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Hallo, Ihr philosophischen Tier- und Menschenfreunde! ![]()
In seinem Buch "Der Mensch und andere Tiere" *) untersucht Peter Janich kritisch die evolutionsbiologische Naturalisierung des Menschen. Ihm geht es dabei selbstverständlich nicht um eine Revision der Evolutionstheorie. Vielmehr nimmt er deren (populär-) philosophische Begleitmusik aufs Korn - den sog. Naturalismus, der die Unterschiede zwischen Tier und Mensch, Natur und Kultur gern verwischt. Janich misst diese Begleitphilosophie streng an den Standards, die für wissenschaftliche Aussagen gelten, macht auf Inkonsistenzen, Widersprüche, Scheinprobleme, Anthropomorphismen... aufmerksam, und unterbreitet Vorschläge, wie diese Defizite sprachkritisch zu beheben seien.
Den analytischen Kern des Buches bildet m.E. das dritte Kapitel, "Auflösung des Missverständnisses" (S.126-164). Dort widmet sich Janich den in Alltag und Wissenschaften unverzichtbaren Aussagetypen der "Beschreibung" und der "Zuschreibung"; er erläutert ihre grundlegenden Unterschiede und zeigt ihre Unabhängigkeit voneinander, aber auch ihre partiellen Interdepenzen auf.
Um einen ersten Vorbegriff vom Unterschied zwischen Beschreibung und Zuschreibung zu geben, zitiere ich einfach die ersten beiden Absätze des 3. Kapitels:
QuoteIm Alltag, in den Wissenschaften und in der Philosophie ist es seit unvordenklichen Zeiten eine allgemein geübte und vertraute Praxis, Beschreibungen und Zuschreibungen vorzunehmen und zu unterscheiden. Im heutigen Alltag beschreiben wir zum Beispiel einen Weg, ein Bild, eine Reise und vieles andere mehr, während wir beim Zuschreiben, synonym Zurechnen, Zusprechen oder Zuerkennen, einer Person eine Leistung oder eine Fehlleistung als Verdienst oder Verschulden mit Anerkennung oder Missachtung, mit Lob oder Tadel, mit Belohnung oder Bestrafung vergelten; da die Wörter Leistung und Fehlleistung mit einer üblichen Zweideutigkeit (wie beim Wort "Arbeit" als Tätigkeit und Produkt) sowohl den Vorgang als auch dessen Ergebnis meinen, werden also auch Ergebnisse von Leistungen oder Fehlleistungen zugeschrieben. Man denke etwa an den Kauf eines Autos, das der Köufer durch Bezahlung in sein Eigentum bringt; mietet er den Wagen nur, ist er nicht Eigentümer, sondern Besitzer. Eigentum und Besitz sind also Beispiele dafür, dass sich auch Ergebnisse von Leistungen wie die Leistungen selbst einer Person oder Personengruppe zuschreiben lassen.
In den Wissenschaften ist ebenfalls das Beschreiben vom Zuschreiben klar unterschieden. Während das Beschreiben etwa die fachwissenschaftlichen Aussagen über den jeweiligen Gegenstand wie das Sonnensystem in der Astronomie, das Verhalten in der Psychologie, Reaktionen in der Chemie usw. betreffen, die in den Naturwissenschaften mit dem Anspruch auf eine personenunabhängige Geltung verknüpft sind, werden (etwa Forschungs-) Leistungen zugeschrieben und für einzelne Urheber mit Karriere, Geld oder Ehre honoriert, indem zum Beispiel neuentdeckte Sterne, Pflanzen- oder Tierarten, Naturgesetze oder physikalische Effekte nach dem Urheber oder Entdecker benannt werden. (S. 126f.)
Das Ziel von Janichs terminologischer Klärung ist nicht einfach eine bloße Sprachregelung. Janich will auch Kriterien für die Angemessenheit von Beschreibungen und Zuschreibungen unterbreiten. Denn die naturalistischen Tierfreunde sind ja bekanntlich sehr freigiebig, wenn es darum geht, Tieren bestimmte Leistungen zuzuerkennen, die ehedem nur dem Menschen zugesprochen wurden und die ihn von den Tieren spezifisch unterscheiden sollten: Werkzeuggebrauch, zweckrationale Intelligenz, Sprachfähigkeit, ethische Bewertungen usw. Zu fragen ist, wie sich solche Zuschreibungen begründen lassen.
Dass Beschreibungen wahr oder falsch sein können, ist allgemein akzeptiert. Aber wie verhält es sich bei Zuschreibungen? Handelt es sich da nur um persönliche Einschätzungen?
QuoteOb man Tieren Geist, Seele, Selbstbewusstsein oder ähnliches zuschreibt, scheint den beliebigen Meinungsbekundungen von Autoren überlassen. Dabei sollten nach Möglichkeit in den Wissenschaften wie in der Philosophie solche Zuschreibungen mit Gründen versehen werden. Denn sie können nach gängigem Verständnis nicht wahr oder falsch sein. Das "Zuschreiben" wird dort, pointiert gesagt, als Beschreiben mit Begründungsverzicht praktiziert. Umgekehrt ist dann auch das Risiko groß, das Zuschreiben einfach "Beschreiben" zu nennen, um sich dadurch für Zuschreibungen den Status des Prüfbaren, empirisch Gültigen zu erschleichen. Diese Missverständnisse also sind zu überwinden. (S. 128 )
Ich werde versuchen, Janichs Analysen, Thesen und Vorschläge schrittweise zu referieren und zur Diskussion zu stellen. Vielleicht hat der eine oder andere genug Interesse, das Buch selbst zu lesen; das würde die Diskussion sicherlich erleichtern.
Gruß,
H.
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*) P.Janich, Der Mensch und andere Tiere. Das zweideutige Erbe Darwins, Frankfurt/M. 2010 (= edition unseld 35). Preis: 12 €