Publikationen und Rezensionen zur Anthropologie/philosophischen Anthropologie
Publikationen und Rezensionen
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November 25, 2008 at 3:21 AM -
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Publikationen und Rezensionen zur Anthropologie/philosophischen Anthropologie
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Philosophische Anthropologie im 21. Jahrhundert Hans-Peter Krüger, Gesa Lindemann [Hrsg.] (2006)
Kurzbeschreibung
Die Buchreihe zur "Philosopischen Anthropologie" wird mit einem Band eröffnet, der die Philosophische Anthropologie im Streit vorstellt. Geführt wird dieser Streit um das Paradigma der Philosophischen Anthropologie und um ihre Methoden im Unterschied sowohl zu anderen Philosophien als auch zu den verschiedenen Erfahrungswissenschaften. Schließlich finden ihre Grenzbestimmungen und Grenzübergänge anhand ausgewählter Themen eine exemplarische Erprobung.
Aus dem Inhalt:
1. Wer und was ist ein Mensch? - Paradigma und Methoden der Philosophischen Anthropologie heute
2. Der Dritte und das Dritte
3. Die exemplarische Fassung grundlegender Probleme der LebensführungMit Beiträgen von:Joachim Fischer, Gerhard Gamm, Ulle Jäger, Heike Kämpf, Karin Köllner, Hans-Peter Krüger, Gesa Lindemann, Alexandra Manzei, Matthias Schloßberger und Volker SchürmannIn der neuen Buchreihe Philosophische Anthropologie, für deren internationalen Beirat Gerhard Roth (Bremen) und Richard Shusterman (Philadelphia) gewonnen wurden, erscheinen zum einen erfahrungswissenschaftlich orientierte Beiträge, die ihre disziplinären Grenzen durch anthropologische Reflexionen überschreiten, und zum anderen philosophische Arbeiten, die sich reflexiv auf disziplinär gebundenes erfahrungswissenschaftliches Wissen und die entsprechenden Anthropologien einlassen.
Die Reihe wird - durch Monographien und Diskussionsbände - einen wichtigen Beitrag zur aktuellen Debatte um ein neues Selbstverständnis des Menschen leisten.Die Buchreihe eröffnet ein Band, der die Philosophische Anthropologie im Streit vorstellt. Geführt wird dieser Streit um das Paradigma der Philosophischen Anthropologie und um ihre Methoden im Unterschied sowohl zu anderen Philosophien als auch zu den verschiedenen Erfahrungswissenschaften. Schließlich finden ihre Grenzbestimmungen und Grenzübergänge anhand ausgewählter Themen eine exemplarische Erprobung. -
Philosophische Anthropologie im 21. Jahrhundert Hans-Peter Krüger, Gesa Lindemann [Hrsg.] (2006)
Kurzbeschreibung
Die Buchreihe zur "Philosopischen Anthropologie" wird mit einem Band eröffnet, der die Philosophische Anthropologie im Streit vorstellt. Geführt wird dieser Streit um das Paradigma der Philosophischen Anthropologie und um ihre Methoden im Unterschied sowohl zu anderen Philosophien als auch zu den verschiedenen Erfahrungswissenschaften. Schließlich finden ihre Grenzbestimmungen und Grenzübergänge anhand ausgewählter Themen eine exemplarische Erprobung.
Aus dem Inhalt:
1. Wer und was ist ein Mensch? - Paradigma und Methoden der Philosophischen Anthropologie heute
2. Der Dritte und das Dritte
3. Die exemplarische Fassung grundlegender Probleme der LebensführungMit Beiträgen von:Joachim Fischer, Gerhard Gamm, Ulle Jäger, Heike Kämpf, Karin Köllner, Hans-Peter Krüger, Gesa Lindemann, Alexandra Manzei, Matthias Schloßberger und Volker SchürmannIn der neuen Buchreihe Philosophische Anthropologie, für deren internationalen Beirat Gerhard Roth (Bremen) und Richard Shusterman (Philadelphia) gewonnen wurden, erscheinen zum einen erfahrungswissenschaftlich orientierte Beiträge, die ihre disziplinären Grenzen durch anthropologische Reflexionen überschreiten, und zum anderen philosophische Arbeiten, die sich reflexiv auf disziplinär gebundenes erfahrungswissenschaftliches Wissen und die entsprechenden Anthropologien einlassen.
Die Reihe wird - durch Monographien und Diskussionsbände - einen wichtigen Beitrag zur aktuellen Debatte um ein neues Selbstverständnis des Menschen leisten.Die Buchreihe eröffnet ein Band, der die Philosophische Anthropologie im Streit vorstellt. Geführt wird dieser Streit um das Paradigma der Philosophischen Anthropologie und um ihre Methoden im Unterschied sowohl zu anderen Philosophien als auch zu den verschiedenen Erfahrungswissenschaften. Schließlich finden ihre Grenzbestimmungen und Grenzübergänge anhand ausgewählter Themen eine exemplarische Erprobung. -
Die kulturelle Entwicklung des menschlichen Denkens. Zur Evolution der Kognition. Michael Tomasello (2002)
Klappentext:
Aus dem Englischen von Jürgen Schröder. Vor sechs Millionen Jahren trennte sich der Mensch von anderen Primaten, vor 250.000 Jahren entwickelte sich der moderne homo sapiens. Evolutionär gesehen, ist diese Zeitspanne sehr kurz. Immerhin teilen Affen und Menschen noch heute 99 Prozent ihres genetischen Materials. Trotzdem ist es nur der Menschheit gelungen, kognitive Fähigkeiten auszubilden, die so komplexe Gebilde wie sprachliche Kommunikation und symbolische Repräsentation, soziale Organisation und Institutionen, Hochleistungsindustrie und Technologien hervorgebracht haben. Wie ist das möglich? Gestützt auf zahlreiche Experimente mit Primaten und Kleinkindern, entwickelt der Anthropologe und Kognitionsforscher Michael Tomasello ein Modell des menschlichen Denkens, das dieses Phänomen erklären kann, indem er kulturelle Vermittlung als biologischen Mechanismus begreift. -
Die kulturelle Entwicklung des menschlichen Denkens. Zur Evolution der Kognition. Michael Tomasello (2002)
Klappentext:
Aus dem Englischen von Jürgen Schröder. Vor sechs Millionen Jahren trennte sich der Mensch von anderen Primaten, vor 250.000 Jahren entwickelte sich der moderne homo sapiens. Evolutionär gesehen, ist diese Zeitspanne sehr kurz. Immerhin teilen Affen und Menschen noch heute 99 Prozent ihres genetischen Materials. Trotzdem ist es nur der Menschheit gelungen, kognitive Fähigkeiten auszubilden, die so komplexe Gebilde wie sprachliche Kommunikation und symbolische Repräsentation, soziale Organisation und Institutionen, Hochleistungsindustrie und Technologien hervorgebracht haben. Wie ist das möglich? Gestützt auf zahlreiche Experimente mit Primaten und Kleinkindern, entwickelt der Anthropologe und Kognitionsforscher Michael Tomasello ein Modell des menschlichen Denkens, das dieses Phänomen erklären kann, indem er kulturelle Vermittlung als biologischen Mechanismus begreift. -
MENSCHENBILDER
Einführung in die philosophische Anthropologie. Von Rafael CapurroEinleitung
I. Menschenbilder der Antike
II. Menschenbilder des Mittelalters und der Renaissance
III. Menschenbilder der Moderne
IV. Menschenbilder der GegenwartOnline: http://www.capurro.de/mensch.htm
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MENSCHENBILDER
Einführung in die philosophische Anthropologie. Von Rafael CapurroEinleitung
I. Menschenbilder der Antike
II. Menschenbilder des Mittelalters und der Renaissance
III. Menschenbilder der Moderne
IV. Menschenbilder der GegenwartOnline: http://www.capurro.de/mensch.htm
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Zu Publikationen zur philosoph. Anthropologie : Den blinden Fleck verkleinert hat mir auch PETER SLOTERDIJK "Das Menschentreibhaus/ Stichworte zur historischen und prophetischen Anthropologie/Vier große Vorlesungen Verl. und Datenbank für Geisteswissenschaften Weimar 2001.
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Zu Publikationen zur philosoph. Anthropologie : Den blinden Fleck verkleinert hat mir auch PETER SLOTERDIJK "Das Menschentreibhaus/ Stichworte zur historischen und prophetischen Anthropologie/Vier große Vorlesungen Verl. und Datenbank für Geisteswissenschaften Weimar 2001.
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Der Geist der Tiere
Philosophische Texte zu einer aktuellen DiskussionHrsg. v. Dominik Perler u. Markus Wild
Suhrkamp, 2005, Seitenzahl: 449
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Beschreibung
Sind Tiere Lebewesen mit einem Geist? Denken sie? Haben sie Bewußtsein? Was unterscheidet den Menschen vom Tier? In der gegenwärtigen Philosophie des Geistes existiert eine Reihe von Ansätzen, die solche Fragen aufgreifen, sie aus unterschiedlichen methodischen Perspektiven erörtern und zu kontroversen Antworten gelangen. Dabei wird deutlich, daß die Tiere einen Testfall für Theorien des Geistes darstellen, denn am Beispiel der Tiere zeigt sich, wie tragfähig solche Theorien sind, welche Phänomene sie zu erklären vermögen und bis zu welchem Grad sie unseren unterschiedlichen Intuitionen gerecht werden. Zusätzlich an Bedeutung gewonnen hat diese Diskussion in den letzten Jahren durch die enge Verknüpfung mit der empirischen Verhaltensforschung. Dieser Band macht wichtige Beiträge zu dieser Diskussion erstmals auf deutsch zugänglich und enthält Beiträge u. a. von Donald Davidson, Daniel Dennett, Ruth G. Millikan, David Papineau und John Searle. Eine ausführliche Einleitung ordnet die Diskussion sowohl systematisch als auch historisch ein und betont ihren Stellenwert in den aktuellen Debatten innerhalb der Philosophie des Geistes.--
Besprechung aus FAZ Quelle
Der Hund genießt und schweigt
Um den Tierfreunden von vornherein recht zu geben: Über das Bewußtsein von Tieren wissen wir genug, um uns für ihren Schutz verantwortlich fühlen zu müssen. Evolutionsbiologie und Verhaltensforschung sind bewährte Abteilungen der Wissensgesellschaft. Die intuitive Plausibilität der Geschichten über Graugansfamilien, Bienenstaaten und Affenintelligenz lassen wenig Zweifel daran, daß einige Tierarten Bewußtsein haben, Sprachen erlernen und sich intentional verhalten können. Daß sich aus dieser Erkenntnislage jedoch nicht nur normative Konsequenzen, sondern auch analytische Probleme ergeben, zeigt eine internationale philosophische Debatte, die in einem Sammelband jetzt erstmals in deutscher Sprache zugänglich ist ("Der Geist der Tiere". Philosophische Texte zu einer aktuellen Diskussion. Herausgegeben von Dominik Perler und Markus Wild. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2005. 449 S., br., 16,- [Euro]). Es liegt eine schöne Ironie darin, daß der Band die Klugheit der Philosophie gerade unter dem Primat der biologischen Empirie zur Geltung kommen läßt - und die sonstige Schwäche der Geisteswissenschaften eher als Mangel an Herausforderung erscheint.
Denn nicht, ob wir genug über Tiere wissen, sondern welche Begriffe von Geist wir überhaupt auf Tiere anwenden können, ist eine Frage, für die die Naturforschung der philosophischen Arbeit bedarf: Sind Warnrufe grüner Meerkatzen schon Teil einer Sprache? Handeln Ameisen rational, wenn sie verstorbene Artgenossen aus dem Ameisenhaufen tragen? Kann ein Hund glauben, daß er von einer Katze in die Irre geführt wurde? Wenn vielleicht nicht die Tiere, so können doch die Philosophen so gut wie alles glauben und rationalisieren. Daß der Geist der Tiere ihnen freilich mehr zu schaffen macht, als mancher Liebhaber eines Haustieres ohnehin erhofft, ist in der sorgfältigen Edition umfassend nachzulesen.
Die philosophischen Reflexe scheinen auf zwei Denkmodelle konditioniert zu sein: Wer mit Montaigne und Darwin die Natur als Einheit versteht, stellt die entwicklungsgeschichtlichen Gemeinsamkeiten zwischen Tier und Mensch in den Vordergrund. Ganz im Evolutionismus aufgehend, rät daher John R. Searle, "niederstufige neuronale Prozesse" als Ursache des Geistes anzuerkennen. Searle zweifelt auch nicht daran, daß sein Hund mit Namen "Ludwig Wittgenstein Searle" Bewußtsein habe, "weil jede andere Möglichkeit außer Frage steht". Der Hund genießt und schweigt. Auf der anderen Seite stehen Descartes und Davidson, die in der Sprache ein Charakteristikum des menschlichen Geistes erkennen und daher die kognitiven Unterschiede aufzählen. Im Laufe dieser Argumentation werden Tiere mit Uhren, Computern, Radios, Thermostaten und Infrarot-Raketen verglichen - eine Liste, die nicht nur das Forschungsinteresse des Cartesianismus beweist (wie Daniel C. Dennett einräumt), sondern auch eine gewisse Ratlosigkeit angesichts des Animalischen zu erkennen gibt.
Obwohl die Herausgeber erkennbar die Evolution des Geistes bevorzugen, gelingt der Versuch kaum, vom Tier auf den analytischen Menschen zu kommen. Beispielhaft zieht der Wissenschaftsphilosoph John Dupré jede Erkenntnismöglichkeit über die Sprachfähigkeit von Affen in Zweifel, weil Tiere bei Feldforschungen zu ungenau und in Laborexperimenten zu unfrei beschrieben würden. Er fragt, ob sich daraus überhaupt irgend etwas für Menschen folgern ließe. In manchen Naturschilderungen des Bandes erhalten Tiere auch Namen, oder es wird aus ihrer eigenen Sicht berichtet, so daß die Anekdote als erklärter Lieblingsfeind der Ethologie fröhliche Urständ feiert. Die Daten der Empirie, für die die Autoren ihren philosophischen Lehnstuhl mit einem Hochsitz eingetauscht haben, erscheinen im Dämmerlicht der Methodologie zu unscharf für gezielte Schüsse und verlangen eher die Fortsetzung der komplizierten Abbildungsprozesse, in deren Beobachtung die praktische Philosophie und die Anthropologie bereits Erfahrung besitzen.
Denn wie läßt sich das Erleben von Tieren verstehen? Sich vorzustellen, wie es ist, mittels aufrechter, zugespitzter und in gegensätzliche Richtungen drehbarer Fledermausohren zu hören, erinnert vor allem an Filmphantasien eines Batman. Und wie es für Daniel C. Dennett ist, eine Fledermaus, ein mittelamerikanischer Truthahngeier oder ein Wal zu sein, mag biographische Bedeutung haben, doch sein durchaus brillanter Versuch, die Frage zu beantworten, "wie es ist, irgendwie zu sein", führt schließlich zu der Vermutung, daß Kulturstudien mehr dazu sagen könnten. Zum Illusionstheater gerät die Veranstaltung bei dem Stanforder Philosophen Fred Dretske, der die "minimale Rationalität" von Tieren mit der Vernunft von Selbstmordattentätern gleichsetzt - womit er offenherzig zugibt, von beiden nichts zu verstehen.
Die methodischen Schwierigkeiten der von den Herausgebern geforderten Nähe zur Biologie beleuchten tatsächlich weniger die Kontinuität zwischen Mensch und Tier als ihre Differenz. Es läßt sich leicht vorstellen, wie Haus- und Nutztiere historisch zu Projektionsflächen des Menschen wurden. Deshalb wäre neben der Frage nach dem Geist auch diejenige interessant, was an Tieren tierisch ist und ob wir nicht gerade deswegen von ihnen angezogen sind. Wenn "Tiererlebnisse nicht einfach blasse Imitationen unserer eigenen Erlebnisse sind" (Daisie Radner), beginnt die Debatte von neuem: Denken zum Beispiel Austern wirklich nicht über Fahrräder nach? Der Geist der Philosophie hat sich in diesem lehrreichen Band über den Geist der Tiere schon jetzt aufs beste bewiesen.
CHRISTIAN HOLTORF
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Süddeutsche Zeitung: Quelle
Wenn die Katze wüsste, dass sie eine Katze ist
Wie es mit dem Bewusstsein der Tiere beschaffen ist, das liegt noch weithin im Dunkeln. Doch zumindest, welche Fragen zu stellen sind, wo die Probleme liegen, welche versuchsweisen Antworten möglich sind, dazu ist in einem jetzt erschienenen Buch Erhellendes zu finden. Es ist, dies zuvor, ein philosophisches Buch; keines für solche, die Tiere für die besseren Menschen halten – obwohl es denen gut täte, sich das darin Vorgetragene zu Gemüte zu führen.
Da ist zunächst die vorzügliche, kenntnisreiche Einführung der beiden Herausgeber des Sammelbandes „Der Geist der Tiere“, Dominik Perler und Markus Wild. Das Spektrum der Tiere ist groß, welche kommen in Betracht? Nur Hunde oder Primaten, oder auch Fliegen und Spinnen? Haben Ratten intentionale Zustände, Absichten, Gedanken? Oder handeln sie bloß gemäß einem Reiz-Reaktions-Schema? Müssen etwa Schimpansen über Sprache verfügen, damit wir ihnen Geist zuschreiben? Wie hilfreich sind empirische Forschung, Ethologie, sind die Kognitionswissenschaften für eine Philosophie des Geistes von Tieren?
Wer nicht tiefer in diese Problematik eindringen will, könnte es bei dieser Einführung bewenden lassen. Aber sie macht höchst neugierig, die Argumente des Für und Wider im Einzelnen zu erfahren. Und es sind fünfzehn führende Denker aus der analytischen Philosophie, die mit ihren Einsichten in tierische Geisteszustände auch einer Theorie des Geistes überhaupt näher zu kommen hoffen.
Sie können dabei auf die kontroversen Thesen Descartes’ und Montaignes oder Humes rekurrieren, die keineswegs völlig obsolet sind, wie die Herausgeber – und im Falle von Descartes eindringlich Norman Malcolm – klar machen. Für Descartes waren auch höhere Tiere nicht viel mehr als Automaten, Montaigne oder Hume dagegen hielten es für ausgemacht, dass Tiere über Denken oder Vernunft verfügen.
Die Meinungsverschiedenheiten sind bis heute nicht geschlichtet, werden nun natürlich mit einem enorm angewachsenen empirischen Wissen und präziserem philosophischen Besteck ausgetragen.
Hund „denkt“: Katze auf Baum
Der Hund jagt die Nachbarskatze. Sie rast auf eine Eiche zu, schwenkt plötzlich ab und klettert auf einen nahen Ahorn. Der Hund bemerkt das nicht, bellt, bei der Eiche angekommen, aufgeregt zu den Ästen hoch. Wir sagen, dies beobachtend: „Er denkt, die Katze sei diese Eiche hochgeklettert“. Denkt, glaubt, meint: Ist der Hund wirklich überzeugt – hat er die propositionale Einstellung –, dass die Katze jetzt auf der Eiche sitzt?
Das wäre ein deutliches Kennzeichen von Rationalität. Donald Davidson, der dieses Hund-und-Katz-Beispiel von Norman Malcolm zitiert, ist nicht dieser Ansicht. Kann denn ein Hund von einem Gegenstand glauben, dass er ein Baum ist? Dazu muss er doch der Überzeugung sein, dass der Baum ein Ding ist, das wächst, Wasser und Erde braucht, und so weiter – dass der Hund also einen Begriff von Baum haben muss, meint Donald Davidson, und dass zum Denken noch der Begriff von einem Gedanken nötig sei, wozu wiederum Sprache erforderlich ist. Das sind ziemlich rigide Anforderungen, die Davidson noch verschärft, indem er Kommunikation an Sprache bindet. Aber kommunizieren nicht auch Schimpansen oder gewisse Meeressäuger sprachlos untereinander?
John Searle ist ganz anderer Meinung als Donald Davidson. Weder für Überzeugungen noch für Wünsche brauchen Tiere, sagt er, eine Sprache. Schließlich „unterscheiden gewisse Tiere beim Sehen zwischen roten und grünen Objekten, ohne die Begriffe ‚Sicht‘, ‚Farbe‘, ‚rot‘ oder ,grün‘ zu haben“, sagt Searle in seinem brillant argumentierenden Beitrag, in dem er vehement den Besitz von Bewusstsein oder Geist bei Tieren verteidigt.
Stets übertrügen wir, kritisiert Searle, unsere Schemata von Bewusstsein, Intentionalität oder Sprache auf die Tiere, so wie wir uns dank unseres so genannten „Kohlenstoff-Chauvinismus“ keine andere Form von Leben als die eigene vorstellen können. Das hatte schon Montaigne andeutungsweise moniert, wenn er schrieb, wir verstünden die Tiere nicht besser als sie uns. „So können sie uns mit gleichem Recht für vernunftlose Tiere halten wie wir sie“.
Bewusstsein wird häufig als ein abgehobenes, abstraktes Phänomen, losgelöst von allen biologischen Tatsachen betrachtet. Das ist ein Erbe des Cartesianischen Dualismus von Körper und Geist, von dem Searle unser Denken dringend zu reinigen trachtet. Überdies gilt Bewusstsein als eine Sache des alles oder nichts.
Affen schauen in den Spiegel
Dagegen hält Daniel Dennett eine scharfe Trennungslinie zwischen Tieren und Menschen aufgrund des Bewusstseins für ein „Kunstprodukt unserer traditionellen Vermutungen“. Ausgehend von Thomas Nagels endlos zitiertem Aufsatz „Wie es ist eine Fledermaus zu sein“, lässt er Herman Melville mit klugen Bemerkungen über seinen Pottwal Moby Dick zu Wort kommen, dessen Augen sich ja an den gegenüberliegenden Seiten seines riesigen Kopfs befinden, so dass er mit jedem Auge Verschiedenes sieht. Wie kann er zwei verschiedene Bilder in seinem Hirn verarbeiten? Wie also ist es, ein Pottwal zu sein? Worauf Dennett hinauswill ist, dass wir in der dritten Person solche Geschichten erzählen, nicht die Fledermäuse oder Wale selbst in der ersten Person.
Auch Fred Dretske setzt ein Minimalmaß für Rationalität, wonach sich die verschiedenen Tierarten einstufen lassen. Zugleich wendet er sich, ähnlich wie Colin Allen, gegen eine Abhängigkeit des Denkens von der Sprache. Der Vogel denkt, wie er an einem verblüffenden Fall klarmacht, „dass das Insekt schlecht schmeckt (fälschlicherweise, wie sich herausstellt). Deshalb frißt er es nicht. Der Gedanke lenkt also sein Verhalten.“
Als entscheidende Kriterien für den Geist von Tieren gelten allen hier zu Wort kommenden Autoren Intentionalität und bescheidene kognitive Zustände, einige halten Sprache dafür unerlässlich. Wieweit solche Fähigkeiten gewisse Tiere besitzen – dazu gibt es ein weit gefächertes Meinungsspektrum.
Auf weitere Kriterien stößt man bei Joelle Proust: Können höhere Tiere Hypothesen aufstellen? Können sie womöglich lügen? Oder können sie nur täuschen? Welche Arten vermögen sich im Spiegel zu erkennen, Identität auszubilden? Schimpansen und Orang Utans können es, Gorillas nicht.
In diesem anspruchsvollen, gleichwohl spannenden Buch geht es um Grundlagenforschung. Ethisch-moralische Fragen sind folglich ausgeklammert. Was nicht heißt, dass wir nach Belieben mit den Tieren umspringen können. Oder, wie es Donald Davidson ausdrückt: Er sieht keinen Grund „Geschöpfen gegenüber, die keine Gedanken oder keine Sprache haben, weniger freundlich zu sein als gegenüber jenen, die über derartiges verfügen – im Gegenteil.“
WILLY HOCHKEPPEL--
Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension
20.09.2005
Rundum gelungen findet Rezensent Michael Hampe diesen von Dominik Perler und Markus Wild herausgegebenen Sammelband, der sich vor allem mit den sprach-, erkenntnis- und wissenschaftsphilosophischen Problemen des Mensch-Tier-Verhältnisses befasst. Der Band zeigt für Hampe, dass an der Diskussion über den Geist der Tiere deutlich werde, "wie sehr empirische Forschung von begrifflichen Vorentscheidungen und Klärungen abhängt." Ausführlich gibt er zentrale Fragen der Diskussionen des Bandes wieder. Die Unterstellung geistiger Vermögen etwa sei vor allem Teil einer Strategie der Erklärung komplexen Verhaltens. Weitgehend unklar sei allerdings, wie die Komplexität eines Verhaltens genau graduiert werden soll. Zudem sei durch bloße Betrachtung des Verhaltens von außen nicht zu sagen, ob ein komplexes Verhalten auf einen "kognitiven Apparat" erklärend zurückgeführt werden muss oder nicht. Er hebt hervor, dass der Band Beiträge der "bedeutendsten Vertreter der analytischen Philosophie des Geistes" versammelt, etwa von Norman Malcolm, Stephen Stich, Donald Davidson, John Searle, Ruth Millikan, Fred Drestke und Daniel Dennett. Aber schon durch die siebzigseitige Einleitung von Dominik Perler und Markus Wild, die er als "überaus anregend" lobt, ist der Band seines Erachtens sein Geld wert.
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Der Geist der Tiere
Philosophische Texte zu einer aktuellen DiskussionHrsg. v. Dominik Perler u. Markus Wild
Suhrkamp, 2005, Seitenzahl: 449
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Beschreibung
Sind Tiere Lebewesen mit einem Geist? Denken sie? Haben sie Bewußtsein? Was unterscheidet den Menschen vom Tier? In der gegenwärtigen Philosophie des Geistes existiert eine Reihe von Ansätzen, die solche Fragen aufgreifen, sie aus unterschiedlichen methodischen Perspektiven erörtern und zu kontroversen Antworten gelangen. Dabei wird deutlich, daß die Tiere einen Testfall für Theorien des Geistes darstellen, denn am Beispiel der Tiere zeigt sich, wie tragfähig solche Theorien sind, welche Phänomene sie zu erklären vermögen und bis zu welchem Grad sie unseren unterschiedlichen Intuitionen gerecht werden. Zusätzlich an Bedeutung gewonnen hat diese Diskussion in den letzten Jahren durch die enge Verknüpfung mit der empirischen Verhaltensforschung. Dieser Band macht wichtige Beiträge zu dieser Diskussion erstmals auf deutsch zugänglich und enthält Beiträge u. a. von Donald Davidson, Daniel Dennett, Ruth G. Millikan, David Papineau und John Searle. Eine ausführliche Einleitung ordnet die Diskussion sowohl systematisch als auch historisch ein und betont ihren Stellenwert in den aktuellen Debatten innerhalb der Philosophie des Geistes.--
Besprechung aus FAZ Quelle
Der Hund genießt und schweigt
Um den Tierfreunden von vornherein recht zu geben: Über das Bewußtsein von Tieren wissen wir genug, um uns für ihren Schutz verantwortlich fühlen zu müssen. Evolutionsbiologie und Verhaltensforschung sind bewährte Abteilungen der Wissensgesellschaft. Die intuitive Plausibilität der Geschichten über Graugansfamilien, Bienenstaaten und Affenintelligenz lassen wenig Zweifel daran, daß einige Tierarten Bewußtsein haben, Sprachen erlernen und sich intentional verhalten können. Daß sich aus dieser Erkenntnislage jedoch nicht nur normative Konsequenzen, sondern auch analytische Probleme ergeben, zeigt eine internationale philosophische Debatte, die in einem Sammelband jetzt erstmals in deutscher Sprache zugänglich ist ("Der Geist der Tiere". Philosophische Texte zu einer aktuellen Diskussion. Herausgegeben von Dominik Perler und Markus Wild. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2005. 449 S., br., 16,- [Euro]). Es liegt eine schöne Ironie darin, daß der Band die Klugheit der Philosophie gerade unter dem Primat der biologischen Empirie zur Geltung kommen läßt - und die sonstige Schwäche der Geisteswissenschaften eher als Mangel an Herausforderung erscheint.
Denn nicht, ob wir genug über Tiere wissen, sondern welche Begriffe von Geist wir überhaupt auf Tiere anwenden können, ist eine Frage, für die die Naturforschung der philosophischen Arbeit bedarf: Sind Warnrufe grüner Meerkatzen schon Teil einer Sprache? Handeln Ameisen rational, wenn sie verstorbene Artgenossen aus dem Ameisenhaufen tragen? Kann ein Hund glauben, daß er von einer Katze in die Irre geführt wurde? Wenn vielleicht nicht die Tiere, so können doch die Philosophen so gut wie alles glauben und rationalisieren. Daß der Geist der Tiere ihnen freilich mehr zu schaffen macht, als mancher Liebhaber eines Haustieres ohnehin erhofft, ist in der sorgfältigen Edition umfassend nachzulesen.
Die philosophischen Reflexe scheinen auf zwei Denkmodelle konditioniert zu sein: Wer mit Montaigne und Darwin die Natur als Einheit versteht, stellt die entwicklungsgeschichtlichen Gemeinsamkeiten zwischen Tier und Mensch in den Vordergrund. Ganz im Evolutionismus aufgehend, rät daher John R. Searle, "niederstufige neuronale Prozesse" als Ursache des Geistes anzuerkennen. Searle zweifelt auch nicht daran, daß sein Hund mit Namen "Ludwig Wittgenstein Searle" Bewußtsein habe, "weil jede andere Möglichkeit außer Frage steht". Der Hund genießt und schweigt. Auf der anderen Seite stehen Descartes und Davidson, die in der Sprache ein Charakteristikum des menschlichen Geistes erkennen und daher die kognitiven Unterschiede aufzählen. Im Laufe dieser Argumentation werden Tiere mit Uhren, Computern, Radios, Thermostaten und Infrarot-Raketen verglichen - eine Liste, die nicht nur das Forschungsinteresse des Cartesianismus beweist (wie Daniel C. Dennett einräumt), sondern auch eine gewisse Ratlosigkeit angesichts des Animalischen zu erkennen gibt.
Obwohl die Herausgeber erkennbar die Evolution des Geistes bevorzugen, gelingt der Versuch kaum, vom Tier auf den analytischen Menschen zu kommen. Beispielhaft zieht der Wissenschaftsphilosoph John Dupré jede Erkenntnismöglichkeit über die Sprachfähigkeit von Affen in Zweifel, weil Tiere bei Feldforschungen zu ungenau und in Laborexperimenten zu unfrei beschrieben würden. Er fragt, ob sich daraus überhaupt irgend etwas für Menschen folgern ließe. In manchen Naturschilderungen des Bandes erhalten Tiere auch Namen, oder es wird aus ihrer eigenen Sicht berichtet, so daß die Anekdote als erklärter Lieblingsfeind der Ethologie fröhliche Urständ feiert. Die Daten der Empirie, für die die Autoren ihren philosophischen Lehnstuhl mit einem Hochsitz eingetauscht haben, erscheinen im Dämmerlicht der Methodologie zu unscharf für gezielte Schüsse und verlangen eher die Fortsetzung der komplizierten Abbildungsprozesse, in deren Beobachtung die praktische Philosophie und die Anthropologie bereits Erfahrung besitzen.
Denn wie läßt sich das Erleben von Tieren verstehen? Sich vorzustellen, wie es ist, mittels aufrechter, zugespitzter und in gegensätzliche Richtungen drehbarer Fledermausohren zu hören, erinnert vor allem an Filmphantasien eines Batman. Und wie es für Daniel C. Dennett ist, eine Fledermaus, ein mittelamerikanischer Truthahngeier oder ein Wal zu sein, mag biographische Bedeutung haben, doch sein durchaus brillanter Versuch, die Frage zu beantworten, "wie es ist, irgendwie zu sein", führt schließlich zu der Vermutung, daß Kulturstudien mehr dazu sagen könnten. Zum Illusionstheater gerät die Veranstaltung bei dem Stanforder Philosophen Fred Dretske, der die "minimale Rationalität" von Tieren mit der Vernunft von Selbstmordattentätern gleichsetzt - womit er offenherzig zugibt, von beiden nichts zu verstehen.
Die methodischen Schwierigkeiten der von den Herausgebern geforderten Nähe zur Biologie beleuchten tatsächlich weniger die Kontinuität zwischen Mensch und Tier als ihre Differenz. Es läßt sich leicht vorstellen, wie Haus- und Nutztiere historisch zu Projektionsflächen des Menschen wurden. Deshalb wäre neben der Frage nach dem Geist auch diejenige interessant, was an Tieren tierisch ist und ob wir nicht gerade deswegen von ihnen angezogen sind. Wenn "Tiererlebnisse nicht einfach blasse Imitationen unserer eigenen Erlebnisse sind" (Daisie Radner), beginnt die Debatte von neuem: Denken zum Beispiel Austern wirklich nicht über Fahrräder nach? Der Geist der Philosophie hat sich in diesem lehrreichen Band über den Geist der Tiere schon jetzt aufs beste bewiesen.
CHRISTIAN HOLTORF
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Süddeutsche Zeitung: Quelle
Wenn die Katze wüsste, dass sie eine Katze ist
Wie es mit dem Bewusstsein der Tiere beschaffen ist, das liegt noch weithin im Dunkeln. Doch zumindest, welche Fragen zu stellen sind, wo die Probleme liegen, welche versuchsweisen Antworten möglich sind, dazu ist in einem jetzt erschienenen Buch Erhellendes zu finden. Es ist, dies zuvor, ein philosophisches Buch; keines für solche, die Tiere für die besseren Menschen halten – obwohl es denen gut täte, sich das darin Vorgetragene zu Gemüte zu führen.
Da ist zunächst die vorzügliche, kenntnisreiche Einführung der beiden Herausgeber des Sammelbandes „Der Geist der Tiere“, Dominik Perler und Markus Wild. Das Spektrum der Tiere ist groß, welche kommen in Betracht? Nur Hunde oder Primaten, oder auch Fliegen und Spinnen? Haben Ratten intentionale Zustände, Absichten, Gedanken? Oder handeln sie bloß gemäß einem Reiz-Reaktions-Schema? Müssen etwa Schimpansen über Sprache verfügen, damit wir ihnen Geist zuschreiben? Wie hilfreich sind empirische Forschung, Ethologie, sind die Kognitionswissenschaften für eine Philosophie des Geistes von Tieren?
Wer nicht tiefer in diese Problematik eindringen will, könnte es bei dieser Einführung bewenden lassen. Aber sie macht höchst neugierig, die Argumente des Für und Wider im Einzelnen zu erfahren. Und es sind fünfzehn führende Denker aus der analytischen Philosophie, die mit ihren Einsichten in tierische Geisteszustände auch einer Theorie des Geistes überhaupt näher zu kommen hoffen.
Sie können dabei auf die kontroversen Thesen Descartes’ und Montaignes oder Humes rekurrieren, die keineswegs völlig obsolet sind, wie die Herausgeber – und im Falle von Descartes eindringlich Norman Malcolm – klar machen. Für Descartes waren auch höhere Tiere nicht viel mehr als Automaten, Montaigne oder Hume dagegen hielten es für ausgemacht, dass Tiere über Denken oder Vernunft verfügen.
Die Meinungsverschiedenheiten sind bis heute nicht geschlichtet, werden nun natürlich mit einem enorm angewachsenen empirischen Wissen und präziserem philosophischen Besteck ausgetragen.
Hund „denkt“: Katze auf Baum
Der Hund jagt die Nachbarskatze. Sie rast auf eine Eiche zu, schwenkt plötzlich ab und klettert auf einen nahen Ahorn. Der Hund bemerkt das nicht, bellt, bei der Eiche angekommen, aufgeregt zu den Ästen hoch. Wir sagen, dies beobachtend: „Er denkt, die Katze sei diese Eiche hochgeklettert“. Denkt, glaubt, meint: Ist der Hund wirklich überzeugt – hat er die propositionale Einstellung –, dass die Katze jetzt auf der Eiche sitzt?
Das wäre ein deutliches Kennzeichen von Rationalität. Donald Davidson, der dieses Hund-und-Katz-Beispiel von Norman Malcolm zitiert, ist nicht dieser Ansicht. Kann denn ein Hund von einem Gegenstand glauben, dass er ein Baum ist? Dazu muss er doch der Überzeugung sein, dass der Baum ein Ding ist, das wächst, Wasser und Erde braucht, und so weiter – dass der Hund also einen Begriff von Baum haben muss, meint Donald Davidson, und dass zum Denken noch der Begriff von einem Gedanken nötig sei, wozu wiederum Sprache erforderlich ist. Das sind ziemlich rigide Anforderungen, die Davidson noch verschärft, indem er Kommunikation an Sprache bindet. Aber kommunizieren nicht auch Schimpansen oder gewisse Meeressäuger sprachlos untereinander?
John Searle ist ganz anderer Meinung als Donald Davidson. Weder für Überzeugungen noch für Wünsche brauchen Tiere, sagt er, eine Sprache. Schließlich „unterscheiden gewisse Tiere beim Sehen zwischen roten und grünen Objekten, ohne die Begriffe ‚Sicht‘, ‚Farbe‘, ‚rot‘ oder ,grün‘ zu haben“, sagt Searle in seinem brillant argumentierenden Beitrag, in dem er vehement den Besitz von Bewusstsein oder Geist bei Tieren verteidigt.
Stets übertrügen wir, kritisiert Searle, unsere Schemata von Bewusstsein, Intentionalität oder Sprache auf die Tiere, so wie wir uns dank unseres so genannten „Kohlenstoff-Chauvinismus“ keine andere Form von Leben als die eigene vorstellen können. Das hatte schon Montaigne andeutungsweise moniert, wenn er schrieb, wir verstünden die Tiere nicht besser als sie uns. „So können sie uns mit gleichem Recht für vernunftlose Tiere halten wie wir sie“.
Bewusstsein wird häufig als ein abgehobenes, abstraktes Phänomen, losgelöst von allen biologischen Tatsachen betrachtet. Das ist ein Erbe des Cartesianischen Dualismus von Körper und Geist, von dem Searle unser Denken dringend zu reinigen trachtet. Überdies gilt Bewusstsein als eine Sache des alles oder nichts.
Affen schauen in den Spiegel
Dagegen hält Daniel Dennett eine scharfe Trennungslinie zwischen Tieren und Menschen aufgrund des Bewusstseins für ein „Kunstprodukt unserer traditionellen Vermutungen“. Ausgehend von Thomas Nagels endlos zitiertem Aufsatz „Wie es ist eine Fledermaus zu sein“, lässt er Herman Melville mit klugen Bemerkungen über seinen Pottwal Moby Dick zu Wort kommen, dessen Augen sich ja an den gegenüberliegenden Seiten seines riesigen Kopfs befinden, so dass er mit jedem Auge Verschiedenes sieht. Wie kann er zwei verschiedene Bilder in seinem Hirn verarbeiten? Wie also ist es, ein Pottwal zu sein? Worauf Dennett hinauswill ist, dass wir in der dritten Person solche Geschichten erzählen, nicht die Fledermäuse oder Wale selbst in der ersten Person.
Auch Fred Dretske setzt ein Minimalmaß für Rationalität, wonach sich die verschiedenen Tierarten einstufen lassen. Zugleich wendet er sich, ähnlich wie Colin Allen, gegen eine Abhängigkeit des Denkens von der Sprache. Der Vogel denkt, wie er an einem verblüffenden Fall klarmacht, „dass das Insekt schlecht schmeckt (fälschlicherweise, wie sich herausstellt). Deshalb frißt er es nicht. Der Gedanke lenkt also sein Verhalten.“
Als entscheidende Kriterien für den Geist von Tieren gelten allen hier zu Wort kommenden Autoren Intentionalität und bescheidene kognitive Zustände, einige halten Sprache dafür unerlässlich. Wieweit solche Fähigkeiten gewisse Tiere besitzen – dazu gibt es ein weit gefächertes Meinungsspektrum.
Auf weitere Kriterien stößt man bei Joelle Proust: Können höhere Tiere Hypothesen aufstellen? Können sie womöglich lügen? Oder können sie nur täuschen? Welche Arten vermögen sich im Spiegel zu erkennen, Identität auszubilden? Schimpansen und Orang Utans können es, Gorillas nicht.
In diesem anspruchsvollen, gleichwohl spannenden Buch geht es um Grundlagenforschung. Ethisch-moralische Fragen sind folglich ausgeklammert. Was nicht heißt, dass wir nach Belieben mit den Tieren umspringen können. Oder, wie es Donald Davidson ausdrückt: Er sieht keinen Grund „Geschöpfen gegenüber, die keine Gedanken oder keine Sprache haben, weniger freundlich zu sein als gegenüber jenen, die über derartiges verfügen – im Gegenteil.“
WILLY HOCHKEPPEL--
Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension
20.09.2005
Rundum gelungen findet Rezensent Michael Hampe diesen von Dominik Perler und Markus Wild herausgegebenen Sammelband, der sich vor allem mit den sprach-, erkenntnis- und wissenschaftsphilosophischen Problemen des Mensch-Tier-Verhältnisses befasst. Der Band zeigt für Hampe, dass an der Diskussion über den Geist der Tiere deutlich werde, "wie sehr empirische Forschung von begrifflichen Vorentscheidungen und Klärungen abhängt." Ausführlich gibt er zentrale Fragen der Diskussionen des Bandes wieder. Die Unterstellung geistiger Vermögen etwa sei vor allem Teil einer Strategie der Erklärung komplexen Verhaltens. Weitgehend unklar sei allerdings, wie die Komplexität eines Verhaltens genau graduiert werden soll. Zudem sei durch bloße Betrachtung des Verhaltens von außen nicht zu sagen, ob ein komplexes Verhalten auf einen "kognitiven Apparat" erklärend zurückgeführt werden muss oder nicht. Er hebt hervor, dass der Band Beiträge der "bedeutendsten Vertreter der analytischen Philosophie des Geistes" versammelt, etwa von Norman Malcolm, Stephen Stich, Donald Davidson, John Searle, Ruth Millikan, Fred Drestke und Daniel Dennett. Aber schon durch die siebzigseitige Einleitung von Dominik Perler und Markus Wild, die er als "überaus anregend" lobt, ist der Band seines Erachtens sein Geld wert.
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Quote
Original von Spirit
Markus WildMarkus Wild, Tierphilosophie zur Einführung (Klick!)
Der Autor kommt, wenn man es überspitzt formulieren will, zum Gegenteiligen Ergebnis wie Reinhard Brandt (Können Tiere Denken?), der zu einem (vorsichtigen?) aber ausführlich begründeten Nein kommt. Ich hab beide Bücher gelesen, und finde sie lassen sich recht angenehm lesen. Meine Verwirrung ist dadurch nun einigermaßen komplett

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Original von Spirit
Markus WildMarkus Wild, Tierphilosophie zur Einführung (Klick!)
Der Autor kommt, wenn man es überspitzt formulieren will, zum Gegenteiligen Ergebnis wie Reinhard Brandt (Können Tiere Denken?), der zu einem (vorsichtigen?) aber ausführlich begründeten Nein kommt. Ich hab beide Bücher gelesen, und finde sie lassen sich recht angenehm lesen. Meine Verwirrung ist dadurch nun einigermaßen komplett

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Hallo,
derzeit ist die letzte (6.) Ausgabe des Jahres 2005 der DEUTSCHEN ZEITSCHRIFT FÜR PHILOSOPHIE frei zugänglich (zB als pdf), welche u.a. einen Schwerpunkt zur Philosophischen Anthropologie beinhaltet: http://www.atypon-link.com/AV/toc/dzph/53/6_2005
Beste Grüße,
Spirit -
Hallo,
derzeit ist die letzte (6.) Ausgabe des Jahres 2005 der DEUTSCHEN ZEITSCHRIFT FÜR PHILOSOPHIE frei zugänglich (zB als pdf), welche u.a. einen Schwerpunkt zur Philosophischen Anthropologie beinhaltet: http://www.atypon-link.com/AV/toc/dzph/53/6_2005
Beste Grüße,
Spirit -
Hallo,
die Deutsche Zeitschrift für Philosophie hat leider ihren Preis - Jahresabonnement (6 Ausgaben) € 162,00.
Viele Unis haben für die Uni-Computer - z.B. der Bibos - das komplette letzte Jahr 2008 abonniert, so dass es möglich ist, von dort sämtliche Aufsätze im pdf-Format kostenlos zu beziehen. 2008 gab es m.E. einige interessante Schwerpunkte und Aufsätze:6. Schwerpunkt: Anerkennung http://www.atypon-link.com/AV/toc/dzph/56/6
u.a.
- Anerkennung – Facetten eines Begriffs
Authors: Axel Honneth
- Hegel und die Frage der Intersubjektivität. Die Phänomenologie des Geistes als Explikation der sozialen Strukturen der Rationalität
Authors: Georg W. Bertram4. Schwerpunkt: Personale Identität http://www.atypon-link.com/AV/toc/dzph/56/4
u.a.
- Selbstreferenz, Zeit und Identität. Grundzüge einer naturalistischen Theorie personaler Identität
Authors: Dieter Sturma
- Transtemporale Identität bewusstseinsfähiger Wesen
Authors: Martine Nida-Rümelin
- Warum (und in welchem Sinne) gibt es keine personale Identität?
Authors: Michael Quante3. Schwerpunkt: Natur und Kultur: Die Spezifikation menschlichen Verhaltens (II) http://www.atypon-link.com/AV/toc/dzph/56/3
u.a.
- Kollektive Intentionalität und kulturelle Entwicklung
Authors: Hannes Rakoczy and Michael Tomasello
- Wie lernen wir, fremde Absichten zu deuten? Über den Verstehen und Geist bildenden Beitrag der Humanontogenese
Authors: Josef Rhemannaußerdem:
- Arbeit und Anerkennung. Versuch einer Neubestimmung
Authors: Axel Honneth
1.u.a.
-Das Mysterium der Sprache. Robert Brandoms Sprachphilosophie
Authors: Charles TaylorBeste Grüße,
Spirit -
Hallo,
die Deutsche Zeitschrift für Philosophie hat leider ihren Preis - Jahresabonnement (6 Ausgaben) € 162,00.
Viele Unis haben für die Uni-Computer - z.B. der Bibos - das komplette letzte Jahr 2008 abonniert, so dass es möglich ist, von dort sämtliche Aufsätze im pdf-Format kostenlos zu beziehen. 2008 gab es m.E. einige interessante Schwerpunkte und Aufsätze:6. Schwerpunkt: Anerkennung http://www.atypon-link.com/AV/toc/dzph/56/6
u.a.
- Anerkennung – Facetten eines Begriffs
Authors: Axel Honneth
- Hegel und die Frage der Intersubjektivität. Die Phänomenologie des Geistes als Explikation der sozialen Strukturen der Rationalität
Authors: Georg W. Bertram4. Schwerpunkt: Personale Identität http://www.atypon-link.com/AV/toc/dzph/56/4
u.a.
- Selbstreferenz, Zeit und Identität. Grundzüge einer naturalistischen Theorie personaler Identität
Authors: Dieter Sturma
- Transtemporale Identität bewusstseinsfähiger Wesen
Authors: Martine Nida-Rümelin
- Warum (und in welchem Sinne) gibt es keine personale Identität?
Authors: Michael Quante3. Schwerpunkt: Natur und Kultur: Die Spezifikation menschlichen Verhaltens (II) http://www.atypon-link.com/AV/toc/dzph/56/3
u.a.
- Kollektive Intentionalität und kulturelle Entwicklung
Authors: Hannes Rakoczy and Michael Tomasello
- Wie lernen wir, fremde Absichten zu deuten? Über den Verstehen und Geist bildenden Beitrag der Humanontogenese
Authors: Josef Rhemannaußerdem:
- Arbeit und Anerkennung. Versuch einer Neubestimmung
Authors: Axel Honneth
1.u.a.
-Das Mysterium der Sprache. Robert Brandoms Sprachphilosophie
Authors: Charles TaylorBeste Grüße,
Spirit -
Die Ursprünge der menschlichen Kommunikation — von Michael Tomasello
von Ingeborg Gollwitzer"Ein Zitat aus Ludwig Wittgensteins Philosophische Untersuchungen steht als Erstes über diesem wahrhaft aufregenden Buch: Zeige auf ein Stück Papier! - Und nun zeig auf seine Form,
- nun auf seine Farbe, nun auf seine Anzahl … Nun, wie hast Du das gemacht?Michael Tomasello ist Kodirektor am Max Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig. Das große Thema seines Lebens ist im Grunde der Mensch. Aber man kann diesen nur in der Form verstehen, untersuchen und beschreiben, wenn man weit in seine Entwicklungsgeschichte zurückgeht: an seine Anfänge. Seit dem (so oft missverstandenen) Darwin hat sich irgendwie allgemein eingeprägt, dass der Mensch vom Affen abstamme. Natürlich hat Darwin das auch nicht so gemeint; dennoch: so missverstanden, hat es ihm seinerzeit viel Ärger eingebracht.
Also: Tatsächlich hat sich der Mensch aus einer Nebenlinie der Affen weiterentwickelt, die sich vor Millionen von Jahren eben von der Linie der Affen abgespalten hat. Daher hat man auch lange gebraucht um zu verstehen, dass man Mensch und Affen nicht generell vergleichen kann.
Michael Tomasello ist also davon ausgegangen, dass, wenn man den Menschen in seiner Einzigartigkeit irgendwie begreifbar machen will, man untersuchen muss, inwiefern er sich von seinen nächsten Verwandten im Tierreich unterscheidet und von welchen Grundlagen aus sich die einzigartigen menschlichen Fähigkeiten entwickelt haben. Endlich kann man das jetzt nachlesen:
Menschen sprechen - im Gegensatz zu allen anderen bekannten Lebewesen auf diesem Planeten. Generationen von Wissenschaftlern haben sich an diesem bemerkenswerten Faktum abgearbeitet, Spekulationen über die Herkunft der menschlichen Sprache gibt es viele, aber bis heute keine überzeugende Erklärung. Natürlich kommunizieren auch wohl alle anderen Lebewesen miteinander. Aber sie können - darüber wurde und wird viel geforscht - zwar einander konkrete Mitteilungen übermitteln - was sie nicht können ist: Sich in ihren Kommunikationspartner hineinversetzen und ihm Antworten, Gefühle und Überlegungen mitteilen - ebenso können sie nicht über einen anderen oder etwas Abwesendes ‘reden’.
Aus der frühen, bloßen Kommunikation und Sprache hat sich ja letztlich auch die Schrift des Menschen entwickelt, und ihm so erst seine einzigartige Evolution möglich gemacht. Tomasello hat nun aus der praktischen Erforschung der Primaten und vielen Theorien der Sprachphilosophie und anhand einer Vielzahl von schlagenden Beispielen aus der menschlichen Alltagskommunikation ein mehrstufiges Modell der Sprachentwicklung in individualgeschichtlicher wie auch artgeschichtlicher Perspektive herausgearbeitet.
Man muss es sich klar machen: So ähnlich uns Affen, beobachtet man sie, auch sein mögen: Es ist noch niemals gelungen, ihnen beizubringen, auch nur ein einziges Wort zu sprechen. (Andererseits können Menschen die Laute von Tieren täuschend echt nachahmen: Vogelstimmen, das Röhren der Hirsche in der Brunftzeit, das Fiepen von Rehen, um nur einige zu nennen.) Noch etwas anderes erwähnt Tomasello: Die noch immer nicht restlos erforschte einzigartige Kommunikation zwischen Menschen und Haushunden.
,Wie und wann entsteht also die menschliche Fähigkeit, miteinander zu kommunizieren? Um seine Grundgedanken, wie Menschen miteinander kommunizieren zu präzisieren, gingen viele Gespräche mit anderen Menschen und Wissenschaftlern voraus. Es ist dem Menschen - so intelligent er auch ist - tatsächlich unmöglich, einem anderen Tier (eine begrenzte Möglichkeit besteht nur bei Haushunden) etwas mitzuteilen. Sie können sich anstrengen, wie Sie wollen, das Tier wird Sie nicht verstehen.
Tomasellos These war - und ist nun in diesem Buch nachzulesen - dass Menschen durch den Gebrauch natürlicher Gesten miteinander zu kommunizieren gelernt haben; was sich dann im Laufe der Evolution vervollkommnet hat. “Meine zentrale Behauptung in diesem Buch ist, dass wir zuerst verstehen müssen, wie Menschen durch den Gebrauch natürlicher Gesten miteinander kommunizieren und wie diese Fertigkeit im Laufe der Evolution entstanden sein könnte. Meine evolutionäre Hypothese wird nämlich lauten, dass die ersten, nur beim Menschen vorkommenden Formen der Kommunikation in Zeigen und Gebärdenspiel bestanden. (… ) Die menschliche Kooperation trat in der Evolution zuerst (und tritt in der Ontogenese [der Entwicklung eines Lebewesens] zuerst in der Form natürlicher, spontaner Gesten des Zeigens und des Gebärdenspiels auf. ( … ) Konventionelle Kommunikation, wie sie in menschlichen Sprachen verkörpert ist, wird nur möglich, wenn die an ihr Beteiligten schon über Folgendes verfügen: (a) natürliche Gesten und ihre Infrastruktur geteilter Intentionalität sowie (b) Fertigkeiten des kulturellen Lernens und der Nachahmung, um gemeinsam verstandene kommunikative Konventionen und Kontruktionen zu schaffen und weitergeben zu können.”
Sie werden und können nun gespannt sein, wie Tomasello seine Überlegungen zu untermauern vermochte. Das Buch ist in sechs Problemkomplexe unterteilt; am Ende des jeweiligen Komplexes fasst Tomasello seine Ergebnisse zusammen. Zunächst untersucht er die Kommunikation bei Primaten. Er fasst zusammen, dass die Untersuchung stimmlicher Äußerung bei Primaten wenig sinnvoll ist. Sie sind nicht gelernte, sondern genetisch fixierte Reaktionen. Neue Vokalisierungen werden nicht erlernt. Ganz anders dagegen ist es mit einer beträchtlichen Anzahl von Gesten. Auf welche Weise dieser Gebrauch von Gesten sozusagen über die Primaten gekommen ist, ist derzeit ein weißer Fleck; jedenfalls hat es sich ereignet.
Der nächste Problemkreis ist die Kooperative Kommunikation beim Menschen. Diesem Kapitel ist wieder ein Wittgenstein-Zitat vorangestellt, das auf etwas Wesentliches hinweist:
[Ich] wüsste […] nicht, worauf ich als Korrelat des Wortes ‘Küssen’ [oder ‘größer’] zeigen sollte. … Es gibt freilich einen Akt, die Aufmerksamkeit auf die Größe der Personen richten, oder auf ihre Tätigkeit. … Das zeigt, wie der allgemeine Begriff der Be-Deutung entstehen konnte. Der Fettdruck und die Teilung des Wortes ‘Bedeutung’ habe ich vorgenommen, um auf dessen eigentlichen Sinn hinzuweisen.Also, warum gestikulieren Menschen? Es gibt im Wesentlichen zwei Grundformen: Man will die Aufmerksamkeit eines Empfängers räumlich auf etwas in der unmittelbaren Umgebung lenken. Die andere Variante ist aber, die Einbildunskraft des Empfängers auf etwas zu lenken, das außergewöhnlich ist, was durch ein bestimmtes Verhalten (was ein regelrechtes Scenario umfássen kann) simuliert wird. Was aber erstaunlich ist: Diese beiden Grundtypen sind ebenso in den Gestikulationsarten von Menschenaffen wiederzufinden. Jedoch strukturieren die ‘Primaten’ ihre Kommunikation nicht auf dieselbe, komplexe Weise wie der ‘Mensch’.
Es ist erstaunlich, - probieren Sie es einmal selbst aus! - was man alles mit mit dem Ausstrecken und Deuten nur des Zeige-Fingers (drum heißt er so) erreichen kann. Um die Ursprünge der Kommunikation zu untersuchen, beobachtete Tomasello das Verhalten von Kleinkindern bei ihrer Geburt beginnend. Vermutlich ist dieses Verhalten - kulturunabhängig - ein universales Muster. [Sicherlich als Folge der allen gemeinsamen Evolution.] Vermutlich kultivieren Kleinkinder ihre Zeigegesten aufgrund persönlicher Erfolge damit. Klar wird, dass Kleinkinder mit ihrer Gestikulation vor den ersten Sprachversuchen beginnen. Wenn sie etwas verlangen oder auf etwas hinweisen, geschieht dies zunächst wortlos aber gezielt durch Gesten. (Leider wird bei den meisten Lesern dieses Buches die Zeit, wo sie selbst mit ihren Babys beschäftigt waren, zu lange zurückliegen. Doch: Wenn man sich bemüht sich zu erinnern, fällt einem schon noch so einiges dazu ein.) Jedenfalls haben Babys, so klein und absolut hilflos sie tatsächlich sind, eine schier unglaubliche Fähigkeit, das Verhalten ihrer Erwachsenen im Sinne des Babys zu beeinflussen. [Vermutlich werden auch Kleinkinder, die aus irgendwelchen Gründen um das Erfolgserlebnis nichtsprachlicher Kommunikation gebracht werden, später auch Schwierigkeiten beim Spracherwerb haben.]
Auch dieser Themenkomplex wird von Tomasello - wie dies für amerikanische Wissenschaftler typisch ist- in Untersuchungen und Folgerungen leicht fasslich erklärt. Er begründet auch, warum derartiges Zeigen bei 3-monatigen Babys noch fehlt; erst die dazugehörige Gehirnentwicklung érmöglicht den Kleinkindern mit frühestens zwölf Monaten diese kooperative Fähigkeit. Diese ‘Revolution’ beginnt sich ab neun Monaten abzuzeichnen. Tomasello weist aber auch darauf hin, dass unser Wissensstand ‘hier noch sehr primitiv [ist]’.
Als nächstes geht Tomasello auf Phylogenetische Ursprünge ein. Vielleicht wäre es sinnvoll gewesen, hätte Tomasello - für einen zwar interessiertes aber mit den Begriffen nicht so vertrauten Leser auf die Unterschiede von Ontogenese und Phylogenese hingewiesen. Ontogenese meint die Entwicklung eines Lebewesens; Phylogenese beschreibt die entwicklungsgeschichtliche. Hier wird nun beschrieben, wie sich menschliche Formen sprachlicher Kommunikation evolutionär aufbauen. Aber hier kommen wir der geradezu sensationellen Entwicklung zum Menschen um einiges näher. ....
Fortsetzung: http://buchwelt.de/myblog/news/68…o.html#more-689
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Die Ursprünge der menschlichen Kommunikation — von Michael Tomasello
von Ingeborg Gollwitzer"Ein Zitat aus Ludwig Wittgensteins Philosophische Untersuchungen steht als Erstes über diesem wahrhaft aufregenden Buch: Zeige auf ein Stück Papier! - Und nun zeig auf seine Form,
- nun auf seine Farbe, nun auf seine Anzahl … Nun, wie hast Du das gemacht?Michael Tomasello ist Kodirektor am Max Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig. Das große Thema seines Lebens ist im Grunde der Mensch. Aber man kann diesen nur in der Form verstehen, untersuchen und beschreiben, wenn man weit in seine Entwicklungsgeschichte zurückgeht: an seine Anfänge. Seit dem (so oft missverstandenen) Darwin hat sich irgendwie allgemein eingeprägt, dass der Mensch vom Affen abstamme. Natürlich hat Darwin das auch nicht so gemeint; dennoch: so missverstanden, hat es ihm seinerzeit viel Ärger eingebracht.
Also: Tatsächlich hat sich der Mensch aus einer Nebenlinie der Affen weiterentwickelt, die sich vor Millionen von Jahren eben von der Linie der Affen abgespalten hat. Daher hat man auch lange gebraucht um zu verstehen, dass man Mensch und Affen nicht generell vergleichen kann.
Michael Tomasello ist also davon ausgegangen, dass, wenn man den Menschen in seiner Einzigartigkeit irgendwie begreifbar machen will, man untersuchen muss, inwiefern er sich von seinen nächsten Verwandten im Tierreich unterscheidet und von welchen Grundlagen aus sich die einzigartigen menschlichen Fähigkeiten entwickelt haben. Endlich kann man das jetzt nachlesen:
Menschen sprechen - im Gegensatz zu allen anderen bekannten Lebewesen auf diesem Planeten. Generationen von Wissenschaftlern haben sich an diesem bemerkenswerten Faktum abgearbeitet, Spekulationen über die Herkunft der menschlichen Sprache gibt es viele, aber bis heute keine überzeugende Erklärung. Natürlich kommunizieren auch wohl alle anderen Lebewesen miteinander. Aber sie können - darüber wurde und wird viel geforscht - zwar einander konkrete Mitteilungen übermitteln - was sie nicht können ist: Sich in ihren Kommunikationspartner hineinversetzen und ihm Antworten, Gefühle und Überlegungen mitteilen - ebenso können sie nicht über einen anderen oder etwas Abwesendes ‘reden’.
Aus der frühen, bloßen Kommunikation und Sprache hat sich ja letztlich auch die Schrift des Menschen entwickelt, und ihm so erst seine einzigartige Evolution möglich gemacht. Tomasello hat nun aus der praktischen Erforschung der Primaten und vielen Theorien der Sprachphilosophie und anhand einer Vielzahl von schlagenden Beispielen aus der menschlichen Alltagskommunikation ein mehrstufiges Modell der Sprachentwicklung in individualgeschichtlicher wie auch artgeschichtlicher Perspektive herausgearbeitet.
Man muss es sich klar machen: So ähnlich uns Affen, beobachtet man sie, auch sein mögen: Es ist noch niemals gelungen, ihnen beizubringen, auch nur ein einziges Wort zu sprechen. (Andererseits können Menschen die Laute von Tieren täuschend echt nachahmen: Vogelstimmen, das Röhren der Hirsche in der Brunftzeit, das Fiepen von Rehen, um nur einige zu nennen.) Noch etwas anderes erwähnt Tomasello: Die noch immer nicht restlos erforschte einzigartige Kommunikation zwischen Menschen und Haushunden.
,Wie und wann entsteht also die menschliche Fähigkeit, miteinander zu kommunizieren? Um seine Grundgedanken, wie Menschen miteinander kommunizieren zu präzisieren, gingen viele Gespräche mit anderen Menschen und Wissenschaftlern voraus. Es ist dem Menschen - so intelligent er auch ist - tatsächlich unmöglich, einem anderen Tier (eine begrenzte Möglichkeit besteht nur bei Haushunden) etwas mitzuteilen. Sie können sich anstrengen, wie Sie wollen, das Tier wird Sie nicht verstehen.
Tomasellos These war - und ist nun in diesem Buch nachzulesen - dass Menschen durch den Gebrauch natürlicher Gesten miteinander zu kommunizieren gelernt haben; was sich dann im Laufe der Evolution vervollkommnet hat. “Meine zentrale Behauptung in diesem Buch ist, dass wir zuerst verstehen müssen, wie Menschen durch den Gebrauch natürlicher Gesten miteinander kommunizieren und wie diese Fertigkeit im Laufe der Evolution entstanden sein könnte. Meine evolutionäre Hypothese wird nämlich lauten, dass die ersten, nur beim Menschen vorkommenden Formen der Kommunikation in Zeigen und Gebärdenspiel bestanden. (… ) Die menschliche Kooperation trat in der Evolution zuerst (und tritt in der Ontogenese [der Entwicklung eines Lebewesens] zuerst in der Form natürlicher, spontaner Gesten des Zeigens und des Gebärdenspiels auf. ( … ) Konventionelle Kommunikation, wie sie in menschlichen Sprachen verkörpert ist, wird nur möglich, wenn die an ihr Beteiligten schon über Folgendes verfügen: (a) natürliche Gesten und ihre Infrastruktur geteilter Intentionalität sowie (b) Fertigkeiten des kulturellen Lernens und der Nachahmung, um gemeinsam verstandene kommunikative Konventionen und Kontruktionen zu schaffen und weitergeben zu können.”
Sie werden und können nun gespannt sein, wie Tomasello seine Überlegungen zu untermauern vermochte. Das Buch ist in sechs Problemkomplexe unterteilt; am Ende des jeweiligen Komplexes fasst Tomasello seine Ergebnisse zusammen. Zunächst untersucht er die Kommunikation bei Primaten. Er fasst zusammen, dass die Untersuchung stimmlicher Äußerung bei Primaten wenig sinnvoll ist. Sie sind nicht gelernte, sondern genetisch fixierte Reaktionen. Neue Vokalisierungen werden nicht erlernt. Ganz anders dagegen ist es mit einer beträchtlichen Anzahl von Gesten. Auf welche Weise dieser Gebrauch von Gesten sozusagen über die Primaten gekommen ist, ist derzeit ein weißer Fleck; jedenfalls hat es sich ereignet.
Der nächste Problemkreis ist die Kooperative Kommunikation beim Menschen. Diesem Kapitel ist wieder ein Wittgenstein-Zitat vorangestellt, das auf etwas Wesentliches hinweist:
[Ich] wüsste […] nicht, worauf ich als Korrelat des Wortes ‘Küssen’ [oder ‘größer’] zeigen sollte. … Es gibt freilich einen Akt, die Aufmerksamkeit auf die Größe der Personen richten, oder auf ihre Tätigkeit. … Das zeigt, wie der allgemeine Begriff der Be-Deutung entstehen konnte. Der Fettdruck und die Teilung des Wortes ‘Bedeutung’ habe ich vorgenommen, um auf dessen eigentlichen Sinn hinzuweisen.Also, warum gestikulieren Menschen? Es gibt im Wesentlichen zwei Grundformen: Man will die Aufmerksamkeit eines Empfängers räumlich auf etwas in der unmittelbaren Umgebung lenken. Die andere Variante ist aber, die Einbildunskraft des Empfängers auf etwas zu lenken, das außergewöhnlich ist, was durch ein bestimmtes Verhalten (was ein regelrechtes Scenario umfássen kann) simuliert wird. Was aber erstaunlich ist: Diese beiden Grundtypen sind ebenso in den Gestikulationsarten von Menschenaffen wiederzufinden. Jedoch strukturieren die ‘Primaten’ ihre Kommunikation nicht auf dieselbe, komplexe Weise wie der ‘Mensch’.
Es ist erstaunlich, - probieren Sie es einmal selbst aus! - was man alles mit mit dem Ausstrecken und Deuten nur des Zeige-Fingers (drum heißt er so) erreichen kann. Um die Ursprünge der Kommunikation zu untersuchen, beobachtete Tomasello das Verhalten von Kleinkindern bei ihrer Geburt beginnend. Vermutlich ist dieses Verhalten - kulturunabhängig - ein universales Muster. [Sicherlich als Folge der allen gemeinsamen Evolution.] Vermutlich kultivieren Kleinkinder ihre Zeigegesten aufgrund persönlicher Erfolge damit. Klar wird, dass Kleinkinder mit ihrer Gestikulation vor den ersten Sprachversuchen beginnen. Wenn sie etwas verlangen oder auf etwas hinweisen, geschieht dies zunächst wortlos aber gezielt durch Gesten. (Leider wird bei den meisten Lesern dieses Buches die Zeit, wo sie selbst mit ihren Babys beschäftigt waren, zu lange zurückliegen. Doch: Wenn man sich bemüht sich zu erinnern, fällt einem schon noch so einiges dazu ein.) Jedenfalls haben Babys, so klein und absolut hilflos sie tatsächlich sind, eine schier unglaubliche Fähigkeit, das Verhalten ihrer Erwachsenen im Sinne des Babys zu beeinflussen. [Vermutlich werden auch Kleinkinder, die aus irgendwelchen Gründen um das Erfolgserlebnis nichtsprachlicher Kommunikation gebracht werden, später auch Schwierigkeiten beim Spracherwerb haben.]
Auch dieser Themenkomplex wird von Tomasello - wie dies für amerikanische Wissenschaftler typisch ist- in Untersuchungen und Folgerungen leicht fasslich erklärt. Er begründet auch, warum derartiges Zeigen bei 3-monatigen Babys noch fehlt; erst die dazugehörige Gehirnentwicklung érmöglicht den Kleinkindern mit frühestens zwölf Monaten diese kooperative Fähigkeit. Diese ‘Revolution’ beginnt sich ab neun Monaten abzuzeichnen. Tomasello weist aber auch darauf hin, dass unser Wissensstand ‘hier noch sehr primitiv [ist]’.
Als nächstes geht Tomasello auf Phylogenetische Ursprünge ein. Vielleicht wäre es sinnvoll gewesen, hätte Tomasello - für einen zwar interessiertes aber mit den Begriffen nicht so vertrauten Leser auf die Unterschiede von Ontogenese und Phylogenese hingewiesen. Ontogenese meint die Entwicklung eines Lebewesens; Phylogenese beschreibt die entwicklungsgeschichtliche. Hier wird nun beschrieben, wie sich menschliche Formen sprachlicher Kommunikation evolutionär aufbauen. Aber hier kommen wir der geradezu sensationellen Entwicklung zum Menschen um einiges näher. ....
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