Poetik und Hermeneutik - eine Vorverständigung


  • Sorry, sammler9 ich sehe bei Deinen Ausführungen bislang einfach nicht wirklich einen Bezug zum Text ... Hast Du ihn denn vorliegen? Eine Alternative zum (stummen) Mitlesen wäre hier doch das Mitlesen (und -interpretieren) von Blumenbergs Aufsatz ;) .

    Brauchst Dich nicht zu entschuldigen Bartleby. War nur etwas niedergeschlagen. So was legt sich.

    Ich habe auf Deinen und Friederikes Text Bezug genommen.

    (Abschließend) noch ein reumütiger Textauszug zur selbständigen Auseinandersetzung der zeigen soll, dass ich durchaus verstehe, von Ängsten in einem dichten Wald voller Mythen. Die Bäume sind die Mythen.

    Quote

    Aber die Angst vor dem Unaufklärbaren hat nicht allein das Dasein des einelnen ärmer gemacht, [...] es ist die Scheu vor irgendeinem neuen, nicht absehbaren Erlebnis, dem man sich nicht gewachsen glaubt. [...]
    Denn wie wir dieses Dasein des einzelnen als einen größeren oder kleineren Raum denken, so zeigt sich, dass die meisten nur eine Ecke ihres Raumes kennen lernen, einen Fensterplatz, einen Streifen, auf dem sie auf und niedergehen. So haben sie eine gewisse Sicherheit. Und doch ist jene gefahrvolle Unsicheheit so viel menschlicher ...

    Von Rilke

    Rilke ermutigt uns hier, die Unsicherheit und Ungewissheit zu akzeptieren.


  • Sorry, sammler9 ich sehe bei Deinen Ausführungen bislang einfach nicht wirklich einen Bezug zum Text ... Hast Du ihn denn vorliegen? Eine Alternative zum (stummen) Mitlesen wäre hier doch das Mitlesen (und -interpretieren) von Blumenbergs Aufsatz ;) .

    Brauchst Dich nicht zu entschuldigen Bartleby. War nur etwas niedergeschlagen. So was legt sich.

    Ich habe auf Deinen und Friederikes Text Bezug genommen.

    (Abschließend) noch ein reumütiger Textauszug zur selbständigen Auseinandersetzung der zeigen soll, dass ich durchaus verstehe, von Ängsten in einem dichten Wald voller Mythen. Die Bäume sind die Mythen.

    Quote

    Aber die Angst vor dem Unaufklärbaren hat nicht allein das Dasein des einelnen ärmer gemacht, [...] es ist die Scheu vor irgendeinem neuen, nicht absehbaren Erlebnis, dem man sich nicht gewachsen glaubt. [...]
    Denn wie wir dieses Dasein des einzelnen als einen größeren oder kleineren Raum denken, so zeigt sich, dass die meisten nur eine Ecke ihres Raumes kennen lernen, einen Fensterplatz, einen Streifen, auf dem sie auf und niedergehen. So haben sie eine gewisse Sicherheit. Und doch ist jene gefahrvolle Unsicheheit so viel menschlicher ...

    Von Rilke

    Rilke ermutigt uns hier, die Unsicherheit und Ungewissheit zu akzeptieren.

  • Quote from sammler9

    Habe mir extra große Mühe gegeben, die Mythen und die Methaphorologie in einen historischen Kontext zu stellen. Werde mindestens in nächster Zeit deshalb lieber nur noch mitlesen.


    Hi sammler, vielleicht müssen wir uns nur aneinander gewöhnen bzw. unsere Denkwege und Hirnwindungen verstehen lernen. Mir ist es nämlich auch so gegangen, daß ich die Bezüge Deiner Überlegungen zu dem, was beispielsweise ich nachgefragt hatte, nicht kapiert habe. Das liegt nicht an den "Verschachtelungen", wie Du's genannt hast, soweit bin ich mir sicher. Eher daran, daß ich nicht mitkriege, woran Du jeweils konkret -zustimmend oder ablehnend oder ergänzend- anknüpfst.
    Was ich verstanden habe, das ist, daß Du im Laufschritt die Geschichte der Menschheit durchmessen hast :) -und ja, an der Stelle, an der die Gehirne der Menschen sich vergrößerten und wieder verkleinerten ... da ist mein guter Wille abrupt geendet. Vielleicht finden wir aber doch Verstehens-Brücken. Fände ich schön.

  • Quote from sammler9

    Habe mir extra große Mühe gegeben, die Mythen und die Methaphorologie in einen historischen Kontext zu stellen. Werde mindestens in nächster Zeit deshalb lieber nur noch mitlesen.


    Hi sammler, vielleicht müssen wir uns nur aneinander gewöhnen bzw. unsere Denkwege und Hirnwindungen verstehen lernen. Mir ist es nämlich auch so gegangen, daß ich die Bezüge Deiner Überlegungen zu dem, was beispielsweise ich nachgefragt hatte, nicht kapiert habe. Das liegt nicht an den "Verschachtelungen", wie Du's genannt hast, soweit bin ich mir sicher. Eher daran, daß ich nicht mitkriege, woran Du jeweils konkret -zustimmend oder ablehnend oder ergänzend- anknüpfst.
    Was ich verstanden habe, das ist, daß Du im Laufschritt die Geschichte der Menschheit durchmessen hast :) -und ja, an der Stelle, an der die Gehirne der Menschen sich vergrößerten und wieder verkleinerten ... da ist mein guter Wille abrupt geendet. Vielleicht finden wir aber doch Verstehens-Brücken. Fände ich schön.

  • [...] es ist die Scheu vor irgendeinem neuen, nicht absehbaren Erlebnis, dem man sich nicht gewachsen glaubt.[...]
    Denn wie wir dieses Dasein des einzelnen als einen größeren oder kleineren Raum denken, so zeigt sich, dass die meisten nur eine Ecke ihres Raumes kennen lernen, einen Fensterplatz, einen Streifen, auf dem sie auf und niedergehen. So haben sie eine gewisse Sicherheit. Und doch ist jene gefahrvolle Unsicheheit so viel menschlicher ...


    Ein schöner Text. Falls das - möglicherweise - aber auch auf eine gewisse Scheu vor und gewisse Berührungsängste mit dem Blumenberg-Text Anthropologische Annäherung an die Rhetorik anspielt (?) - nicht doch! Wir anderen sind außerdem auch noch da und Du bist nicht allein im Wald da draußen ;) ...

    Es ist und bleibt das gleiche allerorten – man sagt am Ende nichts, in vielen Worten.
    M. Kaléko

    Edited 2 times, last by Bartleby (February 17, 2014 at 9:55 PM).

  • [...] es ist die Scheu vor irgendeinem neuen, nicht absehbaren Erlebnis, dem man sich nicht gewachsen glaubt.[...]
    Denn wie wir dieses Dasein des einzelnen als einen größeren oder kleineren Raum denken, so zeigt sich, dass die meisten nur eine Ecke ihres Raumes kennen lernen, einen Fensterplatz, einen Streifen, auf dem sie auf und niedergehen. So haben sie eine gewisse Sicherheit. Und doch ist jene gefahrvolle Unsicheheit so viel menschlicher ...


    Ein schöner Text. Falls das - möglicherweise - aber auch auf eine gewisse Scheu vor und gewisse Berührungsängste mit dem Blumenberg-Text Anthropologische Annäherung an die Rhetorik anspielt (?) - nicht doch! Wir anderen sind außerdem auch noch da und Du bist nicht allein im Wald da draußen ;) ...

    Es ist und bleibt das gleiche allerorten – man sagt am Ende nichts, in vielen Worten.
    M. Kaléko

    Edited 2 times, last by Bartleby (February 17, 2014 at 9:55 PM).

  • Ein schöner Text. Falls das - möglicherweise - aber auch auf eine gewisse Scheu vor und gewisse Berührungsängste mit dem Blumenberg-Text Anthropologische Annäherung an die Rhetorik anspielt (?) - nicht doch! Wir anderen sind außerdem auch noch da und Du bist nicht allein im Wald da draußen ;) ...

    Als kleine Vöglein?

    Gene leben in den veränderten Körpern der Menschen weiter.

    Mythen leben in den veränderten Vorstellungen der Menschen weiter.

    Manch ein Wissenschaftler bezeichnet die Meme ja auch als Parasiten.

    Ich wünschte mir, ihr drei säht obiges schon einmal von mir als Beitrag erschienenes eigenes Gedicht nicht als einen schädlichen Parasiten von mir.

    Es gibt eine kleine Strophe von Jorge Luis Borges die lautet:

    Quote

    Deine Abwesenheit umringt mich,
    wie die Schlinge die Kehle,
    das Meer den verschwindenden.

    Es gibt allerdings auch einen Song in dem (ich zitiere frei) heißt es:

    Die Leere in mir ist Dein schwarzes Herz in Dir.
    Blumen auf dem Weg.
    Ein Morgenstern am Himmel.

    Grüße

    Edited 3 times, last by sammler9 (February 18, 2014 at 3:59 PM).

  • Ein schöner Text. Falls das - möglicherweise - aber auch auf eine gewisse Scheu vor und gewisse Berührungsängste mit dem Blumenberg-Text Anthropologische Annäherung an die Rhetorik anspielt (?) - nicht doch! Wir anderen sind außerdem auch noch da und Du bist nicht allein im Wald da draußen ;) ...

    Als kleine Vöglein?

    Gene leben in den veränderten Körpern der Menschen weiter.

    Mythen leben in den veränderten Vorstellungen der Menschen weiter.

    Manch ein Wissenschaftler bezeichnet die Meme ja auch als Parasiten.

    Ich wünschte mir, ihr drei säht obiges schon einmal von mir als Beitrag erschienenes eigenes Gedicht nicht als einen schädlichen Parasiten von mir.

    Es gibt eine kleine Strophe von Jorge Luis Borges die lautet:

    Quote

    Deine Abwesenheit umringt mich,
    wie die Schlinge die Kehle,
    das Meer den verschwindenden.

    Es gibt allerdings auch einen Song in dem (ich zitiere frei) heißt es:

    Die Leere in mir ist Dein schwarzes Herz in Dir.
    Blumen auf dem Weg.
    Ein Morgenstern am Himmel.

    Grüße

    Edited 3 times, last by sammler9 (February 18, 2014 at 3:59 PM).

  • ... wollte ich mal in die Runde fragen, wer den Lewitscharoff-Roman gelesen hat.

    Ich habe den Roman gleich nach seinem Erscheinen, also vor gut zwei Jahren gelesen (hab´ auch damals gleich dafür geworben). :) ... Es ist nicht nur ein Roman über einen Philosophen im 20. Jahrhundert; es ist auch ein Roman über eine kleine Gruppe von Studenten, jeder auf seine Weise fasziniert von Blumenberg; und gerade auch dieses studentische Umfeld und der Geist der damligen Zeit, 80er Jahre in Münster, ist sehr gut recherchiert und literarisch umgesetzt. Ich kann das, was die Autorin im Interview auf der Buchmesse sagt, bestätigen. Blumenbergs Vorlesungen liefen so ab: Am Donnerstagabend von 18.15 Uhr bis 19.45 Uhr gab es über Jahre eine Vorlesung "Grundprobleme der Phänomenologie", in der sich Blumenberg eingehend mit der Phänomenologie Husserls beschäftigte. Die Herausgabe der 40.000 Manuskriptseiten Husserls in der "Husserliana" war damals noch nicht abgeschlossen; immer wieder erschienen neue Bände zu ausgewählten Themen der Phänomenologie. Das Studium dieser Texte Husserls vor nahezu verbindlich für uns Hörer, damit man überhaupt eine Chance hatte, der Vorlesung - halbwegs - folgen zu können. -

    Am Donnerstagabend fanden sich ca. 30 bis 40 Teilnehmer zusammen, zunächst in der alten Sternwarte, später im philosophischen Seminar, die meist stumm und ohne ein Wort miteinander zu reden, auf den Beginn der Vorlesung warteten, darunter der inzwischen pensionierte Manfred Sommer (Hg. einiger Schriften Blumenbergs aus dessen Nachlaß), Ferdinand Fellmann, Heinrich Niehues-Pröbsting, manchmal Malte Hossenfelder und fast immer die hübsche Barbara Merker. Wenn überhaupt sprach man in gedämpftem Ton. - Pünktlich um 18.15 Uhr kam Blumenberg. Er zog seinen Mantel aus, legte seinen Hut ab und nahm aus einer alten abgewetzten Aktentasche ein paar Karteikarten. - So stand er 90 Minuten am Katheder und hielt seinen Vortrag zu ausgewählten phänomenologischen Fragestellungen. - Ich habe es in vielen Jahren nicht ein Mal erlebt, daß ihn jemand angesprochen hätte - weder vor, noch während, noch nach der Vorlesung. Es wäre ein absoluter Tabubruch gewesen. -

    Die beiden Vorlesungen am Freitag fanden im Münsteraner Schloß statt - vor ca. 100 bis 150 Zuhörern. Die Veranstaltungen fanden in einem alten Hörsaal staat, auf dessen uralte und unbequeme Schreibpulte Generationen von Studenten gekritzelt und geritzt hatten - Liebeserklärungen, Zoten, Strichmännchen ... auf einigen standen noch Daten der Vorlesungen Joachim Ritters. Auch hier herrschte vor Vorlesungsbeginn gespannte Ruhe. Nicht nur Studenten besuchten diese Freitagsvorlesungen Blumenbergs. Man sah ältere Damen mit Hüten, wie man sie aus dem Fernsehen vom Pferderennen in Ascot kannte, ältere Herren mit Anzug und Fliege, hübsche Studentinnen ... Blumenberg hielt seine Vorlesungen wie immer frei, gestützt auf ein paar Karteikarten. Abschweifungen waren an der Tagesordnung. Sein trockener Humor lockerte den Vortrag gelegentlich auf. Er war sich wohl sicher, daß das hörende Publikum vieles nicht verstand von dem, was er vortrug. Doch das schien ihm nichts auszumachen. - Dem Publikum auch nicht. - Sobald er geendet hatte, zog er Mantel und Hut an, nahm seine Aktentasche und - suchte das Weite. Das Gespräch mit den Studenten zu suchen, wäre ihm im Traum nicht eingefallen. -

    Blumenberg ließ seine Studenten ratlos zurück. Über die Vorlesungen (Seminare hielt er in Münster grundsätzlich nicht) ließ er uns teilhaben an seiner Gedankenwelt. Aber das war´s dann auch. Alles Persönliche blieb außen vor. Natürlich war das nicht jedermanns Sache. Aber für die Hörer seiner Vorlesungen war es selbstverständlich. Blumenberg war unnahmbar. Durchaus nett, verbindlich, nicht kalt oder gar arrogant; aber zwischen ihm und uns gab es eine unsichtbare Mauer. - Einmal habe ich ihm geschrieben. Was daraus geworden ist? - Natürlich nichts. ;)

    Ganz anders war das mit einem anderen Großdenker in Bielefeld, dessen Seminare und Vorlesungen ich damals auch besucht habe: Niklas Luhmann. - Luhmann hielt seine Vorlesungen vor hunderten von Studenten, welche bis kurz vor Vorlesungsbeginn lautstark die neuesten Aufsätze und Veröffentlichungen des Meisters kontrovers diskutierten. Hier gab es keine Damen mit Hütchen. Während Blumenberg nie in ein Mikrophon gesprochen hat, hätte sich Luhmann ohne Verstärkung vor seinen Anhängern/Gegnern kaum verständigen können. - Ich erinnere mich an eine Podiumsdiskussion mit Luhmann, Hondrich, Schnelle und einigen studentischen Vertretern, darunter eine glühende Marxistin vom KBW, die Luhmann "faschistisches Gedankengut" unterstellte, welches er mit Engelsgeduld und ohne darüber im geringsten erzürnt zu sein, zurückwies. - Luhmann war ansprechbar und wurde angesprochen; eine Traube von Studenten war oft um ihn herum. Er war damals der Star der Soziologie in Bielefeld und fühlte sich in dieser Rolle wohl. Ungeniert erzählte er von dem, was er am Wochenende erlebt hatte und wenn es regnete, nahm er auch schon mal einen trampenden Studenten mit in die Stadt.

    Man kann sich kaum einen größeren Unterschied als den zwischen Luhmann und Blumenberg denken. Der eine ein leicht weltfremd wirkender Geist, der sich in die westfälische Provinz nach Altenberge zurückgezogen hatte und von niemandem mehr gestört werden wollte, der überhaupt Kommunikation über den engeren Familienkreis als Störung empfand - der andere ein weltzugewandter, offener Geist, der das Gespräch suchte und die Öffentlichkeit nie scheute. - Philosophie als Denk- und Lebensform, diese Verbindung kommt heute oft abhanden. Bei Blumenberg und Luhmann war sie erkennbar.

    Edited once, last by Nauplios (February 19, 2014 at 1:33 AM).

  • ... wollte ich mal in die Runde fragen, wer den Lewitscharoff-Roman gelesen hat.

    Ich habe den Roman gleich nach seinem Erscheinen, also vor gut zwei Jahren gelesen (hab´ auch damals gleich dafür geworben). :) ... Es ist nicht nur ein Roman über einen Philosophen im 20. Jahrhundert; es ist auch ein Roman über eine kleine Gruppe von Studenten, jeder auf seine Weise fasziniert von Blumenberg; und gerade auch dieses studentische Umfeld und der Geist der damligen Zeit, 80er Jahre in Münster, ist sehr gut recherchiert und literarisch umgesetzt. Ich kann das, was die Autorin im Interview auf der Buchmesse sagt, bestätigen. Blumenbergs Vorlesungen liefen so ab: Am Donnerstagabend von 18.15 Uhr bis 19.45 Uhr gab es über Jahre eine Vorlesung "Grundprobleme der Phänomenologie", in der sich Blumenberg eingehend mit der Phänomenologie Husserls beschäftigte. Die Herausgabe der 40.000 Manuskriptseiten Husserls in der "Husserliana" war damals noch nicht abgeschlossen; immer wieder erschienen neue Bände zu ausgewählten Themen der Phänomenologie. Das Studium dieser Texte Husserls vor nahezu verbindlich für uns Hörer, damit man überhaupt eine Chance hatte, der Vorlesung - halbwegs - folgen zu können. -

    Am Donnerstagabend fanden sich ca. 30 bis 40 Teilnehmer zusammen, zunächst in der alten Sternwarte, später im philosophischen Seminar, die meist stumm und ohne ein Wort miteinander zu reden, auf den Beginn der Vorlesung warteten, darunter der inzwischen pensionierte Manfred Sommer (Hg. einiger Schriften Blumenbergs aus dessen Nachlaß), Ferdinand Fellmann, Heinrich Niehues-Pröbsting, manchmal Malte Hossenfelder und fast immer die hübsche Barbara Merker. Wenn überhaupt sprach man in gedämpftem Ton. - Pünktlich um 18.15 Uhr kam Blumenberg. Er zog seinen Mantel aus, legte seinen Hut ab und nahm aus einer alten abgewetzten Aktentasche ein paar Karteikarten. - So stand er 90 Minuten am Katheder und hielt seinen Vortrag zu ausgewählten phänomenologischen Fragestellungen. - Ich habe es in vielen Jahren nicht ein Mal erlebt, daß ihn jemand angesprochen hätte - weder vor, noch während, noch nach der Vorlesung. Es wäre ein absoluter Tabubruch gewesen. -

    Die beiden Vorlesungen am Freitag fanden im Münsteraner Schloß statt - vor ca. 100 bis 150 Zuhörern. Die Veranstaltungen fanden in einem alten Hörsaal staat, auf dessen uralte und unbequeme Schreibpulte Generationen von Studenten gekritzelt und geritzt hatten - Liebeserklärungen, Zoten, Strichmännchen ... auf einigen standen noch Daten der Vorlesungen Joachim Ritters. Auch hier herrschte vor Vorlesungsbeginn gespannte Ruhe. Nicht nur Studenten besuchten diese Freitagsvorlesungen Blumenbergs. Man sah ältere Damen mit Hüten, wie man sie aus dem Fernsehen vom Pferderennen in Ascot kannte, ältere Herren mit Anzug und Fliege, hübsche Studentinnen ... Blumenberg hielt seine Vorlesungen wie immer frei, gestützt auf ein paar Karteikarten. Abschweifungen waren an der Tagesordnung. Sein trockener Humor lockerte den Vortrag gelegentlich auf. Er war sich wohl sicher, daß das hörende Publikum vieles nicht verstand von dem, was er vortrug. Doch das schien ihm nichts auszumachen. - Dem Publikum auch nicht. - Sobald er geendet hatte, zog er Mantel und Hut an, nahm seine Aktentasche und - suchte das Weite. Das Gespräch mit den Studenten zu suchen, wäre ihm im Traum nicht eingefallen. -

    Blumenberg ließ seine Studenten ratlos zurück. Über die Vorlesungen (Seminare hielt er in Münster grundsätzlich nicht) ließ er uns teilhaben an seiner Gedankenwelt. Aber das war´s dann auch. Alles Persönliche blieb außen vor. Natürlich war das nicht jedermanns Sache. Aber für die Hörer seiner Vorlesungen war es selbstverständlich. Blumenberg war unnahmbar. Durchaus nett, verbindlich, nicht kalt oder gar arrogant; aber zwischen ihm und uns gab es eine unsichtbare Mauer. - Einmal habe ich ihm geschrieben. Was daraus geworden ist? - Natürlich nichts. ;)

    Ganz anders war das mit einem anderen Großdenker in Bielefeld, dessen Seminare und Vorlesungen ich damals auch besucht habe: Niklas Luhmann. - Luhmann hielt seine Vorlesungen vor hunderten von Studenten, welche bis kurz vor Vorlesungsbeginn lautstark die neuesten Aufsätze und Veröffentlichungen des Meisters kontrovers diskutierten. Hier gab es keine Damen mit Hütchen. Während Blumenberg nie in ein Mikrophon gesprochen hat, hätte sich Luhmann ohne Verstärkung vor seinen Anhängern/Gegnern kaum verständigen können. - Ich erinnere mich an eine Podiumsdiskussion mit Luhmann, Hondrich, Schnelle und einigen studentischen Vertretern, darunter eine glühende Marxistin vom KBW, die Luhmann "faschistisches Gedankengut" unterstellte, welches er mit Engelsgeduld und ohne darüber im geringsten erzürnt zu sein, zurückwies. - Luhmann war ansprechbar und wurde angesprochen; eine Traube von Studenten war oft um ihn herum. Er war damals der Star der Soziologie in Bielefeld und fühlte sich in dieser Rolle wohl. Ungeniert erzählte er von dem, was er am Wochenende erlebt hatte und wenn es regnete, nahm er auch schon mal einen trampenden Studenten mit in die Stadt.

    Man kann sich kaum einen größeren Unterschied als den zwischen Luhmann und Blumenberg denken. Der eine ein leicht weltfremd wirkender Geist, der sich in die westfälische Provinz nach Altenberge zurückgezogen hatte und von niemandem mehr gestört werden wollte, der überhaupt Kommunikation über den engeren Familienkreis als Störung empfand - der andere ein weltzugewandter, offener Geist, der das Gespräch suchte und die Öffentlichkeit nie scheute. - Philosophie als Denk- und Lebensform, diese Verbindung kommt heute oft abhanden. Bei Blumenberg und Luhmann war sie erkennbar.

    Edited once, last by Nauplios (February 19, 2014 at 1:33 AM).

  • Ich habe den Roman gleich nach seinem Erscheinen, also vor gut zwei Jahren gelesen (hab´ auch damals gleich dafür geworben). :)

    Ja, das verstehe ich gut wegen Deiner persönlichen Erfahrungen als ehemaliger Hörer. Ich hätte mich an Deiner Stelle auch sofort darauf gestürzt. Ich gabele hier und dort etwas von Interesse auf und es kann dann schon mal Jahre dauern, bis es wirklich bei mir ankommt ;) - Der Roman wurde in den Medien sehr stark beworben und gelobt; mir ist der Name Blumenberg überhaupt nur deswegen bekannt. Grundsätzlich finde ich diese literarische Form der Annäherung an einen Philosophen auch ganz schön. Es verlangt einem nicht gleich soviel ab, gleichzeitig kann man sich dort bewegen, wo man sich gerne aufhält.

    - Ich habe es in vielen Jahren nicht ein Mal erlebt, daß ihn jemand angesprochen hätte - weder vor, noch während, noch nach der Vorlesung. Es wäre ein absoluter Tabubruch gewesen. -

    Ich denke, dass sich durch die angesprochene Unnahbarkeit auch sehr viel Idealisierungs- und Projektionsfläche dargeboten hat. Das kommt auch im Roman zum Ausdruck.

    Er war sich wohl sicher, daß das hörende Publikum vieles nicht verstand von dem, was er vortrug. Doch das schien ihm nichts auszumachen. - Dem Publikum auch nicht.

    Eigenartig...

    Das Gespräch mit den Studenten zu suchen, wäre ihm im Traum nicht eingefallen. -

    Im Roman schildert die Autorin Blumenberg als durchaus freundlich, so wie Du es auch beschreibst. Sie stellt seine Gesprächs(un)bereitschaft mit den Studenten auch in Zusammenhang mit einer gewissen Abkehr, die sich erst im Laufe der Zeit eingestellt hat. Seine Erfahrung und sein Älterwerden haben ihn scheinbar nicht kommunikativer gemacht, und er war angeblich in späteren Jahren viel mit Erinnerungen beschäftigt, während er sich nachts zurückzog und arbeitete. Was den nächtlichen Rückzug angeht, kann ich das sehr gut nachvollziehen; es kommt auch gut zur Geltung in Lewitscharoffs Roman.

    Hier [bei Luhmann] gab es keine Damen mit Hütchen.

    ;) Möglicherweise gab es mehr Verständnis und weniger Personenkult. Das meine ich jetzt nicht provokativ; gegen Faszination ist nichts einzuwenden (wenn die Verklärung die Bodenhaftung nicht so stark auflöst, dass man gar von einer Brücke fällt.. ;-))

  • Ich habe den Roman gleich nach seinem Erscheinen, also vor gut zwei Jahren gelesen (hab´ auch damals gleich dafür geworben). :)

    Ja, das verstehe ich gut wegen Deiner persönlichen Erfahrungen als ehemaliger Hörer. Ich hätte mich an Deiner Stelle auch sofort darauf gestürzt. Ich gabele hier und dort etwas von Interesse auf und es kann dann schon mal Jahre dauern, bis es wirklich bei mir ankommt ;) - Der Roman wurde in den Medien sehr stark beworben und gelobt; mir ist der Name Blumenberg überhaupt nur deswegen bekannt. Grundsätzlich finde ich diese literarische Form der Annäherung an einen Philosophen auch ganz schön. Es verlangt einem nicht gleich soviel ab, gleichzeitig kann man sich dort bewegen, wo man sich gerne aufhält.

    - Ich habe es in vielen Jahren nicht ein Mal erlebt, daß ihn jemand angesprochen hätte - weder vor, noch während, noch nach der Vorlesung. Es wäre ein absoluter Tabubruch gewesen. -

    Ich denke, dass sich durch die angesprochene Unnahbarkeit auch sehr viel Idealisierungs- und Projektionsfläche dargeboten hat. Das kommt auch im Roman zum Ausdruck.

    Er war sich wohl sicher, daß das hörende Publikum vieles nicht verstand von dem, was er vortrug. Doch das schien ihm nichts auszumachen. - Dem Publikum auch nicht.

    Eigenartig...

    Das Gespräch mit den Studenten zu suchen, wäre ihm im Traum nicht eingefallen. -

    Im Roman schildert die Autorin Blumenberg als durchaus freundlich, so wie Du es auch beschreibst. Sie stellt seine Gesprächs(un)bereitschaft mit den Studenten auch in Zusammenhang mit einer gewissen Abkehr, die sich erst im Laufe der Zeit eingestellt hat. Seine Erfahrung und sein Älterwerden haben ihn scheinbar nicht kommunikativer gemacht, und er war angeblich in späteren Jahren viel mit Erinnerungen beschäftigt, während er sich nachts zurückzog und arbeitete. Was den nächtlichen Rückzug angeht, kann ich das sehr gut nachvollziehen; es kommt auch gut zur Geltung in Lewitscharoffs Roman.

    Hier [bei Luhmann] gab es keine Damen mit Hütchen.

    ;) Möglicherweise gab es mehr Verständnis und weniger Personenkult. Das meine ich jetzt nicht provokativ; gegen Faszination ist nichts einzuwenden (wenn die Verklärung die Bodenhaftung nicht so stark auflöst, dass man gar von einer Brücke fällt.. ;-))

  • Zitat von »Nauplios«
    Er war sich wohl sicher, daß das hörende Publikum vieles nicht verstand von dem, was er vortrug. Doch das schien ihm nichts auszumachen. - Dem Publikum auch nicht.

    Eigenartig...

    Nun, man durfte das Gefühl haben, daß er sich während des Vortrags vom Fluß seiner Gedanken anregen ließ, der ihn dann auch schon mal in unwegsames Gelände führte. Weitgehend gestand man ihm zu, auch mal unverständlich zu sein. Die törichte Regel, daß ein Philosoph von allen zu allen Zeiten in allem verständlich zu sein hat, gab´s damals noch nicht. :)


    Zitat von »Nauplios«
    Hier [bei Luhmann] gab es keine Damen mit Hütchen.

    ;) Möglicherweise gab es mehr Verständnis und weniger Personenkult. Das meine ich jetzt nicht provokativ; gegen Faszination ist nichts einzuwenden (wenn die Verklärung die Bodenhaftung nicht so stark auflöst, dass man gar von einer Brücke fällt.. ;-))

    Blumenberg machte um seine Person kein Gehabe; man darf nicht vergessen, daß der Roman trotz allen Realitätssinns keine Biographie ist, sondern Fiktion. Aber er berührt ein Thema, daß man nicht aus den Augen verlieren darf: den Doppelsinn von Philosophie als Denkform und Philosophie als Lebensform. Der Philosoph setzt sich durch sein Tun der Spekulation aus, seine individuelle Art der Welt- und Lebensbewältigung könne von einem Insiderwissen profitieren, welches ihm die theoretische Weltbetrachtung liefert. Der Brunnensturz von Milet konnte den Anfangsverdacht nicht gänzlich ausräumen, daß es sich mit der Philosophie vielleicht doch besser leben ließ als ohne sie. Die Neugier auf den philosophischen Gedanken springt deshalb schnell über auf eine Neugier auf den Denker. Das ist ein seit der Antike bekanntes Phänomen, welches mit dem Wesen des Philosophierens selbst zusammenhängt. Insofern gleicht das Philosophieren ein wenig dem öffentlichen Drahtseilakt; man muß nicht dabei sein und doch wüßte man gern, ob der Artist am anderen Ende ankommt. Als paideia war die Einheit von philosophischer Denk- und Lebensform in der griechischen Antike noch sehr gegenwärtig. Heute erziehen andere. :)

  • Zitat von »Nauplios«
    Er war sich wohl sicher, daß das hörende Publikum vieles nicht verstand von dem, was er vortrug. Doch das schien ihm nichts auszumachen. - Dem Publikum auch nicht.

    Eigenartig...

    Nun, man durfte das Gefühl haben, daß er sich während des Vortrags vom Fluß seiner Gedanken anregen ließ, der ihn dann auch schon mal in unwegsames Gelände führte. Weitgehend gestand man ihm zu, auch mal unverständlich zu sein. Die törichte Regel, daß ein Philosoph von allen zu allen Zeiten in allem verständlich zu sein hat, gab´s damals noch nicht. :)


    Zitat von »Nauplios«
    Hier [bei Luhmann] gab es keine Damen mit Hütchen.

    ;) Möglicherweise gab es mehr Verständnis und weniger Personenkult. Das meine ich jetzt nicht provokativ; gegen Faszination ist nichts einzuwenden (wenn die Verklärung die Bodenhaftung nicht so stark auflöst, dass man gar von einer Brücke fällt.. ;-))

    Blumenberg machte um seine Person kein Gehabe; man darf nicht vergessen, daß der Roman trotz allen Realitätssinns keine Biographie ist, sondern Fiktion. Aber er berührt ein Thema, daß man nicht aus den Augen verlieren darf: den Doppelsinn von Philosophie als Denkform und Philosophie als Lebensform. Der Philosoph setzt sich durch sein Tun der Spekulation aus, seine individuelle Art der Welt- und Lebensbewältigung könne von einem Insiderwissen profitieren, welches ihm die theoretische Weltbetrachtung liefert. Der Brunnensturz von Milet konnte den Anfangsverdacht nicht gänzlich ausräumen, daß es sich mit der Philosophie vielleicht doch besser leben ließ als ohne sie. Die Neugier auf den philosophischen Gedanken springt deshalb schnell über auf eine Neugier auf den Denker. Das ist ein seit der Antike bekanntes Phänomen, welches mit dem Wesen des Philosophierens selbst zusammenhängt. Insofern gleicht das Philosophieren ein wenig dem öffentlichen Drahtseilakt; man muß nicht dabei sein und doch wüßte man gern, ob der Artist am anderen Ende ankommt. Als paideia war die Einheit von philosophischer Denk- und Lebensform in der griechischen Antike noch sehr gegenwärtig. Heute erziehen andere. :)

  • Quote from Nauplios

    Blumenberg machte um seine Person kein Gehabe; man darf nicht vergessen, daß der Roman trotz allen Realitätssinns keine Biographie ist, sondern Fiktion. Aber er berührt ein Thema, daß man nicht aus den Augen verlieren darf: den Doppelsinn von Philosophie als Denkform und Philosophie als Lebensform. Der Philosoph setzt sich durch sein Tun der Spekulation aus, seine individuelle Art der Welt- und Lebensbewältigung könne von einem Insiderwissen profitieren, welches ihm die theoretische Weltbetrachtung liefert. Der Brunnensturz von Milet konnte den Anfangsverdacht nicht gänzlich ausräumen, daß es sich mit der Philosophie vielleicht doch besser leben ließ als ohne sie. Die Neugier auf den philosophischen Gedanken springt deshalb schnell über auf eine Neugier auf den Denker. Das ist ein seit der Antike bekanntes Phänomen, welches mit dem Wesen des Philosophierens selbst zusammenhängt. Insofern gleicht das Philosophieren ein wenig dem öffentlichen Drahtseilakt; man muß nicht dabei sein und doch wüßte man gern, ob der Artist am anderen Ende ankommt. Als paideia war die Einheit von philosophischer Denk- und Lebensform in der griechischen Antike noch sehr gegenwärtig. Heute erziehen andere. :)


    Dazu paßt schön meine Entdeckung vom gestrigen Tage, mit der ich mich selbst überraschte, als ich den Rhetorik-Aufsatz neuerlich durchging. So, als wär's mir noch nie zuvor aufgefallen, hat mich Blumenbergs Überlegung fasziniert, daß die Wissenschaften eins haben, nämlich Zeit. Anders gesagt, die in den jeweiligen Disziplinen einer Lösung harrenden Probleme, gar der "theoretische Zweifel an der Geltung des Kausalitätsprinzips oder seiner evidenten Begründbarkeit" (127), entheben uns nicht der Notwendigkeit, daß wir doch immerfort handeln müssen, und zwar so, als seien die Probleme bereits gelöst oder als seien sie gar nicht vorhanden. Wir können nicht nichtstuend die Auflösung der Welt-Rätsel abwarten. Das heißt, wir bewegen uns alltäglich orientierungsgewiß in einer Welt, von der wir theoretisch durchaus meinen können, daß wir noch nicht einmal wissen, auf welche Weise sie denn existiert.

    Andererseits, ist denn nicht in den letzten Jahrzehnten wieder in Mode gekommen, die Philosophie als das Erlernen der Lebenskunst zu verstehen?! Ich denke gerade an den von W. Schmid veröffentlichten Titel Philosophie der Lebenskunst -und, was bei dem Namen naheliegt, an seinen Lehrer Foucault, der mit der Sorge um sich der antiken Lebensart zu neuer Präsenz verholfen hat. Die Frage danach, was ein "gutes Leben" sei, ist ja eine, die unmittelbar zum philososophischen Diskurs gehört -und immer gehört hat. Und hier treffen sich Denk- und Lebensform. Wobei mir danach ist, die Wechselseitigkeit hervorzuheben, die bei Dir nicht so deutlich wird Nauplios. Die Disposition eines Menschen ist sicher maßgeblich beteiligt an der Wahl seiner Profession, an dem, womit er sich für Geld oder unentgeltlich beschäftigt. Rückwirkungen auf die Lebensform bei der Befassung mit ethischen Fragestellungen, mit den Tugenden und Lastern dürften allemal zu erwarten sein, können als Risiken und Nebenwirkungen nahezu sicher nicht ausgeschlossen werden. :)

  • Quote from Nauplios

    Blumenberg machte um seine Person kein Gehabe; man darf nicht vergessen, daß der Roman trotz allen Realitätssinns keine Biographie ist, sondern Fiktion. Aber er berührt ein Thema, daß man nicht aus den Augen verlieren darf: den Doppelsinn von Philosophie als Denkform und Philosophie als Lebensform. Der Philosoph setzt sich durch sein Tun der Spekulation aus, seine individuelle Art der Welt- und Lebensbewältigung könne von einem Insiderwissen profitieren, welches ihm die theoretische Weltbetrachtung liefert. Der Brunnensturz von Milet konnte den Anfangsverdacht nicht gänzlich ausräumen, daß es sich mit der Philosophie vielleicht doch besser leben ließ als ohne sie. Die Neugier auf den philosophischen Gedanken springt deshalb schnell über auf eine Neugier auf den Denker. Das ist ein seit der Antike bekanntes Phänomen, welches mit dem Wesen des Philosophierens selbst zusammenhängt. Insofern gleicht das Philosophieren ein wenig dem öffentlichen Drahtseilakt; man muß nicht dabei sein und doch wüßte man gern, ob der Artist am anderen Ende ankommt. Als paideia war die Einheit von philosophischer Denk- und Lebensform in der griechischen Antike noch sehr gegenwärtig. Heute erziehen andere. :)


    Dazu paßt schön meine Entdeckung vom gestrigen Tage, mit der ich mich selbst überraschte, als ich den Rhetorik-Aufsatz neuerlich durchging. So, als wär's mir noch nie zuvor aufgefallen, hat mich Blumenbergs Überlegung fasziniert, daß die Wissenschaften eins haben, nämlich Zeit. Anders gesagt, die in den jeweiligen Disziplinen einer Lösung harrenden Probleme, gar der "theoretische Zweifel an der Geltung des Kausalitätsprinzips oder seiner evidenten Begründbarkeit" (127), entheben uns nicht der Notwendigkeit, daß wir doch immerfort handeln müssen, und zwar so, als seien die Probleme bereits gelöst oder als seien sie gar nicht vorhanden. Wir können nicht nichtstuend die Auflösung der Welt-Rätsel abwarten. Das heißt, wir bewegen uns alltäglich orientierungsgewiß in einer Welt, von der wir theoretisch durchaus meinen können, daß wir noch nicht einmal wissen, auf welche Weise sie denn existiert.

    Andererseits, ist denn nicht in den letzten Jahrzehnten wieder in Mode gekommen, die Philosophie als das Erlernen der Lebenskunst zu verstehen?! Ich denke gerade an den von W. Schmid veröffentlichten Titel Philosophie der Lebenskunst -und, was bei dem Namen naheliegt, an seinen Lehrer Foucault, der mit der Sorge um sich der antiken Lebensart zu neuer Präsenz verholfen hat. Die Frage danach, was ein "gutes Leben" sei, ist ja eine, die unmittelbar zum philososophischen Diskurs gehört -und immer gehört hat. Und hier treffen sich Denk- und Lebensform. Wobei mir danach ist, die Wechselseitigkeit hervorzuheben, die bei Dir nicht so deutlich wird Nauplios. Die Disposition eines Menschen ist sicher maßgeblich beteiligt an der Wahl seiner Profession, an dem, womit er sich für Geld oder unentgeltlich beschäftigt. Rückwirkungen auf die Lebensform bei der Befassung mit ethischen Fragestellungen, mit den Tugenden und Lastern dürften allemal zu erwarten sein, können als Risiken und Nebenwirkungen nahezu sicher nicht ausgeschlossen werden. :)

  • Blumenberg machte um seine Person kein Gehabe

    Das muss er auch nicht; es genügt bei ihm - wie bei anderen - etwas zu 'verkörpern', das dann von anderen um- und möglicherweise auch anstandslos zu ganz individuellen Bedeutungen umfunktioniert wird (was umso besser und ausschweifender klappt, wenn viel Unklarheit oder Nichtwissen - also Vermutenmüssen - im Spiel ist ). Das ist ja kein seltenes Phänomen. Ich weiß nicht, ob Philosophen hierbei eine Sonderstellung einnehmem.

    Als paideia war die Einheit von philosophischer Denk- und Lebensform in der griechischen Antike noch sehr gegenwärtig.


    Denkst Du denn, es ist überhaupt anders möglich? Denn:

    Rückwirkungen auf die Lebensform bei der Befassung mit ethischen Fragestellungen, mit den Tugenden und Lastern dürften allemal zu erwarten sein, können als Risiken und Nebenwirkungen nahezu sicher nicht ausgeschlossen werden. :)

    --

    [Man] darf nicht vergessen, daß der Roman trotz allen Realitätssinns keine Biographie ist, sondern Fiktion

    Natürlich, und Biographien sind ebenfalls "Erzählungen" ;) Aber wenn wir schon bei der Fiktion sind; wie ist es Dir mit dem Löwen ergangen, der sich als phantastisches Element durch den Roman zieht?

    Die törichte Regel, daß ein Philosoph von allen zu allen Zeiten in allem verständlich zu sein hat, gab´s damals noch nicht. :)

    Also, ich kann diesen tiefen Graben nicht nachvollziehen, der hier in der Philosophie so eindeutig zu existieren scheint. Natürlich weiss ich nicht genug darüber, aber es könnte auch sein, dass ich diese Spaltung auch mit mehr Wissen noch für unverständlich halten werde. Mir leuchtet dieses Entweder-Oder nicht ein, und ich bin sowieso der Ansicht, dass Widersprüche das "wirklich Wahre" sind ;) - Ich möchte weder auf Klarheit verzichten noch auf - ich nenne es mal - "Spekulation". Beides scheint mir von großem Wert zu sein; und diesen "Streit" finde ich - unsinnig.

  • Blumenberg machte um seine Person kein Gehabe

    Das muss er auch nicht; es genügt bei ihm - wie bei anderen - etwas zu 'verkörpern', das dann von anderen um- und möglicherweise auch anstandslos zu ganz individuellen Bedeutungen umfunktioniert wird (was umso besser und ausschweifender klappt, wenn viel Unklarheit oder Nichtwissen - also Vermutenmüssen - im Spiel ist ). Das ist ja kein seltenes Phänomen. Ich weiß nicht, ob Philosophen hierbei eine Sonderstellung einnehmem.

    Als paideia war die Einheit von philosophischer Denk- und Lebensform in der griechischen Antike noch sehr gegenwärtig.


    Denkst Du denn, es ist überhaupt anders möglich? Denn:

    Rückwirkungen auf die Lebensform bei der Befassung mit ethischen Fragestellungen, mit den Tugenden und Lastern dürften allemal zu erwarten sein, können als Risiken und Nebenwirkungen nahezu sicher nicht ausgeschlossen werden. :)

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    [Man] darf nicht vergessen, daß der Roman trotz allen Realitätssinns keine Biographie ist, sondern Fiktion

    Natürlich, und Biographien sind ebenfalls "Erzählungen" ;) Aber wenn wir schon bei der Fiktion sind; wie ist es Dir mit dem Löwen ergangen, der sich als phantastisches Element durch den Roman zieht?

    Die törichte Regel, daß ein Philosoph von allen zu allen Zeiten in allem verständlich zu sein hat, gab´s damals noch nicht. :)

    Also, ich kann diesen tiefen Graben nicht nachvollziehen, der hier in der Philosophie so eindeutig zu existieren scheint. Natürlich weiss ich nicht genug darüber, aber es könnte auch sein, dass ich diese Spaltung auch mit mehr Wissen noch für unverständlich halten werde. Mir leuchtet dieses Entweder-Oder nicht ein, und ich bin sowieso der Ansicht, dass Widersprüche das "wirklich Wahre" sind ;) - Ich möchte weder auf Klarheit verzichten noch auf - ich nenne es mal - "Spekulation". Beides scheint mir von großem Wert zu sein; und diesen "Streit" finde ich - unsinnig.

  • Quote from echtjetzt

    Also, ich kann diesen tiefen Graben nicht nachvollziehen, der hier in der Philosophie so eindeutig zu existieren scheint. Natürlich weiss ich nicht genug darüber, aber es könnte auch sein, dass ich diese Spaltung auch mit mehr Wissen noch für unverständlich halten werde. Mir leuchtet dieses Entweder-Oder nicht ein, und ich bin sowieso der Ansicht, dass Widersprüche das "wirklich Wahre" sind ;) - Ich möchte weder auf Klarheit verzichten noch auf - ich nenne es mal - "Spekulation". Beides scheint mir von großem Wert zu sein; und diesen "Streit" finde ich - unsinnig.


    Hier möchte ich auch einhaken, einfach deswegen, weil ich nicht den Anflug einer Ahnung habe, woran Du bei dieser Äußerung denkst Nauplios. Wen hast Du dabei im Blick, die philosophische Zunft oder das Publikum der Öffentlichkeit, und über welche Zeit sprichst Du, die Zeit nach Blumenberg oder alle nachantike Zeit(en) - und zuletzt, wie zeigt sich der Anspruch? Rekurrierst Du auf bestimmte Ereignisse oder die Rezeption in Rezensionen ... Du merkst, ich habe keine Idee, was der Hintergrund Deiner Feststellung sein könnte.

  • Quote from echtjetzt

    Also, ich kann diesen tiefen Graben nicht nachvollziehen, der hier in der Philosophie so eindeutig zu existieren scheint. Natürlich weiss ich nicht genug darüber, aber es könnte auch sein, dass ich diese Spaltung auch mit mehr Wissen noch für unverständlich halten werde. Mir leuchtet dieses Entweder-Oder nicht ein, und ich bin sowieso der Ansicht, dass Widersprüche das "wirklich Wahre" sind ;) - Ich möchte weder auf Klarheit verzichten noch auf - ich nenne es mal - "Spekulation". Beides scheint mir von großem Wert zu sein; und diesen "Streit" finde ich - unsinnig.


    Hier möchte ich auch einhaken, einfach deswegen, weil ich nicht den Anflug einer Ahnung habe, woran Du bei dieser Äußerung denkst Nauplios. Wen hast Du dabei im Blick, die philosophische Zunft oder das Publikum der Öffentlichkeit, und über welche Zeit sprichst Du, die Zeit nach Blumenberg oder alle nachantike Zeit(en) - und zuletzt, wie zeigt sich der Anspruch? Rekurrierst Du auf bestimmte Ereignisse oder die Rezeption in Rezensionen ... Du merkst, ich habe keine Idee, was der Hintergrund Deiner Feststellung sein könnte.

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