Eine Theorie der modernen Gesellschaft "hätte keine abbildende, auch keine repräsentierende Funktion. Sie bezöge ihre Beschränkungen nicht als Vorgabe aus der 'Natur' oder dem 'Wesen' ihres Gegenstandes, sondern müßte sie selbst konstruieren. Sie wäre damit ihre eigene Methode. Sie wäre aber in dieser Weise ein Modell der Gesellschaft in der Gesellschaft, das über die Eigenart dieser Gesellschaft 'in-formiert'. Ihre Leistung wäre: sichselbstdisziplinierende Beobachtungsmöglichkeiten freizusetzen, die nicht an die im Alltag oder in den Funktionssystemen eingeübten Beschränkungen gebunden sind. Alles weitere ist eine Frage der unter so strengen Bedingungen noch realisierbaren Komplexität. Wenn dies gelänge, hätte man eine Gesellschaft, die sich mit Hilfe der Soziologie selbst beschreibt. Und was steckt dahinter? - Gar nichts!" (Niklas Luhmann; "Was ist der Fall?" und "Was steckt dahinter?" Die zwei Soziologien und die Gesellschaftstheorie. Abschiedsvorlesung vom 09. Februar 1993; Manuskript; S. 24)
Desöfteren greift Peter Fuchs in seinem Gespräch mit Markus Heidingsfelder (Die Lehre vom Saint Délire) auf diesen Schluß zurück, mit dem Niklas Luhmann seine Lehrtätigkeit in Bielefeld beendete. Wie auch Luhmann geht Fuchs davon aus, "daß psychische Systeme [Fuchs nennt autopoietische Systeme Unjekte] sich operativ reproduzieren durch Gedanken und Vorstellungen." (S. 79) - Gedanken sind jedoch keine Wesenheiten, keine Denk-Einheiten, keine Singularitäten, die zählbar, isolierbar, identifizierbar o.ä. wären. Gedanken sind Instabilitäten, "stetig verschwindende Ereignisse, die durch ihr laufendes 'Abhandenkommen' Autopoiesis betreiben. Dabei (..) verschwindet sogar das Verschwinden. Denn Gedanken sind keine Singularitäten. Du hattest noch nie einen Gedanken und nie einen zweiten etc. Man kann mit ihnen nicht rechnen, sie lassen sich nicht zählen, sie sind so wenig beobachtbar wie Kommunikationen.
Markus Heidingsfelder:
Das ist hanebüchen." (S. 79)