Donald Davidson und Robert Brandom die gegenwärtig meistdiskutierten Beispiele der hier benannten szientistisch-inferentialistischen Tendenz. Davidson führt Erklären und Verstehen bekanntlich sehr eng zusammen, wenn er den Prozeß des Verstehens als einen der Hypothesen- und Prognosebildung über das Meinungsgeflecht und die zu erwartenden Handlungen der zu verstehenden Person und die rationale Handlungserklärung als eine Spielart der Kausalerklärung auffaßt. Sowohl mit seiner Orientierung an der von Tarski explizit nur für formale Sprachen entwickelten Konvention der Wahrheitswertfestlegung bei der Bedeutung von `wahr´ in natürlichen Sprachen, die im Unterschied zu formalen Sprachen gar keine feste semantische Struktur haben, wie auch mit seiner Auffassung, nichtwissenschaftliche Sprachen seien semantisch holistisch aufgebaut, nimmt Davidson an dieser szientistischen Strömung teil. Sellars, Davidson und Brandom sind alle Vertreter dieses semantischen Holismus. Er ist inzwischen fast zu einem Dogma der gegenwärtigen Sprachphilosophie geworden. Die Offenheit von natürlichen Sprachen [...] macht diesen Holismus jedoch unplausibel." (S. 185f) -

    Wahrheiten existieren "in vielen symbolischen Kontexten"; man denkt dabei natürlich an Cassirer. Der Szientismus, den Hampe hier meint, schränkt Wahrheit auf eine Eigenschaft von theoriegeladenen Erklärungssätzen ein, wie sie typisch für wissenschaftliche Aussagen und Hypothesen sind. - So sehen wir beispielsweise die "Wahrheit des Mythos" (K. Hübner) nicht mehr, weil unser Verständnis von Wahrheit eingeschränkt ist auf das, was von den Wissenschaften als wahr nobilitiert wird. Das ist mit Szientismus wohl gemeint. -

  • Der Szientismus hat uns eingeimpft, daß der Prototyp der Erkenntnis darin besteht, daß etwas Besonderes als Einzelfall eines Allgemeinen behauptet wird und das macht uns die Erzählung suspekt, denn die Erzählung geht anders vor; in der Erzählung werden Allgemeinbegriffe in "Konfigurationen" (W. Benjamin) eingebracht.

    "Diese Konstellationen sprachlicher Zeichen dienen dann den Erzählungen im Sinne einer mikrologischen Untersuchung des Einzelwesens in seinen Verhältnissen zu anderen Einzelwesen als Erkenntnisinstrumente. Dadurch sind auch Erzählungen in der Lage, Erkenntnisse zu produzieren, die freilich nicht zustande kommen, indem Einzelnes unter Allgemeines subsumiert wird, sondern indem die in den Konstellationen `aufgespeicherte´ Geschichte expliziert wird, durch die Einzelwesen zu dem werden, was sie sind." [M. Hampe; Die Lehren der Philosophie. Eine Kritik; S. 248] -

    Mit welcher metaphorischen Kühnheit Walter Benjamin und nach ihm Adorno diesen Gedanken veranschaulichen, sollen diese beiden Zitate belegen:

    "Die Ideen verhalten sich zu den Dingen wie die Sternbilder zu den Sternen [...] Die Ideen sind ewige Konstellationen, und indem die Elemente als Punkte in derartigen Konstellationen erfaßt werden, sind die Phänomene aufgeteilt und gerettet zugleich." (W. Benjamin; Ursprung des deutschen Trauerspiels; in: Schriften; Bd. 1, S. 145) -

    "Erkenntnis des Gegenstands in seiner Konstellation ist die des Prozesses, den er in sich aufspeichert. Als Konstellation umkreist der theoretische Gedanke den Begriff, den er öffnen möchte, hoffend, daß er aufspringe etwa wie die Schlösser wohlverwahrter Kassenschränke: nicht nur durch einen Einzelschlüssel oder eine Einzelnummer, sondern eine Nummernkombination." (Adorno; Negative Dialektik; S. 165) -

    Die Benjamin´sche Konstellation läßt sich demnach verstehen als Versuch einer Entschlüsselung von Verhältnissen zwischen Einzeldingen über das Medium der Erzählung. Die Erzählung entfaltet damit gleichsam ein Allgemeines, indem sie Bezüge zwischen Einzeldingen offenlegt. - Was die Liebe ist, ihr spezielles Wesen entfaltet sich in der Erzählung vom Beziehungsgeflecht zwischen Odette und Swann - nicht indem von etwas Besonderem etwas Allgemeines ausgesagt bzw. behauptet wird, sondern indem das konkrete historisch einmalige Geschehen zwischen den beiden Protagonisten erzählt wird.

    Hiermit schließe ich den kurzen Spaziergang durch Michael Hampes Buch erst einmal ab. Ich denke, daß man das eine oder andere natürlich auch anders sehen kann; seinem Szientismus-Vorwurf schließe ich mich jedoch an; er geht in die Richtung dessen, was Friederike gestern unter den "Fundsachen" verlinkt hat.

  • Der Szientismus hat uns eingeimpft, daß der Prototyp der Erkenntnis darin besteht, daß etwas Besonderes als Einzelfall eines Allgemeinen behauptet wird und das macht uns die Erzählung suspekt, denn die Erzählung geht anders vor; in der Erzählung werden Allgemeinbegriffe in "Konfigurationen" (W. Benjamin) eingebracht.

    "Diese Konstellationen sprachlicher Zeichen dienen dann den Erzählungen im Sinne einer mikrologischen Untersuchung des Einzelwesens in seinen Verhältnissen zu anderen Einzelwesen als Erkenntnisinstrumente. Dadurch sind auch Erzählungen in der Lage, Erkenntnisse zu produzieren, die freilich nicht zustande kommen, indem Einzelnes unter Allgemeines subsumiert wird, sondern indem die in den Konstellationen `aufgespeicherte´ Geschichte expliziert wird, durch die Einzelwesen zu dem werden, was sie sind." [M. Hampe; Die Lehren der Philosophie. Eine Kritik; S. 248] -

    Mit welcher metaphorischen Kühnheit Walter Benjamin und nach ihm Adorno diesen Gedanken veranschaulichen, sollen diese beiden Zitate belegen:

    "Die Ideen verhalten sich zu den Dingen wie die Sternbilder zu den Sternen [...] Die Ideen sind ewige Konstellationen, und indem die Elemente als Punkte in derartigen Konstellationen erfaßt werden, sind die Phänomene aufgeteilt und gerettet zugleich." (W. Benjamin; Ursprung des deutschen Trauerspiels; in: Schriften; Bd. 1, S. 145) -

    "Erkenntnis des Gegenstands in seiner Konstellation ist die des Prozesses, den er in sich aufspeichert. Als Konstellation umkreist der theoretische Gedanke den Begriff, den er öffnen möchte, hoffend, daß er aufspringe etwa wie die Schlösser wohlverwahrter Kassenschränke: nicht nur durch einen Einzelschlüssel oder eine Einzelnummer, sondern eine Nummernkombination." (Adorno; Negative Dialektik; S. 165) -

    Die Benjamin´sche Konstellation läßt sich demnach verstehen als Versuch einer Entschlüsselung von Verhältnissen zwischen Einzeldingen über das Medium der Erzählung. Die Erzählung entfaltet damit gleichsam ein Allgemeines, indem sie Bezüge zwischen Einzeldingen offenlegt. - Was die Liebe ist, ihr spezielles Wesen entfaltet sich in der Erzählung vom Beziehungsgeflecht zwischen Odette und Swann - nicht indem von etwas Besonderem etwas Allgemeines ausgesagt bzw. behauptet wird, sondern indem das konkrete historisch einmalige Geschehen zwischen den beiden Protagonisten erzählt wird.

    Hiermit schließe ich den kurzen Spaziergang durch Michael Hampes Buch erst einmal ab. Ich denke, daß man das eine oder andere natürlich auch anders sehen kann; seinem Szientismus-Vorwurf schließe ich mich jedoch an; er geht in die Richtung dessen, was Friederike gestern unter den "Fundsachen" verlinkt hat.

  • Ob die Wissenschaften je das zu leisten hätten, was der Szientismus-Vorwurf impliziert, wage ich wie folgt zu bezweifeln: Die Wissenschaften rechnen mit der Zeit als Variable und erfassen dabei die zyklische und periodische Änderung. Ihr mit der Historizität, im Sinne des entscheidenden Augenblicks, einen Strick zu drehen, lässt die Wissenschaften kalt, da sie dieses Feld bestenfalls als Chaos, Zufall und Statistik bearbeitet.

    Keinen Einwand gegen den Szientismus-Vorwurf habe ich, wenn er gegen das populäre Wissenschaftsverständnis gerichtet ist.

    Ich wäre sehr enttäuscht, wenn Michael Hampe, Professor der ETH, diese Unterscheidungen nirgends diskutieren würde.

  • Ob die Wissenschaften je das zu leisten hätten, was der Szientismus-Vorwurf impliziert, wage ich wie folgt zu bezweifeln: Die Wissenschaften rechnen mit der Zeit als Variable und erfassen dabei die zyklische und periodische Änderung. Ihr mit der Historizität, im Sinne des entscheidenden Augenblicks, einen Strick zu drehen, lässt die Wissenschaften kalt, da sie dieses Feld bestenfalls als Chaos, Zufall und Statistik bearbeitet.

    Keinen Einwand gegen den Szientismus-Vorwurf habe ich, wenn er gegen das populäre Wissenschaftsverständnis gerichtet ist.

    Ich wäre sehr enttäuscht, wenn Michael Hampe, Professor der ETH, diese Unterscheidungen nirgends diskutieren würde.

  • Ob die Wissenschaften je das zu leisten hätten, was der Szientismus-Vorwurf impliziert, wage ich wie folgt zu bezweifeln: Die Wissenschaften rechnen mit der Zeit als Variable und erfassen dabei die zyklische und periodische Änderung. Ihr mit der Historizität, im Sinne des entscheidenden Augenblicks, einen Strick zu drehen, lässt die Wissenschaften kalt, da sie dieses Feld bestenfalls als Chaos, Zufall und Statistik bearbeitet.

    Wissenschaften verfahren wissenschaftlich. Ihnen Szientismus vorzuhalten, wäre verfehlt. Der Szientismus-Vorwurf richtet sich ja auch nicht gegen die Wissenschaften, sondern gegen das Selbstverständnis einer Philosophie, die sich als Pressesprecherin der jeweiligen Leitwissenschaft - gestern die Physik, heute die Biologie - versteht und die sich das Verständnis von Wahrheit und Methode aus diesen Wissenschaften borgt, weil sie die Zugänge zu ihrer eigenen Historizität zugeschüttet hat und die eigentlich philosophisch bedeutsamen Fragen aus den Augen verliert. Hampes Kritik, der ich mich in diesem Punkte anschließe (nicht in allen), richtet sich gegen einen kruden Szientismus, wonach wahr nur das sein kann, was wissenschaftlichen Prüfverfahren standhält. Damit werden Literatur und Kunst zu netten Sonntagsveranstaltungen degradiert, die in den wesentlichen Fragen des menschlichen Daseins kein Mitspracherecht mehr haben, weil sie ja gar keine wahrheitsfähigen Aussagen produzieren. Kunst, Literatur, Musik werden zu Geschmacksachen. Auch alle Philosophie, die sich in Aphorismen äußert, in Lehrgedichten, in erfundenen Gesprächen, in Meditationen, in Essays, in Tagebüchern, in Briefen, in Glossen, in Anekdoten ... wird als "Literatur" diskreditiert, die zum Zeitvertreib noch taugt, aber von der nichts philosophisch Relevantes mehr zu erwarten ist, weil auch sie keine wahrheitsfähigen Sätze produziert. - Es zählen nur noch wissenschaftlich abgesicherte Hypothesen. Der Philosoph wird dann zu einem Physiker II oder zu einem Neurowissenschaftler II, der ... tja, was macht?? - Er entwickelt eine Relativitätstheorie II, eine Quantenmechanik II und mit Hirnregionen ist er auf vertrauterem Fuß als jeder Neurowissenschaftler. - Gegen diese einseitige Orientierung am Modell der Wissenschaften richtet sich der Vorwurf des Szientismus. Die Wissenschaften sind davon nicht betroffen; als solche sind sie alternativlos und niemand bestreitet ihre Relevanz und ihr Forschungsinteresse. Aber die Philosophie sollte sich nicht wieder zu einer Magd machen. -

  • Ob die Wissenschaften je das zu leisten hätten, was der Szientismus-Vorwurf impliziert, wage ich wie folgt zu bezweifeln: Die Wissenschaften rechnen mit der Zeit als Variable und erfassen dabei die zyklische und periodische Änderung. Ihr mit der Historizität, im Sinne des entscheidenden Augenblicks, einen Strick zu drehen, lässt die Wissenschaften kalt, da sie dieses Feld bestenfalls als Chaos, Zufall und Statistik bearbeitet.

    Wissenschaften verfahren wissenschaftlich. Ihnen Szientismus vorzuhalten, wäre verfehlt. Der Szientismus-Vorwurf richtet sich ja auch nicht gegen die Wissenschaften, sondern gegen das Selbstverständnis einer Philosophie, die sich als Pressesprecherin der jeweiligen Leitwissenschaft - gestern die Physik, heute die Biologie - versteht und die sich das Verständnis von Wahrheit und Methode aus diesen Wissenschaften borgt, weil sie die Zugänge zu ihrer eigenen Historizität zugeschüttet hat und die eigentlich philosophisch bedeutsamen Fragen aus den Augen verliert. Hampes Kritik, der ich mich in diesem Punkte anschließe (nicht in allen), richtet sich gegen einen kruden Szientismus, wonach wahr nur das sein kann, was wissenschaftlichen Prüfverfahren standhält. Damit werden Literatur und Kunst zu netten Sonntagsveranstaltungen degradiert, die in den wesentlichen Fragen des menschlichen Daseins kein Mitspracherecht mehr haben, weil sie ja gar keine wahrheitsfähigen Aussagen produzieren. Kunst, Literatur, Musik werden zu Geschmacksachen. Auch alle Philosophie, die sich in Aphorismen äußert, in Lehrgedichten, in erfundenen Gesprächen, in Meditationen, in Essays, in Tagebüchern, in Briefen, in Glossen, in Anekdoten ... wird als "Literatur" diskreditiert, die zum Zeitvertreib noch taugt, aber von der nichts philosophisch Relevantes mehr zu erwarten ist, weil auch sie keine wahrheitsfähigen Sätze produziert. - Es zählen nur noch wissenschaftlich abgesicherte Hypothesen. Der Philosoph wird dann zu einem Physiker II oder zu einem Neurowissenschaftler II, der ... tja, was macht?? - Er entwickelt eine Relativitätstheorie II, eine Quantenmechanik II und mit Hirnregionen ist er auf vertrauterem Fuß als jeder Neurowissenschaftler. - Gegen diese einseitige Orientierung am Modell der Wissenschaften richtet sich der Vorwurf des Szientismus. Die Wissenschaften sind davon nicht betroffen; als solche sind sie alternativlos und niemand bestreitet ihre Relevanz und ihr Forschungsinteresse. Aber die Philosophie sollte sich nicht wieder zu einer Magd machen. -

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