Quote from Deleuze, Gilles; Guattari, Felix: Rhizom. Berlin, Merve Verlag 1977Display MoreDie Welt ist chaotisch geworden, aber das Buch bleibt Bild der Welt, Würzelchen-Chaosmos statt Wurzel-Kosmos. Welch seltsame Mystifikation: das Buch wird umso totaler, je zerstückelter es ist. Das Buch als Bild der Welt - langweilig in jeder Hinsicht! Es genügt eben nicht zu rufen: Hoch lebe das Viele (multiple)! so schwer es auch sein mag, diesen Schrei auszustoßen. Typografische, lexikalische und selbst syntaktische Geschicklichkeiten
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genügen nicht, um ihm Gehör zu verschaffen. Das Viele (multiple) MUSS MAN MACHEN : nicht dadurch, daß man fortwährend übergeordnete Dimensionen hinzufügt, sondern im Gegenteil ganz schlicht und einfach in allen Dimensionen, über die man verfügt: jedesmal n - 1 (Das Eine ist nur dann ein Teil der Vielheit, wenn es von ihr abgezogen wird). Das Einzelne abziehen, wenn eine Vielheit konstituiert wird; n - 1 schreiben.
Ein solches System kann man Rhizom nennen. Als unterirdischer Sproß unterscheidet sich ein Rhizom grundsätzlich von großen und kleinen Wurzeln. Knollen und Knötchen sind Rhizome. Pflanzen mit großen oder kleinen Wurzeln können in vielerlei Hinsicht rhizomorph sein: man muß sich wirklich fragen, ob nicht das Rhizomorphe gerade das Spezifische an der Botanik ausmacht. Auch die Tiere sind es, wenn sie Meuten bilden, z. B. die Ratten. Ein Bau ist in allen seinen Funktionen rhizomorph: als Wohnung, Vorratslager, Rangiergelände, Versteck und Ruine. Das Rhizom selbst kann die verschiedensten Formen annehmen, von der Verästelung und Ausbreitung nach allen Richtungen an der Oberfläche bis zur Verdichtung in Knollen und Knötchen. Wenn die Ratten übereinandergleiten. Im Rhizom gibt es das Beste und das Schlimmste: die Kartoffeln, die Quecke , das Unkraut. Tier und Pflanze, die Quecke, das ist Meersalzkraut' . Wir ahnen schon, daß wir niemanden überzeugen werden, wenn wir nicht wenigstens annäherungsweise bestimmte Merkmale des Rhizoms aufzählen. 1. und 2. - Prinzip der Konnexion und der Heterogenität. Jeder beliebige Punkt eines Rhizoms kann und muß mit jedem anderen verbunden werden. Ganz anders dagegen der Baum oder die Wurzel, wo ein Punkt und eine Ordnung festgesetzt werden. Chomsky' s linguistischer Baum beginnt an einem Punkt S
frz. chiendent = Quecke, wörtlich: Hundezahn frz. crab-grass Meersalzkraut, -örtlich: Krabbengras. (A. d. Ü.)
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und breitet sich dichotomisch aus. In einem Rhizom dagegen verweist nicht jeder Strang notwendig auf einen linguistischen Strang: semiotische Kettenglieder aller Art sind dort nach den verschiedensten Codierungsarten mit politischen, ökonomischen und biologischen Kettengliedern verknüpft; es werden also nicht nur ganz unterschiedliche Zeichensysteme ins Spiel gebracht, sondern auch verschiedene Arten von Sachverhalten. Die kollektiven Aussageverkettungen funktionieren tatsächlich unmittelbar in den maschinellen Verkettungen, und man kann keinen radikalen Einschnitt zwischen den Zeichensystemen und ihren Objekten ansetzen. Selbst da, wo sie den Anspruch erhebt, sich ans Explizite zu halten und nichts an der Sprache vorauszusetzen, bleibt die Linguistik befangen in den Sphären eines Diskurses, der je schonverschiedene Verkettungsweisen und besondere gesellschaftliche Machttypen impliziert. Chomsky's Grammatikalität, das kategoriale Symbol S, das alle Sätze beherrscht, markiert in erster Linie ein Machtverhältnis und dann erst einen syntaktischen Zusammenhang: du bildest grammatikalisch korrekte Sätze, du unterteilst jede Aussage in NominalSyntagma und Verbal-Syntagma (erste Dichotomie...). Wir werfen solchen linguistischen Modellen nicht vor, sie seien zu abstrakt; ganz im Gegenteil: sie Sind es nicht genug; sie erreichen nicht die abstrakte Maschine, welche die Konnexion einer Sprache mit semantischen und pragmatischen Aussageinhalten herstellt, mit kollektiven
Aussageverkettungen, mit einer ganzen Mikropolitik des gesellschaftlichen Feldes. Ein Rhizom verknüpft unaufhörlich semiotische Kettenteile, Machtorganisationen, Ereignisse in Kunst, Wissenschaft und gesellschaftlichen Kämpfen. Ein semiotisches Kettenglied gleicht einem Tuberkel, einer Agglomeration von mimischen und gestischen, Sprech-, Wahrnehmungsund Denkakten: es gibt keine Sprache an sich, keine Universalität der Sprache, sondern einen Wettstreit von Dialekten, Mundarten, Jargons und Fachsprachen. Es gibt keinen idealen Sprecher-Hörer, ebensowenig eine homogene Sprachgemeinschaft. Die
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Sprache ist nach einer Formulierung von Weinreich "eine wesentlich heterogene Wirklichkeit" (1). Es gibt keine Muttersprache, sondern die Machtergreifung einer herrschenden Sprache in einer politischen Vielheit. Die Sprache stabilisiert sich im Unikreis einer Pfarrei, eines Bistums, einer Hauptstadt. Sie bildet Knollen. Sie entwickelt sich durch Stengel und unterirdische Ströme, längs Flußtälern oder Eisenbahnlinien, sie verschiebt sich durch Ölflecken (2). Man kann die Sprache natürlich immer internen strukturalen Dekompositionen unterziehen: das unterscheidet sich nicht grundsätzlich von der Wurzelsuche. Gewiß gibt es immer etwas Genealogisches am Baum, das nicht der gängigen Methode entspricht. Die Sprache mit einer rhizomatischen Methode analysieren heißt vielmehr, sie auf andere Dimensionen und andere Register hin zu dezentrieren. Nur als Funktion von Entmachtung zieht sich eine Sprache auf sich selbst zurück.
Der Textauszug aus dem Kapitel 3 - Wurzelbücher und Rhizome - stellt zum Ende hin einen starken Bezug zu einem Sprachverständnis her, das jenseits grammatikalisch einfacher Baum-Strukturiertheit liegt. Ist dieses Modell geeignet, um sowohl historische Entwicklung, geographische Entfaltung als auch generationsabhängige Variabilität und Funktionalität von lebendiger Sprache zu beschreiben?