Sprache als Rhizom?

  • Der Textauszug aus dem Kapitel 3 - Wurzelbücher und Rhizome - stellt zum Ende hin einen starken Bezug zu einem Sprachverständnis her, das jenseits grammatikalisch einfacher Baum-Strukturiertheit liegt. Ist dieses Modell geeignet, um sowohl historische Entwicklung, geographische Entfaltung als auch generationsabhängige Variabilität und Funktionalität von lebendiger Sprache zu beschreiben?

    Es ist gut, ins philosophische Nichts zu springen. Besser ist es, wieder heil nach Hause zu kommen.
    Wenn du die Natur beherrschen willst, mein lieber Adson, musst du zuerst lernen ihr zu gehorchen. (aus Der Name der Rose)
    et cuncta bona erant

  • Der Textauszug aus dem Kapitel 3 - Wurzelbücher und Rhizome - stellt zum Ende hin einen starken Bezug zu einem Sprachverständnis her, das jenseits grammatikalisch einfacher Baum-Strukturiertheit liegt. Ist dieses Modell geeignet, um sowohl historische Entwicklung, geographische Entfaltung als auch generationsabhängige Variabilität und Funktionalität von lebendiger Sprache zu beschreiben?

    Es ist gut, ins philosophische Nichts zu springen. Besser ist es, wieder heil nach Hause zu kommen.
    Wenn du die Natur beherrschen willst, mein lieber Adson, musst du zuerst lernen ihr zu gehorchen. (aus Der Name der Rose)
    et cuncta bona erant

  • Ich weiß, daß wir uns hier in der Wissenschaftsabteilung befinden. Nun interessiert mich die Sprache als Untersuchungsgegenstand sehr. Ob es wohl möglich ist, diese Abschnitte so zu übersetzen, daß der Text über die Sprache, die jede(r) spricht, wenigstens einigermaßen verständlich wird?! Nein, nicht einigermaßen, sondern daß ich exakt weiß, wie diese Sprachkonzeption aussschaut und wie sie auf ein einzelnes Beispiel bezogen, anzuwenden wäre -falls sie anzuwenden ist. Ich kann die Antwort ja nicht vorwegnehmen. Aber Beispiele sind Erklärungshilfen, und möglicherweise würde ein Beispiel bereits zu einer vorläufigen Antwort führen.

    Iselilja, oder wer auch immer, entweder Ihr müßt mich rausverweisen oder ... Ihr gebt ein wenig Hilfestellung.

  • Ich weiß, daß wir uns hier in der Wissenschaftsabteilung befinden. Nun interessiert mich die Sprache als Untersuchungsgegenstand sehr. Ob es wohl möglich ist, diese Abschnitte so zu übersetzen, daß der Text über die Sprache, die jede(r) spricht, wenigstens einigermaßen verständlich wird?! Nein, nicht einigermaßen, sondern daß ich exakt weiß, wie diese Sprachkonzeption aussschaut und wie sie auf ein einzelnes Beispiel bezogen, anzuwenden wäre -falls sie anzuwenden ist. Ich kann die Antwort ja nicht vorwegnehmen. Aber Beispiele sind Erklärungshilfen, und möglicherweise würde ein Beispiel bereits zu einer vorläufigen Antwort führen.

    Iselilja, oder wer auch immer, entweder Ihr müßt mich rausverweisen oder ... Ihr gebt ein wenig Hilfestellung.

  • Hallo Friederike

    Deleuze und Guattari (D&G) wurden praktisch schon zu Lebzeiten gefeiert und ihre Arbeiten fanden schnell Anklang vor allem in den Bereichen Kunst- und Kulturteorie. Sie gehen einher mit der Idee von der Sartre-rezipierenden Kommune, einer Zeit, in der es an allen Ecken nach (Kultur-) Revolution roch. Solche Texte zu "übersetzen" würde ihnen praktisch ihren Wesenscharakter nehmen.

    Aber zum Thema Sprache lässt sich dennoch etwas sagen. Normaler weise lernen wir Sprache nicht einfach so, chaotisch oder ungelenkt. Unsere Vorstellung einer Muttersprache sitzt zeimlich tief in uns. Erst beim zweitmaligen "Erlernen" der Sprache, in Form der Schrift und ihrer grammatikalischen Reflektion, beginnen wir eine Struktur in die Sprache zu legen, nach der wir uns fortan auch richten. D&G nennen bspw. Chomskys baumartige Grammatik. Der Baum als Metapher ist der Wurzel von der Form her sehr ähnlich. Ein Stamm mit vielen einzelnen Verzweigungen - der Archetypus einer Hierarchie (hier beginnt plötzlich auch das Verständnis der Ablehnung erstarrter Hierarchie durch das ganze Werk von D&G). Das Rhizom wird gern an der Kartoffel oder dem Wurzelwerk der Quecke verdeutlicht. Dort gibt es keine hierarchische Struktur in diesem Sinne. Alles ist mehr oder weniger mit allem verbunden. So ungefähr müsste man sich das ansatzweise vorstellen.

    Ich hoffe, ich konnte Dir etwas helfen.
    lg

    Es ist gut, ins philosophische Nichts zu springen. Besser ist es, wieder heil nach Hause zu kommen.
    Wenn du die Natur beherrschen willst, mein lieber Adson, musst du zuerst lernen ihr zu gehorchen. (aus Der Name der Rose)
    et cuncta bona erant

  • Hallo Friederike

    Deleuze und Guattari (D&G) wurden praktisch schon zu Lebzeiten gefeiert und ihre Arbeiten fanden schnell Anklang vor allem in den Bereichen Kunst- und Kulturteorie. Sie gehen einher mit der Idee von der Sartre-rezipierenden Kommune, einer Zeit, in der es an allen Ecken nach (Kultur-) Revolution roch. Solche Texte zu "übersetzen" würde ihnen praktisch ihren Wesenscharakter nehmen.

    Aber zum Thema Sprache lässt sich dennoch etwas sagen. Normaler weise lernen wir Sprache nicht einfach so, chaotisch oder ungelenkt. Unsere Vorstellung einer Muttersprache sitzt zeimlich tief in uns. Erst beim zweitmaligen "Erlernen" der Sprache, in Form der Schrift und ihrer grammatikalischen Reflektion, beginnen wir eine Struktur in die Sprache zu legen, nach der wir uns fortan auch richten. D&G nennen bspw. Chomskys baumartige Grammatik. Der Baum als Metapher ist der Wurzel von der Form her sehr ähnlich. Ein Stamm mit vielen einzelnen Verzweigungen - der Archetypus einer Hierarchie (hier beginnt plötzlich auch das Verständnis der Ablehnung erstarrter Hierarchie durch das ganze Werk von D&G). Das Rhizom wird gern an der Kartoffel oder dem Wurzelwerk der Quecke verdeutlicht. Dort gibt es keine hierarchische Struktur in diesem Sinne. Alles ist mehr oder weniger mit allem verbunden. So ungefähr müsste man sich das ansatzweise vorstellen.

    Ich hoffe, ich konnte Dir etwas helfen.
    lg

    Es ist gut, ins philosophische Nichts zu springen. Besser ist es, wieder heil nach Hause zu kommen.
    Wenn du die Natur beherrschen willst, mein lieber Adson, musst du zuerst lernen ihr zu gehorchen. (aus Der Name der Rose)
    et cuncta bona erant

  • Lieber Iselilja,
    ja, nein. Es ist nicht so, daß ich Deleuze nicht gelesen hätte, u.a. auch einen vergleichsweise kurzen Text zum Modell des Rhizoms. Insofern faßt Du D/G's Ansatz, die Sprachverständniswege zu erkunden, in etwa so zusammen, wie ich es auch gerade noch hingekriegt hätte. Bitte mißverstehe mich nicht, ich freue mich, daß Du Dir die Mühe gemacht hast - nur, so wirklich viel weiterhelfen tuts mir nicht, weil die Komprimierung natürlich auch eine Verkürzung darstellt. Und mir kommen die von Dir zitierten Passagen schon ausgesprochen dicht vor - und mir verschlossen.
    Ich werde mitlesen und schauen, ob ich mich mit dem Sprach-Code der Beiden nicht doch wieder vertrauter machen kann.
    Aber nochmals, Danke!

  • Lieber Iselilja,
    ja, nein. Es ist nicht so, daß ich Deleuze nicht gelesen hätte, u.a. auch einen vergleichsweise kurzen Text zum Modell des Rhizoms. Insofern faßt Du D/G's Ansatz, die Sprachverständniswege zu erkunden, in etwa so zusammen, wie ich es auch gerade noch hingekriegt hätte. Bitte mißverstehe mich nicht, ich freue mich, daß Du Dir die Mühe gemacht hast - nur, so wirklich viel weiterhelfen tuts mir nicht, weil die Komprimierung natürlich auch eine Verkürzung darstellt. Und mir kommen die von Dir zitierten Passagen schon ausgesprochen dicht vor - und mir verschlossen.
    Ich werde mitlesen und schauen, ob ich mich mit dem Sprach-Code der Beiden nicht doch wieder vertrauter machen kann.
    Aber nochmals, Danke!

  • Hallo Friederike

    Es ist auch bei mir schon einige Zeit her, dass ich D&G gelesen habe. Während damals noch ein Verstehen dessen im Vordergrund stand, scheinen beim heutigen "Überfliegen" die meisten Aussagen bereits in verschiedenen erweiterten Theorien (vgl. Luhmanns Systemtheorie) Anwendung zu finden, und man hat fast das Gefühl etwas "längst Überholtes" zu lesen. Dennoch kann es sinnvoll sein, die Wurzel einer Entwicklung einer Hermeneutik zu unterziehen, und sei es nur die momentane Entwicklung besser beurteilen zu können. Im wesentlichen stehen von meiner Seite aus zwei Themen im Hintergrund, die mein Interesse an der Sprachphilosophie aktuell nähren. Zum einen referiert die Körper-Geist-Diskussion immer wieder auf die Sprache in einem Modus der Veranschaulichung. Sprache dient somit als Darstellungsobjekt für dieses oder jenes Verständnis. Die zweite und eng damit verknüpfte Frage ist, inwiefern sich Sprache und Denken getrennt betrachten lassen. Soviel kurz dazu.


    Unausweichlicher Fakt ist, dass Sprache irgendwie vom Menschen erlernt wird. Es gibt also keine angeborenen Sprachmuster oder ähnliches, so wie es etwa angeborene Reflexschemata bei Neugeborenen gibt. Zu diesen Reflex-Schemata wären allerdings die prinzipielle Fähigkeit, eine Sprache im anatomisch gegebenen Kontext erlernen zu können, mit einzubeziehen. Ein Erlernen setzt neben der Fähigkeit lernen zu können auch einen (oder mehrere) Lehrer voraus. Ohne diese beiden Vorraussetzungen müsste man das Zustandekommen von gesprochener, lebendiger Sprache einem anderweitigen Entwicklungsprozess zuordnen können. Davon gibt es aber empirisch keine Hinweise. Was hingegen beobachtbar ist, ist das prozesshafte Erlernen einer (oder mehrerer) Sprache in einem Umfeld, welches in erster Linie durch Eltern und in zweiter Linie durch gleichaltrige Kinder vorangetrieben wird. Ob sich durch diese "zweite Linie" eine Veränderung des Erlernens (hinsichtlich Geschwindigkeit und Variabilität) ergibt ist soweit noch nicht ersichtlich, wird aber mit zunehmendem Alter wahrscheinlicher. Bis zu diesem Zeitpunkt (etwa bis 3 Jahre) ist eine sprachlich-strukturelle Indifferenz aus der Perspektive des Lernenden gegeben, die eng mit der Bewegung des Kindes zusammenhängt. Vgl. dazu Bewegungsentwicklung & Sprache bei Kindern von 0 – 3 Jahren.


    Später evtl. mehr dazu.. lg

    Es ist gut, ins philosophische Nichts zu springen. Besser ist es, wieder heil nach Hause zu kommen.
    Wenn du die Natur beherrschen willst, mein lieber Adson, musst du zuerst lernen ihr zu gehorchen. (aus Der Name der Rose)
    et cuncta bona erant

  • Hallo Friederike

    Es ist auch bei mir schon einige Zeit her, dass ich D&G gelesen habe. Während damals noch ein Verstehen dessen im Vordergrund stand, scheinen beim heutigen "Überfliegen" die meisten Aussagen bereits in verschiedenen erweiterten Theorien (vgl. Luhmanns Systemtheorie) Anwendung zu finden, und man hat fast das Gefühl etwas "längst Überholtes" zu lesen. Dennoch kann es sinnvoll sein, die Wurzel einer Entwicklung einer Hermeneutik zu unterziehen, und sei es nur die momentane Entwicklung besser beurteilen zu können. Im wesentlichen stehen von meiner Seite aus zwei Themen im Hintergrund, die mein Interesse an der Sprachphilosophie aktuell nähren. Zum einen referiert die Körper-Geist-Diskussion immer wieder auf die Sprache in einem Modus der Veranschaulichung. Sprache dient somit als Darstellungsobjekt für dieses oder jenes Verständnis. Die zweite und eng damit verknüpfte Frage ist, inwiefern sich Sprache und Denken getrennt betrachten lassen. Soviel kurz dazu.


    Unausweichlicher Fakt ist, dass Sprache irgendwie vom Menschen erlernt wird. Es gibt also keine angeborenen Sprachmuster oder ähnliches, so wie es etwa angeborene Reflexschemata bei Neugeborenen gibt. Zu diesen Reflex-Schemata wären allerdings die prinzipielle Fähigkeit, eine Sprache im anatomisch gegebenen Kontext erlernen zu können, mit einzubeziehen. Ein Erlernen setzt neben der Fähigkeit lernen zu können auch einen (oder mehrere) Lehrer voraus. Ohne diese beiden Vorraussetzungen müsste man das Zustandekommen von gesprochener, lebendiger Sprache einem anderweitigen Entwicklungsprozess zuordnen können. Davon gibt es aber empirisch keine Hinweise. Was hingegen beobachtbar ist, ist das prozesshafte Erlernen einer (oder mehrerer) Sprache in einem Umfeld, welches in erster Linie durch Eltern und in zweiter Linie durch gleichaltrige Kinder vorangetrieben wird. Ob sich durch diese "zweite Linie" eine Veränderung des Erlernens (hinsichtlich Geschwindigkeit und Variabilität) ergibt ist soweit noch nicht ersichtlich, wird aber mit zunehmendem Alter wahrscheinlicher. Bis zu diesem Zeitpunkt (etwa bis 3 Jahre) ist eine sprachlich-strukturelle Indifferenz aus der Perspektive des Lernenden gegeben, die eng mit der Bewegung des Kindes zusammenhängt. Vgl. dazu Bewegungsentwicklung & Sprache bei Kindern von 0 – 3 Jahren.


    Später evtl. mehr dazu.. lg

    Es ist gut, ins philosophische Nichts zu springen. Besser ist es, wieder heil nach Hause zu kommen.
    Wenn du die Natur beherrschen willst, mein lieber Adson, musst du zuerst lernen ihr zu gehorchen. (aus Der Name der Rose)
    et cuncta bona erant

  • Man geht allerdings davon aus, dass es bereits eine pränatale Beinflussung des eigentlichen Spracherwerbs gibt, die sowohl hinsichtlich der Prosodie als auch der Phoneme eine Rolle spielt. Was vermutlich zu einem schnelleren, wenn an die Mutter gebundenen, Spracherwerb führt. vgl. hier

    Das heißt nun offensichtlich, dass einem Verstehen von sprachlichen Inhalten eine "akkustische Einstimmung" lange vorrausgeht, scheinbar auch unabhängig davon, wieviele Sprachen postnatal erworben werden. Auffällig ist jedenfalls die vorherrschende Meinung, dass ein Neugeborenes jede native menschliche Sprache erwerben kann. Nativismus und Kognitivismus hätten also somit mindestens eine gemeinsame Grundlage, auch wenn sich ihre Ansätze wesentlich unterscheiden. Das Tabula-Rasa-Prinzip wird hingegen heute nicht oder kaum mehr ernsthaft verfolgt. Prinzipiell könnten also sowohl Chomskys Ansatz einer wirkenden Universalgrammatik als auch D&Gs Ansatz eines rhizomatischen Spracherberbs zutreffend sein.

    Es ist gut, ins philosophische Nichts zu springen. Besser ist es, wieder heil nach Hause zu kommen.
    Wenn du die Natur beherrschen willst, mein lieber Adson, musst du zuerst lernen ihr zu gehorchen. (aus Der Name der Rose)
    et cuncta bona erant

    Edited once, last by iselilja (August 25, 2013 at 10:50 PM).

  • Man geht allerdings davon aus, dass es bereits eine pränatale Beinflussung des eigentlichen Spracherwerbs gibt, die sowohl hinsichtlich der Prosodie als auch der Phoneme eine Rolle spielt. Was vermutlich zu einem schnelleren, wenn an die Mutter gebundenen, Spracherwerb führt. vgl. hier

    Das heißt nun offensichtlich, dass einem Verstehen von sprachlichen Inhalten eine "akkustische Einstimmung" lange vorrausgeht, scheinbar auch unabhängig davon, wieviele Sprachen postnatal erworben werden. Auffällig ist jedenfalls die vorherrschende Meinung, dass ein Neugeborenes jede native menschliche Sprache erwerben kann. Nativismus und Kognitivismus hätten also somit mindestens eine gemeinsame Grundlage, auch wenn sich ihre Ansätze wesentlich unterscheiden. Das Tabula-Rasa-Prinzip wird hingegen heute nicht oder kaum mehr ernsthaft verfolgt. Prinzipiell könnten also sowohl Chomskys Ansatz einer wirkenden Universalgrammatik als auch D&Gs Ansatz eines rhizomatischen Spracherberbs zutreffend sein.

    Es ist gut, ins philosophische Nichts zu springen. Besser ist es, wieder heil nach Hause zu kommen.
    Wenn du die Natur beherrschen willst, mein lieber Adson, musst du zuerst lernen ihr zu gehorchen. (aus Der Name der Rose)
    et cuncta bona erant

    Edited once, last by iselilja (August 25, 2013 at 10:50 PM).

  • Interessant dürfte u.a. auch sein, dass hinsichtlich der neuronalen Korrelation Spracherwerb nicht gleich Spracherwerb ist.

    Quote from Kühls, Holger

    Interessanter Weise sieht das anders aus, wenn ein Kind im frühen Alter zwei Sprachen lernt, also zweisprachig aufwächst. In diesem Fall entsteht ein einziges neuronales Netz für beide Sprachen. In der Computertomografie (CT) werden bei der Nutzung beider Sprachen die gleichen Areale und Bereiche als aktiv angezeigt. Das Kind, das sehr früh mehrere Sprachen erwirbt, lernt dabei jede der Sprachen mühelos und nahezu automatisch.

    Wenn ein Mensch hingegen später lernt, dann entwickelt sich für diese zweite Sprache teilweise ein neues Netzwerk. Und das führt dazu, dass das Erlernen dieser zweiten Sprache sehr viel mehr Anstrengung, Mühe und Üben bedeutet und nicht wie bei der ersten Sprache nahezu automatisch und intuitiv durch Nachahmung und fast spielerischem Versuch und Irrtum läuft. Zudem wird auch niemals die Vollkommenheit der ersten Sprache erreicht.

    Interessanterweise ist dies noch etwas differenzierter zu sehen. Vor allem im Broca-Areal, das für die Grammatik zuständig ist, ergeben sich für jede deutlich später erworbene Sprache neue neuronale Netze, d.h. gerade im Hinblick auf Grammatik lässt sich durch noch so intensives Lernen nicht der Stand erreichen, den ein "Frühlerner" erreicht. Etwas Ähnliches gilt für die Aussprache - der fremde Akzent bleibt. Dies erklärt auch, warum Gastarbeiter, die schon 30 Jahre in Deutschland leben, an ihrer Sprache erkannt werden können. Hingegen kann der Wortschatz durch entsprechendes Lernen oder durch längere Aufenthalte in einem Land, in dem die gelernte Sprache gesprochen wird, sich dem eines Einheimischen angleichen.

    vgl. hier

    Allerdings stellt Sprache als eigenständiger Sachverhalt ein Unikat in der uns zugänglichen natürlichen Umwelt dar. Alle anderen Erwerbs-Prozesse, die sich bereits im Kindesalter manifestieren, haben keine natürlichen Alternativen, welche vergleichsweise Studien über die neuronalen Zusammenhänge bieten könnten. So gibt es bspw. kein zweites Farbspektrum, das wir wahrnehmend ab einem bestimmten Alter "erlernen" könnten, oder bspw. auch keine alternative Motorik. Insofern ist die allgemeinere Frage, ob eine früherworbene Alternative (hier Bilingualität) zu neuronaler Konzentrierung führt, einzigartig und damit nicht komparatistisch falsifizierbar.

    Es ist gut, ins philosophische Nichts zu springen. Besser ist es, wieder heil nach Hause zu kommen.
    Wenn du die Natur beherrschen willst, mein lieber Adson, musst du zuerst lernen ihr zu gehorchen. (aus Der Name der Rose)
    et cuncta bona erant

    Edited 3 times, last by iselilja (August 26, 2013 at 1:42 AM).

  • Interessant dürfte u.a. auch sein, dass hinsichtlich der neuronalen Korrelation Spracherwerb nicht gleich Spracherwerb ist.

    Quote from Kühls, Holger

    Interessanter Weise sieht das anders aus, wenn ein Kind im frühen Alter zwei Sprachen lernt, also zweisprachig aufwächst. In diesem Fall entsteht ein einziges neuronales Netz für beide Sprachen. In der Computertomografie (CT) werden bei der Nutzung beider Sprachen die gleichen Areale und Bereiche als aktiv angezeigt. Das Kind, das sehr früh mehrere Sprachen erwirbt, lernt dabei jede der Sprachen mühelos und nahezu automatisch.

    Wenn ein Mensch hingegen später lernt, dann entwickelt sich für diese zweite Sprache teilweise ein neues Netzwerk. Und das führt dazu, dass das Erlernen dieser zweiten Sprache sehr viel mehr Anstrengung, Mühe und Üben bedeutet und nicht wie bei der ersten Sprache nahezu automatisch und intuitiv durch Nachahmung und fast spielerischem Versuch und Irrtum läuft. Zudem wird auch niemals die Vollkommenheit der ersten Sprache erreicht.

    Interessanterweise ist dies noch etwas differenzierter zu sehen. Vor allem im Broca-Areal, das für die Grammatik zuständig ist, ergeben sich für jede deutlich später erworbene Sprache neue neuronale Netze, d.h. gerade im Hinblick auf Grammatik lässt sich durch noch so intensives Lernen nicht der Stand erreichen, den ein "Frühlerner" erreicht. Etwas Ähnliches gilt für die Aussprache - der fremde Akzent bleibt. Dies erklärt auch, warum Gastarbeiter, die schon 30 Jahre in Deutschland leben, an ihrer Sprache erkannt werden können. Hingegen kann der Wortschatz durch entsprechendes Lernen oder durch längere Aufenthalte in einem Land, in dem die gelernte Sprache gesprochen wird, sich dem eines Einheimischen angleichen.

    vgl. hier

    Allerdings stellt Sprache als eigenständiger Sachverhalt ein Unikat in der uns zugänglichen natürlichen Umwelt dar. Alle anderen Erwerbs-Prozesse, die sich bereits im Kindesalter manifestieren, haben keine natürlichen Alternativen, welche vergleichsweise Studien über die neuronalen Zusammenhänge bieten könnten. So gibt es bspw. kein zweites Farbspektrum, das wir wahrnehmend ab einem bestimmten Alter "erlernen" könnten, oder bspw. auch keine alternative Motorik. Insofern ist die allgemeinere Frage, ob eine früherworbene Alternative (hier Bilingualität) zu neuronaler Konzentrierung führt, einzigartig und damit nicht komparatistisch falsifizierbar.

    Es ist gut, ins philosophische Nichts zu springen. Besser ist es, wieder heil nach Hause zu kommen.
    Wenn du die Natur beherrschen willst, mein lieber Adson, musst du zuerst lernen ihr zu gehorchen. (aus Der Name der Rose)
    et cuncta bona erant

    Edited 3 times, last by iselilja (August 26, 2013 at 1:42 AM).

  • Quote from "H. Kühls"

    Interessanter Weise sieht das anders aus, wenn ein Kind im frühen Alter zwei Sprachen lernt, also zweisprachig aufwächst. In diesem Fall entsteht ein einziges neuronales Netz für beide Sprachen. In der Computertomografie (CT) werden bei der Nutzung beider Sprachen die gleichen Areale und Bereiche als aktiv angezeigt. Das Kind, das sehr früh mehrere Sprachen erwirbt, lernt dabei jede der Sprachen mühelos und nahezu automatisch.

    Wenn ein Mensch hingegen später lernt, dann entwickelt sich für diese zweite Sprache teilweise ein neues Netzwerk. Und das führt dazu, dass das Erlernen dieser zweiten Sprache sehr viel mehr Anstrengung, Mühe und Üben bedeutet und nicht wie bei der ersten Sprache nahezu automatisch und intuitiv durch Nachahmung und fast spielerischem Versuch und Irrtum läuft. Zudem wird auch niemals die Vollkommenheit der ersten Sprache erreicht.


    Deine verlinkten Lit. Hinweise habe ich noch nicht gelesen. Möglicherweise stünde dort eine Antwort.
    Eine reine Wissens-Nachfrage, Iselilja: wird irgendwo erwähnt, ob überhaupt und wenn ja, wie es sich bei gehörlosen Kindern bzw. Säuglingen im Gehirn abbildet?

  • Quote from "H. Kühls"

    Interessanter Weise sieht das anders aus, wenn ein Kind im frühen Alter zwei Sprachen lernt, also zweisprachig aufwächst. In diesem Fall entsteht ein einziges neuronales Netz für beide Sprachen. In der Computertomografie (CT) werden bei der Nutzung beider Sprachen die gleichen Areale und Bereiche als aktiv angezeigt. Das Kind, das sehr früh mehrere Sprachen erwirbt, lernt dabei jede der Sprachen mühelos und nahezu automatisch.

    Wenn ein Mensch hingegen später lernt, dann entwickelt sich für diese zweite Sprache teilweise ein neues Netzwerk. Und das führt dazu, dass das Erlernen dieser zweiten Sprache sehr viel mehr Anstrengung, Mühe und Üben bedeutet und nicht wie bei der ersten Sprache nahezu automatisch und intuitiv durch Nachahmung und fast spielerischem Versuch und Irrtum läuft. Zudem wird auch niemals die Vollkommenheit der ersten Sprache erreicht.


    Deine verlinkten Lit. Hinweise habe ich noch nicht gelesen. Möglicherweise stünde dort eine Antwort.
    Eine reine Wissens-Nachfrage, Iselilja: wird irgendwo erwähnt, ob überhaupt und wenn ja, wie es sich bei gehörlosen Kindern bzw. Säuglingen im Gehirn abbildet?

  • Hallo Friederike

    Dieser Fragestellung war ich bisher noch nicht nachgegangen. Sie scheint mir aber sehr interessant zu sein. Eine Dissertation zu diesem Thema gibt es jedenfalls - in wieweit sie diese Frage beantwortet, kann ich aber noch nicht beurteilen. Habe sie selbst noch nicht gelesen.

    lg

    Es ist gut, ins philosophische Nichts zu springen. Besser ist es, wieder heil nach Hause zu kommen.
    Wenn du die Natur beherrschen willst, mein lieber Adson, musst du zuerst lernen ihr zu gehorchen. (aus Der Name der Rose)
    et cuncta bona erant

  • Hallo Friederike

    Dieser Fragestellung war ich bisher noch nicht nachgegangen. Sie scheint mir aber sehr interessant zu sein. Eine Dissertation zu diesem Thema gibt es jedenfalls - in wieweit sie diese Frage beantwortet, kann ich aber noch nicht beurteilen. Habe sie selbst noch nicht gelesen.

    lg

    Es ist gut, ins philosophische Nichts zu springen. Besser ist es, wieder heil nach Hause zu kommen.
    Wenn du die Natur beherrschen willst, mein lieber Adson, musst du zuerst lernen ihr zu gehorchen. (aus Der Name der Rose)
    et cuncta bona erant

  • Soweit ich das momentan beurteilen kann, bestehen signifikante Ähnlichkeiten zwischen dem Erwerb einer gesprochenen und dem Erwerb einer Gebärdensprache. Sowohl beim Erwerb als Primärsprache (L1) als auch als spätere Zweitsprache (L2).

    Quote from Liebisch, Ulrike - Kortikale Verarbeitung von bewegungs- und sprachrelevanten visuellen Stimuli bei Gehörlosen, Gebärdensprachdolmetschern und Hörenden – eine Untersuchung mit funktioneller Kernspintomografie - Dissertation

    3.2.1.1 Unterschiede zwischen frühem und spätem Spracherwerb bei Gehörlosen
    Für die eben berichteten Ergebnisse wurden gehörlose Kinder untersucht, die von Geburt an Kontakt zur Gebärdensprache hatten, da ihre Eltern ebenfalls gehörlos waren. Wie aber stellen sich Lernstrategien im Spracherwerb dar, wenn die Gebärdensprache nicht primärsprachlich, sondern später erworben wird (bei 90% aller Gehörlosen der Fall)? Es konnte nachgewiesen werden, dass Gebärdensprachen weniger gut beherrscht werden, je später sie gelernt werden (vgl. Newport, 1988 ). Für die Interpretation der Untersuchungsergebnisse von großer Bedeutung ist neben dem Wissen, dass die Gebärdensprache schlechter beherrscht wird, der Umstand, wie Spätlernende die Gebärdensprache erwerben. Supalla & Newport (1980) fanden heraus, dass Gehörlose, die Gebärdensprache bei Eintritt in das Schulalter erlernten, diese eher „ganzheitlich“ erlernen und von Gebärdenvarianten auf inkonsequente Weise Gebrauch machen. Das bedeutet, dass diese Gruppe der Gehörlosen nicht die grammatikalisch-semantischen Feinheiten und den Aufbau der Sprache in der Abfolge der eben beschriebenen Schritte erlernt, sondern sich eher ganze Wörter in einem bestimmten Kontext aneignet, ohne diese Wörter anhand verschiedener Situationen und Silbe für Silbe zu erwerben (vgl. Supalla & Newport, 1980). Die Gruppe der Spätlernenden zeichnet sich durch explizite (bewusste) Sprachaneignung aus, wogegen Kleinkinder Sprache implizit (unbewusst) erlernen.

    Leider fehlt auch hier die Möglichkeit der Untersuchung hinsichtlich einer frühen Bilingualität, was wohl daraus resultieren dürfte, dass gehörlose Mütter ihrem Kind nicht zwei Variationen von Gebärdensprachen beibringen. Aber ansonsten ist die Arbeit von Liebisch sehr aufschlußreich.

    Es ist gut, ins philosophische Nichts zu springen. Besser ist es, wieder heil nach Hause zu kommen.
    Wenn du die Natur beherrschen willst, mein lieber Adson, musst du zuerst lernen ihr zu gehorchen. (aus Der Name der Rose)
    et cuncta bona erant

  • Soweit ich das momentan beurteilen kann, bestehen signifikante Ähnlichkeiten zwischen dem Erwerb einer gesprochenen und dem Erwerb einer Gebärdensprache. Sowohl beim Erwerb als Primärsprache (L1) als auch als spätere Zweitsprache (L2).

    Quote from Liebisch, Ulrike - Kortikale Verarbeitung von bewegungs- und sprachrelevanten visuellen Stimuli bei Gehörlosen, Gebärdensprachdolmetschern und Hörenden – eine Untersuchung mit funktioneller Kernspintomografie - Dissertation

    3.2.1.1 Unterschiede zwischen frühem und spätem Spracherwerb bei Gehörlosen
    Für die eben berichteten Ergebnisse wurden gehörlose Kinder untersucht, die von Geburt an Kontakt zur Gebärdensprache hatten, da ihre Eltern ebenfalls gehörlos waren. Wie aber stellen sich Lernstrategien im Spracherwerb dar, wenn die Gebärdensprache nicht primärsprachlich, sondern später erworben wird (bei 90% aller Gehörlosen der Fall)? Es konnte nachgewiesen werden, dass Gebärdensprachen weniger gut beherrscht werden, je später sie gelernt werden (vgl. Newport, 1988 ). Für die Interpretation der Untersuchungsergebnisse von großer Bedeutung ist neben dem Wissen, dass die Gebärdensprache schlechter beherrscht wird, der Umstand, wie Spätlernende die Gebärdensprache erwerben. Supalla & Newport (1980) fanden heraus, dass Gehörlose, die Gebärdensprache bei Eintritt in das Schulalter erlernten, diese eher „ganzheitlich“ erlernen und von Gebärdenvarianten auf inkonsequente Weise Gebrauch machen. Das bedeutet, dass diese Gruppe der Gehörlosen nicht die grammatikalisch-semantischen Feinheiten und den Aufbau der Sprache in der Abfolge der eben beschriebenen Schritte erlernt, sondern sich eher ganze Wörter in einem bestimmten Kontext aneignet, ohne diese Wörter anhand verschiedener Situationen und Silbe für Silbe zu erwerben (vgl. Supalla & Newport, 1980). Die Gruppe der Spätlernenden zeichnet sich durch explizite (bewusste) Sprachaneignung aus, wogegen Kleinkinder Sprache implizit (unbewusst) erlernen.

    Leider fehlt auch hier die Möglichkeit der Untersuchung hinsichtlich einer frühen Bilingualität, was wohl daraus resultieren dürfte, dass gehörlose Mütter ihrem Kind nicht zwei Variationen von Gebärdensprachen beibringen. Aber ansonsten ist die Arbeit von Liebisch sehr aufschlußreich.

    Es ist gut, ins philosophische Nichts zu springen. Besser ist es, wieder heil nach Hause zu kommen.
    Wenn du die Natur beherrschen willst, mein lieber Adson, musst du zuerst lernen ihr zu gehorchen. (aus Der Name der Rose)
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