Für eine Beantwortung [der Frage, was denn ein Sachverhalt ist] empfielt sich der Blick in einschlägige Wörterbücher. Der Artikel im HWPh Bd. 8, S. 1103-1113 fällt außerordentlich komplex aus.
Doch deutet er eingangs bereits eine aus dem römischen Recht abgeleitete Unterscheidung von status rerum und status hominum sowie die Übertragung des status-Problems auf die Rhetorik - und dort weiterhin im rechtlichen bzw. richterlichen Kontext. Es geht hier um Behauptungen oder Festlegungen.
Bemühte man den Eisler, so würde man unter dem Stichwort "Sachverhalt" nicht fündig, pendelte aber zwischen den auf einander verweisenden "Ding" und "Sache" hin und her.
Entschlösse man sich dazu, in der Wikipedia zu stöbern, fände sich die Aussage "Ein Sachverhalt bezeichnet eine Lage, in der sich Gegenstände eines beliebigen Interesses mutmaßlich zueinander befinden."
Was eine Mutmaßung ist, ließe sich dann freilich wiederum thematisieren. Ob das ein Muss ist, würde ich angesichts der Verschachtelung dieses Threads mit einem anderen bejahen. Um das abzukürzen: Im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache wird zu den Synonymen zu Mutmaßung zuvörderst "Behauptung" erwähnt.
Und das ist es auch, was einen Sachverhalt entscheidend ausmacht. Er ist keine Tatsache. Die Wirklichkeit eines Sachverhaltes meint also immer noch die Wirklichkeit von etwas, das allein als behauptet sicher ist.
[...] Ein Fakt ist eine Tatsache. Eine Tatsache ist eine Sache der Tat und gehört zu den Sachverhalten. Die Tat, um die es dabei geht, war ursprünglich die Tat Gottes (dazu bspw. Butler). Fichte sollte später als nicht von Tatsache, sondern von Tathandlung ausgehen, die er als die eigentliche Setzung des Ich verstand. Der Benutzer Leser setzt ebenfalls auf eine Tätigkeit als Prinzip für alles übrige, wenn er sagt: "Es gibt ein tätiges Prinzip..." Das Prinzip ist also nicht materieller, sondern geistiger und damit aktiver Art.
In Eislers philosophischem Wörterbuch findet sich folgendes:
Die Welt (unsere raumzeitliche Welt) besteht [...] nicht aus Tatsachen, sondern aus konkreten Gegenständen.
Dieses Zitat von Tugenthat oder Wolf stammt aus einer Anmerkung - es scheint sich für die Autoren dabei um eine Selbstverständlichkeit zu handeln. Unter dem Stichwort "Sache/Sachverhalt" in "Neues Handbuch Philosophischer Grundbegriffe" geschrieben von Erwin Tegtmeier findet man, dass diese Position - es gibt Dinge, aber keine Sachverhalte - auf Aristoteles zurück geht. Das scheint der Mainstream in der Philosophie zu sein. Donald Davidson ist der Ansicht, dass niemand habe zeigen können, was denn ein Sachverhalt sei. Auch er vertritt keine Sachverhalt-Ontologie (sondern eine Ereignis-Ontologie, wie man so hört ...) Wenn ich recht sehe, gibt es aber "berühmte" Ausnahmen - Russell und der frühe Wittgenstein gehören wohl dazu. (Die Welt ist alles, was der Fall ist. 1.1: Die Welt ist die Gesamtheit der Tatsachen, nicht der Dinge.)
Die Frage ist alles andere als nebensächlich, scheint mir. Aristoteles gilt bekanntlich als "Erfinder" der Korrespondenztheorie der Wahrheit. Schon er sah ein Problem: Wie können Sätze Dingen entsprechen? Wie soll man sich also eine Korrespondenz zwischen zwei so unterschiedlichen Relata vorstellen? Das, was ein Aussagesatz ausdrückt ist ein Sachverhalt. Ein triviales Beispiel dafür (eine sog. propositionale Einstellung): Peter glaubt, dass der Schlüssel auf dem Tisch liegt. Setzt man ein Ding-Ontologie an - wobei der Satz einen Sachverhalt ausdrückt - wird man zu der Vermutung getrieben, dass den Begriffen Tisch und Schlüssel Dinge in der Welt entsprechen, während der Sachverhalt (Schlüssel auf Tisch) von uns spendiert wird und nur in unserem Geiste existiert. Mit Sachverhalts-Ontologien könnten Korrespondenztheoretiker vielleicht Hoffnung schöpfen. Der Satz ist wahr, wenn der Sachverhalt, den er ausdrückt besteht - wirklich tatsächlich besteht.
Das Beispiel mag aber zu simpel sein. Ich nehme mal dieses aus einem anderen Thread: "Picassos Spätwerk übersteigt alles, was er als junger Mann zustande brachte, selbst wenn zu vermuten steht, dass er nicht den selben Ruhm erlangt hätte, wenn er mit dem Spätwerk gestartet wäre." Hier kommen noch Wertungen hinzu und verschiedene Sachverhalte werden zusammengeschoben ... Wenn die Welt aus solchen Sachverhalten bestünde, dann wäre sie schnell übervoll. Aber vielleicht kann man elementare Sachverhalte annehmen, die sich dann wiederum zu Sachverhalten aus Sachverhalten zusammensetzen ...
Bis dato neige ich eher dem Mainstream zu, also dem was Tugenthat/Wolf sagen. Die Korrespondenztheorie der Wahrheit (sowie alle anderen Wahrheitstheorien ebenso) lehne ich ab.
Aber was nicht ist, kann ja noch werden
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