Ausgewählte Themen der Leib-Phänomenologie von Hermann Schmitz

  • Es ist meiner Meinung nach also eine Frage dessen, wovon man ausgeht, wenn man von "Wahrnehmung" spricht. Schmitz spricht explizit von "Wahrnehmung als leiblicher Kommunikation". Das ist ähnlich unüblich, wie von "Volumen" ausserhalb des physikalisch-mathematischen "Geheges" zu sprechen, was ja auch entsprechende Schwierigkeiten bereitet hat.


    Demnach müsste es bei Schmitz ein leibliches Spüren und eine leibliche Dynamik geben, an denen der "Körper" und die "sinnliche Wahrnehmung" beteiligt sind, ohne dass das LeibSpüren die Führung verlöre. Das Spüren würde dann die sinnliche Wahrnehmung "umfassen" oder "einbegreifen" - oder wie auch immer. Das wäre dann ein solcher Fall, wie ich ihn oben mal meinte: Begriffliche Unterscheidungen können eine größere Trennschärfe haben als die gemeinten Sachen und Sachverhalte.

    Weil das "motorische Körperschema" in Schmitz' Nachweis (Beitrag 66) ein wichtiges Bindeglied ist, habe ich den Abschnitt aus Kapitel 3 (Die Dynamik des Leibes), in dem es eingeführt wird, noch einmal genauer gelesen. Und das war dann doch aufschlussreich.

    Unter dem motorischen Körperschema versteht Schmitz ein zusammenhängendes System der orientierten, zweckmäßig geordneten, willkürlichen oder unwillkürlichen Eigenbewegung, das die beteiligten Körperteile koordiniert. Ein Beispiel für eine solche koordinierte Eigenbewegung wäre das Gehen, das wir meist unwillkürlich "tun", aber durchaus auch bis ins Einzelne willkürlich steuern können, wenn es erforderlich ist (z.B. wenn jemand sagt: "Nun schlurfe doch nicht so!"). Dafür - und nun zitierte ich Schmitz -

    "...bedarf es eines beharrlichen Systems der Orientierung, das den ganzen Körper überzieht. So muss z.B. die rechte Hand immer rechts sein, der linke Fuß immer links, der Fuß weiter weg als das Knie oder der Rumpf usw. Es fragt sich nur: rechts oder links wovon, weiter oder weniger weit weg wovon? Offenbar wird eine Bezugsstelle, ein Nullpunkt der Orientierung benötigt, und zwar derselbe ohne Wechsel, damit die Orientierung beharrlich bleibt. Wo befindet sich die Bezugsstelle?" (S. 21)

    Schmitz probiert ein paar Körperstellen hypothetisch aus - wie Ellenbogen oder Schienbein -, um sie ad absurdum zu führen. Er illustriert durch ein Beispiel, mit welcher Mühelosigkeit unser motorisches Körperschema die Orientierung nicht nur in der eigenen Bewegung, sondern auch in der wahrgenommenen Umgebung behält: Das Hindurchgehen durch eine bewegte Menschenmenge ohne Anstoßen. Dabei gelingt es ohne genaues Hinsehen, die Körperteile und sogar die sie umgebende Kleidung so zu manövrieren, dass man einander nicht berührt - also eine exzellente Orientierungs- und Steuerungsleistung, die aber "unter der Führung des Leibes" erbracht wird.

    Und Schmitz betont erneut, dass diese Orientierung nicht durch Abmessen des Ortsraums mit seinen relativen Orten und Lagen (s.o. Beitrag 64) erfolgt, sondern auf einem System unumkehrbarer Richtungen basiert. Denn das ist ein wesentliches Merkmal des motorischen Körperschemas: "Es ist nicht durch umkehrbare Verbindungsbahnen zwischen relativen Orten aufgebaut, sondern durch unumkehrbare Richtungen in die Weite. In diesen Richtungen gibt es im motorischen Körperschema nicht umkehrbare Abstände, sondern nur unumkehrbare Entferungen." (S. 21)

    (Nach wie vor - das ist eine glänzende Beobachtung von großer Tragweite für unser Verständnis vom Raum. Ich kann mich nicht erinnern, dass in philosophischen Diskussionen über die Frage: "Was ist der Raum?" jemals Bezug auf diesen leiblichen Raum mit seinem "absoluten" Bezugspunkt und den unumkehrbahren Richtungen genommen wurde (mit einer kleinen Ausnahme vielleicht, die aber im Moment nichts zur Sache tut). Was etwa Kant in der Kritik der reinen Vernunft über den Raum als (natürliche) Form unserer Anschauung lehrt, orientiert sich durch und durch am euklidisch-geometrischen Raumverständnis und mitnichten an unserer wirklichen Raumerfahrung.)

    Abschließend noch zum Verhältnis von motorischem Körperschema und Körper. - Schmitz verweist auf die Reflexionen von Psychologen darüber, wo im Körper das Ich lokalisiert sei, und tut sie als "künstliche Überlegungen mit fragwürdigem Erfolg" ab. Um dann zu konstatieren:

    "Es [das motorische Körperschema] hat seinen Sitz im Leib, da es ja schon im bloßen Spüren ausgeübt wird und eine hinzukommende Orientierung an Zeugnissen des Sehens und Tastens (einschließlich des perzeptiven Körperschemas) die Flüssigkeit der Bewegung bloß hemmt und unterbricht. Wie es vom Leib aus den Körper steuert, weiß ich nicht." (S.22)

    Das Verhältnis von Leib und Körper ist an diesem Punkt also auch für Schmitz nicht bis auf den Grund geklärt. Aber es ist ein komplexes Verhältnis, nicht ein für alle mal "ganzheitlich", auch nicht "dualistisch" oder "monistisch". Der Unterschied ist da, d.h. er wird tatsächlich erfahren, und zwar in diversen Abstufungen, Übergängen und Verschlingungen, aber er ist nicht abschließend festzuschreiben. Schmitz sieht auch offenbar wenig Sinn darin, eine solche Festschreibung vorzunehmen. Ihm ist mehr am Offenhalten gelegen.


    (Nebenbei: Schmitz' Erläuterungen zum motorischen Körperschema haben ein gut Teil meiner Bedenken aus Beitrag 66 erübrigt.) :)

  • Es ist meiner Meinung nach also eine Frage dessen, wovon man ausgeht, wenn man von "Wahrnehmung" spricht. Schmitz spricht explizit von "Wahrnehmung als leiblicher Kommunikation". Das ist ähnlich unüblich, wie von "Volumen" ausserhalb des physikalisch-mathematischen "Geheges" zu sprechen, was ja auch entsprechende Schwierigkeiten bereitet hat.


    Demnach müsste es bei Schmitz ein leibliches Spüren und eine leibliche Dynamik geben, an denen der "Körper" und die "sinnliche Wahrnehmung" beteiligt sind, ohne dass das LeibSpüren die Führung verlöre. Das Spüren würde dann die sinnliche Wahrnehmung "umfassen" oder "einbegreifen" - oder wie auch immer. Das wäre dann ein solcher Fall, wie ich ihn oben mal meinte: Begriffliche Unterscheidungen können eine größere Trennschärfe haben als die gemeinten Sachen und Sachverhalte.

    Weil das "motorische Körperschema" in Schmitz' Nachweis (Beitrag 66) ein wichtiges Bindeglied ist, habe ich den Abschnitt aus Kapitel 3 (Die Dynamik des Leibes), in dem es eingeführt wird, noch einmal genauer gelesen. Und das war dann doch aufschlussreich.

    Unter dem motorischen Körperschema versteht Schmitz ein zusammenhängendes System der orientierten, zweckmäßig geordneten, willkürlichen oder unwillkürlichen Eigenbewegung, das die beteiligten Körperteile koordiniert. Ein Beispiel für eine solche koordinierte Eigenbewegung wäre das Gehen, das wir meist unwillkürlich "tun", aber durchaus auch bis ins Einzelne willkürlich steuern können, wenn es erforderlich ist (z.B. wenn jemand sagt: "Nun schlurfe doch nicht so!"). Dafür - und nun zitierte ich Schmitz -

    "...bedarf es eines beharrlichen Systems der Orientierung, das den ganzen Körper überzieht. So muss z.B. die rechte Hand immer rechts sein, der linke Fuß immer links, der Fuß weiter weg als das Knie oder der Rumpf usw. Es fragt sich nur: rechts oder links wovon, weiter oder weniger weit weg wovon? Offenbar wird eine Bezugsstelle, ein Nullpunkt der Orientierung benötigt, und zwar derselbe ohne Wechsel, damit die Orientierung beharrlich bleibt. Wo befindet sich die Bezugsstelle?" (S. 21)

    Schmitz probiert ein paar Körperstellen hypothetisch aus - wie Ellenbogen oder Schienbein -, um sie ad absurdum zu führen. Er illustriert durch ein Beispiel, mit welcher Mühelosigkeit unser motorisches Körperschema die Orientierung nicht nur in der eigenen Bewegung, sondern auch in der wahrgenommenen Umgebung behält: Das Hindurchgehen durch eine bewegte Menschenmenge ohne Anstoßen. Dabei gelingt es ohne genaues Hinsehen, die Körperteile und sogar die sie umgebende Kleidung so zu manövrieren, dass man einander nicht berührt - also eine exzellente Orientierungs- und Steuerungsleistung, die aber "unter der Führung des Leibes" erbracht wird.

    Und Schmitz betont erneut, dass diese Orientierung nicht durch Abmessen des Ortsraums mit seinen relativen Orten und Lagen (s.o. Beitrag 64) erfolgt, sondern auf einem System unumkehrbarer Richtungen basiert. Denn das ist ein wesentliches Merkmal des motorischen Körperschemas: "Es ist nicht durch umkehrbare Verbindungsbahnen zwischen relativen Orten aufgebaut, sondern durch unumkehrbare Richtungen in die Weite. In diesen Richtungen gibt es im motorischen Körperschema nicht umkehrbare Abstände, sondern nur unumkehrbare Entferungen." (S. 21)

    (Nach wie vor - das ist eine glänzende Beobachtung von großer Tragweite für unser Verständnis vom Raum. Ich kann mich nicht erinnern, dass in philosophischen Diskussionen über die Frage: "Was ist der Raum?" jemals Bezug auf diesen leiblichen Raum mit seinem "absoluten" Bezugspunkt und den unumkehrbahren Richtungen genommen wurde (mit einer kleinen Ausnahme vielleicht, die aber im Moment nichts zur Sache tut). Was etwa Kant in der Kritik der reinen Vernunft über den Raum als (natürliche) Form unserer Anschauung lehrt, orientiert sich durch und durch am euklidisch-geometrischen Raumverständnis und mitnichten an unserer wirklichen Raumerfahrung.)

    Abschließend noch zum Verhältnis von motorischem Körperschema und Körper. - Schmitz verweist auf die Reflexionen von Psychologen darüber, wo im Körper das Ich lokalisiert sei, und tut sie als "künstliche Überlegungen mit fragwürdigem Erfolg" ab. Um dann zu konstatieren:

    "Es [das motorische Körperschema] hat seinen Sitz im Leib, da es ja schon im bloßen Spüren ausgeübt wird und eine hinzukommende Orientierung an Zeugnissen des Sehens und Tastens (einschließlich des perzeptiven Körperschemas) die Flüssigkeit der Bewegung bloß hemmt und unterbricht. Wie es vom Leib aus den Körper steuert, weiß ich nicht." (S.22)

    Das Verhältnis von Leib und Körper ist an diesem Punkt also auch für Schmitz nicht bis auf den Grund geklärt. Aber es ist ein komplexes Verhältnis, nicht ein für alle mal "ganzheitlich", auch nicht "dualistisch" oder "monistisch". Der Unterschied ist da, d.h. er wird tatsächlich erfahren, und zwar in diversen Abstufungen, Übergängen und Verschlingungen, aber er ist nicht abschließend festzuschreiben. Schmitz sieht auch offenbar wenig Sinn darin, eine solche Festschreibung vorzunehmen. Ihm ist mehr am Offenhalten gelegen.


    (Nebenbei: Schmitz' Erläuterungen zum motorischen Körperschema haben ein gut Teil meiner Bedenken aus Beitrag 66 erübrigt.) :)

  • [/B]ringt Schmitz ein Beispiel für den absoluten Ganzort, daß jedermann und jederfrau sofort ohne leisestes Stirnrunzeln einleuchten muß?

    Naja - zumindest gibt es noch das "Badewannen"- und das "Wetter"-Beispiel.

    "Der Leib, der Raum und die Gefühle", Seite 18: "Für den Ganzort des Leibes ergibt sich die entsprechende Absolutheit aus der Art seiner Abgehobenheit aus der Umgebung. Das ganzheitliche leibliche Behagen, z.B. in der Badewanne, ist im Raum deutlich abgegrenzt, anders als das mit leiblichem Behagen gespürte Behagen als Gefühl, die Atmosphäre der Geborgenheit. Diese Abgrenzung liegt aber nicht an der relativ-örtlichen Abgrenzung durch einen Rand, denn das prädimensionale Volumen des gespürten Leibes hat keine begrenzenden Flächen. Sie ist vielmehr in absolut-örtlicher Abgehobenheit aus einer umgebenden Weite begründet, wie sie auch in der klimatischen Wahrnehmung vorkommt, wenn man z.B. aus dumpfer Luft ins Freie tritt und sich im tiefen Aufatmen befreit fühlt, weil man sich in einer aufnehmenden Weite leiblich spürbar entfalten kann, ohne in ihr zu zergehen, vielmehr in weiterhin spürbar örtlicher Abgehobenheit, aber ohne Rücksicht auf Lagen und Abstände in diesem Erleben des Wetters."

    Ob das ohne Stirnrunzeln ablaufen kann, weiss ich nicht ;) Die Sprache ist eines, die Beispiele sind etwas anderes... vor allem finde ich Wetter und Badewanne deswegen noch erwähnenswert, weil hier die "Weite" zum Ausdruck kommt, während bei dem von Hermeneuticus beschriebenen Beispiel des Schrecks die Enge im Vordergrund steht. Aber nicht nur der Schreck ist

    eine unmittelbare Vergewisserung der eigenen Existenz, die von keiner Reflexion, keinem Zweifel in Frage gestellt wird


    sondern auch weniger drastische und auch angenehme Erlebnisse. Im Schreck spitzt sich nur zu, was immer da ist, uns "begleitet" (leibliches Erleben). So verstehe ich das bei Schmitz und deswegen stimme ich hier nicht zu:

    Während Descartes diese Vergewisserung im Denken findet ("Ich denke, also existiere ich"), sieht Schmitz sie in solchen Schreckerfahrungen.


    Meiner Meinung nach müsste man bei diesem Vergleich das gesamte "leibliche Erleben" heranziehen (sonst müsste es heissen: ich erschrecke, also bin ich? ;) Immerhin eine Erfahrung, die man direkt beim Lesen von manchen Schmitz-Sätzen machen kann :-)).

    Noch Kant bezieht sich affirmativ auf dieses " 'Ich denke', das alle meine Vorstellungen muss begleiten können." Und warum "muss" es meine Vorstellungen begleiten können? Damit das denkende Ich die Kontrolle, den Über- und Durchblick behält.

    Das denkende, sortierende Ich bei Kant hat aber kein Ziel (etwa den der Kontrolle), sondern es ist eine Bedingung der Möglichkeit. Es gibt keine Alternative; das "Müssen" besteht darin, dass sonst gar nichts wäre, gar keine Erkenntnis - und nicht etwa Chaos. Das hast Du wahrscheinlich auch nicht gemeint, aber dadurch leitest Du über zu dem Schreck bei Schmitz und dabei kommen dann m.M.n. auch die anderen leiblichen Erlebnisse zu kurz, welche auch eine "Selbstvergewisserung" und eine "Bedingung der Möglichkeit" sein könnten (wenn man diesen Vergleich ziehen will). Der Schreck ist Kontrollverlust, aber er ist nicht gleichbedeutend mit dem leiblichen Ganzort; wie Du schon sagst, eine Ausnahmesituation und keine permanente Begleiterscheinung.

  • [/B]ringt Schmitz ein Beispiel für den absoluten Ganzort, daß jedermann und jederfrau sofort ohne leisestes Stirnrunzeln einleuchten muß?

    Naja - zumindest gibt es noch das "Badewannen"- und das "Wetter"-Beispiel.

    "Der Leib, der Raum und die Gefühle", Seite 18: "Für den Ganzort des Leibes ergibt sich die entsprechende Absolutheit aus der Art seiner Abgehobenheit aus der Umgebung. Das ganzheitliche leibliche Behagen, z.B. in der Badewanne, ist im Raum deutlich abgegrenzt, anders als das mit leiblichem Behagen gespürte Behagen als Gefühl, die Atmosphäre der Geborgenheit. Diese Abgrenzung liegt aber nicht an der relativ-örtlichen Abgrenzung durch einen Rand, denn das prädimensionale Volumen des gespürten Leibes hat keine begrenzenden Flächen. Sie ist vielmehr in absolut-örtlicher Abgehobenheit aus einer umgebenden Weite begründet, wie sie auch in der klimatischen Wahrnehmung vorkommt, wenn man z.B. aus dumpfer Luft ins Freie tritt und sich im tiefen Aufatmen befreit fühlt, weil man sich in einer aufnehmenden Weite leiblich spürbar entfalten kann, ohne in ihr zu zergehen, vielmehr in weiterhin spürbar örtlicher Abgehobenheit, aber ohne Rücksicht auf Lagen und Abstände in diesem Erleben des Wetters."

    Ob das ohne Stirnrunzeln ablaufen kann, weiss ich nicht ;) Die Sprache ist eines, die Beispiele sind etwas anderes... vor allem finde ich Wetter und Badewanne deswegen noch erwähnenswert, weil hier die "Weite" zum Ausdruck kommt, während bei dem von Hermeneuticus beschriebenen Beispiel des Schrecks die Enge im Vordergrund steht. Aber nicht nur der Schreck ist

    eine unmittelbare Vergewisserung der eigenen Existenz, die von keiner Reflexion, keinem Zweifel in Frage gestellt wird


    sondern auch weniger drastische und auch angenehme Erlebnisse. Im Schreck spitzt sich nur zu, was immer da ist, uns "begleitet" (leibliches Erleben). So verstehe ich das bei Schmitz und deswegen stimme ich hier nicht zu:

    Während Descartes diese Vergewisserung im Denken findet ("Ich denke, also existiere ich"), sieht Schmitz sie in solchen Schreckerfahrungen.


    Meiner Meinung nach müsste man bei diesem Vergleich das gesamte "leibliche Erleben" heranziehen (sonst müsste es heissen: ich erschrecke, also bin ich? ;) Immerhin eine Erfahrung, die man direkt beim Lesen von manchen Schmitz-Sätzen machen kann :-)).

    Noch Kant bezieht sich affirmativ auf dieses " 'Ich denke', das alle meine Vorstellungen muss begleiten können." Und warum "muss" es meine Vorstellungen begleiten können? Damit das denkende Ich die Kontrolle, den Über- und Durchblick behält.

    Das denkende, sortierende Ich bei Kant hat aber kein Ziel (etwa den der Kontrolle), sondern es ist eine Bedingung der Möglichkeit. Es gibt keine Alternative; das "Müssen" besteht darin, dass sonst gar nichts wäre, gar keine Erkenntnis - und nicht etwa Chaos. Das hast Du wahrscheinlich auch nicht gemeint, aber dadurch leitest Du über zu dem Schreck bei Schmitz und dabei kommen dann m.M.n. auch die anderen leiblichen Erlebnisse zu kurz, welche auch eine "Selbstvergewisserung" und eine "Bedingung der Möglichkeit" sein könnten (wenn man diesen Vergleich ziehen will). Der Schreck ist Kontrollverlust, aber er ist nicht gleichbedeutend mit dem leiblichen Ganzort; wie Du schon sagst, eine Ausnahmesituation und keine permanente Begleiterscheinung.

  • Der Hermann Schmitz? Leib kommt ohne die fünf Sinne aus, weil der Schmitz?Leib den Schmitz'Ortsraum unter anderem mit Händen und Füssen auslotet und atmend, ahnend, merkend spürt.

    Ja. Zustimmung.

    Demnach müsste es bei Schmitz ein leibliches Spüren und eine leibliche Dynamik geben, an denen der "Körper" und die "sinnliche Wahrnehmung" beteiligt sind, ohne dass das LeibSpüren die Führung verlöre.

    Hm, ja, aber warum Führung? Das klingt so nach Rangordnung und ich würde bezweifeln, dass Schmitz es so meint.

    Dabei gelingt es ohne genaues Hinsehen, die Körperteile und sogar die sie umgebende Kleidung so zu manövrieren, dass man einander nicht berührt - also eine exzellente Orientierungs- und Steuerungsleistung, die aber "unter der Führung des Leibes" erbracht wird.

    Könnte man nicht sagen, es handle sich um "eine exzellente Orientierungs- und Steuerungsleistung, die mit dem leiblichen Spüren einhergeht"? Oder auch eine andere Formulierung, aber eine, die diese Hierarchie nicht bildet. Zum einen, weil es doch immer um das Erleben geht, zum anderen, weil Schmitz ja selbst zu sagen scheint:

    Wie es [das motor. Körperschema] vom Leib aus den Körper steuert, weiß ich nicht.

    Oder was meint ihr? Es ist nämlich so, dass mein Nachvollziehen der Beispiele etc. schlagartig aufhört, wenn Schmitz Aussagen über das phänomenale Erleben hinausgehend interpretiert werden - wie soll ich sagen - ich wäre nicht bereit, eine "Führung des Leibes" als Tatsache anzusehen - doch, vielleicht schon als Tatsache - aber nicht als ... dafür fehlt mir der Begriff. Schwierige Sache, auch schwierig auszudrücken. (Was ist das Gegenstück zu einem Phänomen?- Ich will nicht mit Grundsatzfragen stören, ich wollte nur anmerken, dass mich das beschäftigt ... )

    Begriffliche Unterscheidungen können eine größere Trennschärfe haben als die gemeinten Sachen und Sachverhalte.


    Sehr interessant. Das ist mir noch nie aufgefallen und wirft jenseits von Schmitz sehr viele, interessante Fragen auf.

    Schmitz probiert ein paar Körperstellen hypothetisch aus - wie Ellenbogen oder Schienbein -, um sie ad absurdum zu führen.


    Ja. Auf Seite 21 in "Der Leib, der Raum und die Gefühle" spricht Schmitz von einer "verblüffenden Adressenlosigkeit der Bezugsstelle im motorischen Körperschema":

    "Von der Nullstelle des motorischen Körperschemas aus ist der Peripherie in der zu geordneten Bewegungen erforderlichen räumlichen Verteilung vom Gesunden mühelos zu finden und einzusetzen, aber wo ist sie selbst von der Peripherie aus zu finden? Das kann man nicht sagen, auf jeden Fall nicht mühelos und mit Evidenz; das Suchen bleibt in grüblerischen Ansätzen stecken." (Als ich das zum ersten Mal gelesen habe, war ich an dieser Stelle fast erleichtert, denn sonst hätte eine "Körpermitte" 'gedroht' und das wäre schwierig geworden).

    [D]as ist eine glänzende Beobachtung von großer Tragweite für unser Verständnis vom Raum. Ich kann mich nicht erinnern, dass in philosophischen Diskussionen über die Frage: "Was ist der Raum?" jemals Bezug auf diesen leiblichen Raum mit seinem "absoluten" Bezugspunkt und den unumkehrbahren Richtungen genommen wurde (mit einer kleinen Ausnahme vielleicht, die aber im Moment nichts zur Sache tut).

    Natürlich bin ich jetzt sehr gespannt, welche "kleine Ausnahme" Du meinst, vielleicht ergibt sich ja eine Gelegenheit, das doch noch zu verraten.

    Was etwa Kant in der Kritik der reinen Vernunft über den Raum als (natürliche) Form unserer Anschauung lehrt, orientiert sich durch und durch am euklidisch-geometrischen Raumverständnis und mitnichten an unserer wirklichen Raumerfahrung.)

    Ja. Und es ist erstaunlich, dass dabei niemandem aufgefallen zu sein scheint, dass das unsere Raumwahrnehmung gar nicht erschöpfend behandelt.

  • Der Hermann Schmitz? Leib kommt ohne die fünf Sinne aus, weil der Schmitz?Leib den Schmitz'Ortsraum unter anderem mit Händen und Füssen auslotet und atmend, ahnend, merkend spürt.

    Ja. Zustimmung.

    Demnach müsste es bei Schmitz ein leibliches Spüren und eine leibliche Dynamik geben, an denen der "Körper" und die "sinnliche Wahrnehmung" beteiligt sind, ohne dass das LeibSpüren die Führung verlöre.

    Hm, ja, aber warum Führung? Das klingt so nach Rangordnung und ich würde bezweifeln, dass Schmitz es so meint.

    Dabei gelingt es ohne genaues Hinsehen, die Körperteile und sogar die sie umgebende Kleidung so zu manövrieren, dass man einander nicht berührt - also eine exzellente Orientierungs- und Steuerungsleistung, die aber "unter der Führung des Leibes" erbracht wird.

    Könnte man nicht sagen, es handle sich um "eine exzellente Orientierungs- und Steuerungsleistung, die mit dem leiblichen Spüren einhergeht"? Oder auch eine andere Formulierung, aber eine, die diese Hierarchie nicht bildet. Zum einen, weil es doch immer um das Erleben geht, zum anderen, weil Schmitz ja selbst zu sagen scheint:

    Wie es [das motor. Körperschema] vom Leib aus den Körper steuert, weiß ich nicht.

    Oder was meint ihr? Es ist nämlich so, dass mein Nachvollziehen der Beispiele etc. schlagartig aufhört, wenn Schmitz Aussagen über das phänomenale Erleben hinausgehend interpretiert werden - wie soll ich sagen - ich wäre nicht bereit, eine "Führung des Leibes" als Tatsache anzusehen - doch, vielleicht schon als Tatsache - aber nicht als ... dafür fehlt mir der Begriff. Schwierige Sache, auch schwierig auszudrücken. (Was ist das Gegenstück zu einem Phänomen?- Ich will nicht mit Grundsatzfragen stören, ich wollte nur anmerken, dass mich das beschäftigt ... )

    Begriffliche Unterscheidungen können eine größere Trennschärfe haben als die gemeinten Sachen und Sachverhalte.


    Sehr interessant. Das ist mir noch nie aufgefallen und wirft jenseits von Schmitz sehr viele, interessante Fragen auf.

    Schmitz probiert ein paar Körperstellen hypothetisch aus - wie Ellenbogen oder Schienbein -, um sie ad absurdum zu führen.


    Ja. Auf Seite 21 in "Der Leib, der Raum und die Gefühle" spricht Schmitz von einer "verblüffenden Adressenlosigkeit der Bezugsstelle im motorischen Körperschema":

    "Von der Nullstelle des motorischen Körperschemas aus ist der Peripherie in der zu geordneten Bewegungen erforderlichen räumlichen Verteilung vom Gesunden mühelos zu finden und einzusetzen, aber wo ist sie selbst von der Peripherie aus zu finden? Das kann man nicht sagen, auf jeden Fall nicht mühelos und mit Evidenz; das Suchen bleibt in grüblerischen Ansätzen stecken." (Als ich das zum ersten Mal gelesen habe, war ich an dieser Stelle fast erleichtert, denn sonst hätte eine "Körpermitte" 'gedroht' und das wäre schwierig geworden).

    [D]as ist eine glänzende Beobachtung von großer Tragweite für unser Verständnis vom Raum. Ich kann mich nicht erinnern, dass in philosophischen Diskussionen über die Frage: "Was ist der Raum?" jemals Bezug auf diesen leiblichen Raum mit seinem "absoluten" Bezugspunkt und den unumkehrbahren Richtungen genommen wurde (mit einer kleinen Ausnahme vielleicht, die aber im Moment nichts zur Sache tut).

    Natürlich bin ich jetzt sehr gespannt, welche "kleine Ausnahme" Du meinst, vielleicht ergibt sich ja eine Gelegenheit, das doch noch zu verraten.

    Was etwa Kant in der Kritik der reinen Vernunft über den Raum als (natürliche) Form unserer Anschauung lehrt, orientiert sich durch und durch am euklidisch-geometrischen Raumverständnis und mitnichten an unserer wirklichen Raumerfahrung.)

    Ja. Und es ist erstaunlich, dass dabei niemandem aufgefallen zu sein scheint, dass das unsere Raumwahrnehmung gar nicht erschöpfend behandelt.

  • Quote from echtjetzt

    sondern auch weniger drastische und auch angenehme Erlebnisse. Im Schreck spitzt sich nur zu, was immer da ist, uns "begleitet" (leibliches Erleben). So verstehe ich das bei Schmitz und deswegen stimme ich hier nicht zu:

    Quote from echtjetzt

    Meiner Meinung nach müsste man bei diesem Vergleich das gesamte "leibliche Erleben" heranziehen (sonst müsste es heissen: ich erschrecke, also bin ich? ;) Immerhin eine Erfahrung, die man direkt beim Lesen von manchen Schmitz-Sätzen machen kann :-)).


    Ich möchte die Vertagung des Problemkomplexes, den ich schlagwortartig "Ich-Identität" nenne, vorschlagen. Solange wir weder den zeitlichen Aspekt des LeibSpürens noch die Gefühle bzw. das affektive Betroffensein von ihnen, das Fühlen, besprochen haben, fehlen uns, meine ich, noch zwei wesentliche Bausteine, um die unmittelbar gegebene Selbstgewißheit des Ichs bei Schmitz angemessen und umfassend verstehen zu können. M.E. würden wir uns zum jetzigen Zeitpunkt bei der Frage, wie Schreck und Ganzort, wie Schreck und gesamtes (leibliches) Spüren, wie Schreck und Identität sich zueinander verhalten, nur verzetteln. Und zwar unnötigerweise verzetteln, eben weil wir das Phänomen der "primitiven Gegenwart" bisher nicht erörtert haben.

    Ich weiß natürlich nicht @Hermeneuticus, welche Aspekte Du auf Deinem Plan hast und ob Atmosphären sowie die Zeit überhaupt zu den Punkten gehören, die Du gerne vertiefen möchtest. Ich habe nur vorhin, als ich auf Deine und echtjetzt's Antwort habe eingehen wollen, bemerkt, daß ich dazu ausholen müßte, unter Einbeziehung des Fühlens und der Zeitkomponente.

  • Quote from echtjetzt

    sondern auch weniger drastische und auch angenehme Erlebnisse. Im Schreck spitzt sich nur zu, was immer da ist, uns "begleitet" (leibliches Erleben). So verstehe ich das bei Schmitz und deswegen stimme ich hier nicht zu:

    Quote from echtjetzt

    Meiner Meinung nach müsste man bei diesem Vergleich das gesamte "leibliche Erleben" heranziehen (sonst müsste es heissen: ich erschrecke, also bin ich? ;) Immerhin eine Erfahrung, die man direkt beim Lesen von manchen Schmitz-Sätzen machen kann :-)).


    Ich möchte die Vertagung des Problemkomplexes, den ich schlagwortartig "Ich-Identität" nenne, vorschlagen. Solange wir weder den zeitlichen Aspekt des LeibSpürens noch die Gefühle bzw. das affektive Betroffensein von ihnen, das Fühlen, besprochen haben, fehlen uns, meine ich, noch zwei wesentliche Bausteine, um die unmittelbar gegebene Selbstgewißheit des Ichs bei Schmitz angemessen und umfassend verstehen zu können. M.E. würden wir uns zum jetzigen Zeitpunkt bei der Frage, wie Schreck und Ganzort, wie Schreck und gesamtes (leibliches) Spüren, wie Schreck und Identität sich zueinander verhalten, nur verzetteln. Und zwar unnötigerweise verzetteln, eben weil wir das Phänomen der "primitiven Gegenwart" bisher nicht erörtert haben.

    Ich weiß natürlich nicht @Hermeneuticus, welche Aspekte Du auf Deinem Plan hast und ob Atmosphären sowie die Zeit überhaupt zu den Punkten gehören, die Du gerne vertiefen möchtest. Ich habe nur vorhin, als ich auf Deine und echtjetzt's Antwort habe eingehen wollen, bemerkt, daß ich dazu ausholen müßte, unter Einbeziehung des Fühlens und der Zeitkomponente.

  • Quote from echtjetzt

    Oder was meint ihr? Es ist nämlich so, dass mein Nachvollziehen der Beispiele etc. schlagartig aufhört, wenn Schmitz Aussagen über das phänomenale Erleben hinausgehend interpretiert werden - wie soll ich sagen - ich wäre nicht bereit, eine "Führung des Leibes" als Tatsache anzusehen - doch, vielleicht schon als Tatsache - aber nicht als ... dafür fehlt mir der Begriff. Schwierige Sache, auch schwierig auszudrücken. (Was ist das Gegenstück zu einem Phänomen?- Ich will nicht mit Grundsatzfragen stören, ich wollte nur anmerken, dass mich das beschäftigt ... )


    @echtjetzt, obwohl ich meine Sinne, mein Spüren und mein Hirn zusammengetan habe, es mit Geist und Herz versucht habe ... ich kapiere, ich ahne noch nicht einmal, wo für Dich der Problempunkt sitzt. Falls Dir also gelegentlich danach ist, dann fände ich schön, wenn Du Deine Grundsatzfrage nochmal versuchst zu erklären. Vielleicht liegts ja auch nur an mir - und Hermeneuticus hat sofort verstanden.

  • Quote from echtjetzt

    Oder was meint ihr? Es ist nämlich so, dass mein Nachvollziehen der Beispiele etc. schlagartig aufhört, wenn Schmitz Aussagen über das phänomenale Erleben hinausgehend interpretiert werden - wie soll ich sagen - ich wäre nicht bereit, eine "Führung des Leibes" als Tatsache anzusehen - doch, vielleicht schon als Tatsache - aber nicht als ... dafür fehlt mir der Begriff. Schwierige Sache, auch schwierig auszudrücken. (Was ist das Gegenstück zu einem Phänomen?- Ich will nicht mit Grundsatzfragen stören, ich wollte nur anmerken, dass mich das beschäftigt ... )


    @echtjetzt, obwohl ich meine Sinne, mein Spüren und mein Hirn zusammengetan habe, es mit Geist und Herz versucht habe ... ich kapiere, ich ahne noch nicht einmal, wo für Dich der Problempunkt sitzt. Falls Dir also gelegentlich danach ist, dann fände ich schön, wenn Du Deine Grundsatzfrage nochmal versuchst zu erklären. Vielleicht liegts ja auch nur an mir - und Hermeneuticus hat sofort verstanden.

  • Rezeptionstechnische Zwischenbemerkung: Mir gefällt es, das Buch "Der Leib" nicht in einer unumkehrbaren Richtung von vorn nach hinten zu lesen, sondern es als ein Gewoge aus nur locker geordneten Inseln zu behandeln, zwischen denen ich springe ("island hopping" nannten die Amis das im Pazifikkrieg) :) - hin und her, vor und zurück, allerdings nicht ohne Leitfäden. Das sind meine Fragen, die sich aus dem Verstehenwollen ergeben. Lese ich allein, so bleiben diese Fragen diffuser. Die Diskussion hier präzisiert sie, spitzt sie zu. Das Verstehenserlebnis ist auch davon abhängig, wie klar Fragen zugespitzt sind. Auf diffuse Fragen folgt günstigenfalls diffuses Verstehen, während Antworten auf klare, explizite Fragen ein viel plastischeres Verständnis mit sich bringen.
    Meine Fragen stelle ich aber nicht in einer devoten Ausrichtung von unten nach oben (dort oben die Sinnfülle - hier unten meine Hohlheit...), sondern durchaus kritisch, unter Voraussetzung intellektueller Augenhöhe. Auch wenn das manchmal - als Charakterzug betrachtet - etwas anmaßend sein mag, so ist es doch - als methodische Vorkehrung - sehr nützlich. Denn es hilft bei der kritischen Zuspitzung der Fragen. Dieser Nutzen würde sich aber sofort verflüchtigen, wenn meine methodische Anmaßung sich mit Stur- und Borniertheit paarte. Denn dann hätte der Autor keine Chance mehr, sich mir verständlich zu machen oder mich gar zu überzeugen. Das ist aber nicht der Fall. Wenn ich einen Text gründlich lese, dann nicht, um ihn mit meinen Vorurteilen zu planieren; ich bin ja schließlich auf der Suche nach Erkenntnis und Horizonterweiterung.

  • Rezeptionstechnische Zwischenbemerkung: Mir gefällt es, das Buch "Der Leib" nicht in einer unumkehrbaren Richtung von vorn nach hinten zu lesen, sondern es als ein Gewoge aus nur locker geordneten Inseln zu behandeln, zwischen denen ich springe ("island hopping" nannten die Amis das im Pazifikkrieg) :) - hin und her, vor und zurück, allerdings nicht ohne Leitfäden. Das sind meine Fragen, die sich aus dem Verstehenwollen ergeben. Lese ich allein, so bleiben diese Fragen diffuser. Die Diskussion hier präzisiert sie, spitzt sie zu. Das Verstehenserlebnis ist auch davon abhängig, wie klar Fragen zugespitzt sind. Auf diffuse Fragen folgt günstigenfalls diffuses Verstehen, während Antworten auf klare, explizite Fragen ein viel plastischeres Verständnis mit sich bringen.
    Meine Fragen stelle ich aber nicht in einer devoten Ausrichtung von unten nach oben (dort oben die Sinnfülle - hier unten meine Hohlheit...), sondern durchaus kritisch, unter Voraussetzung intellektueller Augenhöhe. Auch wenn das manchmal - als Charakterzug betrachtet - etwas anmaßend sein mag, so ist es doch - als methodische Vorkehrung - sehr nützlich. Denn es hilft bei der kritischen Zuspitzung der Fragen. Dieser Nutzen würde sich aber sofort verflüchtigen, wenn meine methodische Anmaßung sich mit Stur- und Borniertheit paarte. Denn dann hätte der Autor keine Chance mehr, sich mir verständlich zu machen oder mich gar zu überzeugen. Das ist aber nicht der Fall. Wenn ich einen Text gründlich lese, dann nicht, um ihn mit meinen Vorurteilen zu planieren; ich bin ja schließlich auf der Suche nach Erkenntnis und Horizonterweiterung.

  • Aber nicht nur der Schreck ist "eine unmittelbare Vergewisserung der eigenen Existenz, die von keiner Reflexion, keinem Zweifel in Frage gestellt wird", sondern auch weniger drastische und auch angenehme Erlebnisse. Im Schreck spitzt sich nur zu, was immer da ist, uns "begleitet" (leibliches Erleben). So verstehe ich das bei Schmitz und deswegen stimme ich hier nicht zu: [ Zitat von »Hermeneuticus«] "Während Descartes diese Vergewisserung im Denken findet ("Ich denke, also existiere ich"), sieht Schmitz sie in solchen Schreckerfahrungen."
    Meiner Meinung nach müsste man bei diesem Vergleich das gesamte "leibliche Erleben" heranziehen (sonst müsste es heissen: ich erschrecke, also bin ich? ;)


    Das gesamte leibliche Erleben ist zwar "subjektiv" in dem (Schmitz'schen) Sinne, dass wir davon "affektiv betroffen" sind. Aber es ist ja bei weitem nicht immer von dieser "Absolutheit" und Intensität, um die es oben ging: diese unmittelbare, identifzierungsfreie Existenzgewissheit, die sich einstellt ohne ein Bezogensein-auf-etwas. Schmitz zeichnet solche Erfahrungen ja nicht von ungefähr als "primitive Gegenwart" aus. Ich zitiere aus dem Kapitel "Leib und Person":


    "Wie findet der affektiv Betroffene ohne Identifizierung sich als den, für den die Tatschen seines affektiven Betroffenseins subjektiv sind? Die Antwort ergibt sich aus Kapitel 1. Dort wurde gezeigt, wie der plötzliche Einbruch des Neuen Dauer zerreißt, ins Nichtmehrsein verabschiedet und dadurch eine Gegenwart exponiert, in der absoluter Ort (Enge des Leibes), absoluter Augenblick (das Plötzliche), absolute Identität (dieses selbst zu sein, verschieden von dem, was vorbei ist) und Subjektivität (selbst betroffen, in Anspruch genommen zu sein) zusammenfallen; ich füge das in der Wucht des Betroffenseins hervortretende Sein (die Wirklichkeit) hinzu und erhalte, was ich seit 1964 die primitive Gegenwart nenne. Ohne diesen Einschnitt wäre keine Identität, das Geschehen wäre in Weite und Dauer ergossen, in einem gleitenden Übergang, in dem sich nichts fassen lässt. Zustände des Dösens, der Benommenheit, geben eine Vorstellung davon." (S.74)


    Wer Heideggers "Sein und Zeit" kennt, der wird sich sofort an die Sache mit der Eigentlichkeit erinnert fühlen. Heideggers Eigentlichkeit des Daseins wird auf ähnliche Weise als eine negative Erfahrung, eine Herauslösung aus sozialen Bindungen und dem Einerlei des Alltags geschildert. Die Angst und das Nichts spielen dabei "existenzielle" Rollen...
    Gerade Schmitz' Datierung - "was ich seit 1964 ... nenne" - gibt einen unübersehbaren Fingerzeig in Richtung Existentialismus, der damals noch en vogue war, sei's in der heideggerschen, sei's in der französischen Spielart von Sartre und Camus.

    Ohne das hier vertiefen zu wollen (und zu können), möchte ich doch eine weitere Leitfrage festhalten, nämlich: Wie weit prägt Schmitz' "existenzialistisches" Pathos der Betroffenheit und der "primitiven Gegenwart" seine Phänomenologie des Leibes? Hat die "primitve Gegenwart" einen systematischen Stellenwert derart, dass die ganze Theorie zusammenbricht, wenn man sie vorsichtig herauszulösen versucht?

    Wie man diese Frage beantworten kann, ist mir im Moment noch nicht klar. Dafür müsste man Kriterien oder Bedingungen formulieren. Aber es besteht ja kein Grund zur Übereilung.

  • Aber nicht nur der Schreck ist "eine unmittelbare Vergewisserung der eigenen Existenz, die von keiner Reflexion, keinem Zweifel in Frage gestellt wird", sondern auch weniger drastische und auch angenehme Erlebnisse. Im Schreck spitzt sich nur zu, was immer da ist, uns "begleitet" (leibliches Erleben). So verstehe ich das bei Schmitz und deswegen stimme ich hier nicht zu: [ Zitat von »Hermeneuticus«] "Während Descartes diese Vergewisserung im Denken findet ("Ich denke, also existiere ich"), sieht Schmitz sie in solchen Schreckerfahrungen."
    Meiner Meinung nach müsste man bei diesem Vergleich das gesamte "leibliche Erleben" heranziehen (sonst müsste es heissen: ich erschrecke, also bin ich? ;)


    Das gesamte leibliche Erleben ist zwar "subjektiv" in dem (Schmitz'schen) Sinne, dass wir davon "affektiv betroffen" sind. Aber es ist ja bei weitem nicht immer von dieser "Absolutheit" und Intensität, um die es oben ging: diese unmittelbare, identifzierungsfreie Existenzgewissheit, die sich einstellt ohne ein Bezogensein-auf-etwas. Schmitz zeichnet solche Erfahrungen ja nicht von ungefähr als "primitive Gegenwart" aus. Ich zitiere aus dem Kapitel "Leib und Person":


    "Wie findet der affektiv Betroffene ohne Identifizierung sich als den, für den die Tatschen seines affektiven Betroffenseins subjektiv sind? Die Antwort ergibt sich aus Kapitel 1. Dort wurde gezeigt, wie der plötzliche Einbruch des Neuen Dauer zerreißt, ins Nichtmehrsein verabschiedet und dadurch eine Gegenwart exponiert, in der absoluter Ort (Enge des Leibes), absoluter Augenblick (das Plötzliche), absolute Identität (dieses selbst zu sein, verschieden von dem, was vorbei ist) und Subjektivität (selbst betroffen, in Anspruch genommen zu sein) zusammenfallen; ich füge das in der Wucht des Betroffenseins hervortretende Sein (die Wirklichkeit) hinzu und erhalte, was ich seit 1964 die primitive Gegenwart nenne. Ohne diesen Einschnitt wäre keine Identität, das Geschehen wäre in Weite und Dauer ergossen, in einem gleitenden Übergang, in dem sich nichts fassen lässt. Zustände des Dösens, der Benommenheit, geben eine Vorstellung davon." (S.74)


    Wer Heideggers "Sein und Zeit" kennt, der wird sich sofort an die Sache mit der Eigentlichkeit erinnert fühlen. Heideggers Eigentlichkeit des Daseins wird auf ähnliche Weise als eine negative Erfahrung, eine Herauslösung aus sozialen Bindungen und dem Einerlei des Alltags geschildert. Die Angst und das Nichts spielen dabei "existenzielle" Rollen...
    Gerade Schmitz' Datierung - "was ich seit 1964 ... nenne" - gibt einen unübersehbaren Fingerzeig in Richtung Existentialismus, der damals noch en vogue war, sei's in der heideggerschen, sei's in der französischen Spielart von Sartre und Camus.

    Ohne das hier vertiefen zu wollen (und zu können), möchte ich doch eine weitere Leitfrage festhalten, nämlich: Wie weit prägt Schmitz' "existenzialistisches" Pathos der Betroffenheit und der "primitiven Gegenwart" seine Phänomenologie des Leibes? Hat die "primitve Gegenwart" einen systematischen Stellenwert derart, dass die ganze Theorie zusammenbricht, wenn man sie vorsichtig herauszulösen versucht?

    Wie man diese Frage beantworten kann, ist mir im Moment noch nicht klar. Dafür müsste man Kriterien oder Bedingungen formulieren. Aber es besteht ja kein Grund zur Übereilung.

  • Hm, ja, aber warum Führung? Das klingt so nach Rangordnung und ich würde bezweifeln, dass Schmitz es so meint.


    Wie sich das mit einer etwaigen Vorrangstellung alles Leiblichen bei Schmitz verhält, überblicke ich noch nicht. Sobald es um Leib und Person geht, wird das eine wichtige Frage sein. -

    Aber hier beim Verhältnis von gespürtem Raum zu anschaulichem Raum und bei der Orientierung und Bewegung scheint Schmitz in der Tat davon auszugehen, dass das motorische Körperschema (das ja seinen "Sitz im Leib" hat) den Vorrang hat. Nicht nur, dass er explizit das Verb "führen" verwendet ("die vom motorischen Körperschema geführten Bewegungen"), er scheint auch zu meinen, dass die leiblich geführten Bewegungen die präziseren, geschickteren, schnelleren... sind. Oder anders herum gesagt: Alle Bewegungen, die wir erlernen müssen, werden von uns eigentlich erst dann "gekonnt" oder "beherrscht", wenn wir sie ausführen können, ohne ihren Vollzug über sinnliche Anschauung und Ausmessung des geometrischen Raums zu kontrollieren.

    "Jede motorische Kompetenz wird über eine Probierphase erworben, in der der Übende sich entweder (wie das Kind, das gehen lernt) chaotisch (durch trial and error) zurechtfindet oder sich (als Erwachsener, der Tanzen, Klavierspielen, Maschineschreiben u. dgl. erlernt) im perzeptiven Körperschema an Lagen und Abständen relativer Orte orientiert. Die Probierphase wird an einem Wendepunkt abgeschlossen, an dem das motorische Körperschema sich der Aufgabe so angepasst hat, dass es die Führung der Bewegung übernehmen kann. Dann erst 'sitzt' die Kompetenz, der Könner 'beherrscht' seine Kunst, und die Orientierung an den Lagen und Abständen des perzeptiven Körperschemas wird überflüssig. Aber auch der umgekehrte Weg kommt vor, dass das motorische Körperschema seine Führung an das perzeptive abgibt und die Kompetenz dadurch verloren geht. Das ist der Fall des von Kleist geschilderten Jünglings, der vor dem Spiegel seine Anmut verlor." (S. 23)

    Dieser Vorgang des Einübens solange, bis die Bewegungen "wie im Schlaf" oder "blind" gelingen, wird auch schon mal "Automatisierung" genannt. Aber das ist eine sehr irreführende Bezeichnung, wenn dabei technische Geräte assoziiert werden. Die "Selbstbewegung" von Maschinen ist letztlich immer auf menschliche Steuerung und Programmierung zurückzuführen. Technische Metaphern und Modelle mögen durchaus nützlich sein, um natürliches, lebendiges Geschehen partiell verständlich zu machen. Aber dieser Nutzen wird fragwürdig, wenn man natürliche, lebendige Bewegungen schlankweg mit technischen Abläufen identifiziert. - Jedenfalls ist der Übergang von perzeptiv kontrollierten Bewegungsschemata ins "Gespür" kein Vorgang der Mechanisierung, bei dem etwas zuvor Lebendiges sozusagen zu einem toten Ablauf erstarrte. Umgekehrt: Erst wenn wir eine solche Bewegung leiblich "beherrschen", ist sie wirklich lebendig.

    Über diese Zusammhänge ließe sich viel grübeln und sagen. Zur Zeit kommen wir aber nur auf einem Abstecher hier her, ausgehend vom leiblichen Raum... Die Stelle scheint mir jedenfalls zu belegen, dass Schmitz schon einen klaren Vorrang des leiblichen Raums und des motorischen Körperschemas ansetzt. Und ich finde seine Beobachtungen dazu auch überzeugend. Wichtig ist aber, dass Schmitz hier nirgends das Körperliche ignoriert, kleinredet oder in eine vage Ganzheitlichkeit auflöst. Er hält die Leib-Körper-Differenz fest, zeigt aber, dass sie keine starre, undurchlässige Grenze ist.

  • Hm, ja, aber warum Führung? Das klingt so nach Rangordnung und ich würde bezweifeln, dass Schmitz es so meint.


    Wie sich das mit einer etwaigen Vorrangstellung alles Leiblichen bei Schmitz verhält, überblicke ich noch nicht. Sobald es um Leib und Person geht, wird das eine wichtige Frage sein. -

    Aber hier beim Verhältnis von gespürtem Raum zu anschaulichem Raum und bei der Orientierung und Bewegung scheint Schmitz in der Tat davon auszugehen, dass das motorische Körperschema (das ja seinen "Sitz im Leib" hat) den Vorrang hat. Nicht nur, dass er explizit das Verb "führen" verwendet ("die vom motorischen Körperschema geführten Bewegungen"), er scheint auch zu meinen, dass die leiblich geführten Bewegungen die präziseren, geschickteren, schnelleren... sind. Oder anders herum gesagt: Alle Bewegungen, die wir erlernen müssen, werden von uns eigentlich erst dann "gekonnt" oder "beherrscht", wenn wir sie ausführen können, ohne ihren Vollzug über sinnliche Anschauung und Ausmessung des geometrischen Raums zu kontrollieren.

    "Jede motorische Kompetenz wird über eine Probierphase erworben, in der der Übende sich entweder (wie das Kind, das gehen lernt) chaotisch (durch trial and error) zurechtfindet oder sich (als Erwachsener, der Tanzen, Klavierspielen, Maschineschreiben u. dgl. erlernt) im perzeptiven Körperschema an Lagen und Abständen relativer Orte orientiert. Die Probierphase wird an einem Wendepunkt abgeschlossen, an dem das motorische Körperschema sich der Aufgabe so angepasst hat, dass es die Führung der Bewegung übernehmen kann. Dann erst 'sitzt' die Kompetenz, der Könner 'beherrscht' seine Kunst, und die Orientierung an den Lagen und Abständen des perzeptiven Körperschemas wird überflüssig. Aber auch der umgekehrte Weg kommt vor, dass das motorische Körperschema seine Führung an das perzeptive abgibt und die Kompetenz dadurch verloren geht. Das ist der Fall des von Kleist geschilderten Jünglings, der vor dem Spiegel seine Anmut verlor." (S. 23)

    Dieser Vorgang des Einübens solange, bis die Bewegungen "wie im Schlaf" oder "blind" gelingen, wird auch schon mal "Automatisierung" genannt. Aber das ist eine sehr irreführende Bezeichnung, wenn dabei technische Geräte assoziiert werden. Die "Selbstbewegung" von Maschinen ist letztlich immer auf menschliche Steuerung und Programmierung zurückzuführen. Technische Metaphern und Modelle mögen durchaus nützlich sein, um natürliches, lebendiges Geschehen partiell verständlich zu machen. Aber dieser Nutzen wird fragwürdig, wenn man natürliche, lebendige Bewegungen schlankweg mit technischen Abläufen identifiziert. - Jedenfalls ist der Übergang von perzeptiv kontrollierten Bewegungsschemata ins "Gespür" kein Vorgang der Mechanisierung, bei dem etwas zuvor Lebendiges sozusagen zu einem toten Ablauf erstarrte. Umgekehrt: Erst wenn wir eine solche Bewegung leiblich "beherrschen", ist sie wirklich lebendig.

    Über diese Zusammhänge ließe sich viel grübeln und sagen. Zur Zeit kommen wir aber nur auf einem Abstecher hier her, ausgehend vom leiblichen Raum... Die Stelle scheint mir jedenfalls zu belegen, dass Schmitz schon einen klaren Vorrang des leiblichen Raums und des motorischen Körperschemas ansetzt. Und ich finde seine Beobachtungen dazu auch überzeugend. Wichtig ist aber, dass Schmitz hier nirgends das Körperliche ignoriert, kleinredet oder in eine vage Ganzheitlichkeit auflöst. Er hält die Leib-Körper-Differenz fest, zeigt aber, dass sie keine starre, undurchlässige Grenze ist.

  • Quote from Hermeneuticus

    Dieser Vorgang des Einübens solange, bis die Bewegungen "wie im Schlaf" oder "blind" gelingen, wird auch schon mal "Automatisierung" genannt. Aber das ist eine sehr irreführende Bezeichnung, wenn dabei technische Geräte assoziiert werden. Die "Selbstbewegung" von Maschinen ist letztlich immer auf menschliche Steuerung und Programmierung zurückzuführen. Technische Metaphern und Modelle mögen durchaus nützlich sein, um natürliches, lebendiges Geschehen partiell verständlich zu machen. Aber dieser Nutzen wird fragwürdig, wenn man natürliche, lebendige Bewegungen schlankweg mit technischen Abläufen identifiziert. - Jedenfalls ist der Übergang von perzeptiv kontrollierten Bewegungsschemata ins "Gespür" kein Vorgang der Mechanisierung, bei dem etwas zuvor Lebendiges sozusagen zu einem toten Ablauf erstarrte. Umgekehrt: Erst wenn wir eine solche Bewegung leiblich "beherrschen", ist sie wirklich lebendig.


    Ich möchte die Begriffe "Automatisierung" oder "Mechanisierung" nicht verteidigen, schon gar nicht unter der Voraussetzung, wenn sie im Kontrast stehen sollen mit Lebendigen. Da mir bessere Wörter aber nicht einfallen, bleibe ich bei ihnen. Sie haben mich nämlich auf eine Beobachtung aufmerksam gemacht, die die Verinnerlichung des motorischen Körperschemas gut demonstriert.

    Wenn ich zum Beispiel ans Autofahren denke, dann ist es doch so, daß wir den komplexen Vorgang des Kupplung-Schaltens (Fuß, Pedal, Hände, Schaltknopf) wie "im Schlaf" beherrschen -und in dem Augenblick, in dem man den Gesamtvorgang in seine einzelnen Bestandteile auflösen will, da geht nichts mehr. Man kriegt es, so sehr man sich auch anstrengt, nicht hin, den automatisierten Vorgang in die einzelnen Handlungsabläufe wieder zu zerlegen. Die Koordination des motorischen Körpers mit den Dingen und deren Abfolge funktioniert genau nur solange, wie wir sie, unbewußt, unaufmerksam, mechanisch ausführen. Das reflexive/gewahrende Moment vernichtet die Fähigkeit mit einem Schlage. Zumindest scheint es zunächst so, am Ende gelingt es meist doch, den synthetisierten Vorgang auseinanderzudividieren.

  • Quote from Hermeneuticus

    Dieser Vorgang des Einübens solange, bis die Bewegungen "wie im Schlaf" oder "blind" gelingen, wird auch schon mal "Automatisierung" genannt. Aber das ist eine sehr irreführende Bezeichnung, wenn dabei technische Geräte assoziiert werden. Die "Selbstbewegung" von Maschinen ist letztlich immer auf menschliche Steuerung und Programmierung zurückzuführen. Technische Metaphern und Modelle mögen durchaus nützlich sein, um natürliches, lebendiges Geschehen partiell verständlich zu machen. Aber dieser Nutzen wird fragwürdig, wenn man natürliche, lebendige Bewegungen schlankweg mit technischen Abläufen identifiziert. - Jedenfalls ist der Übergang von perzeptiv kontrollierten Bewegungsschemata ins "Gespür" kein Vorgang der Mechanisierung, bei dem etwas zuvor Lebendiges sozusagen zu einem toten Ablauf erstarrte. Umgekehrt: Erst wenn wir eine solche Bewegung leiblich "beherrschen", ist sie wirklich lebendig.


    Ich möchte die Begriffe "Automatisierung" oder "Mechanisierung" nicht verteidigen, schon gar nicht unter der Voraussetzung, wenn sie im Kontrast stehen sollen mit Lebendigen. Da mir bessere Wörter aber nicht einfallen, bleibe ich bei ihnen. Sie haben mich nämlich auf eine Beobachtung aufmerksam gemacht, die die Verinnerlichung des motorischen Körperschemas gut demonstriert.

    Wenn ich zum Beispiel ans Autofahren denke, dann ist es doch so, daß wir den komplexen Vorgang des Kupplung-Schaltens (Fuß, Pedal, Hände, Schaltknopf) wie "im Schlaf" beherrschen -und in dem Augenblick, in dem man den Gesamtvorgang in seine einzelnen Bestandteile auflösen will, da geht nichts mehr. Man kriegt es, so sehr man sich auch anstrengt, nicht hin, den automatisierten Vorgang in die einzelnen Handlungsabläufe wieder zu zerlegen. Die Koordination des motorischen Körpers mit den Dingen und deren Abfolge funktioniert genau nur solange, wie wir sie, unbewußt, unaufmerksam, mechanisch ausführen. Das reflexive/gewahrende Moment vernichtet die Fähigkeit mit einem Schlage. Zumindest scheint es zunächst so, am Ende gelingt es meist doch, den synthetisierten Vorgang auseinanderzudividieren.

  • M.E. würden wir uns zum jetzigen Zeitpunkt bei der Frage, wie Schreck und Ganzort, wie Schreck und gesamtes (leibliches) Spüren, wie Schreck und Identität sich zueinander verhalten, nur verzetteln. Und zwar unnötigerweise verzetteln, eben weil wir das Phänomen der "primitiven Gegenwart" bisher nicht erörtert haben.


    Ein wenig ist es nun erörtert. :) Im Zusammenhang von "Leib und Person" wäre darauf näher einzugehen.

    Quote

    echtjetzt

    Es ist nämlich so, dass mein Nachvollziehen der Beispiele etc. schlagartig aufhört, wenn Schmitz Aussagen über das phänomenale Erleben hinausgehend interpretiert werden - wie soll ich sagen - ich wäre nicht bereit, eine "Führung des Leibes" als Tatsache anzusehen - doch, vielleicht schon als Tatsache - aber nicht als ... dafür fehlt mir der Begriff. Schwierige Sache, auch schwierig auszudrücken. (Was ist das Gegenstück zu einem Phänomen?- Ich will nicht mit Grundsatzfragen stören, ich wollte nur anmerken, dass mich das beschäftigt ... )


    Das Gegenstück zu einem Phänomen wäre ein Sachverhalt, der das Auftreten des Phänomens erklärt, indem er seine Ursachen oder die Bedingungen seiner Möglichkeit aufzeigt.

    Streng genommen verzichtet Phänomenologie auf solche Erklärungen. Sie beschreibt, was "sich zeigt" bzw. was de facto erlebt wird. Schmitz' Beschreibungen bleiben aber keine vereinzelten, unverbundenen Beobachtungen. Er hebt regelmäßige Zusammenhänge oder Differenzen hervor, er unterteilt und systematisiert. Die "leibliche Dynamik" etwa wird so dargestellt, dass sie insgesamt auf den Gegensatz Enge - Weite bzw. Spannung - Schwellung bezogen bleibt. Und Schmitz scheint nicht nur zu beanspruchen, dass sich die leiblichen Regungen anhand dieses Leitfadens am besten, angemessensten, überzeugendsten... darstellen lassen, sondern dass sie damit auch erschöpfend - also vollständig - zu erfassen sind.

    Das mag man auf den ersten Blick unplausibel finden. Ja man hat natürlich auch das gute Recht, die Plausibilität einer solchen Systematisierung zu bestreiten. Aber dazu sollte man sie halbwegs überblicken und dann auch Phänomene anführen können, die im Schmitzschen System fehlen, sich nicht darin einfügen lassen oder es unterminieren. Es ist ja gut möglich, dass Schmitz bei seiner Systematisierung sich von individuellen, unhinterfragten (theoretischen) Intuitionen hat leiten lassen, die seinen Blick für manche Zusammenhänge besonders geschärft haben, während sie ihn andere vernachlässigen ließen usw.
    Und genau um solche Überlegungen geht es mir hier in der kritischen Besprechung. Zwar leuchtet mir Vieles ein, was Schmitz beschreibt und systematisiert, aber ich habe auch kritische Intuitionen. Einstweilen bin ich aber noch dabei, die terminologische "Panzerung" zu entschlüsseln, mit der Schmitz seinen "Leib" umgibt und abschirmt. Da scheint ja alles schön ineinander zu greifen und zu passen, so dass sich keine Blößen und Angriffsstellen finden. Aber mit Geduld und Tücke... ;)

  • M.E. würden wir uns zum jetzigen Zeitpunkt bei der Frage, wie Schreck und Ganzort, wie Schreck und gesamtes (leibliches) Spüren, wie Schreck und Identität sich zueinander verhalten, nur verzetteln. Und zwar unnötigerweise verzetteln, eben weil wir das Phänomen der "primitiven Gegenwart" bisher nicht erörtert haben.


    Ein wenig ist es nun erörtert. :) Im Zusammenhang von "Leib und Person" wäre darauf näher einzugehen.

    Quote

    echtjetzt

    Es ist nämlich so, dass mein Nachvollziehen der Beispiele etc. schlagartig aufhört, wenn Schmitz Aussagen über das phänomenale Erleben hinausgehend interpretiert werden - wie soll ich sagen - ich wäre nicht bereit, eine "Führung des Leibes" als Tatsache anzusehen - doch, vielleicht schon als Tatsache - aber nicht als ... dafür fehlt mir der Begriff. Schwierige Sache, auch schwierig auszudrücken. (Was ist das Gegenstück zu einem Phänomen?- Ich will nicht mit Grundsatzfragen stören, ich wollte nur anmerken, dass mich das beschäftigt ... )


    Das Gegenstück zu einem Phänomen wäre ein Sachverhalt, der das Auftreten des Phänomens erklärt, indem er seine Ursachen oder die Bedingungen seiner Möglichkeit aufzeigt.

    Streng genommen verzichtet Phänomenologie auf solche Erklärungen. Sie beschreibt, was "sich zeigt" bzw. was de facto erlebt wird. Schmitz' Beschreibungen bleiben aber keine vereinzelten, unverbundenen Beobachtungen. Er hebt regelmäßige Zusammenhänge oder Differenzen hervor, er unterteilt und systematisiert. Die "leibliche Dynamik" etwa wird so dargestellt, dass sie insgesamt auf den Gegensatz Enge - Weite bzw. Spannung - Schwellung bezogen bleibt. Und Schmitz scheint nicht nur zu beanspruchen, dass sich die leiblichen Regungen anhand dieses Leitfadens am besten, angemessensten, überzeugendsten... darstellen lassen, sondern dass sie damit auch erschöpfend - also vollständig - zu erfassen sind.

    Das mag man auf den ersten Blick unplausibel finden. Ja man hat natürlich auch das gute Recht, die Plausibilität einer solchen Systematisierung zu bestreiten. Aber dazu sollte man sie halbwegs überblicken und dann auch Phänomene anführen können, die im Schmitzschen System fehlen, sich nicht darin einfügen lassen oder es unterminieren. Es ist ja gut möglich, dass Schmitz bei seiner Systematisierung sich von individuellen, unhinterfragten (theoretischen) Intuitionen hat leiten lassen, die seinen Blick für manche Zusammenhänge besonders geschärft haben, während sie ihn andere vernachlässigen ließen usw.
    Und genau um solche Überlegungen geht es mir hier in der kritischen Besprechung. Zwar leuchtet mir Vieles ein, was Schmitz beschreibt und systematisiert, aber ich habe auch kritische Intuitionen. Einstweilen bin ich aber noch dabei, die terminologische "Panzerung" zu entschlüsseln, mit der Schmitz seinen "Leib" umgibt und abschirmt. Da scheint ja alles schön ineinander zu greifen und zu passen, so dass sich keine Blößen und Angriffsstellen finden. Aber mit Geduld und Tücke... ;)

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