Es ist meiner Meinung nach also eine Frage dessen, wovon man ausgeht, wenn man von "Wahrnehmung" spricht. Schmitz spricht explizit von "Wahrnehmung als leiblicher Kommunikation". Das ist ähnlich unüblich, wie von "Volumen" ausserhalb des physikalisch-mathematischen "Geheges" zu sprechen, was ja auch entsprechende Schwierigkeiten bereitet hat.
Demnach müsste es bei Schmitz ein leibliches Spüren und eine leibliche Dynamik geben, an denen der "Körper" und die "sinnliche Wahrnehmung" beteiligt sind, ohne dass das LeibSpüren die Führung verlöre. Das Spüren würde dann die sinnliche Wahrnehmung "umfassen" oder "einbegreifen" - oder wie auch immer. Das wäre dann ein solcher Fall, wie ich ihn oben mal meinte: Begriffliche Unterscheidungen können eine größere Trennschärfe haben als die gemeinten Sachen und Sachverhalte.
Weil das "motorische Körperschema" in Schmitz' Nachweis (Beitrag 66) ein wichtiges Bindeglied ist, habe ich den Abschnitt aus Kapitel 3 (Die Dynamik des Leibes), in dem es eingeführt wird, noch einmal genauer gelesen. Und das war dann doch aufschlussreich.
Unter dem motorischen Körperschema versteht Schmitz ein zusammenhängendes System der orientierten, zweckmäßig geordneten, willkürlichen oder unwillkürlichen Eigenbewegung, das die beteiligten Körperteile koordiniert. Ein Beispiel für eine solche koordinierte Eigenbewegung wäre das Gehen, das wir meist unwillkürlich "tun", aber durchaus auch bis ins Einzelne willkürlich steuern können, wenn es erforderlich ist (z.B. wenn jemand sagt: "Nun schlurfe doch nicht so!"). Dafür - und nun zitierte ich Schmitz -
"...bedarf es eines beharrlichen Systems der Orientierung, das den ganzen Körper überzieht. So muss z.B. die rechte Hand immer rechts sein, der linke Fuß immer links, der Fuß weiter weg als das Knie oder der Rumpf usw. Es fragt sich nur: rechts oder links wovon, weiter oder weniger weit weg wovon? Offenbar wird eine Bezugsstelle, ein Nullpunkt der Orientierung benötigt, und zwar derselbe ohne Wechsel, damit die Orientierung beharrlich bleibt. Wo befindet sich die Bezugsstelle?" (S. 21)
Schmitz probiert ein paar Körperstellen hypothetisch aus - wie Ellenbogen oder Schienbein -, um sie ad absurdum zu führen. Er illustriert durch ein Beispiel, mit welcher Mühelosigkeit unser motorisches Körperschema die Orientierung nicht nur in der eigenen Bewegung, sondern auch in der wahrgenommenen Umgebung behält: Das Hindurchgehen durch eine bewegte Menschenmenge ohne Anstoßen. Dabei gelingt es ohne genaues Hinsehen, die Körperteile und sogar die sie umgebende Kleidung so zu manövrieren, dass man einander nicht berührt - also eine exzellente Orientierungs- und Steuerungsleistung, die aber "unter der Führung des Leibes" erbracht wird.
Und Schmitz betont erneut, dass diese Orientierung nicht durch Abmessen des Ortsraums mit seinen relativen Orten und Lagen (s.o. Beitrag 64) erfolgt, sondern auf einem System unumkehrbarer Richtungen basiert. Denn das ist ein wesentliches Merkmal des motorischen Körperschemas: "Es ist nicht durch umkehrbare Verbindungsbahnen zwischen relativen Orten aufgebaut, sondern durch unumkehrbare Richtungen in die Weite. In diesen Richtungen gibt es im motorischen Körperschema nicht umkehrbare Abstände, sondern nur unumkehrbare Entferungen." (S. 21)
(Nach wie vor - das ist eine glänzende Beobachtung von großer Tragweite für unser Verständnis vom Raum. Ich kann mich nicht erinnern, dass in philosophischen Diskussionen über die Frage: "Was ist der Raum?" jemals Bezug auf diesen leiblichen Raum mit seinem "absoluten" Bezugspunkt und den unumkehrbahren Richtungen genommen wurde (mit einer kleinen Ausnahme vielleicht, die aber im Moment nichts zur Sache tut). Was etwa Kant in der Kritik der reinen Vernunft über den Raum als (natürliche) Form unserer Anschauung lehrt, orientiert sich durch und durch am euklidisch-geometrischen Raumverständnis und mitnichten an unserer wirklichen Raumerfahrung.)
Abschließend noch zum Verhältnis von motorischem Körperschema und Körper. - Schmitz verweist auf die Reflexionen von Psychologen darüber, wo im Körper das Ich lokalisiert sei, und tut sie als "künstliche Überlegungen mit fragwürdigem Erfolg" ab. Um dann zu konstatieren:
"Es [das motorische Körperschema] hat seinen Sitz im Leib, da es ja schon im bloßen Spüren ausgeübt wird und eine hinzukommende Orientierung an Zeugnissen des Sehens und Tastens (einschließlich des perzeptiven Körperschemas) die Flüssigkeit der Bewegung bloß hemmt und unterbricht. Wie es vom Leib aus den Körper steuert, weiß ich nicht." (S.22)
Das Verhältnis von Leib und Körper ist an diesem Punkt also auch für Schmitz nicht bis auf den Grund geklärt. Aber es ist ein komplexes Verhältnis, nicht ein für alle mal "ganzheitlich", auch nicht "dualistisch" oder "monistisch". Der Unterschied ist da, d.h. er wird tatsächlich erfahren, und zwar in diversen Abstufungen, Übergängen und Verschlingungen, aber er ist nicht abschließend festzuschreiben. Schmitz sieht auch offenbar wenig Sinn darin, eine solche Festschreibung vorzunehmen. Ihm ist mehr am Offenhalten gelegen.
(Nebenbei: Schmitz' Erläuterungen zum motorischen Körperschema haben ein gut Teil meiner Bedenken aus Beitrag 66 erübrigt.) ![]()