Ausgewählte Themen der Leib-Phänomenologie von Hermann Schmitz

  • Es ist zu bedenken, ob man sich all zu leicht betreffs des ursprünglichen Raumverständnis selbst blendet. Schon Narziss fand jene glatte Ebene, die nicht bloss das Spiegelbild spielerisch eröffnete, sondern auch die Weite der ohnehin aus Blüten bekannten Symmetrie methodisch eröffnete. Der ganze Leib strotzt vor Raumsymmetrie: Hände, Gesicht, Arm und Beine, Brust und Brüste.

    Wir müssen uns von der Vorstellung lösen, dass der Rennfahrer Michael Schumacher nur mit der Strassenkarte im Kopf Weltmeister werden konnte, und stattdessen uns zu ihm ins Cockpit setzen: Lenkrad, Gaspedal und Bremse, Füllstand sind s e i n e weltmeisterlichen Koordinaten; er ist mit seiner Bolide verwachsen, wie eine Schildkröte mit ihrem Panzer, und spürt seine Leib-Maschine.

    Der Hermann Schmitz‘ Leib kommt ohne die fünf Sinne aus, weil der Schmitz‘Leib den Schmitz'Ortsraum unter anderem mit Händen und Füssen auslotet und atmend, ahnend, merkend spürt. ;)

  • Es ist zu bedenken, ob man sich all zu leicht betreffs des ursprünglichen Raumverständnis selbst blendet. Schon Narziss fand jene glatte Ebene, die nicht bloss das Spiegelbild spielerisch eröffnete, sondern auch die Weite der ohnehin aus Blüten bekannten Symmetrie methodisch eröffnete. Der ganze Leib strotzt vor Raumsymmetrie: Hände, Gesicht, Arm und Beine, Brust und Brüste.

    Wir müssen uns von der Vorstellung lösen, dass der Rennfahrer Michael Schumacher nur mit der Strassenkarte im Kopf Weltmeister werden konnte, und stattdessen uns zu ihm ins Cockpit setzen: Lenkrad, Gaspedal und Bremse, Füllstand sind s e i n e weltmeisterlichen Koordinaten; er ist mit seiner Bolide verwachsen, wie eine Schildkröte mit ihrem Panzer, und spürt seine Leib-Maschine.

    Der Hermann Schmitz‘ Leib kommt ohne die fünf Sinne aus, weil der Schmitz‘Leib den Schmitz'Ortsraum unter anderem mit Händen und Füssen auslotet und atmend, ahnend, merkend spürt. ;)

  • Wir müssen uns von der Vorstellung lösen, dass der Rennfahrer Michael Schumacher nur mit der Strassenkarte im Kopf Weltmeister werden konnte, und stattdessen uns zu ihm ins Cockpit setzen: Lenkrad, Gaspedal und Bremse, Füllstand sind s e i n e weltmeisterlichen Koordinaten; er ist mit seiner Bolide verwachsen, wie eine Schildkröte mit ihrem Panzer, und spürt seine Leib-Maschine.


    So kann ich das inetwa dann auch nachvollziehen, wenn es denn so gemeint ist. Auch einen Musiker könnte ich mir dahingehend vorstellen, dass das Spielen seines Instruments quasi Teil seiner selbst wird, subjektiv quasi nicht mehr als von ihm Getrenntes in Erscheinung tritt. Leiblich integriert, quasi.
    Da treten dann auch Dimensionen und Koordinaten auf.

  • Wir müssen uns von der Vorstellung lösen, dass der Rennfahrer Michael Schumacher nur mit der Strassenkarte im Kopf Weltmeister werden konnte, und stattdessen uns zu ihm ins Cockpit setzen: Lenkrad, Gaspedal und Bremse, Füllstand sind s e i n e weltmeisterlichen Koordinaten; er ist mit seiner Bolide verwachsen, wie eine Schildkröte mit ihrem Panzer, und spürt seine Leib-Maschine.


    So kann ich das inetwa dann auch nachvollziehen, wenn es denn so gemeint ist. Auch einen Musiker könnte ich mir dahingehend vorstellen, dass das Spielen seines Instruments quasi Teil seiner selbst wird, subjektiv quasi nicht mehr als von ihm Getrenntes in Erscheinung tritt. Leiblich integriert, quasi.
    Da treten dann auch Dimensionen und Koordinaten auf.

  • Ich finde, der Knackpunkt ist, worauf man sich bezieht; auf Raumerleben (leiblich?) oder auf Raumtherorie (exakt messbar).


    Nun unterbreitet Schmitz ja seinerseits auch eine Raumtheorie. Siehe seine Aussage, die Friederike zitiert:

    Jedoch wird sich zeigen, daß diese Raumvorstellung [...]* ein hochstufiges Endprodukt der Entfremdung des Raumes vom Leib ist und tiefere Schichten ursprünglicher Räumlichkeit, ohne die sie sogar logisch (den Begriffen nach) nicht auskommt, als unentbehrliche Grundlage voraussetzt. Zum ursprünglichen Raum zählen der "leibliche Raum" und der "Gefühlsraum."


    Schmitz vertritt also die Position, dass der leibliche Raum und der Gefühlsraum "ursprünglich" und "unentbehrliche Grundlage" sind, während der geometrische, dreidimensionale Raum sich von dieser Grundlage entfernt, ja sogar entfremdet. D.h. er sieht hier nicht einfach zwei alternative Raumvorstellungen nebeneinander, sondern ein Abhängigkeitsverhältnis zwischen ihnen. Der gespürte Raums ist "ursprünglicher" als der sinnliche wahrgenommene, anschauliche Raum und erst recht ursprünglicher als die geometrische Raumkonstruktion.

    Darin kann ich ihm so weit folgen, dass die geometrische Konstruktion eine gegenüber unserer vorwissenschaftlichen Erfahrung "spätere", abgeleitete Stufe der Raumvorstellung sein muss. Und ich finde auch das Anliegen grundsätzlich sinnvoll, "subjektive" Raumerlebnisse in Erinnerung zu bringen und zu einem Thema der philosophischen und Wissenschaftlichen Reflexion zu machen.*) Aber wenn er den gespürten Raum dem anschaulichen so grundsätzlich vor-ordnet, bin ich vorsichtig und (noch) nicht überzeugt.

    Aber schauen wir doch erst noch weiter,

    1. wie Schmitz den leiblichen vom anschaulichen Raum unterscheidet und
    2. welche Beispiele/Belege er für seine Thesen über den leiblichen Raum zu bieten hat.

    (Mal sehen, vielleicht komme ich heute noch dazu, etwas mehr darüber zu schreiben.)


    __________
    *) Erst gestern hörte ich unterwegs ein Gespräch mit dem Hirnforscher Ernst Pöppel, der unsere Bildung/Erziehung scharf kritisiert ("Verdummung"), weil sie sich immer mehr auf explizites Wissen fokussiere und darüber "tacit knowledge", sinnlich-körperliches Erleben und Kreativität vernachlässige. (Nachzuhören hier.) Was Schmitz zu bieten hat, darf man wohl dem "tacit knowledge" zurechnen.

  • Ich finde, der Knackpunkt ist, worauf man sich bezieht; auf Raumerleben (leiblich?) oder auf Raumtherorie (exakt messbar).


    Nun unterbreitet Schmitz ja seinerseits auch eine Raumtheorie. Siehe seine Aussage, die Friederike zitiert:

    Jedoch wird sich zeigen, daß diese Raumvorstellung [...]* ein hochstufiges Endprodukt der Entfremdung des Raumes vom Leib ist und tiefere Schichten ursprünglicher Räumlichkeit, ohne die sie sogar logisch (den Begriffen nach) nicht auskommt, als unentbehrliche Grundlage voraussetzt. Zum ursprünglichen Raum zählen der "leibliche Raum" und der "Gefühlsraum."


    Schmitz vertritt also die Position, dass der leibliche Raum und der Gefühlsraum "ursprünglich" und "unentbehrliche Grundlage" sind, während der geometrische, dreidimensionale Raum sich von dieser Grundlage entfernt, ja sogar entfremdet. D.h. er sieht hier nicht einfach zwei alternative Raumvorstellungen nebeneinander, sondern ein Abhängigkeitsverhältnis zwischen ihnen. Der gespürte Raums ist "ursprünglicher" als der sinnliche wahrgenommene, anschauliche Raum und erst recht ursprünglicher als die geometrische Raumkonstruktion.

    Darin kann ich ihm so weit folgen, dass die geometrische Konstruktion eine gegenüber unserer vorwissenschaftlichen Erfahrung "spätere", abgeleitete Stufe der Raumvorstellung sein muss. Und ich finde auch das Anliegen grundsätzlich sinnvoll, "subjektive" Raumerlebnisse in Erinnerung zu bringen und zu einem Thema der philosophischen und Wissenschaftlichen Reflexion zu machen.*) Aber wenn er den gespürten Raum dem anschaulichen so grundsätzlich vor-ordnet, bin ich vorsichtig und (noch) nicht überzeugt.

    Aber schauen wir doch erst noch weiter,

    1. wie Schmitz den leiblichen vom anschaulichen Raum unterscheidet und
    2. welche Beispiele/Belege er für seine Thesen über den leiblichen Raum zu bieten hat.

    (Mal sehen, vielleicht komme ich heute noch dazu, etwas mehr darüber zu schreiben.)


    __________
    *) Erst gestern hörte ich unterwegs ein Gespräch mit dem Hirnforscher Ernst Pöppel, der unsere Bildung/Erziehung scharf kritisiert ("Verdummung"), weil sie sich immer mehr auf explizites Wissen fokussiere und darüber "tacit knowledge", sinnlich-körperliches Erleben und Kreativität vernachlässige. (Nachzuhören hier.) Was Schmitz zu bieten hat, darf man wohl dem "tacit knowledge" zurechnen.

  • Schmitz nennt noch zwei weitere Defizite des gespürten Raums gegenüber dem anschaulichen:

    - "Als Wesensmerkmal der körperlichen Ausdehnung gilt die Teilbarkeit; Descartes wollte damit seine Zweisubstanzenlehre (teilbare Ausdehnung, unteilbarer Geist) beweisen. Jedes leibliche Volumen ist dagegen unteilbar, weil zur Teilung schneidende Flächen erforderlich wären, die nicht zur Verfügung stehen." (Der Leib, S. 9)

    - "Noch einschneidender ist die Abweichung, dass die leibliche Ausdehnung von sich aus, so wie sie im Spüren erfahren wird, keine Gelegenheit bietet, stabile Lagen und Abstände und über diesen relative Orte einzuführen. Zwar können wir unsere Leibesinseln meist ziemlich gut in unserem Körper lokalisieren, wenn wir das perzeptive Körperschema heranziehen, die aus Erfahrungen des Sehens und Tastens habituell gewordene Vorstellung vom eigenen Körper. Sobald wir aber auf diese Anleihen beim Sehen und Tasten verzichten, verhindert die Flächenlosigkeit die Stabilisierung von Lagen und Abständen." (ebd.)

    Besonders der zweite Punkt wird sich bald als wichtig herausstellen. - Die Stabilität des anschaulichen Raums, die ihn für eine quantifizierende Berechnung und Konstruktion prädisponiert, verdankt sich der Relativität aller Lagen und Orte. D.h. alle Orte erhalten ihre Wohlbestimmtheit dadurch, dass sie in stabilen Beziehungen zu anderen Orten stehen. Oder anders ausgedrückt: alle Orte sind einander "koordiniert", also einander zugeordnet. Ein Ort wird dadurch "bestimmt", dass man seine Beziehungen zu anderen Orten angibt. Das kann man ohne Rückgriff auf ein mathematisches "Koordinatensystem" tun, indem man etwa sagt: "Baum x ist näher als Baum y, aber weiter weg als z." Oder:" x steht links von y, und y steht rechts von x." Auch wenn man in solchen Aussagen nicht unmittelbar auf den eigenen Standort eingeht, ist aber klar, dass dieser in die Ortsbestimmung eingebunden ist. Die Ausdrücke "links", "rechts", "näher als", "weiter als" werden unverständlich, wenn sie nicht auf den Ort des Beobachters bezogen werden. - Mit der Einführung eines mathematischen Koordinatensystems erübrigt sich zwar diese Bezugnahme auf den jeweiligen Standort des Beobachters; man kann dann einen Ort durch drei Zahlen genau bestimmen. Das ändert aber nichts daran, dass die Bestimmung von P durch x = 2, y = 3,5 und z = 1 weiterhin nichts anderes als Relationen zwischen Orten ausdrückt. - Raummessung ist im Grunde immer ein Erfassen von Relationen, auch wenn dabei die ausdrückliche Bezugnahme auf den jeweiligen Standort des Beobachters/Sprechers überflüssig werden mag.

    Schmitz weist auch kurz auf den Grund für die Stabilität des anschaulichen Raumes hin:

    "Leiblich sind nur unumkehrbare Richtungen, wie die des Blickes, des Ausatmens, des Schluckens und die des im nächsten Kapitel zu betrachtenden motorischen Körperschemas, nicht umkehrbare Verbindungsbahnen, die zur Ablesung von Lagen und Abständen benötigt werden. Solche umkehrbaren Verbindungen werden zuerst durch Verknüpfung von Blickzielen zugänglich. Solange diese aber nicht in eine Fläche eingetragen werden, die der Anordnung einen festen Halt gibt, schwanken und verschieben sie sich bei jedem Wechsel der Zuwendungsrichtung. Ein konsolidiertes, zuverlässiges System von Lagen und Abständen ist nur in einem flächenhaltigen Raum möglich." (S. 9f.)

    Das ist eine, wie ich finde, glänzende, erhellende Bemerkung: Leiblich sind nur unumkehrbare Richtungen - also etwa "vom Beobachter weg" oder "auf den Beobachter zu"; in ihn hinein, aus ihm heraus; nach links oder nach rechts usw. Der Bezug auf sich selbst, den Spürenden, bleibt also immer erhalten. Wenn man dagegen den Blick zwischen zwei Bäumen hin und her wandern lässt, stabilisiert sich deren Verhältnis zu einander; der Bezug auf den Beobachter kann in den Hintergrund treten. In gewisser Weise lösen sich die Bäume in ihrem Verhältnis zu einander vom Beobachter ab, sie "objektivieren" sich durch die wiederholte Umkehrung des Blicks. Aber dabei bleibt natürlich das bewegliche Hin-und-Hersehen die Voraussetzung für diese Ablösung. - Das bewegliche, umkehrbare, schweifende Sehen ist ja ein sog. "Distanzsinn", und zwar auch in dem Sinne, dass er eine Distanzierung des Beobachters von sich selbst anbahnt, dass er einen Schritt zur Selbst-Relativierung ermöglicht.


    Schmitz wird den Unterschied zwischen anschaulichem und gespürtem Raum auch so ausdrücken, dass er leibliche Orte als "absolute" (d.h. als nicht-relative) auszeichnet.

    Damit meint er natürlich nicht, dass die Räumlichkeit des Spürens irgendwie losgelöst (lat. ab-solutum) von der Räumlichkeit der Welt sei und gewissermaßen frei im Immateriellen schwebe. Nein, er drückt dadurch aus, dass im Spüren eine Selbstdistanzierung und -relativierung nicht möglich ist. Und zwar im Unterschied zur sinnlichen Wahrnehmung, besonders zum Gesichtssinn. Was wir sinnlich wahrnehmen, ist "öffentlich" zugänglich. Darüber können wir uns verhältnismäßig leicht austauschen, uns gegenseitig kritisieren, korrigieren und somit eine inter-subjektive Instanz etablieren, anhand derer wir das jeweils aktuell Wahrgenommene beurteilen können. (Z.B. in der Weise: "Ich sehe x zwar im Moment so und so, dabei ist es aber eigentlich ganz anders.") Im Spüren bleiben wir dagegen "zentriert".
    Damit ist aber nicht gesagt, dass das Spüren eine reine "Innenwelt" sei, wohlunterschieden von der sinnlich wahrgenommenen Welt "da draußen". Beileibe nicht! Auch im Spüren sind wir in der Welt - ja, wo auch sonst? Aber wir sind sozusagen immer "mittendrin". Solange wir nur spüren, sind wir selbst das Zentrum der Welt. Die sinnliche Wahrnehmung ermöglicht dagegen eine erste Dezentrierung der Welt - wie z.B. bei der Verortung von Gegenständen im dimensionalen Raum. Sprachliche Kommunikation, Messtechnik, mathematische Konstruktion (wie z.B. Geometrie) stellen weitere Potentiale zur Dezentrierung bereit...


    Hier muss ich erst mal abbrechen. Später mehr...

  • Schmitz nennt noch zwei weitere Defizite des gespürten Raums gegenüber dem anschaulichen:

    - "Als Wesensmerkmal der körperlichen Ausdehnung gilt die Teilbarkeit; Descartes wollte damit seine Zweisubstanzenlehre (teilbare Ausdehnung, unteilbarer Geist) beweisen. Jedes leibliche Volumen ist dagegen unteilbar, weil zur Teilung schneidende Flächen erforderlich wären, die nicht zur Verfügung stehen." (Der Leib, S. 9)

    - "Noch einschneidender ist die Abweichung, dass die leibliche Ausdehnung von sich aus, so wie sie im Spüren erfahren wird, keine Gelegenheit bietet, stabile Lagen und Abstände und über diesen relative Orte einzuführen. Zwar können wir unsere Leibesinseln meist ziemlich gut in unserem Körper lokalisieren, wenn wir das perzeptive Körperschema heranziehen, die aus Erfahrungen des Sehens und Tastens habituell gewordene Vorstellung vom eigenen Körper. Sobald wir aber auf diese Anleihen beim Sehen und Tasten verzichten, verhindert die Flächenlosigkeit die Stabilisierung von Lagen und Abständen." (ebd.)

    Besonders der zweite Punkt wird sich bald als wichtig herausstellen. - Die Stabilität des anschaulichen Raums, die ihn für eine quantifizierende Berechnung und Konstruktion prädisponiert, verdankt sich der Relativität aller Lagen und Orte. D.h. alle Orte erhalten ihre Wohlbestimmtheit dadurch, dass sie in stabilen Beziehungen zu anderen Orten stehen. Oder anders ausgedrückt: alle Orte sind einander "koordiniert", also einander zugeordnet. Ein Ort wird dadurch "bestimmt", dass man seine Beziehungen zu anderen Orten angibt. Das kann man ohne Rückgriff auf ein mathematisches "Koordinatensystem" tun, indem man etwa sagt: "Baum x ist näher als Baum y, aber weiter weg als z." Oder:" x steht links von y, und y steht rechts von x." Auch wenn man in solchen Aussagen nicht unmittelbar auf den eigenen Standort eingeht, ist aber klar, dass dieser in die Ortsbestimmung eingebunden ist. Die Ausdrücke "links", "rechts", "näher als", "weiter als" werden unverständlich, wenn sie nicht auf den Ort des Beobachters bezogen werden. - Mit der Einführung eines mathematischen Koordinatensystems erübrigt sich zwar diese Bezugnahme auf den jeweiligen Standort des Beobachters; man kann dann einen Ort durch drei Zahlen genau bestimmen. Das ändert aber nichts daran, dass die Bestimmung von P durch x = 2, y = 3,5 und z = 1 weiterhin nichts anderes als Relationen zwischen Orten ausdrückt. - Raummessung ist im Grunde immer ein Erfassen von Relationen, auch wenn dabei die ausdrückliche Bezugnahme auf den jeweiligen Standort des Beobachters/Sprechers überflüssig werden mag.

    Schmitz weist auch kurz auf den Grund für die Stabilität des anschaulichen Raumes hin:

    "Leiblich sind nur unumkehrbare Richtungen, wie die des Blickes, des Ausatmens, des Schluckens und die des im nächsten Kapitel zu betrachtenden motorischen Körperschemas, nicht umkehrbare Verbindungsbahnen, die zur Ablesung von Lagen und Abständen benötigt werden. Solche umkehrbaren Verbindungen werden zuerst durch Verknüpfung von Blickzielen zugänglich. Solange diese aber nicht in eine Fläche eingetragen werden, die der Anordnung einen festen Halt gibt, schwanken und verschieben sie sich bei jedem Wechsel der Zuwendungsrichtung. Ein konsolidiertes, zuverlässiges System von Lagen und Abständen ist nur in einem flächenhaltigen Raum möglich." (S. 9f.)

    Das ist eine, wie ich finde, glänzende, erhellende Bemerkung: Leiblich sind nur unumkehrbare Richtungen - also etwa "vom Beobachter weg" oder "auf den Beobachter zu"; in ihn hinein, aus ihm heraus; nach links oder nach rechts usw. Der Bezug auf sich selbst, den Spürenden, bleibt also immer erhalten. Wenn man dagegen den Blick zwischen zwei Bäumen hin und her wandern lässt, stabilisiert sich deren Verhältnis zu einander; der Bezug auf den Beobachter kann in den Hintergrund treten. In gewisser Weise lösen sich die Bäume in ihrem Verhältnis zu einander vom Beobachter ab, sie "objektivieren" sich durch die wiederholte Umkehrung des Blicks. Aber dabei bleibt natürlich das bewegliche Hin-und-Hersehen die Voraussetzung für diese Ablösung. - Das bewegliche, umkehrbare, schweifende Sehen ist ja ein sog. "Distanzsinn", und zwar auch in dem Sinne, dass er eine Distanzierung des Beobachters von sich selbst anbahnt, dass er einen Schritt zur Selbst-Relativierung ermöglicht.


    Schmitz wird den Unterschied zwischen anschaulichem und gespürtem Raum auch so ausdrücken, dass er leibliche Orte als "absolute" (d.h. als nicht-relative) auszeichnet.

    Damit meint er natürlich nicht, dass die Räumlichkeit des Spürens irgendwie losgelöst (lat. ab-solutum) von der Räumlichkeit der Welt sei und gewissermaßen frei im Immateriellen schwebe. Nein, er drückt dadurch aus, dass im Spüren eine Selbstdistanzierung und -relativierung nicht möglich ist. Und zwar im Unterschied zur sinnlichen Wahrnehmung, besonders zum Gesichtssinn. Was wir sinnlich wahrnehmen, ist "öffentlich" zugänglich. Darüber können wir uns verhältnismäßig leicht austauschen, uns gegenseitig kritisieren, korrigieren und somit eine inter-subjektive Instanz etablieren, anhand derer wir das jeweils aktuell Wahrgenommene beurteilen können. (Z.B. in der Weise: "Ich sehe x zwar im Moment so und so, dabei ist es aber eigentlich ganz anders.") Im Spüren bleiben wir dagegen "zentriert".
    Damit ist aber nicht gesagt, dass das Spüren eine reine "Innenwelt" sei, wohlunterschieden von der sinnlich wahrgenommenen Welt "da draußen". Beileibe nicht! Auch im Spüren sind wir in der Welt - ja, wo auch sonst? Aber wir sind sozusagen immer "mittendrin". Solange wir nur spüren, sind wir selbst das Zentrum der Welt. Die sinnliche Wahrnehmung ermöglicht dagegen eine erste Dezentrierung der Welt - wie z.B. bei der Verortung von Gegenständen im dimensionalen Raum. Sprachliche Kommunikation, Messtechnik, mathematische Konstruktion (wie z.B. Geometrie) stellen weitere Potentiale zur Dezentrierung bereit...


    Hier muss ich erst mal abbrechen. Später mehr...

  • Quote from Hermeneuticus

    Das ist eine, wie ich finde, glänzende, erhellende Bemerkung: Leiblich sind nur unumkehrbare Richtungen - also etwa "vom Beobachter weg" oder "auf den Beobachter zu"; in ihn hinein, aus ihm heraus; nach links oder nach rechts usw. Der Bezug auf sich selbst, den Spürenden, bleibt also immer erhalten. Wenn man dagegen den Blick zwischen zwei Bäumen hin und her wandern lässt, stabilisiert sich deren Verhältnis zu einander; der Bezug auf den Beobachter kann in den Hintergrund treten. Auf diese Weise lösen sich die Bäume in ihrem Verhältnis zu einander vom Beobachter ab, sie "objektivieren" sich durch die wiederholte Umkehrung des Blicks. Aber dabei bleibt natürlich das bewegliche Hin-und-Hersehen die Voraussetzung für diese Ablösung. - Das bewegliche, umkehrbare, schweifende Sehen ist ja ein sog. "Distanzsinn", und zwar auch in dem Sinne, dass er eine Distanzierung des Beobachters von sich selbst anbahnt, dass er einen Schritt zur Selbst-Relativierung ermöglicht.


    Und Deine Ausführung über die unumkehrbare Richtung finde ich nun wieder erhellend - ist wirklich wahr, ich hatte diesen Punkt beim Durchgang durch die geraffte "Leib"-Buch-Version überhaupt nicht begriffen. Nun ist es glasklar. Schön.

    Quote from Hermeneuticus

    Damit [dem absoluten Ort, m.A.] meint er natürlich nicht, dass die Räumlichkeit des Spürens irgendwie losgelöst (lat. ab-solutum) von der Räumlichkeit der Welt sei und gewissermaßen frei im Immateriellen schwebe. Nein, er drückt dadurch aus, dass im Spüren eine Selbstdistanzierung und -relativierung nicht möglich ist. Und zwar im Unterschied zur sinnlichen Wahrnehmung, besonders zum Gesichtssinn. Was wir sinnlich wahrnehmen, ist "öffentlich" zugänglich. Darüber können wir uns verhältnismäßig leicht austauschen, uns gegenseitig kritisieren, korrigieren und somit eine inter-subjektive Instanz etablieren, anhand derer wir das jeweils aktuell Wahrgenommene beurteilen können. (Z.B. in der Weise: "Ich sehe x zwar im Moment so und so, dabei ist es aber eigentlich ganz anders.") Im Spüren bleiben wir dagegen "zentriert".


    Interessant, die "Geschichte" mit der primitiven Gegenwart wird mir vor dem Hintergrund des Unterschiedes zum anschaulichen Raum verständlicher. Aber das nur am Rande. Ich nehme an, wir kommen noch darauf zu sprechen.

    Eine Frage nur. Worüber ich mich schon bei Deiner Einleitung zur "Räumlichkeit" gewundert habe: Benutzt Schmitz den Ausdruck "Defizit", wenn er über den Leibraum schreibt? Ohne Wertung, ganz sachlich gesehen, fehlen dem leiblichen Raum die Merkmale des anschaulichen/physikalischen Raumes, insofern gibts nicht zu verwundern. Aber "defizitär" - ein Schmitzwort für den Leibesraum? Ist es Deine Feder, Herme?

  • Quote from Hermeneuticus

    Das ist eine, wie ich finde, glänzende, erhellende Bemerkung: Leiblich sind nur unumkehrbare Richtungen - also etwa "vom Beobachter weg" oder "auf den Beobachter zu"; in ihn hinein, aus ihm heraus; nach links oder nach rechts usw. Der Bezug auf sich selbst, den Spürenden, bleibt also immer erhalten. Wenn man dagegen den Blick zwischen zwei Bäumen hin und her wandern lässt, stabilisiert sich deren Verhältnis zu einander; der Bezug auf den Beobachter kann in den Hintergrund treten. Auf diese Weise lösen sich die Bäume in ihrem Verhältnis zu einander vom Beobachter ab, sie "objektivieren" sich durch die wiederholte Umkehrung des Blicks. Aber dabei bleibt natürlich das bewegliche Hin-und-Hersehen die Voraussetzung für diese Ablösung. - Das bewegliche, umkehrbare, schweifende Sehen ist ja ein sog. "Distanzsinn", und zwar auch in dem Sinne, dass er eine Distanzierung des Beobachters von sich selbst anbahnt, dass er einen Schritt zur Selbst-Relativierung ermöglicht.


    Und Deine Ausführung über die unumkehrbare Richtung finde ich nun wieder erhellend - ist wirklich wahr, ich hatte diesen Punkt beim Durchgang durch die geraffte "Leib"-Buch-Version überhaupt nicht begriffen. Nun ist es glasklar. Schön.

    Quote from Hermeneuticus

    Damit [dem absoluten Ort, m.A.] meint er natürlich nicht, dass die Räumlichkeit des Spürens irgendwie losgelöst (lat. ab-solutum) von der Räumlichkeit der Welt sei und gewissermaßen frei im Immateriellen schwebe. Nein, er drückt dadurch aus, dass im Spüren eine Selbstdistanzierung und -relativierung nicht möglich ist. Und zwar im Unterschied zur sinnlichen Wahrnehmung, besonders zum Gesichtssinn. Was wir sinnlich wahrnehmen, ist "öffentlich" zugänglich. Darüber können wir uns verhältnismäßig leicht austauschen, uns gegenseitig kritisieren, korrigieren und somit eine inter-subjektive Instanz etablieren, anhand derer wir das jeweils aktuell Wahrgenommene beurteilen können. (Z.B. in der Weise: "Ich sehe x zwar im Moment so und so, dabei ist es aber eigentlich ganz anders.") Im Spüren bleiben wir dagegen "zentriert".


    Interessant, die "Geschichte" mit der primitiven Gegenwart wird mir vor dem Hintergrund des Unterschiedes zum anschaulichen Raum verständlicher. Aber das nur am Rande. Ich nehme an, wir kommen noch darauf zu sprechen.

    Eine Frage nur. Worüber ich mich schon bei Deiner Einleitung zur "Räumlichkeit" gewundert habe: Benutzt Schmitz den Ausdruck "Defizit", wenn er über den Leibraum schreibt? Ohne Wertung, ganz sachlich gesehen, fehlen dem leiblichen Raum die Merkmale des anschaulichen/physikalischen Raumes, insofern gibts nicht zu verwundern. Aber "defizitär" - ein Schmitzwort für den Leibesraum? Ist es Deine Feder, Herme?

  • (Leider ist mir ein Text, den ich spät am Abend hier schrieb, mittendrin verloren gegangen. Ich muss also wieder neu ansetzen.)
    :rolleyes:

    Nein, Friederike, Schmitz spricht nicht explizit von "Defiziten", aber er beginnt seinen Vergleich der beiden Raumvorstellungen eben mit "Strukturmerkmalen, die es im leiblichen Raum nicht gibt", bevor er sich dessen "Überschuss über den Körperraum" zuwendet.

    Dieser Überschuss besteht nun nach Schmitz im Vorkommen absoluter Orte. Er definiert sie so:

    "Ein Ort heißt absolut, wenn er seine absolute Identität, seine Bestimmtheit als dieser, und damit gegebenenfalls seine Identifizierbarkeit (relative Identität), unabhängig von der Einordnung in ein System sich gegenseitig durch Lagen und Abstände bestimmender relativer Orte (...), besitzt." (S.10)

    Dass es solche absoluten Orte gibt, will Schmitz sowohl 1. für den Leib im Ganzen wie 2. für Leibesinseln nachweisen.

    1. "Ein einfacher Nachweis beruht auf der Fähigkeit zum Ausweichen in Gefahr. Wenn eine wuchtige Masse (z.B. ein Stein, eine schlagende Faust) in bedrohlicher Näherung gesehen wird, gelingt es im günstigen Fall, mit dem ganzen Körper oder einem Teil davon (Kopf, Rumpf) in einer den unvorhersehbaren Umständen geschickt angepassten Weise auszuweichen, so dass ein Zusammenstoß vermieden wird. Das gelingt, obwohl man den eigenen Körper gar nicht sieht (oder nur einen unwesentlichen Fetzen davon), so dass man ihn auch nicht der Lage und dem Abstand nach auf das bedrohliche Objekt durch Bewegung abstimmen kann. " (ebd.)

    Solche Situationen kennt wohl jeder, und in der Tat ist es manchmal erstaunlich, wie blitzartig man da agiert. Auch sind es keine willkürlichen, bewusst gesteuerten Reaktionen, denen eine bewusste räumliche "Abmessung" und Vorausberechnung der Bewegungskurve des bedrohlichen Gegenstands voraus gegangen wäre. Mir ist es schon mehrmals passiert, dass "ich" versehentlich fallen gelassene Dinge auffing, bevor sie auf dem Boden aufschlugen. Eigentlich war das nicht "ich", sondern etwas "in mir" oder "von mir", das ich nicht "beherrsche". - In den ostasiatischen "Martial Arts" werden die Kämpfer ganz gezielt darauf trainiert, ihr "Ich" mit all seinen Ängsten und Leidenschaften auszuschalten und nur noch "instinktiv" zu agieren. Denn es steht fest, dass solche "ungesteuerten" Aktionen sehr viel schneller sind. Auch beim Klavierspiel braucht man solche bitzartigen Bewegungen, um größere Abstände auf der Klaviatur in Sekundenbruchteilen zu überwinden. Aber ehe sie präzise gelingen, muss man sie lange üben. Genauer gesagt: Man muss einerseits üben "loszulassen" und dem Gespür "blind" zu vertrauen, andererseits aber muss man die Abmessungen der jeweiligen Abstände auf der Klaviatur mühsam "verinnerlichen". (Das gehört nach meiner Erfahrung zum Schwersten beim Klavierspiel: ein präzises und sicheres Maßgefühl für weite Abstände - mehr als zwei Oktaven - zu gewinnen, bei denen der ganze Arm - nicht nur Hand und Unterarm - gefordert ist.)

    Und da beginnen meine Bedenken gegen Schmitz' Beispiel. Es zeigt m.E. nicht, was es zeigen soll. Denn da ist ja doch der Gesichtssinn unbestreitbar beteiligt und unverzichtbar. Aber den hat Schmitz - wie alle Sinne - doch definitorisch vom Leib ausgenommen! Außerdem bin ich nicht davon zu überzeugen, dass solche blitzartigen Bewegungen ohne räumliches "Ausmessen" gelingen. Und das bedeutet: hier kommen wir nicht ohne "Geometrie" aus, wir haben es also doch auch mit dem Körperraum zu tun. Zwar leuchtet mir ein, dass wir den Körper, mit dem wir aus der Bahn des bedrohlichen Gegenstandes gehen, gar nicht sehen. Und das bedeutet, dass mehr im Spiel sein muss als eine "geometrische" Abschätzung von Lagen und Flugkurven. Irgendwie haben wir ein "Gespür" für unseren "Ort" im Raum. Aber beruht das nicht letztlich auf einer "Verinnerlichung" und "Automatisierung" von sinnlichen räumlichen Erfahrungen und Abschätzungen?

    Hier ist also nicht ganz klar: Was ist "Leib", was ist "Körper"? Was ist gespürter, was gesehener Raum?
    Entsprechend gewunden fährt Schmitz fort:

    "Es gelingt, weil sich der Blick des als bedroht gespürten Leibes wie fasziniert an das Objekt hängt und dessen Bewegungssuggestion (die anschauliche Vorzeichnung seiner bevorstehenden Bewegung) in das im nächsten Kapitel zu betrachtende motorische Körperschema, zu dessen unumkehrbaren Richtungen er selbst gehört, so überträgt, dass unter dessen Führung die geschickte Ausweichbewegung des Körpers gelingt." (ebd.)

    Abgesehen von der geschachtelten Syntax: Hier hat nun der Leib einen Blick! Dieser "Blick des Leibes" gehört zum "motorischen Körperschema" - als eine seiner unumkehrbaren Richtungen. Und nun übernimmt dieses Körperschema die Führung, so dass die Ausweichbeweung des Körpers gelingt. - Es mutet an wie ein präzise ineinander greifendes Räderwerk, dessen Teile Schmitz genau unterscheidet und überblickt, das aber den nicht eingeweihten Laien eher ratlos lässt.

    Aber Schmitz ist mit seinem Nachweis noch nicht fertig:

    "Dafür muss aber der Ort des Leibes in dem bei der optischen Wahrnehmung das Gesehene übergreifenden System leiblicher Kommunikation (s.u. 4) selbst bestimmt sein. Das kann aber, wie gezeigt wurde, unter diesen Umständen nicht mit Hilfe von Lagen und Abständen geschehen. Also muss es sich um einen absoluten Ort des Leibes handeln."

    Hier kommt die "leibliche Kommunikation" ins Spiel, von der gesagt wird, dass sie ein System bilde, das bei der optischen Wahrnehmung das Gesehene übergreife. Gut, die "leibliche Kommunikation" ist noch nicht eingeführt, vielleicht klärt Schmitz noch, wie sich in ihr sinnliche Wahrnehmung und Spüren zueinander verhalten. Aber bis dahin habe ich bei seinem "Nachweis" mehr Fragezeichen als Einsichten.


    Überhaupt finde ich viele Stellen in "Der Leib", an denen ich den Eindruck habe: Schmitz greift ein wichtiges, interessantes Phänomen auf, um dann mit einer gewissen mechanischen Routine seine Terminologie darauf anzuwenden, ja es damit ein- und zuzudecken. (So ging es mir auch beim Kapitel über die sexuelle Ekstase.) In solchen Partien scheint Schmitz weniger am Aufschließen der Phänomene zu liegen als an der Vorführung seiner eigenen Theorie, seines Leib-Systems. So nach dem Motto: Egal, welches Phänomen Ihr mir vorlegt - mein System wird damit fertig. Ich hab alles im Griff, alles ist erfasst und einsortiert.

  • (Leider ist mir ein Text, den ich spät am Abend hier schrieb, mittendrin verloren gegangen. Ich muss also wieder neu ansetzen.)
    :rolleyes:

    Nein, Friederike, Schmitz spricht nicht explizit von "Defiziten", aber er beginnt seinen Vergleich der beiden Raumvorstellungen eben mit "Strukturmerkmalen, die es im leiblichen Raum nicht gibt", bevor er sich dessen "Überschuss über den Körperraum" zuwendet.

    Dieser Überschuss besteht nun nach Schmitz im Vorkommen absoluter Orte. Er definiert sie so:

    "Ein Ort heißt absolut, wenn er seine absolute Identität, seine Bestimmtheit als dieser, und damit gegebenenfalls seine Identifizierbarkeit (relative Identität), unabhängig von der Einordnung in ein System sich gegenseitig durch Lagen und Abstände bestimmender relativer Orte (...), besitzt." (S.10)

    Dass es solche absoluten Orte gibt, will Schmitz sowohl 1. für den Leib im Ganzen wie 2. für Leibesinseln nachweisen.

    1. "Ein einfacher Nachweis beruht auf der Fähigkeit zum Ausweichen in Gefahr. Wenn eine wuchtige Masse (z.B. ein Stein, eine schlagende Faust) in bedrohlicher Näherung gesehen wird, gelingt es im günstigen Fall, mit dem ganzen Körper oder einem Teil davon (Kopf, Rumpf) in einer den unvorhersehbaren Umständen geschickt angepassten Weise auszuweichen, so dass ein Zusammenstoß vermieden wird. Das gelingt, obwohl man den eigenen Körper gar nicht sieht (oder nur einen unwesentlichen Fetzen davon), so dass man ihn auch nicht der Lage und dem Abstand nach auf das bedrohliche Objekt durch Bewegung abstimmen kann. " (ebd.)

    Solche Situationen kennt wohl jeder, und in der Tat ist es manchmal erstaunlich, wie blitzartig man da agiert. Auch sind es keine willkürlichen, bewusst gesteuerten Reaktionen, denen eine bewusste räumliche "Abmessung" und Vorausberechnung der Bewegungskurve des bedrohlichen Gegenstands voraus gegangen wäre. Mir ist es schon mehrmals passiert, dass "ich" versehentlich fallen gelassene Dinge auffing, bevor sie auf dem Boden aufschlugen. Eigentlich war das nicht "ich", sondern etwas "in mir" oder "von mir", das ich nicht "beherrsche". - In den ostasiatischen "Martial Arts" werden die Kämpfer ganz gezielt darauf trainiert, ihr "Ich" mit all seinen Ängsten und Leidenschaften auszuschalten und nur noch "instinktiv" zu agieren. Denn es steht fest, dass solche "ungesteuerten" Aktionen sehr viel schneller sind. Auch beim Klavierspiel braucht man solche bitzartigen Bewegungen, um größere Abstände auf der Klaviatur in Sekundenbruchteilen zu überwinden. Aber ehe sie präzise gelingen, muss man sie lange üben. Genauer gesagt: Man muss einerseits üben "loszulassen" und dem Gespür "blind" zu vertrauen, andererseits aber muss man die Abmessungen der jeweiligen Abstände auf der Klaviatur mühsam "verinnerlichen". (Das gehört nach meiner Erfahrung zum Schwersten beim Klavierspiel: ein präzises und sicheres Maßgefühl für weite Abstände - mehr als zwei Oktaven - zu gewinnen, bei denen der ganze Arm - nicht nur Hand und Unterarm - gefordert ist.)

    Und da beginnen meine Bedenken gegen Schmitz' Beispiel. Es zeigt m.E. nicht, was es zeigen soll. Denn da ist ja doch der Gesichtssinn unbestreitbar beteiligt und unverzichtbar. Aber den hat Schmitz - wie alle Sinne - doch definitorisch vom Leib ausgenommen! Außerdem bin ich nicht davon zu überzeugen, dass solche blitzartigen Bewegungen ohne räumliches "Ausmessen" gelingen. Und das bedeutet: hier kommen wir nicht ohne "Geometrie" aus, wir haben es also doch auch mit dem Körperraum zu tun. Zwar leuchtet mir ein, dass wir den Körper, mit dem wir aus der Bahn des bedrohlichen Gegenstandes gehen, gar nicht sehen. Und das bedeutet, dass mehr im Spiel sein muss als eine "geometrische" Abschätzung von Lagen und Flugkurven. Irgendwie haben wir ein "Gespür" für unseren "Ort" im Raum. Aber beruht das nicht letztlich auf einer "Verinnerlichung" und "Automatisierung" von sinnlichen räumlichen Erfahrungen und Abschätzungen?

    Hier ist also nicht ganz klar: Was ist "Leib", was ist "Körper"? Was ist gespürter, was gesehener Raum?
    Entsprechend gewunden fährt Schmitz fort:

    "Es gelingt, weil sich der Blick des als bedroht gespürten Leibes wie fasziniert an das Objekt hängt und dessen Bewegungssuggestion (die anschauliche Vorzeichnung seiner bevorstehenden Bewegung) in das im nächsten Kapitel zu betrachtende motorische Körperschema, zu dessen unumkehrbaren Richtungen er selbst gehört, so überträgt, dass unter dessen Führung die geschickte Ausweichbewegung des Körpers gelingt." (ebd.)

    Abgesehen von der geschachtelten Syntax: Hier hat nun der Leib einen Blick! Dieser "Blick des Leibes" gehört zum "motorischen Körperschema" - als eine seiner unumkehrbaren Richtungen. Und nun übernimmt dieses Körperschema die Führung, so dass die Ausweichbeweung des Körpers gelingt. - Es mutet an wie ein präzise ineinander greifendes Räderwerk, dessen Teile Schmitz genau unterscheidet und überblickt, das aber den nicht eingeweihten Laien eher ratlos lässt.

    Aber Schmitz ist mit seinem Nachweis noch nicht fertig:

    "Dafür muss aber der Ort des Leibes in dem bei der optischen Wahrnehmung das Gesehene übergreifenden System leiblicher Kommunikation (s.u. 4) selbst bestimmt sein. Das kann aber, wie gezeigt wurde, unter diesen Umständen nicht mit Hilfe von Lagen und Abständen geschehen. Also muss es sich um einen absoluten Ort des Leibes handeln."

    Hier kommt die "leibliche Kommunikation" ins Spiel, von der gesagt wird, dass sie ein System bilde, das bei der optischen Wahrnehmung das Gesehene übergreife. Gut, die "leibliche Kommunikation" ist noch nicht eingeführt, vielleicht klärt Schmitz noch, wie sich in ihr sinnliche Wahrnehmung und Spüren zueinander verhalten. Aber bis dahin habe ich bei seinem "Nachweis" mehr Fragezeichen als Einsichten.


    Überhaupt finde ich viele Stellen in "Der Leib", an denen ich den Eindruck habe: Schmitz greift ein wichtiges, interessantes Phänomen auf, um dann mit einer gewissen mechanischen Routine seine Terminologie darauf anzuwenden, ja es damit ein- und zuzudecken. (So ging es mir auch beim Kapitel über die sexuelle Ekstase.) In solchen Partien scheint Schmitz weniger am Aufschließen der Phänomene zu liegen als an der Vorführung seiner eigenen Theorie, seines Leib-Systems. So nach dem Motto: Egal, welches Phänomen Ihr mir vorlegt - mein System wird damit fertig. Ich hab alles im Griff, alles ist erfasst und einsortiert.

  • Und da beginnen meine Bedenken gegen Schmitz' Beispiel. Es zeigt m.E. nicht, was es zeigen soll. Denn da ist ja doch der Gesichtssinn unbestreitbar beteiligt und unverzichtbar. Aber den hat Schmitz - wie alle Sinne - doch definitorisch vom Leib ausgenommen!

    Leibliche Kommunikation wird von Schmitz als "Wahrnehmung" behandelt, auf eine bestimmte Weise. Deswegen stehen sich Sinnesdaten, Messungen und Datenverarbeitung nicht gegenüber, sondern nebeneinander.

    Außerdem bin ich nicht davon zu überzeugen, dass solche blitzartigen Bewegungen ohne räumliches "Ausmessen" gelingen.

    Das wäre ich auch nicht, aber Schmitz versucht das gar nicht. Sehr deutlich wird das in "Der Leib, der Raum und die Gefühle", Seite 29:

    "Das ganze Luftschloss verdankt seinen Kredit dem verkehrten Dogma des Physiologismus, wonach für jeden Menschen - gemäß dem Innenweltdogma die Welt in seine Außenwelt und seine Innenwelt so zerfällt, dass Informationen von seiner Außenwelt nur durch Tranport und Transformation physischer Signale durch die Sinnesorgane und das Nervensystem in seine Innenwelt gelangen, motorische Reaktionen in diese Außenwelt aber nur durch umgekehrten Export über nervöse Kanäle. Die beobachtbare Grundlage dieses Dogmas besteht allein darin, dass physische Reize und nervöse Vorgänge in erheblichem Umfang sowohl notwendige als auch zureichende Bedingungen für die Wahrnehmungen und den Erfolg motorischer Absichten sind."

    Er hält physiche Reize und nervöse Vorgänge für notwendig und zureichend für die Wahrnehmung, möchte sich aber für sein Anliegen ganz auf die phänomenologische Betrachtung fokussieren. Darum kann diese Frage:

    Aber beruht das nicht letztlich auf einer "Verinnerlichung" und "Automatisierung" von sinnlichen räumlichen Erfahrungen und Abschätzungen?


    mit "Doch, ja, genau" beantwortet werden, ohne Schmitz'scher Betrachtung in die Quere zu kommen.

    Auf Seite 30 heißt es:
    "Für das Studium des Gesangs, seiner qualitativen Eigenart und prozessualen Eigengesetzlichkeit, darf man sich nicht auf die Analyse der Klaviermusik verlassen, und ganz verkehrt wäre es, dieses Studium durch Belauern eines vermeintlichen Imports von Klavier in die Stimme oder von der Stimme ins Klavier ersetzen zu wollen. Entsprechend kann die Frage, was Wahrnehmung ist, welche Struktur und welche Merkmale sie hat, nur von Phänomenologen beantwortet werden, während der Physiologe die zugehörigen Begleitvorgänge im reduktionistisch präparierten Körper des wahrnemenden Bewußthabers untersucht. Beide Formen können harmonisch und ergiebig zusammenarbeiten, aber Übergriffe stören und verwirren die Einsicht.
    Durch diese Überlegungen zu unbefangener Phänomenologie ermutigt, [...]"

    Es ist meiner Meinung nach also eine Frage dessen, wovon man ausgeht, wenn man von "Wahrnehmung" spricht. Schmitz spricht explizit von "Wahrnehmung als leiblicher Kommunikation". Das ist ähnlich unüblich, wie von "Volumen" ausserhalb des physikalisch-mathematischen "Geheges" zu sprechen, was ja auch entsprechende Schwierigkeiten bereitet hat.

    In dem mir vorliegenden Text gibt es ein eigenes Kapitel zum "Raum", in dem vier Raumstrukturen unterschieden werden:

    1. der leibliche Raum
    2. der Gefühlsraum
    3. der Ortsraum
    4. die Wohnung

    Darin gibt es ein paar Seltsamkeiten, die ich gerne hier ansprechen würde, wenn ich dazu komme, das muss ich aber momentan auch verschieben. Was aber aber vorweg anmerken möchte, ist etwas zu Punkt 3: "Ortsraum". Dazu schreibt Schmitz:

    "3. der dem Leib entfremdete Raum, der von mir so genannte Ortsraum bestehend aus wechselhaft besetzbaren, relativen, d.h. nur durch ihr gegenseitiges Verhältnis nach Lage und Abstand bestimmbaren Orten, die den Raum vollständig ausfüllen. Das ist der bereits skizzierte, die gängige Raumvorstellung leitende, der der Mathematik und der Naturwissenschaft allein bekannte Raum." (Der Leib, der Raum und die Gefühle, S. 47)

    Hier werden m.M.n. die Relationen angesprochen, die notwendig zu einer Raumstruktur gehören, die Du, Hermeneuticus, ja schon auseinander genommen hast, und zum anderen wird klar, dass Schmitz den "Raum" auch noch auf andere Weisen betrachtet (1.,2.,4.) Deswegen ist Raum Nummer 3 nicht selbst "defizitär". Es gibt nur auch über diesen hinaus noch weitere Möglichkeiten, den Raum-Begriff zum Leben zu erwecken.

  • Und da beginnen meine Bedenken gegen Schmitz' Beispiel. Es zeigt m.E. nicht, was es zeigen soll. Denn da ist ja doch der Gesichtssinn unbestreitbar beteiligt und unverzichtbar. Aber den hat Schmitz - wie alle Sinne - doch definitorisch vom Leib ausgenommen!

    Leibliche Kommunikation wird von Schmitz als "Wahrnehmung" behandelt, auf eine bestimmte Weise. Deswegen stehen sich Sinnesdaten, Messungen und Datenverarbeitung nicht gegenüber, sondern nebeneinander.

    Außerdem bin ich nicht davon zu überzeugen, dass solche blitzartigen Bewegungen ohne räumliches "Ausmessen" gelingen.

    Das wäre ich auch nicht, aber Schmitz versucht das gar nicht. Sehr deutlich wird das in "Der Leib, der Raum und die Gefühle", Seite 29:

    "Das ganze Luftschloss verdankt seinen Kredit dem verkehrten Dogma des Physiologismus, wonach für jeden Menschen - gemäß dem Innenweltdogma die Welt in seine Außenwelt und seine Innenwelt so zerfällt, dass Informationen von seiner Außenwelt nur durch Tranport und Transformation physischer Signale durch die Sinnesorgane und das Nervensystem in seine Innenwelt gelangen, motorische Reaktionen in diese Außenwelt aber nur durch umgekehrten Export über nervöse Kanäle. Die beobachtbare Grundlage dieses Dogmas besteht allein darin, dass physische Reize und nervöse Vorgänge in erheblichem Umfang sowohl notwendige als auch zureichende Bedingungen für die Wahrnehmungen und den Erfolg motorischer Absichten sind."

    Er hält physiche Reize und nervöse Vorgänge für notwendig und zureichend für die Wahrnehmung, möchte sich aber für sein Anliegen ganz auf die phänomenologische Betrachtung fokussieren. Darum kann diese Frage:

    Aber beruht das nicht letztlich auf einer "Verinnerlichung" und "Automatisierung" von sinnlichen räumlichen Erfahrungen und Abschätzungen?


    mit "Doch, ja, genau" beantwortet werden, ohne Schmitz'scher Betrachtung in die Quere zu kommen.

    Auf Seite 30 heißt es:
    "Für das Studium des Gesangs, seiner qualitativen Eigenart und prozessualen Eigengesetzlichkeit, darf man sich nicht auf die Analyse der Klaviermusik verlassen, und ganz verkehrt wäre es, dieses Studium durch Belauern eines vermeintlichen Imports von Klavier in die Stimme oder von der Stimme ins Klavier ersetzen zu wollen. Entsprechend kann die Frage, was Wahrnehmung ist, welche Struktur und welche Merkmale sie hat, nur von Phänomenologen beantwortet werden, während der Physiologe die zugehörigen Begleitvorgänge im reduktionistisch präparierten Körper des wahrnemenden Bewußthabers untersucht. Beide Formen können harmonisch und ergiebig zusammenarbeiten, aber Übergriffe stören und verwirren die Einsicht.
    Durch diese Überlegungen zu unbefangener Phänomenologie ermutigt, [...]"

    Es ist meiner Meinung nach also eine Frage dessen, wovon man ausgeht, wenn man von "Wahrnehmung" spricht. Schmitz spricht explizit von "Wahrnehmung als leiblicher Kommunikation". Das ist ähnlich unüblich, wie von "Volumen" ausserhalb des physikalisch-mathematischen "Geheges" zu sprechen, was ja auch entsprechende Schwierigkeiten bereitet hat.

    In dem mir vorliegenden Text gibt es ein eigenes Kapitel zum "Raum", in dem vier Raumstrukturen unterschieden werden:

    1. der leibliche Raum
    2. der Gefühlsraum
    3. der Ortsraum
    4. die Wohnung

    Darin gibt es ein paar Seltsamkeiten, die ich gerne hier ansprechen würde, wenn ich dazu komme, das muss ich aber momentan auch verschieben. Was aber aber vorweg anmerken möchte, ist etwas zu Punkt 3: "Ortsraum". Dazu schreibt Schmitz:

    "3. der dem Leib entfremdete Raum, der von mir so genannte Ortsraum bestehend aus wechselhaft besetzbaren, relativen, d.h. nur durch ihr gegenseitiges Verhältnis nach Lage und Abstand bestimmbaren Orten, die den Raum vollständig ausfüllen. Das ist der bereits skizzierte, die gängige Raumvorstellung leitende, der der Mathematik und der Naturwissenschaft allein bekannte Raum." (Der Leib, der Raum und die Gefühle, S. 47)

    Hier werden m.M.n. die Relationen angesprochen, die notwendig zu einer Raumstruktur gehören, die Du, Hermeneuticus, ja schon auseinander genommen hast, und zum anderen wird klar, dass Schmitz den "Raum" auch noch auf andere Weisen betrachtet (1.,2.,4.) Deswegen ist Raum Nummer 3 nicht selbst "defizitär". Es gibt nur auch über diesen hinaus noch weitere Möglichkeiten, den Raum-Begriff zum Leben zu erwecken.

  • Danke, echtjetzt, für diese ergänzenden, differenzierenden, zurechtrückenden Hinweise!

    In "Der Leib" gibt es übrigens noch ein gesondertes Kapitel "Leib und Raum" (S.121-28 ), das ich bisher nur einmal - kursorisch - gelesen habe. Da ist noch allerhand zu verstehen und zu besprechen...

  • Danke, echtjetzt, für diese ergänzenden, differenzierenden, zurechtrückenden Hinweise!

    In "Der Leib" gibt es übrigens noch ein gesondertes Kapitel "Leib und Raum" (S.121-28 ), das ich bisher nur einmal - kursorisch - gelesen habe. Da ist noch allerhand zu verstehen und zu besprechen...

  • Ebenso wie echtjetzt meine ich, daß wir den komplexen Mechanismus der "Wahrnehmung als leibliche Kommunikation" unterscheiden müssen vom Schmitzschen "Alphabet" des Leibes (ich übernehme den Ausdruck "Alphabet" aus Sek. Literatur(en)), das einfach ist. Einer der Buchstaben ist der absolute Ort.

    Quote from Hermeneuticus

    "Ein Ort heißt absolut, wenn er seine absolute Identität, seine Bestimmtheit als dieser, und damit gegebenenfalls seine Identifizierbarkeit (relative Identität), unabhängig von der Einordnung in ein System sich gegenseitig durch Lagen und Abstände bestimmender relativer Orte (...), besitzt." (S.10) Dass es solche absoluten Orte gibt, will Schmitz sowohl 1. für den Leib im Ganzen wie 2. für Leibesinseln nachweisen.


    Da Du lediglich den Ganzort thematisierst, beschränke ich mich ebenfalls darauf. Ich zitiere aus "Der Leib, der Raum und die Gefühle", S. 17:

    Quote from Schmitz

    Die ganzheitlichen leiblichen Regungen besetzen einen leiblichen Ganzort [...]. Alle diese im Spüren am eigenen Leib präsenten Orte sind absolute Orte.


    Den absoluten Ort gibt es, so wie ich Schmitz verstehe, daher ausschließlich im LeibSpüren. Der absolute Ort gehört somit per definitionem zum LeibSpüren. Wenn ich das von Dir zitierte Beispiel, mit dem Schmitz offenbar den absoluten (Ganz)-Ort veranschaulichen möchte, dazunehme,

    Quote from Hermeneuticus/Schmitz)

    1. "Ein einfacher Nachweis beruht auf der Fähigkeit zum Ausweichen in Gefahr. Wenn eine wuchtige Masse (z.B. ein Stein, eine schlagende Faust) in bedrohlicher Näherung gesehen wird, gelingt es im günstigen Fall, mit dem ganzen Körper oder einem Teil davon (Kopf, Rumpf) in einer den unvorhersehbaren Umständen geschickt angepassten Weise auszuweichen, so dass ein Zusammenstoß vermieden wird. Das gelingt, obwohl man den eigenen Körper gar nicht sieht (oder nur einen unwesentlichen Fetzen davon), so dass man ihn auch nicht der Lage und dem Abstand nach auf das bedrohliche Objekt durch Bewegung abstimmen kann. " (ebd.)


    dann finde ich es zutreffend, weil vom eigenen Spür-Erleben her nachvollziehbar, daß wir die Position unseres Körpers mit hundertprozentiger Sicherheit, ohne Denken oder Sinne in Anspruch zu nehmen, immer in jedem Moment unmittelbar wissen. Dies wäre die Umschreibung mittels des Körperbegriffs und des anschaulichen Raumes für das Phänomen, das Schmitz den absoluten Ort des Leibspürens nennt.
    Das Beispiel scheint mir allerdings deswegen nicht besonders glücklich gewählt, weil beim erfolgreichen Ausweichen vor einem Schlag neben dem absoluten Ort des Leibspürens die optische Wahrnehmung hinzukommen muß.

    Quote from Schmitz/S. 17 weiter

    Unter einem absoluten Ort verstehe ich einen Ort, der bereits unabhängig von Lage- und Abstandsbeziehungen, wodurch sich Orte in einem System relativer Orte gegenseitig bestimmen, obwohl zusätzlich eventuell auch noch so, bestimmt ist. (Unterstreichung von mir).


    Schmitz selbst versucht den absoluten Ganzort somit an einem Beispiel aufzuzeigen, das über die (einfache) Buchstabierung hinausgeht. Und wenn ich den von Dir, Hermeneuticus, mit einem dicken Fragezeichen versehenen "Blick des Leibes" noch hinzunehme, dann möchte ich mich Deiner kritischen Überlegung anschließen. Zumindest, was das Phänomen des gespürten absoluten Ganzortes ohne Sinnesbeteiligung anbelangt (bei den Leibinseln leuchtet mir die Absolutheit der Teilorte ein, ich will Dir aber nicht vorgreifen). Sag' mal, bringt Schmitz ein Beispiel für den absoluten Ganzort, daß jedermann und jederfrau sofort ohne leisestes Stirnrunzeln einleuchten muß?

  • Ebenso wie echtjetzt meine ich, daß wir den komplexen Mechanismus der "Wahrnehmung als leibliche Kommunikation" unterscheiden müssen vom Schmitzschen "Alphabet" des Leibes (ich übernehme den Ausdruck "Alphabet" aus Sek. Literatur(en)), das einfach ist. Einer der Buchstaben ist der absolute Ort.

    Quote from Hermeneuticus

    "Ein Ort heißt absolut, wenn er seine absolute Identität, seine Bestimmtheit als dieser, und damit gegebenenfalls seine Identifizierbarkeit (relative Identität), unabhängig von der Einordnung in ein System sich gegenseitig durch Lagen und Abstände bestimmender relativer Orte (...), besitzt." (S.10) Dass es solche absoluten Orte gibt, will Schmitz sowohl 1. für den Leib im Ganzen wie 2. für Leibesinseln nachweisen.


    Da Du lediglich den Ganzort thematisierst, beschränke ich mich ebenfalls darauf. Ich zitiere aus "Der Leib, der Raum und die Gefühle", S. 17:

    Quote from Schmitz

    Die ganzheitlichen leiblichen Regungen besetzen einen leiblichen Ganzort [...]. Alle diese im Spüren am eigenen Leib präsenten Orte sind absolute Orte.


    Den absoluten Ort gibt es, so wie ich Schmitz verstehe, daher ausschließlich im LeibSpüren. Der absolute Ort gehört somit per definitionem zum LeibSpüren. Wenn ich das von Dir zitierte Beispiel, mit dem Schmitz offenbar den absoluten (Ganz)-Ort veranschaulichen möchte, dazunehme,

    Quote from Hermeneuticus/Schmitz)

    1. "Ein einfacher Nachweis beruht auf der Fähigkeit zum Ausweichen in Gefahr. Wenn eine wuchtige Masse (z.B. ein Stein, eine schlagende Faust) in bedrohlicher Näherung gesehen wird, gelingt es im günstigen Fall, mit dem ganzen Körper oder einem Teil davon (Kopf, Rumpf) in einer den unvorhersehbaren Umständen geschickt angepassten Weise auszuweichen, so dass ein Zusammenstoß vermieden wird. Das gelingt, obwohl man den eigenen Körper gar nicht sieht (oder nur einen unwesentlichen Fetzen davon), so dass man ihn auch nicht der Lage und dem Abstand nach auf das bedrohliche Objekt durch Bewegung abstimmen kann. " (ebd.)


    dann finde ich es zutreffend, weil vom eigenen Spür-Erleben her nachvollziehbar, daß wir die Position unseres Körpers mit hundertprozentiger Sicherheit, ohne Denken oder Sinne in Anspruch zu nehmen, immer in jedem Moment unmittelbar wissen. Dies wäre die Umschreibung mittels des Körperbegriffs und des anschaulichen Raumes für das Phänomen, das Schmitz den absoluten Ort des Leibspürens nennt.
    Das Beispiel scheint mir allerdings deswegen nicht besonders glücklich gewählt, weil beim erfolgreichen Ausweichen vor einem Schlag neben dem absoluten Ort des Leibspürens die optische Wahrnehmung hinzukommen muß.

    Quote from Schmitz/S. 17 weiter

    Unter einem absoluten Ort verstehe ich einen Ort, der bereits unabhängig von Lage- und Abstandsbeziehungen, wodurch sich Orte in einem System relativer Orte gegenseitig bestimmen, obwohl zusätzlich eventuell auch noch so, bestimmt ist. (Unterstreichung von mir).


    Schmitz selbst versucht den absoluten Ganzort somit an einem Beispiel aufzuzeigen, das über die (einfache) Buchstabierung hinausgeht. Und wenn ich den von Dir, Hermeneuticus, mit einem dicken Fragezeichen versehenen "Blick des Leibes" noch hinzunehme, dann möchte ich mich Deiner kritischen Überlegung anschließen. Zumindest, was das Phänomen des gespürten absoluten Ganzortes ohne Sinnesbeteiligung anbelangt (bei den Leibinseln leuchtet mir die Absolutheit der Teilorte ein, ich will Dir aber nicht vorgreifen). Sag' mal, bringt Schmitz ein Beispiel für den absoluten Ganzort, daß jedermann und jederfrau sofort ohne leisestes Stirnrunzeln einleuchten muß?

  • Sag' mal, bringt Schmitz ein Beispiel für den absoluten Ganzort, daß jedermann und jederfrau sofort ohne leisestes Stirnrunzeln einleuchten muß?


    Ich finde dazu nur das Beispiel des erschrockenen Zusammenfahrens beim Einbruch von etwas Neuem, Unerhörtem, Bedrohlichem. Diese "Enge", dieses plötzliche Herausgerissen- und Zurückgeworfen-Sein auf sich ist für Schmitz so etwas Ähnliches wie für Descartes das "cogito": nämlich eine unmittelbare Vergewisserung der eigenen Existenz, die von keiner Reflexion, keinem Zweifel in Frage gestellt wird. Während Descartes diese Vergewisserung im Denken findet ("Ich denke, also existiere ich"), sieht Schmitz sie in solchen Schreckerfahrungen. Ich zitiere eine Stelle aus dem ersten Kapitel von "Der Leib", die das verdeutlicht:

    "Dabei erlebt [der Mensch] sich an einer Stelle, die ebenso hier wie jetzt, räumlich und zeitlich, bestimmt ist, aber nicht relativ in einem Ordnungsrahmen von Orten und Daten, sondern nur in der noch ungesichteten Situation, nur gegenüber dem erschreckenden Neuen, das sich auf ihn zu ereignet. Im Schock des Zusammenfahrens sind alle räumlichen und zeitlichen Ordnungsrahmen nicht mehr verfügbar. Dafür ist dem Menschen ein absoluter Ort angewiesen, der zugleich absoluter Augenblick ist, und nun ist unbezweifelbar klar, dass wirklich er selbst sich dort befindet." (S. 2)

    Über der Ähnlichkeit mit Descartes' "absolutem Ort" des Cogito darf man aber nicht die gewaltigen Unterschiede übersehen. Descartes fand im Cogito das unerschütterliche Erkenntnisfundament, von dem aus er in notwendigen und nachvollziehbaren Gedankenverbindungen sein metaphysisches System aufbaute - gipfelnd in einem Gottesbeweis. Die Selbstpräsenz des Denkens im "Ich denke-existiere" wird also durch logische Verbindungen bis in alle Verästelungen des Systems transportiert - so wie das Wasser sich durchs Kanalsystem einer Oase verteilt und alles belebt. Das Kanalsystem "Cogito+Logik" trägt und ordnet so die ganze Erkenntnis. Noch Kant bezieht sich affirmativ auf dieses " 'Ich denke', das alle meine Vorstellungen muss begleiten können." Und warum "muss" es meine Vorstellungen begleiten können? Damit das denkende Ich die Kontrolle, den Über- und Durchblick behält.

    Aber der Schreck bei Schmitz leistet nichts Vergleichbares. Er ist ein von außen angestoßener Kontrollverlust, eine Ausnahmesituation. Er ist kein Ort, wo man sagen möchte: "Verweile doch, du bist so schön", sondern man will vor allem "Weg von hier!" Diese absolute "Enge" ist sozusagen die Nullstufe der leiblichen Dynamik, von der her sich die "Weitung" versteht. An diesem "absoluten Ort" hat man auch keinen Durch- und Überblick, man ist in der Angst ganz auf sich zurückgeworfen.

    Ich finde, das ist gut nachvollziehbar. Man hat es oft gehört (und ich habe es einmal an mir selbst erlebt), dass Menschen in plötzlicher Todesangst quasi staunend den vitalen Antrieb an sich entdecken, mit dem sie sich ans Leben, an sich klammern. Aber der Bezugspunkt dieses "sich" ist nicht die distanzierte, theoretische Vernunft, die die Kontrolle über das Ich behauptet, sondern ein sonst eher dunkles "Es", das nun die Führung an sich reißt, ohne dass man etwas dagegen tun könnte...

  • Sag' mal, bringt Schmitz ein Beispiel für den absoluten Ganzort, daß jedermann und jederfrau sofort ohne leisestes Stirnrunzeln einleuchten muß?


    Ich finde dazu nur das Beispiel des erschrockenen Zusammenfahrens beim Einbruch von etwas Neuem, Unerhörtem, Bedrohlichem. Diese "Enge", dieses plötzliche Herausgerissen- und Zurückgeworfen-Sein auf sich ist für Schmitz so etwas Ähnliches wie für Descartes das "cogito": nämlich eine unmittelbare Vergewisserung der eigenen Existenz, die von keiner Reflexion, keinem Zweifel in Frage gestellt wird. Während Descartes diese Vergewisserung im Denken findet ("Ich denke, also existiere ich"), sieht Schmitz sie in solchen Schreckerfahrungen. Ich zitiere eine Stelle aus dem ersten Kapitel von "Der Leib", die das verdeutlicht:

    "Dabei erlebt [der Mensch] sich an einer Stelle, die ebenso hier wie jetzt, räumlich und zeitlich, bestimmt ist, aber nicht relativ in einem Ordnungsrahmen von Orten und Daten, sondern nur in der noch ungesichteten Situation, nur gegenüber dem erschreckenden Neuen, das sich auf ihn zu ereignet. Im Schock des Zusammenfahrens sind alle räumlichen und zeitlichen Ordnungsrahmen nicht mehr verfügbar. Dafür ist dem Menschen ein absoluter Ort angewiesen, der zugleich absoluter Augenblick ist, und nun ist unbezweifelbar klar, dass wirklich er selbst sich dort befindet." (S. 2)

    Über der Ähnlichkeit mit Descartes' "absolutem Ort" des Cogito darf man aber nicht die gewaltigen Unterschiede übersehen. Descartes fand im Cogito das unerschütterliche Erkenntnisfundament, von dem aus er in notwendigen und nachvollziehbaren Gedankenverbindungen sein metaphysisches System aufbaute - gipfelnd in einem Gottesbeweis. Die Selbstpräsenz des Denkens im "Ich denke-existiere" wird also durch logische Verbindungen bis in alle Verästelungen des Systems transportiert - so wie das Wasser sich durchs Kanalsystem einer Oase verteilt und alles belebt. Das Kanalsystem "Cogito+Logik" trägt und ordnet so die ganze Erkenntnis. Noch Kant bezieht sich affirmativ auf dieses " 'Ich denke', das alle meine Vorstellungen muss begleiten können." Und warum "muss" es meine Vorstellungen begleiten können? Damit das denkende Ich die Kontrolle, den Über- und Durchblick behält.

    Aber der Schreck bei Schmitz leistet nichts Vergleichbares. Er ist ein von außen angestoßener Kontrollverlust, eine Ausnahmesituation. Er ist kein Ort, wo man sagen möchte: "Verweile doch, du bist so schön", sondern man will vor allem "Weg von hier!" Diese absolute "Enge" ist sozusagen die Nullstufe der leiblichen Dynamik, von der her sich die "Weitung" versteht. An diesem "absoluten Ort" hat man auch keinen Durch- und Überblick, man ist in der Angst ganz auf sich zurückgeworfen.

    Ich finde, das ist gut nachvollziehbar. Man hat es oft gehört (und ich habe es einmal an mir selbst erlebt), dass Menschen in plötzlicher Todesangst quasi staunend den vitalen Antrieb an sich entdecken, mit dem sie sich ans Leben, an sich klammern. Aber der Bezugspunkt dieses "sich" ist nicht die distanzierte, theoretische Vernunft, die die Kontrolle über das Ich behauptet, sondern ein sonst eher dunkles "Es", das nun die Führung an sich reißt, ohne dass man etwas dagegen tun könnte...

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